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Neue jüdische Presse · 1912-03-29 · Heft 13 (29.3.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 _ dclstamm ist einer jener wenigen, bei Irenen man das große Wort in seiner ganzen Größe ohne eine Spur von Uebcrtrcibung anwenden darf. Akan kann die Juden unserer Zeit zählen, die ihrem Volke mit einer solchen Liebe ergeben waren wie er. Und weil er sein Volk liebte, kannte er es so gut, verstand er es so durch und durch. Wir verstehen ja stets nur die Dinge wahrhaft, die wir lieben. Er kannte alle Vorzüge und Mängel seines Volkes und war sein Lobredner ebenso gilt wie sein, Tadler. Weil er sein Volk so liebte, ward er von ihm so wicdergeliebt. Man darf es ruhig sagen: Keiner unter den wenigen jüdischen, Bolksführern Rußlands besitzt eine solche Popularität, wie er sie besessen. Und die großen Trauerkund'gebüngen anläßlich seines Hinscheidens, das imposante Leichenbegängnis legen schon äußerlich Zeugnis ab von dieser kolossalen Popularität. Diese Liebe zu seinem Volke war zeitlebens die alleinige Triebkraft seiner öffentlichen Wirksamkeit gewesen. Bon ihr getrieben, ward er einer der Führer des Zionismus in Rußland, von ihr getrieben, beging er auch den großen Irrtum seines Lebens, schied er vom Zionismus und stellte sich an die Spitze des Territorialismus. Seine Liebe war zu heiß, sein Wünsch, der furchtbaren Not seiner Brüder abzuhelfen, zu brennend, als daß er warten konnte.' Sofort wollte er Mhilfe geschaffen wissen. Und so opferte er seiner Liebe zum Volke seine Liebe zuni Lande und ward Territorialist. Dies war ein bedauerlicher Fehltritt, eine Verkennen der Tatsache, daß Liebe znm Judenvolkc und Judenlande untrennbare Begriffe sind und cs keine Scheidung zwischen beiden geben kann. So war sein Umschwung ein Irrtum, aber, weil er der Liebe entsprang, entschuldbar. Mandelstamm war der Territorialist, denk man seine Wandlung am wenisten verübelt hat. Denn noch ein anderes kam hinzu. Er war nie Parteimann gewesen. Menschen wie er, mit ihrer großen, alles umfassenden Liebe, mit ihrem weiten Gesichtskreis können keine Parteimänner sein. Und wenn sie sich einer Partei anschließen, so geschieht es nur aus dem Glauben, daß diese, den bestmöglichen Ausdruck ihrer allgemeinen Liebe darstellt. Aber zu jenem engen Dogmatiker sich einengen, der den Parteimann abgibt, dies vermögen sie nie. Ties empfanden alle; darum liebten ihü alle. Aller Parteihaß und aller Parteifanatismus machte an seiner alles vereinigenden Persönlichkeit halt. Und so bildete er in seiner Person sowohl in Kiew wie in ganz Rußland einen Einigungspunkt für alle jüdische Bestrebungen und Strömungen Und jetzt, da er dahingegangen, trauern alle um ihn, beweint ihn das gesamte Volk. Keine jüdische Organisation Rußlands hat an seiner Bahre gefehlt, und alle Wetteifern jetzt darin, seinem Namen ein ehrendes Denkmal zu setzen. Das Denkmal aber, das ihn ehren soll, muß ein solches des ganzen Volkes sein. Darum wirkt es unschön und schier wie pietätlos, wenn man versucht, seinen Namen auch nach seinem Tode für Parteizwecke auszunützen, indem man in Galtest o n eine Kolonie in seinem Namen errichten will. Mag es auch immer geschehen. Das wirklich ewige Denkmal wird Mandelstamms Name nicht durch eine Kolonie jenseits des Ozeans gesetzt werden können. Sein ewiges Denkmal ist chm in der Liebe und dem Andenken seines Volkes errichtet. Und dieses Andenken wird er auch mit hinübernehmen nach jenem Lande, von dem er sich zuletzt abgewendct hat: nach Erez Israel. Irren ist inenschlich. Darum wird Wan seinen Irrtum, den ja nur die Liebe gebar, gern vergessen. Mag er auch in den letzten Iahten nach frentden Ländern seinen Blick gesandt hüben, letzten Endes bleibt er doch unser. Die Liebe zum Jüdenvolke ist eben untrennbar von der Liebe zuni Judenlande. Der Mann, dessen Leben ganz in Liebe zu seineni Volke aufging, hat nebenher auch stets sein Jndenland geliebt. Darum wird er auch dort ewig geehrt und gefeiert werden. Wer wie Mandelstamm sich zur Ueberwindüug aller Patteistandpunkte dürchgcrungen hat, dem gegenüber soll man auch alle Parteidifferenzen bergessen. Und wenn einst das geeinte Judenvolk im eigenen Jüd'enlande einen Rückblick auf die Kämpfe und Mühhn werfen wird) Frankfurter Israelitisches FamllienblaL. die zur Erreichung seines Zieles geführt haben, dann wird es .zu beit ersten und größten Vorkämpfern auch den Territorialisten, auch den großen Juden Eunanuel Mandelstamm zählen. Und dies wird sein wahrhaftes Denkmal' bilden. 2. Bo« den Juden Im Aemen. Die Lage der Juden iw Ieinen hat von Jahr zu Jahr viel zu wünschen übrig gelassen. In diesentweit abgelegenen Gebiete, wo die hohe Pforte wenig, oder garnichts zu sagen hat, ist die Bevölkerung der Willkür der arabischen Großgrundbesitzer und eingeborener Junker völlig preisgegebcn, und daß unter diesenr Druck die Juden am schwersten zu leiden haben, braucht kaum hervorgehobcn zu werden. Daher sind die jüngsten Urnwälzungen in der Türkei besonders von diesen mit Jubel begrüßt worden. Bedeutete doch die Herstellung geordneter Zustände und die Schaffung einer straffen Zentralgewält über sämtliche Länder der Türkei für sie die Befreiung von jahrelanger Knechtschaft und die Älbschüttelung eines unerträglich gewordenen Junkerreg ims! Durch mutiges Eintreten für die Partei der Jnngtürken haben die Juden auch rat Deinen, wie überall sonst, sich den erbitterten Haß der bisherigen Machthaber zu gezogen, und so hat sich, da diese vorerst siegreich blieben, die Lage der Juden im Jemen infolge der Revolution nur noch weiter verschlimmert. Dementsprechend nahm auch die Auswanderung der jüdischen Bevölkerung dieses Landes w e i t e r c D i m e n s i o n e n an. Schon vorher war diese so umfangreich, daß beispielsweise die Zahl der Juden bon Sana von 10,000 allmählich auf 2500 Seelen zurückgegangen ist. Der größte Teil der Auswanderer lenkte seine Schritte nach Indien, Eghpten und — Nordamerika. Ein Teil der Emigranten wandte sich aber nach dem nahen Palästina, wo sie als kräftige und anspruchslose Arbeiter es sehr bald zu einer auskömmlichen Existenz, zum Teil sogar züM.bescheidenen Wohlstand brachten. In jüngster Zeit beginnen die in Palästina einwandernden Jemeniten sich auch in der Landwirtschaft nützlich zu machen. Aus diesem Grunde und üw bon der Emigration der Juden aus Jemen auch fiir das Kolonisationswerk Nutzen zu ziehen, hat der Verein „Esra" vor sechs Monaten zur Auswanderung weiterer yentenitischer Juden nach Palästina 10,000 Francs bewilligt. Agenten wurden entsendet, um die auswanderungslustigen Juden daselbst von der Emigration nach delm .Auslande abzuhalten und sie zu veranlassen, ihre Schritte nach Palästina zu lenken. Im Ganzen sind seit September 1911 auf Kosten des „Esra" sieben Partien mit zusammen 442 Seelen nach Palästina gegangen. Bon diesen sind kaum 100 Seelen in Jaffa verblieben, der Rest wurde in den jüdischen Kolonien untergebracht, wo sie als Landarbeiter eine für ihre bescheidenen Ansprüche gute Existenz finden werden. Durch die Einwanderung yentenitischer Juden! haben die jüdischen' Kolonien einen erfreulichen Zuwachs und eine namhafte Verstärkung erhalten. So hat sich die jüdische Bevölkerung von Rechow o t h in dem letzten Halbjahr um 30.' die in Chederch um 66 und in Petach-Tikwah um 140 Seelen vermehrt. Auch die Jemeniten, die zunächst nach Jaffa gingen, dürften ebenfalls demnächst in den Kolonien.Unterkunft finden. Die türkischen Behörden blicken mit großem Wohlwollen auf diese sehr erwünschten Einwanderer. Nicht nur bleiben dadurch Hunderte von türkischen Staatsangehörigen, welche sonst an das Ausland verloren gegangen wären, dein Lande erhalten, die Regierung.bekommt durch die Niederlassung der Jeineniten in Palästina eine Anzahl steuerzablender und Heeresdienst leistender Bürger, welche früher im Jemen von den dortigen Junkern zivar kräftig ausgeplündert worden, der Zentralregierung aber in keiner Weise tributpflichtig waren. 8. Jüdischer Abschaum. Wenn ein wissenschaftliches Werk herausgegeben werden soll und es fehlt das Geld hierzu, wer gibt es? Die Juden. Wenn ein künstlerisches Denkmal errichtet werden soll, und es fehlt das Geld hierzu, wer gibt es? Die Juden. Wenn eine neue Kirche erbaut werden soll, und es fehlt das Geld hierzu, Leite 3. — 11 ■ , -1 wer gibt es? Die Juden. Und wenn ein eucha- ' - ristischer Kongreß veranstaltet werden soll zu Ehren -i der katholischen Kirche, und es fehlt das Geld! hierzu, wer gibt es: Die Juden. Witz oder Scherz? (Der 1. April ist ja nahe.) Durchaus nicht! Bittere Wahrheit! . In Wien findet diesjätzrlich der Enchar i st i s ch e Kongreß statt, der sich zu einer impoj santen Demonstration der katholische Kirche gestal-! teu will. 100,000 Gläubige sollen aus dem Lande! herbeigeholt und die Zeit ihres Aufenthaltes über | in Wien verpflegt werden. Dazu gehört viel Geld. Die edlen katholischen Magnaten und christlichen Herren Barone pflegen aber erfahrungsgemäß ungern ihren Säckel für allgemeine Zwecke zu öffnen. Also was tut man? Man wendet das alte Rezept . an, das noch immer gewirkt hat: Man läßt einige Juden einige Hunderttausende spenden- und ernennt sie zum Tank zu Baronen. A Ist darin etwas Neues? Und doch! Wie heißt A es doch bei Heinrich Heine: „Es ist eine alte Ge- ) schichte, doch bleibt sie ewig neu, und wem sie just Passieret, bricht sie das Herz entzwei." Unzähligem«! ist die Methode angewandt worden; wir haben uns stillschweigend mit ihr abge- : fluiden, haben es als eine der vielen unschönen - Notwendigkeiten des Lebens hingenommen. Aber wenn man es wieder hört, von dem speziellen Fall vernimmt, schäumt einem dennoch das Blut auf, . wird man dennoch innerlich empört, zuckt es in i der Hand und möchte Man diesen zukünftigen „Baronen" — schier würden wir sagen — Ohrfeigen aus- '* teilen. Denn in der Tat: Alles haben uns vielleicht andere nachgemacht, alle Hebel unseres Lebenskann nian — meist in verstärktem Maßstabe — auch bei anderen Völkern finden, dies ist unser Monopol geblieben: Den Typus des jüdischen ij Millionärs, mit.Hessen Geld ein eucha- :j ristischer Kongreß veranstaltet wird, 3 macht uns niemand nach. Es ist lächerlich, sich heute noch darüber auf- Jj zuregen, werden manche unserer Leftr sagen. Mit 4 Recht vielleicht. Doch worauf wir hier Hinweisen 4 wollten, ist etwas anderes. ’ Wir sind überzeugt davon: Trotz der Indiskretion der „Arbeiterzeitung", die die Namen der j zukünftigen Geadelten veröffentlicht hat, werden diese ihr Geld flE den iEucharistischen Kckngreß geben, werden geadelt werden und werden als geadelte - Juden zur Zier des Judentums gewiß in den j Wiener Kultusvorstand gewählt werden. Und dann,! als Führer der Judenheit, werden sie mit Gleichgearteten ein Zeter und Mördio erheben über den gefährlichen Zionismus, der Antisemitismus schafft. Und nun ftagen wir: Wer schafft mehr Anti- ) semitismus: Selbstbewußte nationale Juden, die jeder anständig Denkende achtet, oder entwürdigte, i entsittlichte Parasiten, die für einen Titel ihr : Heiligstes hergeben, wenn sie es noch überhaupt haben? Diese Frage zu beantworten, erübrigt sich. Interessante Debatte im Ausschuß der , Frankfurter Israel. Gemeinde. Der Ausschuß hatte letzten Sonntag seinen großen Tag. Der Vorstand schlug ihm die Bewilligung von 20000 Jt. als frankfurter Beitrag für einen in einer . deutslben Universität zu errichtenden Lehrstuhl für die Wissenschast des Judentums vor, und der 1 Ausschuß lehnte diese Position nach einer ihn ehrenden Debatte einstimmig ab. Die Berliner jüdische Gemeinde, die anläßlich, der 100 jährigen Emanzipation der Juden Preußens und zum Andenken an diese Jahrhundert- ~ feier dieses Projekt in Angriff genommen und selber zu den Kosten von 300000 JL 100000 JL zngesagt hat. hat sich damit abqefundcn. daß eine Garantie fiir die Besetzung dieses Lehrstuhles mit eineur - - Juden nicht zu erlangen sei, — und der Ausschuß der Frankfurter israelit. Gemeinde sagt, dann lieber auf das so schöne Projekt verzichten. :■ Leo Isaac. der Vorsitzende, verlas das Communique des Vorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde, und Jnstizrat Dr. Bär. der Syndikus, referierte sodann über die gesamte Materie. Nunmehr begann die Diskussion, an der sich sämtliche anwesenden Mitglieder des Ausschusses beteiligten und sämtlich im Prinzip für die Errichtung eines Lehrstuhles für die Wissenschaft des Judentums aussvrachen. Dr. L. Hanau: Der Umstand, daß der Lehrstuhl - von jeder Konfession besetzt werden kann, muß für unseren Stolz als Juden das Projekt zu einem unannehmbaren machen. Wenn wir dagegen stimmen» so ist das nicht aus Ursache de Gleichberrechtigung, sondern des gesunden Menschenverstandes.

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