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Neue jüdische Presse · 1912-03-29 · Heft 13 (29.3.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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... €dte 2 /' Gottes u«d äuß er t>*er cffferac richtige Ki lfe gib t; der Glaube an die Kraft ihres Volkes ist im Wachsen begriffen, die Fesseln der Knechtschaft fallen mehr und mehr ab, die Untreue, die Selbstverleugnung schwindet mehr und mehr, die Halben und Lauen lehren zu ihrem Volke, kehren zu ihrem; Gotte zurück. Wohlan, der Morgen bricht an, „hoschatto awde, lameo habvh bene chaurin." Aus -er Wett -er Gedanken. (Bet rach tun g en und B cspr echungen.) VonBen-Kohelettz. XIV. Theodor Herzls Feuilletons.*) „Es ist schade, daß Sie Premierminister gcwvrden sind", hat einmal ein geistreicher Literat zu Disraeli gesagt. „Sic hatten sonst einige Romane mchr geschrieben." In demselben Sinne kann man dasselbe von Theodor Herzl sagen. Es ist schade, daß er Zionistenführer geworden ist, er hätte sonst viäe Feuilletons mchr geschrieben. Und uns dünkt, Lei Herzl hat dieser Standpunkt mehr Berechtigung als bei Lord Beaconsfield. Denn Disraeli, der Romancier, reicht an Disraeli, den Staatsmann, nicht heran; /Herzl, der Feuilletonist, jedoch darf sich beinahe Herzl, dem Zionistenführer, gleichwertig an die Seite stellen. Es ist daher etwas wie Unrecht, über den Zionisten Herzl den Feuilletonisten zu vergessen. Vielleicht wird diese Neuausgabe seines Feuilletons den Erfolg haben, diesem Unrecht ein Ende zu machen. Für die Kenntnis der Persönlichkett' Herzls sind seine Feuilletons unentbehrlich. Sie enthalten alle hervorstechenden Züge seiner Natur. Sie bergen schon alle Keime für den späteren Volksführer in sich.- Das psychologische Rätsel, wieso Herzl, der assimllierte Jude, über Nacht zum Zionisten werden konnte, ist für den unlösbar, der seine Feuilletons nicht kennt. Würde es nicht nach überkluger Ruckwärtsprophezeiung schmecken, ich würde sagen: Der Herzl, der solche Feullletons schreiben konnte, mußte Zionist werden, war zum Volksführer prädestiniert. Bis zu den Pariser Tagen fehlte nur der Anlaß, der seine Selbstoffenbarung ausloste, der ihn sich selbst finden ließ. Wäre dieser Anlaß nie gekommen — was denkbar ist —, er wäre nie zur vollen Entfaltung seines Wesens gelangt, sein Leben wäre zur Tragik geworden. Daß der Anlaß so relativ früh kam, war vielleicht das größte Glück seines Lebens. In derTat. Man lese: „Die leere Kinderstube", und man wird unwillkürlich vor seinen Augen das Bild auffteigen schen von jenem Herzl, wie er auf der Kongreßtribüne steht, stolz, unnahbar und doch alle anziehend und gewinnend, mit den mutigen und doch so freundlichen Augen, in denen eine wunderbare Mischung vom Herrscherblick des Adlers und dem naiven Märchenblick des Kindes lag. Es ist beidemal derselbe Herzl, ob er nun träumerisch sinnend in der leeren, stillen Kinderstube steht oder alles beherrschend und bezwingend im Lärm des Kongreßes auf der Tribüne emporragt. Die zwei großen Züge seines Wesens, die seine Größe ausmachen, sind ebenso im Feuilletonisten Herzl wie in dem Zionisten wiederzufinden; und vielleicht ist es noch reizvoller, ihnen in den Leinen, anspruchslosen feuilletonistischen Skizzen zu begegnen, als in seiner ruhmerfüllten, sturmumbrausten historischen Tätigkeit als Führer des Zionismus. Diese beiden Züge aber finde ich in seiner Naivität und seiner Vornehmheit. Ich lese keine von Herzls „Feullletons" lieber als jene, die er unter dem Namen: „Von Kindern" zusammengefaßt hat. Nirgends zeigt sich die Genialität seiner Empfindungen reiner und herrlicher als in ihnen. Scheinbar, für den banalen Literatursnob nichts Besonderes. Kein Esprit, keine prickelnden Pikanterien, kein „geistreicher" Stil, sondern einfache, anspruchslose Skizzen, die von Kindern, meist seinen Kindern, Händeln. Und doch! Ich behaupte: Herzl hat nichts Größeres geschaffen als diese Kinderfeuilletons. Esprit, Witz und geistreiche Manier kann man bei *) Theodor Herzl: Feuilletons. Vorrede von Tr. Raoul Auernhedner. 2 Bünde. I. Singer n. Co., Berlin. Frmlsturker ZsraiüitffcheA FaniMeMaL einiger Begabung, anlernen. Das aber, was Herzls Kinderfeuilletons ihren Wert verleiht, macht ihm niemand nach. Naivität ist nichts Lernbares. Man hät's oder Halls nicht. Wie das Tiefste, ivas wir haben, ist es Wiegengeschenk gütiger Feen. Was ist Naivität? Mich dünkt, eine Art Schutzvorrichtung gegen innere Beschmutzung, eine Art von Panzer gegen das Gemeine des Lebens. Wer nalln ist, lernt nie das Genleine in seiner ganzen Tiefe kennen. Er ist blind für das Häßlichste im Lichen. 'Er tänzelt über die Abgründe des Schmutzigen, Degradierenden nichtsahüend hinweg. Darum besitzen nur zwei Gattungen von Menschen Naivität: Kinder, weil sie noch nicht reif sind, das Häßlichste des Lebens zu erkennen und zu schwach sind, um eine' solche Erkenntnis zu .vertragen; und höchst feine Naturen, zarte Taubenseelen, die auch zugrunde gingen an dieser Erkenntnis. Ihre Blindheit für das Unschöne ist ihnen Lebensbedingung. Sie leben nur, weil sic nicht wissen, was das Leben ist. Diese Naivität besaß Herzl; sie verlieh ihm jenes Große seines Lebens. Nur lveil er sie besaß, konnte er sich solche Ideale stellen, solche Ziele stecken, wie er es getan. Hätte er das Leben wahrhaft gekannt, er wäre Vor der Größe und Unausführbarkeit seiner letzten Ziele zurückgeschreckt, er hatte nie ben „gubenftaat" geschrieben. So wie er war mit seiner Naivetät, nahin er das Kolossale daran gar nicht wahr. Er blieb — loie alle Naturen seiner Gattung — eben zeitlebens ein Kind. Wie Kinder lachend mit Feuerzeug spielen, ohne die möglichen Gefahren zu ahnen, so schuf er jubelnd sein Ideal, ohne die Schwierigkeiten zu erfassen. Und er hat sie nie erfaßt. Selbst nach all den Hindernissen, Enttäuschungen und Katastrophen hat er sie nie ganz erfaßt. Er sah in ihnen nur Zufälle, zeitweilige Schwierigkeiten. Ihr ganzes Gewicht zu. verstehen,' blieb ihm verschlossen. Hätte er sie ganz erfaßt, er wäre zugrunde gegangen. Seine Schutzvorrichtung, sein Panzer, seine Naivität, hat ihn geschützt. Darum konnte er auch seine Kinderfenilletons schreiben. Nirgends fühlte er sich.heimischer, als in der Kinderstube. Hier war er in seinem Element. Das große Kind empfand die Keinen als seinesgleichen. Nie haben Kinder einen gütigeren, veritändnisvolleren Vater besessen als die seinen. Er war ihnen nicht Vater, sondern Kamerad und Spielgenosse. Er konnte sie ganz verstehen, weil er ihnen wesensverwandt war. Ihre Märchenaugen waren nicht tiefer als die seinigen. Tie seinigen aber waren .fteier, stolzer, größer. Denn sie waren schließlich Kinder, und er war Persönlichkeit. Sie besaßen nur die Naivität, er aber noch den anderen Zug seines Wesens: seine Vornehmheit. Man rühmt von Herzl, er sei Demokrat gewesen. Das stimmt, sofern unter demokratischer Empfindung die Liebe zu den Massen, zu den Niedergestellten verstanden wird. Dies aber scheint mir eine mißverständliche Auffassung des Wortes zu sein. Wahre Demokratie resultiert aus einer Wesensgleichheit mit der Masse. Und so gewertet, war Herzl einer der größten Aristokraten unserer Zeit. Er liebte die Masse, konnte sich für sie aufopfern; ihr sich gleichstellen, hat er nie getan, nie vermocht. Wenn er auf der Kongreßtribüne stand, merkte ihnr jeder bei .aller Leutseligkeit und Freundlichkeit <m: Er ist etwas Gesondertes für sich. Zwischen uns und ihnr besteht eine Kluft. Er 'hinterließ jedem den Eindruck eines Herrschers, eines Königs, nicht den eines wahren Volksmannes, eines Demokraten. Darum nur hat er seine Erfolge bei den Massen gehübt, weil sie ihn als einen ihnen Andersgearteten und Höherstehenden empfanden. Es ist ein Irrtum zu glauben, die Massen folgten dein' währen Demokraten. Für kurze Weile vielleicht. Für die Dauer muß der Denwkrat stürzen. Ich fügte mich nicht für die Tauer einem mir Glcichgearteten. Dauernder Führer ist stets nur der Aristokrat, der Held, der Herrscher, die Persönlichkeit. Liebe zu erwecken, genügt nicht. Man muß Verehrung, Respekt, Verwunderung Hervorzurufen. Dies vermochte Herzl, der Aristokrat, im höchsten Maße. Daher seine Erfolge, daher seine unbestrittene Führerstellung. Und wieder: Dersell'e Zug, der ihü als Zionisten so groß machte, verleiht ihm auch seine ,_.. - : HMI Nr. 13 Größe Äs Feuilletonist ' Außer seiner Naivität läßt sich , seinen Feuilletons nichts Höheres nachrü'hmen als ihre Vornehmheit, ihre Zurückhaltung. Es ist nichts Auffallendes, Marktschreierisches cm ihnen. Man sieht ihnen an, daß sie einer geschrieben hat, der sich seines Wertes bewußt >var, kein Parvenü und Gassenjournalist, sondern ein intellektuellcr Aristokrat, ein Grandseigneur int Reiche des Geistes. Darum haben sic auch zu wenig von dem an sich, was man heute an Feuilletons lobt, ja sogar in erjher Linie Uon Wien 'fordert: Esstr.it. Wohlverstanden: gemeint ist . nicht wahrer Esprit, wahrer Geist, sondern jene blasierte Skepsis, jenes inhaltlose Glänzen, jenes rasche Aufblitzen künstlicher Raketen, die unsere heutige Zeit als „Esprit" bezeichnet.. Davon hat Herzl nichts. Nichts, trotzdem er Jude ist; oder ist es nicht richtiger zu sagen, nichts, weil er ein so guter Jude war? Diesen „Esprit" näntlich besitzen meist jüdische Schriftsteller, die nicht Juden sein wollen. Die geistige Veranlagung, der „Esprit",, entspricht ihrer seelischen Veranlagung: der Frivolität. Was der Esprit im intellektuellen, ist Frivolität im seelischen Leben. Die zerrissene, .haltlose Psyche des modernen.Assimilationsjuden ist für diese Züge, zugänglich wie keine andere. Der Feuilletonist Herzl ist weder frivol noch „geistreich". Liegt darin nicht schon der Unterschied begründet, der ihn von seinen jüdischen Kollegen trennt, liegt da nicht schon der stärkste Hinweis auf den späteren Zionisten Herzl? Man sieht:'Der Zionist Herzl ist im Feuilletonisten ganz enthalten. Der erstere ist nur die volle Entfaltung des letzteren. Dies will aber sagen, daß der Zionismus bei Herzl nicht — wie es .meist dargestellt ist — eine plötzliche, unerklärliche Wandlung bedeutet, sondern nur eine höhere Stufe seiner Entwicklung, ein Finden seiner selbst.^Sein Leben bildet so nur ein Ganzes. Die erste Hälfte ist nur die Vorbereitung fiir die zweite. Er blieb im letzten Grunde sich stets gleich. Er war auf dem Totenbette derselbe, der er. in der Kinderstube war. Dies will aber heißen: Er tvar stets Persönlichkeit. Aus den Ereignissen des Tages. 1. Zum Tode Smauuel.Mandelstamms. Eine Trauerkunde durcheilt die Jude.nheit: Einer ihrer besten Söhne, Professor Emanuel Mandel stamm, ist im 'Älter Von 72 Jahren zu Kiew verschieden. Es gibt Persönlichkeiten, deren Wert in dem beruht, was sie ihren Mittnenschen gegeben haben; ihre Bedeutung läßt sich durch Worte schildern; man braucht nur all das aufzuzählen, was sie gegeben haben. Es gibt aber andere, deren Größe in dem liegt, was sie ihren Mittnenschen gewesen waren; deren eigene Persönlichkeit ihr größtes Geschenk an ihre Mttwelt, deren Sein ihr größtes Verdienst ist; die Bedeuttmg solcher Menschen läßt sich nie durch Worte und Aufzählungen ganz wiedergeben. Man muß den Odem verspüren, der von ihnen ausgeht, das Fluidum auf sich wirken lassen, das sie ausstrahlen, um ihre Größe wahrhaft zu perstehen. Zu diesen selteneren und größeren Persönlichkeiten zählte Emanuel Mandelstamm. Man brauchte ihn nur einmal gesehen zu haben, um etwas von seiner Größe zu ahnen. Er war unter den vielen imposanten Gestalten der zionistischen Kongresse rieben Herzl die imposanteste Erscheinung. War Herzl der Herrscher des Kongresses, so war er sein Patriarch, und die wunderbare Erscheinung des greisen Tr. Eichenstamm, in der Herzl in seinem- „Altneuland" ihm ein unvergängliches Denkmäl gesetzt hat, ist in der Tat eine nicht übertriebene Wiedergabe seiner seltenen Natur. Mandelstamm war kein Theoretiker der nationalen Idee, keiner, der aus rationalistischer Einsicht zu ihr kam'; ivas ihn zu ihr trieb, was sein ganzes Leben beherrschte, was das Innerste seines Wesens ausmachte, war ein Gefühl: Die Liebe zu seinem Volke. Das Wort wird heute häufig oft so unpassend gebraucht, daß. es' fast, seinen Klang und Inhalt verloren und. zu einer nichtssagenden, abgebrauchten Münze geworden ist. Mgn-

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