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Neue jüdische Presse · 1912-03-29 · Heft 13 (29.3.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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{( - Erscheint wöchentlich am Freitag. Srrngsprris pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei/ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Psg-, frei ins Haus. 4 Psg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreichs Ungarn Mk. 1.59,. -für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk..2.— Einzel - Nummern kosten 10 Psg. v —- - -i) Redaktion und Expedition: Frankfurt a. m, rr Cangeftr. 7 Fernsprecher Amt I. 10507. . - ' ——-r—V-r- Herausgeber:.KalZ cheis. *r? Insertionspreis für die fünfgespoltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. I.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate» Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne - jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureaus. KoNto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. > . .— . ..—j 1v. Jahrgang. Freitag, den 11. Nssrui 5672 (29. März 1912) «r. 13 Der Feiertage wegen fällt die nächstwöchentliche Nummer aus. Zwei Freiyeitsfeste. Vor eineni Historischen. Befteiungsfeste steht das Volk Juda; in Vst und West, in Nord und Süd, allüberall, wo Judas Kinder versprengt sind, werden Veranstaltungen getroffen, dieses Fest, das „seman cherusenu", zu begehen. Nach einem eben begangenen historischen Befreinnasfeste steK die' deutsche Judenheit, und noch nium sind die Festes klänge des letzteren verklungen, rückt schon das zweite, das erstgenannte, heran. Am. 12. März war das erste Befreiungsfest begangen worden, am 2. April wird das zweite begangen werden, — eine Hundertjahrfeier und zum ersten Mal begangen war das erste, eine Tausendjahrfeier, zum 3407mal das zweite. Die Hundertjich^rfeier galt dein Auszuge aus dem Ghetto, die Tausendjahrfeier — dem Auszüge aus Aegypten. Freiheit und Freiheit; welcher himmelweite Unterschied! Die Freiheit Aegyptens war absolut, vollständig, äußerlich wie innerlich, physisch wie geistig, individuell wie national! Nicht nur der einzelne Jude, sondern die gesamte Judenheit, die jüdische Nation als solche wurde aus einer völligen Sklaverei befreit, aber diese Freiheit erstreckte sich auch auf das Judentum! Die Juden Aegyptens waren getretene, mißhandelte Sklaven, Physisch und geistig geknechtet; sie wurden durch den Auszug frei, frei vom Joch, frei von ägyptischem Einfluß, frei von der ganzen ägyptischen llrngcbnng, sie wurden in die Wüste hineinversetzt, wv sie gar keine Umgebung um sich hatten und unterstanden daher dem ausschließlichen Einflüsse Moses; und so, nur so ist es zu erklären, wie die Knechte von gestern den Mut hatten fassen können, ohne Mittel einen Kriegszug gegen mächtige Völker zu unternehmen imd sie in ihren eigenen Wohnstätten zu besiegen. Mein njcht nur ihre Freiheit erlangten unsere jAhnen mit ihrem Auszuge aus Aeghpten, sondern auch ihre Kultur, eine Kultur, deren Höhen Europa noch nicht nach mehr als 3 Jahrtausenden zu er klimmen vermocht hat. Was die Juden in der Sklaverei Aegyptens an kulturellen Werten besaßen, nun, unsere Weisen sagen es uns: Neun und fünfzigsach „nun tes schaare tumoh", waren sie gesunken, aber auch das „goldene Kalb" bei der kurzen Abwesenheit Moses besagt, auf welchem kulturellen Niveau die Sklaven Aegyptens standen! So die Befreiung Ms Aegypten; und wie stand's um die Befreiung der Juden Deutschlands? Sie ist rein äußerlich gewesen, und auch hierin bloß individuell, keineswegs aber innerlich^ geistig und national. Mer auch' das Aeußerliche, die Rechte, war lückenhaft, nur halb. Gehören doch zu verbrieften Rechten einer Verfassung gerechte und vorurteilsfreie Männer, die dieselben ausführen sollen, ohne solche bleiben die humansten Rechte nur äs fürs, äs kaeto aber unausgeführt. Wie bekannt, sind aber auch in demokratischen Staaten diese Männer dünn, sehr dünn gesät. / . Und doch hätte man sich mit dein Erreichten zufrieden geben können, wenn der Preis, der dafür bezahlt worden ist, nicht so außerordentlich hoch gewesen wäre. Um ihre Emanzipation haben die Juden alt die aufgespeicherten Schätze Äon Jahrtausenden, von Amos >bis Raw Aschi, von Raw Aschi bis Raw schriro Gaon, von Raw schriro Gaon bis Jehuda Halevi, von Halevi bis Moses Chäjiin Luzzato, all die unschätzbaren geistigen Werte, die den Juden zur ausgesprochenen Persönlichkeit heranbildeten, all das reiche jüdische Wissen, das Wische Fichten und Denken, den jüdischen Gott, ° die ganze jüdische Vergangenheit und Zukunft, alles, alles hergegeben, ohne-Ersatz — von den Rechten abgesehen — zu erhalten. Ohne Ersatz! gar keinen? An positiven Werten ganz minimal und auch das wenige rein äußerlicher, im wesentlichen technischer und zivilisatorischer Natur. An Stelle des jüdischen Glaubens trat der Atheismus, statt Geschlossenheit — Zerrissenheit, statt innerer Freiheit, innerer Festigkeit und inneren Stolzes — innere Knechtschaft, Haltlosigkeit und feige Selbstverachtung: aber auch die jüdische Sittlichkeit, der jüdische Ernst und der jüdische Idealismus waren geschwunden und an ihre Stelle traten Zügellosigkeit, Banalität, Zynismus und Materialismus. Aus der Wischen Persönlichkeit, deren oberstes Prinzip es war, „eise gibaur hakauwesch es jizrau" — wer ist stark, der sich selbst bezwingt — wurde ein schwankendes Rohr, eine Karikatur! Doch wie kam die Umwälzung, wie die förmliche Umwertung aller Werte? Gar viele waren der Ursachen, auf die jedoch im Rahmen dieses Artikels nicht eingegangen werden ftntn, allein auf eine der vielen Ursachen wollen wir verweisen. Den Juden des Mittelalters fehlte jegliche feste Basis für ihre Existenz, ihr Leben war beständig dem Untergang geweiht; sie hatten keine Hilfe außer der des Himmels zu erwarten, sie legten also ihr Schicksal in die Hände des Allmächtigen, in die Hände ihres Gottes und Vaters zugleich. Auch die Wische Nation als solche Hätte keinen Boden unter den Füßen, es fehlte ihr die Heimat, das Land; auf natürlichem Wege war ihr Fortbestand unwahrscheinlich und ihre Erlösung undenkbar; alles beide, sowohl ihr Bestand wie auch ihre Befreiung, bedurfte der himmlischen Wunder, und s o kam es, daß auch die jüd. Nation ihr Schicksal den Händen ihres gütigen Gottes anvertraute; von ihm allein erwartete sie ihre Erhaltung, von ihm allein ihre Befreiung! Und nun brach eine neue Zeit an; cs kam die Zeit der aufgeklärten Humanität, die Menschenrechte bahnten sich fteie Bahn. Anfangs waren es die Auserlesenen, die däs schwere, von der Menschheit den Juden angetane Unrecht empfanden und nach der Beseitigung der Unterdrückungen riefen, nach und nach kamen die „Allzuvielen", die aufgeklärt und human erscheinen wollten und verlangten dasselbe, bis endlich auch die „Machthaber" folgten, die nicht länger rückständig und unmodern bleiben konnten und wollten. Die Lage der Juden wurde mehr und mehr sicher. Zur einzigen Hilfemöglichkeit des Himmels kam noch eine zweite hinzu, die der Völker; die modernen Juden .zögerten nicht, die Hilfe der Vö lker an die Stelle derH ilfeGottesusetzen; leugneten doch die Modernen Juden Gott, und statt seiner setzten sie all Mre Hoffnungen auf die Völker/ und ebenso, wie sie fricher all ihr Können einsetzten, uM Gott zu gefallen, so boten sie nunmehr all ihr Können auf, um den Völkern zu gefallen, sie glaubten. dies am besten durch Selbstverstümmelung zu erreichen, und das taten sie auch. Und siehe! Die Juden der Emanzipation leugneten den jüdischen Gott und das jüdische Volkstum zugleich; haben wir doch von jeher das Prin- . zip gehabt: „jisroel weaurajso wekudscho brich, hu chaad hu" — Israel, die Thora und Gott sind ' nur eins und dasselbe —, ein jüdisches Volkstum an und für sich gab es einfach nicht, das jüd. Volkstum war mit Gott unauflöslich verknüpft, und sobald sie die Existenz Gottes leugneten, leugneten sie gleichzeitig auch 'das jüdische Volkstum. Sie leug-; neten den jüÄschen Gott und gingen anderen Göttern i nach; sie leugneten das Wische Volkstum und schlossen sich Mderen Völkern ent! Und wahrlich, sie täten dasselbe auch, wenn sie an die Existenz eines jüdischen BoMtums geglaubt hätten; denn was nützt der Glaube an die Existenz eines Volkstums, wenn die Hoffnung auf ' eine Erlösung für immer geschwunden ist? Und diese Hoffnung war geschwunden, sobald die Juden an der Hilfe Gottes verzweifelt haben. Daß das jüdische Volk aber seine BefteiMg jemaA durch Selbsthilfe zustande bringen wird, glaubten 0 sie nicht. Diesen Glauben ihnen beizubringen, wurde von keiner Seite der Versuch gemacht; Gott oder die Völker waren die einzigen, die Hilfe bringen können. Gott existierte fiir sie nichtmehr — und die Völker? Zum Unglück trat der. Glaube an die Lösung ' der Judenfrage durch die Völker in einer Zeit des Kosmopolitismus, in einer Zeit des Internationalismus, nicht aber des Nationalismus auf. Die Rechtlosigkeit und Knechtung lastete schwer auf dem Gewissen der Edlen, Großen, und indem sie ein Bedürfnis nach Erleichterung ihres Gewissens empfanden, proklamierten sie die „Menschenrechte^; die Knechtung und Rechtlosigkeit der Nationen empfanden sie aber nicht, und eben deshalb kümmerten sie sich ■'.! nicht im geringsten unk.deren Freiheit : und Rechte. Diese Unterlassungssünde kävnte ohne Störung geschehen angesichts der totalen Passivität der «nationalen Juden. So kam es, daß dieJudenbloß als Menschen; emanzipiert wurden, nicht aber als Juden; so kam es, daß die Juden, nicht aber die jüdische Nation emanzipiert wurdet Die Freiheit aus Aeghpten und die Freiheit aus dem Ghetto, wie verschieden, wie anders geartet sind sie! Die aus Aegypten auszogen, glaubten an Gott und an sich selbst, glaubten und siegten, glaubten und erlangten volle und ganze Freiheit; die aus dem Ghetto ausgezogen, glaubten weder -j an Gott noch an sich, an die Kraft ihres Volkes, und der Sieg blieb aus, Wen fehlte der richtige Glaube, und ihre Freiheit war nur halb! Freiheit und Freiheit, wie schön die erstere und wie entstellt die letztere!! * Wächter, was bleibt noch Äon der Nacht? Bricht der Morgen an, wann bricht der Morgen an? Die Antwort lautet: Gekommen war die Nacht, gekommen war auch die Morgenröte, aber auch der Morgen, der sonnenllare Morgen, ja, er bricht ■ noch an! Eine Erfahrung von hundert Jahren war nicht vergebens: Die Nachkommen des Geschlechtes der Emanzipation wissen nunmÄhr, daß die Gnade der Völker nur.Seifenblasen sind; sie wissen, daß es außer der Hilfe

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