Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 1Ö. Kraukfurter Berichte. Die Tätigkeit des „Montefiore"-Bereins im verflossenen Jahre übertraf alle vorhergehenden Jahre, und es dürfte in Deutschland keinen zweiten Verein dieser Art geben, de» den Leistungen des Montefiore auch nur nahe kommt. Nachstehend sei ein Bild dieser Leistungen gegeben. Im Sommerhalbjahre wurden die Referat- Ab e n d e am Mittwoch beibehalten. Außerdem aber wurden im Garten des Vereins regelmäßige Zusammenkünfte an den Samstag-Nachmittagen veranstaltet. Sie sollten, wie die Freitag-Abend-Versammlungcn im Winter, der Weihe der Sabbat Rechnung tragen und den geselligen Zusammenschluß der Mitglieder fördern. Ein Sabbatvortrag und dann Referate über die sozialen Zwecken dienenden jüdischen Organisationen der Stadt, des Reiches und schließlich der locltumfasscnden Organisationen gaben den Erschienenen geistigen und Erfrischungen körperlichen Genuß. Auch die Sonntage während des Sominerfemestcrs waren von eifriger Arbeit erfüllt. Mehrere Male wurden an den Vormittagen Führungen durch Sehenswürigkeiten unserer Stadt unternommen. Besichtigt wurden hierbei der alte jüdische Friedhof am Börncplatz, der Osthasen, die städt. Klärbecken- und Müllverbrennungsanlagen und das Städel'schc Kunstinstitut. Für die Sonntag-Nachmittage war in Turnspielen, die auf einer uns von der Stadtverwaltung gütigst überlassenen Wiese im Ostpark unter Leitung eines Spielwartes abgchalten wurden, eine weitere Neuerung geschaffen. Einige Male wurden auch Sonntags Wanderfahrten in den Taunus unternommen. Daß bei solcher Ausfassung vom gesundheitlichen Werte der Körperkultur während des ganzen Jahres ein großes Gewicht auf die Turn-Riege gelegt wurde, ist llar. Die Winterarbeit bewegte sich mehr in gewohnten Geleisen. Beibehalten wurden die Mittwoch- Abend-Vorträge durch namhafte hiesige und auswärtige Redner. Tie Bibelvorträge (Schiurim) des Herrn Dr, B. May am Samstag Mittag wurden unter erfreulich starker Beteiligung fortgeführt. Das Gleiche gilt von den Lehrkurscn in fremden Sprachen (Französisch und Englisch) sowie in Stenographie. Ter literarische Lesezirkel befaßte sich in diesem Jahre vorwiegend mit der gemeinsamen Lektüre und Erörterung von Goethes Faust L Teil. Einen starken ideellen Erfolg versprach sich der Vorstand von einem erstmals eingerichteten Zyklus v on Besprechungen über jüdische .Gegenwartsprobleme, die an 6 Abenden in den Monaten November und Dezember stattfanden. Ausgehend von einem jeweils durch Herrn Dr. May erstatteten Referate wurde in Form von zwanglosen Besprechungen versucht, Klarheit darüber zu gewinnen, welche Stellung wir als Juden zu den bekanntesten Weltanschauungs-Systemen einnehmen sollen. Mit Freude konnte auch in diesem Jahre der empfängliche Sinn der Mitglieder für die erhabenen Schöpfungen musikalischer und dichtrischer Kunst — unter besonderer Berücksichtigung der Schöpfungen jüdischen Geistes — konstatiert werden, die jeweils einmal ' stu Monat an einem Mittwoch gepflegt wurde. Der große Saal der Frankfurt-Loge war an solchen Wenden immer stark besetzt. Die Freitag - Abend - Zusammenkünfte wurden ' im letzten Jahre nicht nur für zahlreiche' andere Jugendvereine in deutschen Landen vorbildlich, sondern sie übten auch innerhalb der Reihen der Mitglieder des „Montefiore" eine immer größere Anziehungskraft ans, die teilweise auch auf die Neueinführung des gemeinsamen Gesanges der stimmungsvollen Sabbat- Lieder zurückznführen sein dürfte. Tie Chanukafeier vollzog sich in gewohntem großzügigen und künstlerisch erstllassigen Rahmen. Schließlich sei noch der Bibliothek gedacht, die rege benutzt wurde. Ter „Montefiore"--Verein ist Vorstandsverein des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Die nmhste Tagung des Verbandes — Frühjahr 1913 — wird in Frankfurt stattfinden. „Wirtschaftlicher Antisemitismus und die Reichstagswahleu", so lautete das Thema, über das Rechtsanwalt Dr. Ludwig Holländer- Derlin in der hiesigen Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sprach. Er führte n. a. folgendes aus: Der Kampf, den die Gegner während der Reichstagswahlen gegen die Juden führten, hatte einen ausgesprochen wirtschafllichen Einschlag. Tie Parteien des schwarz-blauen Blocks stellten eine Quelle des 'wirtschaftlichen Antisemitismus bar. Neben dem Hatz gegen das Judentum besteht noch ein sogenannter senioraler Antiseniitismus und ein Judenhaß, der von unten herauf kommt. Ter erstrre gehj aus von Reserveoffizieren und ehemaligen Korpsstudenten. Tie wirtschafllichen Folgen dieses Hasses , sind sehr traurige. Viele hundert jüdischer Ingenieure 'laufen stellungslos herum, fast ebenso ergeht es den jüdischen Chemikern. Selbst Großbanken, mit zum Teil jüdischen Direktoren und jüdischer Klientel, schließen Juden von der Anstellung ans. Der Anstellung jüdischer Aerzte in Staats- und Gemeiudekrankenhäusern werden große Schwierigkeiten bereitet. Um all diesen Schädigungen zu begegnen, ist nicht nur ein Zusammenschluß aller jüdischen Kreise, sondern vornehmlich auch der jüdischen Kaufmannschaft und der jungen jüd. Kausftute notwendig. Auch in den Kreisen des Grotzjudentums hat man nicht das nötige Rückgrat gehabt. Es ist nicht mit Stiftungen getanund damft, daß man in Ehrenkomitees sitzt, man muß im Kampfe seinen Mann stellen! Tausende deutscher Juden blicken jetzt nach Frankfurt, wo mit jüdischem Gelbe eine Universität gegründet werden soll/ in -der' FrarDurter FamÄienblaü. \ Nr. 12 aber nicht einmal eine jüdische Reinmachefran Anstellung finden wird. Die auswärtigen Juden blicken voll. Spannung darauf, ob es ihren hiesigen Mitbürgern gelingen wird, durchzusetzen, daß in. der mit jüdischen Mitteln errichteten Universität auch jüdische Professoren zu Anstellung gelangen. Im Verein „Tiferes Bachurim" sprach am Sonntag Lehrer S. Unna über: „Tire Wohltätigkeit im Talmud." Ter Redner verstand es, in fesselnder Weise ein treffendes Bild der spezifisch jüdischen Zedokoh-Pflicht aus zahlreichen Stellen der Thauro, aus Talmud und Midrasch zu entwickeln und mit großer Wärme die mustergüllige Art und Weise zu schildern, wie der Jude einst diese Pflecht übte, und wie er sie heute üben soll. Tie große Kunst, die unsere Väter verstanden, nämlich die Zedokoh-Pflicht mit Liebe zu erfüllen, zeigte 'sich in den verschiedensten Organisationen, die schon im alten Judäa existierten, aber noch zu keiner Zeit übertrofsen worden sind. Jedoch mit diesen begnügte man sich keineswegs, vielmehr trug jeder persönlich dazu bei, seinem Nächsten brüderlich aufzuhelfcn, wobei auch Heiden mit gleicher Sorgfalt bedacht wurden. Menschenliebe und Wohltätigkeit sind dem Juden zur höchsten Pflicht gegen seine Mitmenschen gemacht, was wiederholt aus der Thauro ersichtlich ist, von der die Weisen sagen: Anfang, Mitte u. Ende sind Liebe: „Von dem Augenblick an, da Gott die beiden ersten Menschen zusammenführte bis zur Stelle, da erzählt wird,' wie unser Stammvater der Amme der Rebekka, einer Heidin, ein Denkmal, die „Eiche der Träne" fetzte, um» endlich bis Gott selbst. Moses aus Liebe zur letzten Ruhe bettete." Ter durch viele Aussprüche der Weisen und des Königs Salomo gewürzte Vorttag, dem eine kurze Diskussion folgte, schloß die Reihe der Wintervorttäge des Vereins würdig ab. Auch in diesem Jahre ist von Frankfurt aus Vorsorge getroffen, daß jeder in Offenbach wohnende jüdische Arme für sich und seine ganze Familie ausreichende» Bedarf an M a z z a u s erhält. Die Suppenanstalt für Israelit. Arme wird auch in diesem Jahre während der Pesachtage fauch Jomtof-Tage) in vollem Betrieb sein. Tie Zionistische Jngendgrnppe läßt uns über ihre Schlußfeier am 25. März folgende Mitteilung zugehen: Die Festtede. über „Zionismus und Persönlichkeit" hat Herr N. Gold mann übernommen. Der zweite Dell der Feier wird aus Rezitationen und Gesangsvorträgen bestehen, ausgeführt von den Damen Frl. Nelly Bamberger, Cilly Rapp. Jenny Rapp, Alice Kassel und Herrn O. Ebelsbach e r vom hiesigen Schauspielhaus. Daran wird sich ein-Kommers anschließen, der auch humoxisttsche Rezitationen, vorgettagen von Herrn Ebclsbacher, bringen wird. Tie Feier findet in der Alemannia statt und beginnt 83/4 Uhr präzis. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Im Israel. Gemeindehospital verschied infolge einer Lungenentzündung Fräulein Amalie Levi-Maier, die als Krankenpflegerin den Krieg 1870/71 mitgemacht und .für ihre Leistungen das „Eiserne Kreuz 2. Klasse" erhalten hat. Fräulein Levi- Maier erreichte ein Alter von 77 Jahren. Berlin. Geh. Sanilälsrat Dr. Simon beging sein ZOjähriges Doktorjubiläum. — Architekt P. F. Gold mann, der den Neubau des Koburger Hosthcaters ausführte, erhielt den Titel H o f - banrat. Berlin. Prof. Siegfried Ochs, Direttor des Philharmonischen Chors, erhielt den Kronenorden 3. Klasse. BerUu. In der Synagoge Beth-Zion (Brunnenstraße 33) ist eingebroche n - und sämtliches. Silber gestohlen worden. — Leonie Schwabach, Witwe des' Geheimen Kommerzienrats Leopold Schwabachist zum Katholizismus übergetteten, während ihr einziger noch lebender Sohn Tr. Paul v. Schwab ach, der Chef des Hauses Bleichröder, längst zum Protestantismus übergetteten ist. Berlin. In der B u d g etko mm is s i o n des Abgeordnetenhauses wurde von einem Bertteter der Fortschrittlichen Volkspartei u. a. die von Jnstizrat Bernhard Breslauer im Aufttage des Verbandes deutscher Juden verfaßte Denkschrift über die Zurücksetzung der Inden an den Universitäten zur Sprache gebracht lind .der Aufmerksamkett des Ministers empfohlen. München. Dr. Heinrich Harbnrger. Rat am Obersten Landesgericht, ist znm Senatspräsidenten ernannt worden. BreSlan. Geh. Medizinalrat Dr. Med. Hermann Kornfeld ist — 71 Jahre alt — . verschieden. — Regierungsbaumeister Lippmann ist nach Berlin versetzt worden. Hockenheim (Baden). Frau Friederike Halle geb. Wallerstein, die Gattin unseres Bezirksältestrn, wurde unter großer Betelligung aus -alten Kreisen der hiesigen Bevölkerung zur letzten Ruhestätte« geleitet. Bezirksrabbiner Dr. P in kus-Heidelberg würdigte am Grabe diese prächtige - Frau .in meisterhaften Worten. (£.) Lbornik. Die Raphael Druck er'fchen Eheleute feierten die go ld env H o M eit. Budapest. Der ordentl. Universilätsvrofefsor Dr. Hermann Vambery feierte am 19. ds. Mts. seinen 80. Geburtstag. Dem berühmten Orientalisten wurden zahlreiche Ehrungen zu teil. MtSkolcz «Ungarn). Bei der Beerdigung des Raubmord e r s R e g u l a, der die jüdische Familie Z e i s - lcr hingemordet hat, ereigneten sich häßliche Szenen. Eine Menge von 10 000 Menschen folgte der Bahre, und man hörte zahlreiche antisemitische Ausrufe. Das Grab wurde von der Menge mit Blumen überschüttet. Meran. Perez Smolensky liegt bekanntlich hier begraben. Man sollte aber glauben, daß die jüdische Oeffentlichkeit nichts davon wisse, denn sonst könnte seine Grabstätte nicht so verwahrlost sein, wie sie es ist. London. Prinzessin Victoria, die Schwester des Königs» besuchte das Atelier des Porttätmalers und Phottgraphen Chemia Zilva. London. Im Schlosse feines Schwagers Leopold de Rothschild verschied im Alter von 72 Jahren Arthur David Sassoon, der fünfte «Lohn David ’ Sassoons, des Gründers des berühmten Kaufmannshauses David Sassoon u. Co. Arthur David Sassoon wurde durch die Freundschaft König Eduards und König Georgs geehrt. <— Tie am 9. Februar verstorbene Frau Morris Harris hinterließ jüdischen Jnstttuttonen i. Sa. 70000 Mark. Rom. Die Kommandanten Marco Bezzo und Errca Cavalieri wurden in den Senat berufen. Paris. Am 17. März waren cs fünfzig Jahre, daß Jacques Fromental Elie Halevy, der Komponist der bekannten Oper „Die Jüdin", in Nizza einem Lungenleiden erlag. Er wurde am 27. Mai 1799 in Paris geboren. — Tie Stlabemic für internationale Geschichte hat Nissim Roditi bcy, den türkischen Generalkonsul in Antwerpen, unter gleichzeitiger Verleihung der g o l d e n e n Medaille zu ihren» M i t - g'liede gewühlt. Shitomir (Rußland). In dem Städtchen Grizew ereignete sich ein Raubmord an einem alten jüdischen Ehepaare namens Akselrndow. Die Leute hatten ihr Geschäft sür einige tausend Rubel verkauft, und der Mörder glaubte, daß ihnen das Geld bereits ausgezahlt sei, was nicht der Fall war. Rew Uork „The Sftwish Gazeite" schreibt zu der durch die Tagespresse bereits sattsam bekannten Br andt- Jntrigue bezügl. der beiden Objekte dieser Jnttigue: Daß Mortimer Schiff ein Urenkel des Maharani Schiff ist, ist bekannt; unbekannt dürste aber sein, daß der Advokat Howard S. Gans in direkter Linie von David ben Salomo Gans stammt, des Verfassers der Bücher „Zemach David" (Prag, 1592), „Gewilas Hoorez" und „Meaur Hakoton", welche sämtlich auch ins Lateinische übersetzt sind. Der Großvater des Howard S. Gans war ein hervorragender deittscher Jurist. — In Chicago verschied —. 70 Jahre alt — Herr Moses Mohnblatt, wohl die angesehenste Persönlichkeit unter den dortigen Ostjuden. Bereits Ws er in Kvwno wohnte, war er ein angesehener Kaufmann. New-Aork. Der am 26 Februar verschiedene Bankier Eine st Thalmann hinterließ ein Vermögen von 2*/2 Millionen Dollar. Dein Jüd. Waisen-Asyl und dem Mount Sinai-Hospital testierte er je 10 000 Dollar und dem Tentschen Hospital 5000 Dollar. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Die erste Anstellung eines jüdischen Lehrers an einer hiesigen städtischen Simultanschule erfolgte am 1. April '1908 durch die Berufung des Lehrers Heinrich Ein städt er an die Annaschule. Jetzt ist Einstädter als Mittelschullehrer m» der Petersschule angestellt worden. Zu seinem Nachfolger an der Annasch»»le wurde Aron Alb recht aus Pankow gewählt. Frankfurt a. M. Der beliebte Lehrer Albert Hirschberg (Waldschmidtstr. 115) feiert am 1. Aprll sein 25jähriges Jubiläum als Lehrer derisracl. Volksschule. Herr Hirschberg gehört dem Vorstand des Verbandes gesetzestreuer jüd. Lehrer Deutschlands an. Bernburg. Rabbiner Dr Flaschner ttttt am l. April in den Ruhestand. - Stuttgart. Die Gatttn Kirchenrats Dr. Krön er, Natalie geb. Freyhän, ist nach 43jähriger glücklicher Ehe verschieden. Oitrowo. Max B a e r aus Halberstadt, der kommissarisch mit einer Oberlehrerstelle gm Königlichen Gymnasium betraut war, tritt mit dem Sommersemester in das Lehrerkollegium der Realschule der Israel. Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. ein. Lemberg. Eine Bersammlung galizischer und Bukowina er Rabbiner plant der bekannte Chassidim-Rabbi Israel Friedmann in Czortk o w seit langem. Vor zwei Jahren richtete er in dieser Ängelegenhett ein Rundschreiben an zahlreiche Rabbiner der beiden Kronländer. Nunmehr soll der Plan feste Gestalt gewinnen. Am 19. d. M. (1. Nissan) findet in Czernowitz eine vertrauliche Vorkonferenz statt, an der eine Anzahl Rabbiner und Laien teilnehmen wird.?lnf dieser Vorkonferenz sollen positive Beschlüsse wegen des Zeitpunktes und der Tagesordnung der geplanten allgemeinen Rabbinerversammluug gefaßt werben. .Hauptsächlich wirb sich die Rabbinerversammlung mit der Hebung der wirtschaftlichen Lage der galizischen Jndenhett und mit der Organisation der religiös«, Einrichtungen zu befassen haben.