Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1912-03-22 · Heft 12 (22.3.1912) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692768-2692780--06836-2701869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

zu Rr. 12 cfes fmn&fiLi'fec IfraeCififiÜen lamittenöfatfes. Znm 13. Gemeindetag. Der 9l u s s ch n ß des Deutsch-Israel it. G c - mcindebundes hat soeben den 13. Gemeindetag auf den 16. Mai einberufcn. Gleichzeitig sind seine „Mitteilungen" .erschienen, und gibt er darin bezüglich des Hauptpunktes der Tagesordnung „S a tz u n g s ä n d e - r n n g" folgende Erläuterungen: Tie Verteilung der Stimm zahl zum Gemcindctag erfolgte.bisher nach den finanziellen Leistungen an den Gcmeindebund und soll nunmehr nach der Seele »zahl erfolge». Dabei aber soll das durch die Entwickelung der Verhältnisse herbeigeführte Anwachsen der Ricsengcmeinde Berlin und selbst anderer Großgemeinden bei weitem nicht voll zur Berücksichtigung gelangen, sondern ihnen nur eine geringere, angemessene Bertretcrzahl zugebilligt werden, die ein Uebcrwiegcn des Einflusses der Grvstgemeindeu ausschließe». Die hier solgendc vergleichende llcbersicht der Stimmcnverteilung'nach dem 1. alten Statut, 2. dem Entwurf des Ausschusses ans dem vorjährigen Gemeindetage und 3. nach den Beschlüssen der gemischten Kommission ergibt: ->j Kleinu. Mittelgemcinden 1021 1192 1371 h) der Großgemeinden 57 358 203 c) der Gemeindevcrbände 21 140 106 Durch die Statuenändcrnng behalten also die Kleinilnd Aiittclgemcindcn nicht ''nur eine Zweidrittel-, sondern eine Dreiviertelmehrheit, da sie mehr als 5/s aller Stimmen haben gegenüber einem knappen sechstel der Stimmzahl der Großgemcinden. Bemerkt sei hierzu noch, daß der Ausschuß selbst auf sein Stimmrecht, das er ursprünglich in Anspruch genommen hat, verzichtet hat, sodaß die Ansschußmigtlieder als solche nach den Beschlüssen der gemischten Kommission nicht stimmberechtigt sind. Bei der Abänderung, die das neue Statut für die Voraussetzung der Waylfähigkcit vorsieht, war der leitende Gesichtspunkt der, daß die Bundesgemeinden durch Vertreter aus ihren eigenen Reihen auf den« Gemeindetage vertreten sein sollen, und nicht etwa, durch Personen, die zu der Gemeinde, die sie vertreten wollen, keinerlei Beziehungen haben. Der dem Gemeindetage verantwortliche Ausschuß des Gemeindebundes 'will, daß alle Gemeinden selbst, und zwar durch ein Gemeindemitglied, aus dem Gcmeindetage vertreten seien. Denn nur diese können am besten wissen, was die Verhältnisse in ihren eigenen Gemeinden wünschenswert I erscheinen lassen. Der Ausschuß muß daher darauf be- I stehen, daß die Gemeinden jidj selbst vertreten sollen | Huf und Hb. Von S. Lutz-Mannheim. (Fortsetzung.) „Ich sollte gegen Sie den Anstand verletzt haben? Das nins; ein Irrtum sein, Herr Freudenreich, ich verehre Sic als meinen Wohltäter und habe meines Wissens nie die Rücksicht, die ich Ihnen als Chef schuldete, verletzt, absichtlich gewiß nicht." „Vielleicht haben Sie eine andere Auslassung als ich. Ich halte darauf, im geschäftlichen Verkehr burschikose Vertraulichkeiten von jungen Leuten mir gegenüber fcnizuhaltcn. Ich. behandle jeden frcunolich, verlange aber auch, daß man mir auf eine höfliche Frage nicht mit einer die Achtung verletzenden Phrase anttvortct, >vie sie junge Leute desselben Alters gegen einander zu gebrauchen pflegen, wenn sie im gegenseitigen Verkehr etwas, . na, sagen tvir, sehr übertrieben gemütlich sind." „Und ich sollte mir eine solche Unschicklichkeit gegen Sic erlaubt haben?" fragte Ludwig in einem vor Aufregung zitternden Ton, „das muß ein Mißverständnis sein, ich würde mir das selbst nicht gegen Gleichaltrige erlauben; burschikose Manieren habe ich in meinem bescheidenen Umgänge gewiß nicht gelernt." „Aber, Herr Sichel, ich fragte Sie doch!, >vo Sie die Importen kauften, die Sie meinen! Sohne ausgewartet hatten, und Sie gaben mir die unter jungen Leuten so häufig gebrauchte, spaßhaft klingende, aber nicht sehr geschmackvolle Antwort: Die mache ich mir selber." Ludwig geriet bei diesem Vorwurf so in Unruh»!, daß er sich vom Stuhle erhob. „Entschuldigen Sie meine Aufregung, Herr Freudenreich," sagte er erbleichend, „ich kannte nicht einmal diese scherzhafte Phrase, ich sagte das in allem. Ernst, denn diese Zigarren mache ich wirklich.selbst." . „Sichel! Mensch!. Was . sagen Sie da?", rief Herr Freudenreich, ebenfalls aufstehend, und legte beide Hände und sich nicht der Zustand auf den letzten Gemcindetagen wiederhole, wonach mehr als 200 der kleinen Gemeinden durch Berliner, zunl Teil recht junge Herren vertreten waren. Da cs nun vielleicht der einen oder anderen der tlcinstcn Gemeinden — wenn auch in gewiß seltenen Fällen — nicht möglich sein könnte, eine geeignete Persönlichkeit aus der eigenen Gemeinde znm Gemeindctag zu senden, vielleicht auch die Mittel der Reise nach ' Berlin sehr schwer ausznbringcn sind, hat das neue Statut die Bestimnuing getroffen, daß sich mehrere Gemeinden, bis zu 10, znsaminentnn und gemeinsaiu einen Vertreter für den Gemeindetag bestimmen dürfen. Diese Bestimmung ermöglicht die Vertretung mit einem ganz minimalen Kostenaufwand. Wenn zehn Gemeinden z. B. gemeinsam einen Vertreter entsenden würden, und wenn man die Kosten der Reise nach Berlin und des eintägigen Aufenthalts mit dem hohen Satz von JL 80 ansetzt, würden aus jede Gemeinde nur JL 8 entfallen, und zwar alle vier Jahre, da Gcmeindetage ja nicht alljährlich, sondern nur alle vier Jahre in der Siegel stattfindc». Die 8 Jk für die einzelne Gemeinde werde» also nur alle vier Jahre aufznbringen sein, demnach jährlich etwa nur 2 Jf. Trotzdem hat der ^Ausschuß in seiner letzten Sitzung am 10. März 1912 den in der gemischten Konnnission gestellten vermittelnden 9lntrag Apfel - Baer zum Beschluß erhoben. Dadurch wirb cs den Gemeinden in Preußen ermöglicht, aus den Mitgliedern der Bundesgeineindcn einer ganzen Provinz Vertreter zum Gcmeindetage zu entsenden, während in dem übrigen Deutschland die Gemeinden nicht bloß auf die Provinz beschränkt sind, -sondern das Recht haben, aus dem ganzen Bundesstaat ihre Vertreter zu entnehmen. Die weiteren A b ä n d e r u u g e u, die das neue Statut gegenüber dem alten eikthält, sind wesentlich redaktioneller Natur. Von einschneidender Bedeutung ist nur noch der 8 18. Hier wird nämlich die Höchst za hl der Ausschussmitglieder, die nach dem alten Statut 36 beträgt, a u f 45 erhöht und ferner die Möglichkeit gegeben, daß auch Frauen in den 'Ausschuß gewählt ivcrdeu können. Durch diese beabsichtigte Erhöhung der Zahl der Ausschutzmitglieder wird zugleich die Möglichkeit geschaffen, daß nunmehr noch mehr als bisher Rabbiner und Lehrer in den 'Ausschuß berufen werden — hierüber verbreitet sich eine besondere Resolution — und Vertreter aller Richtungen innerhalb der deutschen Judenheit für die Mitarbeit an den großen und sich stetig erweiternden Aufgaben des Gemeindebnndes gewonnen werden können. auf Ludwigs Schultern, „sehen Sie mich an, und wiederholen Sie mir das noch einmal Auge in Auge." „Wirklich, ich mache die Zigarren selber," antwortete Ludwig, Herrn Freudenreich ruhig anblickeud. „Diese Auskunft, lieber Herr Sichel, ist für mich sehr betrübend, weil ich daraus sehe, daß ich Ihnen ein sehr großes Unrecht getan habe; sie ist aber auch sehr erfreulich, weil sie niir das, was ich für unglaublich gehalten hätte, als lvahr bestätigt. Sie können also wirklich eine so feine Handarbeit selbst machen?" Ludwig schilderte nun sein ganzes Leben in Heinemanns Familie, nicht nur das Arbeiten und Verdienen, sondern auch getreu Charakter und Wesen der Leute. »Ja, ja," sagte Herr Freudenreich, gemütlich lachend, „ich lveiß schon lange, daß die Arbeiter im Magazin ihren Kollegen .heinemann den Herrn Rabbiner nennen. Aber das ist das Richtige; selbst der einfache Arbeiter soll nicht nur im Joch, der Arbeit sich inühselig dahinschleppen, sondern daneben — besonders in seinem Heini — ein geistig höheres Leben führen. Sie, lieber Sichel, haben nicht nur das Zigarrenmachcn gelernt, sondern auch die ganze Realschule absolviert mit Heinemanns Sohn, sodaß Sie das Abiturium, vor dein er steht, mitmachen könnten, da brauche ich Sie also auch nicht wieder in mein Büro anfzunchmcn." „Ach," seufzte Ludwig, „ich hatte schon gehofft . ." „Ja, lieber Herr Sichel, offen gestanden,. ich ließ Sic zu mir kommen, um Ihnen einen Platz im Büro anzubietcn, da ich Ihnen eine Genugtuung schuldig >var. Jetzt aber freue ich mich, daß es nicht nötig ist, denn ich tue nie gern einen Schritt rückwärts, und es hätte mich ein Opfer gekoster, zu Ihren Gunsten eine Ausnahme zu machen. Jetzt ist mir ein anderer Gedanke gekommen, den Sie sich mit Ihrem 'Kostgeber überlegen wollen, da können Sie Ihre Kenntnisse besser verwerten." „Was meinen Sic, Herr Freudenreich?" „Sie wissen wohl schon, daß der Herr, welcher vor Jahren die Firma Schnridt & Müller in Nahdors zur Weiterführung übernahm, nicht reüssierte, und daß er jetzt sein Geschäft ausgibt. Das Lokal ist billig zu haben, und tvenn Sic es mieten und so gute Ware arbeiten wie Ihre Importen, dann wird cs Ihnen sicher gelingen." Das sind die Abänderungen, die das neue Statut vorschlägt. Die kleinen und Mittelgemeinden behalten die überwiegende Mehrheit, und sie selbst sollen durch einen der ihrigen, nicht durch unbeteiligte Dritte aus den Großgemcinden, auf dem Gemeindetage vertreten sein. Damit soll zugleich die sichere Gewähr sür einen sachlichen und ersprießlichen Verlauf der Gemeindctage geschaffen, und vermieden werden, daß sie, wie leider die letzten Tagungen zeigten, auf das würdelose Niveau wüster und turbulenter Volksversammlungen hcrabsinken, die dein jüdischen Rainen zur llnehre gereichen. * lieber die Satzungsänderung an sich ließe sich reden, aber gegen deren Fassung in der vvrgeschlagenen Form muß wegen der dabei zu Grunde liegenden Tendenzen immer wieder p r o t e st i e r t werden. Man will geivissen „Berliner" Herren die Wahl in den Gcmeindetag unmöglich machen und damit der Opposition ihre Wortführer nehmen. Ueberhaupt ist das Verlangen des Ausschusses, daß die kleinen Gemeinden ihre Vertreter aus ihrer Mitte zu wählen haben, eine Bevormundung schlimmster Art. Was den Gemeinden froinmt, wissen diese s e l b st a m beste n. Wozu diese Scheinheiligkeit? Kein urteilsfähiger Mensch wird doch dieser allzu großen Sorge sür das Wohl der kleinen Gemeinden trauen. Besonders in diesem Falle nicht, da mau dahinter de» wahren Grund: die Angst vor schlagfertigen und gewandten atiswärtigen Vertretern errät. Diese Angst beweist nur, daß man keine andere Anschauung, keine neue Männer mit neuen Ideen auskommen lassen will; es soll mit dem alten Schlendrian, der doch die deutsche Judenheit ans das höchste Maß von Unkenntnis des jüdischen Schrifttums und Lockerung des Bandes der Gemeinschaftlichkeit gebracht hat, weiter fortgewurstelt werden. Wie wäre sonst der große Eifer, mit .denk der Ausschuß einen der Satzungsänderung geneigten Gemcindetag erstrebt, zu erklären? Es soll vermieden werden, daß die Äemeindetage „auf das würdelose Niveau wüster und turbulenter Volksversammlungen herabsinke." Eine solche Sprachx pflegen sonst nur die Junker zu führen, mit diesem Motiv konnte mau alle Parlamente aufheben. Freuen sollten sich die führenden Männer, daß der Judiserentismns endlich aufgehört hat. „Zum Fabrizieren gehört Geld." „Gewiß, und daran soll es Ihnen nicht fehlen. Ich stelle Ihnen 30,000 Mark zur Verfügung." „Wollen Sie mir die Ehre antun, mein Teilhaber zu.werden?" „Nein, das nicht; als Tabakhändler beteilige ich niich in keiner Weise an der Fabrikation. Ich stelle Ihnen 30,000 Mark frei zur Verfügung, Sie ver- -f zinsen das Kapital zu 5 Prozent und zahlen es in J beliebigen Raten zurück' oder behalten es, solange es f Ihnen beliebt; nur müsse» Sie die Zinsen pünkllich j bezahlen nnd mein treuer Knnoe werden. Wenn Sie f nur recht klein anfangen, vorsichtig weiterentwickeln und;t ein bißchen Glück haben, dann wird'» schon gehen,!j Das Kaufmännische übernehmen Sie selbst, imd als 1 Wcrkführer und Kostgeber nehmen Sie sich Ihren J Herrn Heinemann mit, einen bessern können Sie gar z nicht finden. Das Nähere besprechen wir morgen im 1 Büro, wenn Sie auf meinen Vorschlag eingehen wollen. | Und nun guten Abend und Glück auf, Herr Sichel, 1 als Fabrikant!" | Y, j Sechs Jahre waren verflossen, da trafen sich Herr -Oppenheimer, Inhaber der Tabakgroßhandlüng Felix Oppenheimer, und Herr Löwenstein, Vertreter einer großen Fabrik für Zigarrenausstattungen, wieder einmal im Bahnzug auf dem Wege nach Nahdorf. Herr Oppenheimer war im Rciseanzng und hatte einen kleinen Reisemusterkoffcr neben sich, Herr Löwenstein war im schwarzen Gcsellschastsanzug. „Na, was ist los?" fragte Herr Oppenheimer erstailul seinen Bekannten. „Billa Goldwasser." „Billa Goldwasser? Was geht vor?" „Ich klapp' da zwei Fliegen mit einem Schlage, Ich ivolltc schon seit vierzehn Tagen einen Gratulationsbesuch dort machen, als ich hörte, daß der Sohn des Herrn Heinemann sein Doktorexamen bestanden hat; ich habe es aber bis heute verschoben, well ich ja doch heute hätte Hinreisen müssen, um zur silbernen Hochzeit des Herrn Heinemann zu gratulieren." 4785

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.