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Neue jüdische Presse · 1912-03-22 · Heft 12 (22.3.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12 FttackfMer Jftackitffchck IümNieilblaA. BäkaW jckoch gibt Len Herren von der KHilla keine schlaflosen Nächte. Ucker hindert Offerten: aus all«! Herren Landern sollen eingelaufen sein. Won englischen Chasonim sollen sich, nur sehr Wenige gemeldet haben, da auch das Gckiet des Chazanus hier schrecklich! vernachlässigt wurde, und es' daher nur wenige gibt, die sich befähigt wähnen, dieses Amt würdig aussilllen zu können. In^>unvtv Oberkantor sind, unsere Leaders nicht so patriotisch-insular wie in der Chief Rabbi-Frage. Hier ist auch der „koreigner" willkommen. Wie man meint, soll die besten Aussichten der Chason der „Großen Schul" haben. Dieser Herr .ist in -der Welt der Chasonim wenig bekannt, aber er ist der Vater des Erzählers S. Gordon und Schwiegervater des Dajan Hyamson und hat noch sonstige große Beziehungen, auf die die Herren von der Gemeinde, die sehr selten in die Schul gehen, jmchr Gewicht legen als auf das Singen. Schwiegervater und Schwiegersohn als Oberkontor und Oberrabbiner, das wäre, wie ich glaube, ein Weltrekord, was im Lande, der Races und Football- und sonstigen Sports sogar unter Juden von großer Bedeutung ist. Jedenfalls sind diese Monate des Karrens und Wartens eine sehr ängstliche Zeit für die Familie Gordon, und wenn ihre Wünsche in Erfüllung gehen, werden sie sie ehrlich verdient hüben. Es waren wahre „Chawlei moschiach" für sie. Die zwei extremen Flügel des englischen Judentums Alchen bereits' ihre Rabbiner. Die Federation of Synagogues hat nach langem Suchen und Wählen sich für Dr. Jung in Ung. Brod entschlossen. Wenn man von der Federation spricht, darf Man nicht vergessen, daß Mrs ganze Borgchen gegen den Willen der Mitglicker dieser Organisation geschaht. An der Spitze der Federation stcht Rabbi Chaikin, der ein großer Lamdon ist und sich, hier einer großen Popularität erfreut. Es ist daher wirklich kein Bedürfnis für einen anderen Rabbiner Vorhänden, aber da der Lord von der Federation mit dem Lord von der United Shn<Wigue um die Oberbefehlshaberschaft streitet und den anzustellenden Oberräbbiner aus seiner eigenen Tasche bezahlen wird, ließen sich die Mitglieder die Sache gefallen, ob- WoM sie darin eine Kränkung ihres beliebten Rabbiners sehen. Ende vorigen Sommers schickte 8m Lord einige Herren von seinen Getreuen nach Deutschland und Oesterreich, wo sie etwa zwanzig Rckbiner besuchten und an Ort und Stelle sich über ihre Person erkundigten. Diese wählten drei aus den zwanzig, die nach London geladen wurden, wo sie predigten und von einer speziellen Kommission von Lomdim geprüft.wurden. Die Kommission erklärte sich, einstimmig für Dr. Jung, der sowohl als Talmudist und Gelehrter wie als Er- S'° Her und gewaltige organisatorische Kraft einen ätruf genießt. Dr. Jung ist noch nicht eingetroffen. Hoffentlich gelingt es ihin, hier viel Ersprießliches zu leisten. Das Gckiet ist hier ebenso immens, jvie die Arbeit vernachlässigt, und! ein Mann. von Dr. Jungs Kaliber, bet Freude an der Ackert hüt, wird hier genug zu schaffen haben unötuwhr in seinem Element sein als in Ung. BroL. Auch die „Liberal Synagogue", die Claude Montefiore aus denk linken Flügel der l Hiesigen Reformgemeinde konstruiert hatte, hat (sitzt chren Rabbiner. Der Gründer der Gemeinde war es auch, der den Rabbiner für sie gefunden hat. Wir hier in Europa sind, bei all unseren Räbbinerschulen und Lehranstalten für die Wissen- . schaff des Judentums, noch zu weit „zurück"", als Laß -vir geeignete Rabbiner für „liberale"" Gemeinden liefern konnten. Dieser Artikel muß dahdr aus der: neuen Welt importiert werden, wo man .viel weiter gckommen sein soll, wo die. Christen sich, so gut auf das Lynchen verstehen und die reichen. „Jahudim" aus Frankfurt und Worms dieses System auf das Judentum in Cincinnati mit. so viel Geschick anwenden. Mr. Montefiore bejgaB sich persönlich nach Amerika und' suchte st, lang, -bis er in Far Rockaway den Mann fand, der von yber Ansehung dazu bestimmt sein soll, einen neuen st Won „wahrer"" Religion in die Morschen Gd- :e Won Park Laue und Hampstead einzuhruchen. neue Prediger, Rev. M a t t u ck, ist der Sohn Leines ruffischen Emigranten und W her Enke! xiwes N)er Rabbnwrs M KoWnv sün. Der junge Geistliche ist' bereits hier und hat seine Tätigkeit begonnen,' das heißter spricht vom „Wesen des Judentums", von der Natur und den Blumen und von der Unsittlichkeit in dem Glauben an die Wunder in der Bibel usw. Der Geist Paulus' aus Tarsos ist in den jungen Sohn des' russischen Emigraitten gefahren, der bereits eine Anzahl Von Christen hier während der kurzen Zeit seiner Ministration in London zu seinem „Judentum"" bekehrt haben soll. J. M.' S-d. Aus de« Ereignissen des Tages. 1. Die Sombartaffäre. Selbst wenn Werner Sombart kein einziges neues Moment zur Behandlung der Judenfrage herbeigebracht hätte, er hatte sich duych! sein Auftreten dennoch ein Verdienst um sie erworben; denn er hat dadurch Gelegenheit und Anlaß zu einer interessanten Aeußerung der Psyche der modernen Assimilation gegeben, wie sie in dieser Deutlichkeit selten vorkommt. Der Unbefangene und Nichtsahnende, der das Verhalten der Assimilation zu Sombarts Auftreten verfolgt hat, wird gewiß zu der Meinung gekommen sein, ein katastrophales Unglück sei über uns Juden hereingebrochen. Juden, die sich nie Mehr um jüdische Dinge gekümmert haben, als daß sie auf Stöcker und den Radaubntisemitismus geschimpft haben, sind plötzlich in Aufregung geraten; der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde, der noch nie an einem jüdischen Problem intensiveres Interesse genommen hat, beruft plötzlich eine große Protestversammlung ein, Rabbiner und jüdische Gelehrte können sich nicht genug, darin tun, in Tönen höchster Entrüstung Sombart als einen Antisemiten zu beschimpfen; und es regnet förmlich vün Leitartikeln und wissenschaftlichen Abhandlungen, die. die bodenlosen Verleumdungen Sombarts Nachweisen wollen. Und all dies warum? Ein bedeutender Soziologe, der sich längere Zeit mit dem Judentum beschäftigt hat, hat ein Buch über die Judenftage geschrieben, hat den Geist des Kapitalismus , und den des Judentums als miteinander verwandt erklärt, hat in öffentlichen Vorträgen seine Meinung vertreten und hat sich bei der Behandlung der gegenwärtigen Judenfrage für den Zionismus als die einzige Lösung derselben ausgesprochen. Wozu aber diese nervöse Auftegung? Sind die Ansichten Sombarts falsch, dann widerlege man sie mit derselben Ruhe und Objektivität, mit der er seinen Standpunkt dargelegt hat. Betrachtet man seine Vortragstourneen als für einen Gelehrten unziemlich, nun, das ist doch schließlich Geschmackssache und geht nur Len an, der die Vorträge hält und die, die sie hören. Verwirft man seine Lösung der Judenftage, so brauchte sie doch gewiß keine Aufregung hervvrzurufen, da sie doch wahrhaftig nicht neu ist. Nein, die objektiven Tatsachen allein erllären die Entrüstung und Auftegung so vieler jüdischen Kreise durchaus nicht. Seit wann ist Man denn bei uns an allen jüdischen Fragen so interessiert, daß die Diskutierung derselben solch lebhafte Formen annimmt? Es muß ein tieferer Grund vorhanden sein, um diese seltsamen Vorgänge zu erllären; und er ist vorhanden, nur daß Man ihn nicht eingestehen will — weil Man das Häßliche an ihm selbst erkennt oder nicht eingestehen kann, well er nur unbewußt da ist Der Grund berühl in der inneren Unfreiheit, mit der wir Juden den Nichtjuden und damit allen Mischen Problemen gegenüberstist)Ln, in der feigen Angst, in der wir uns ständig befinden, von den Nichtjud'en als minderwertig erllärt zu werden. Es ist dasselbe Gefühl, dieses ewige Schielen auf die „anderen", das der gesamten Wissenschaft des Judentums den Stempel der Apologetik anfgedrückt und ihv so die volle Objektivität von vornherein genommen hat und das jetzt die Auftegung gegen Sombart verursacht. Das letzte, entscheidende Gefühl, das bei ver ganzen Kampagne gegen ihn mitspielt, ist die bange Sorge, daß unsere nichtjüdische Umgebung aus Sombarts Bchäuptungen vielleicht den Schluß ziehen möchte, daß das Judentum nicht so ideal sei, wie andere Weltanschauungen und Religionen, daß es praktisch veranlagt und' deshalb' inferior fei. Daher die nervöse Angst daher die Auftegung, daher die unschönen, persönlichen Berungkimpfmvgen und Beschimpfungen Sombarts. Wohlverstanden: Wir wollen! hier in dieser Betrachtung nicht das geringste Urteil über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Sombartschen Ansichten aussprechen. Wir hüben dies bereits getan und werden noch bei «anderer Gelegenheit darauf zurückkommen. Worauf es uns heute ankommt, ist die unmännliche Haltung zui kennzeichnen und zu brandmarken, die verschiedene jüdische Kreise Sombart gegenüber eingenommen haben. Eine ruhige, objellive Widerlegung Sombarts würden wir nicht nur billigen, sondern freudig begrüßen; es ist die ausf-lllende, aufgeregte, nervöse, persönliche Form des Kampfes, die uns unschön und beschämend dünkt. Wenn etwas geeignet ist uns herabzusetzen und.zu diskreditieren, wir glauben, diese unschöne, ängstliche Aufregung unserer jüdischen Gegner Sombarts ist eher dazu angetan als alle Behauptungen Sombarts zusammengenommen. Man hat in diesen Tagen die Jahrhundertfeier der Emanzipation festlich begangen. Es erscheint wie eine Ironie des Zufalls, daß das Auftreten Sombarts' und die damit verbundene Kampagne gegen ihn just in diesen Tagen stattfand. Sie zeigt, daß ein beträchtlicher Teil der westeuropäischen Judenheit noch heute seelisch genau so dem Nichtjuden gegenübersteht, wie die Generation Vor 100 Jahren. Der seelische Faktor, der damals die Segnungen der Emanziprtion in Flüche verwandelte, der damals als erste Folge der Emanzipation die Assimilation herbeiführte, das Angstgefühl des Juden dem Nichtjud'en gegenüber, er ist bei der SoMbartaffäire wieder deutlich, unangenehm deutlich, in Erinnerung getreten. Das zeigt aber, daß die westeuropäische Jüdenheit ngch eine große Wandlung und Mtwicklung durchmachen muß, bis sie innerlich, seelisch emanzipiert sein wird, bis sie von der äußeren, politischen Emanzipation zu der inneren psychologischen gelangen wird, bis sie von der Emanzipation zur Antieniänzipation sich durchgerungen hüben wird. 8. Zum 3V jährigen Jubiläum Tschlenows und UffifchNuS. Jechiel Tfchlenow und MenchhxM Usfifchki n feiern das 30jährige Jubiläum ihrer Wirksamkeit in der Modernen nationalen Bewegung. Für den Unkundigen, für den westeuropäischen Juden bedeutet dieses Ereignis nichts oder nur sehr wenig; chm sind die zwei Jubilare unbekannt, im besten Falle einmal vernommene Namen. Denjenigen aber, der die jüdisch-nationale Bewegung in ihrer Entwicklung kennt, jedem' Juden Westeuropas und jedem Zionisten Westeuropas bedeuten die zwei Namen ein Stück jüdischer Geschichte, ein wunderbares Stück jüdischer Geschichte. Die Entwicklung und der!Aufstieg der jüdisch-nationalen Bewegung ist ohne die beiden undenllich, sie sind mit ihr unauflöslich Verknüpft und haben ihr für ewig ihren Namen eingezeichnet. Uns dünll, dies ist das Höchste, was man zum Ruhme dieser beiden Kämpfer sagen kann. Die „Zwillinge"" Pflegt man sie oft zu nennen. Und „Zwillinge" sind sie in der Tat. Bon ihrer frühen Jugend an, da sie sich als Schüler in Moskau fanden, bis zum heutigen Tage hüben sie ununterbrochen, gemeinsam, Hand in Hand miteinander gearbeitet und gewirkt, in unwandelbarer Freundestreue. Selten waren sich „Zwillinge"" treuer und ergckener als diese beiden, und selten wären „Zwillinge" — verschiedener geartet als diese beiden. Dies ist/ düs Seltsame an ihren: Verhältnis, das Große, Erhebende, lErzieh'ende daran. Zwei entgegengesetzte Ehüraktere bleiben in dreißigjähriger Freundschaft eng verbunden. Der eine, Ussischnn, der eiserne Chürakter, der unerschütterliche Willens- Mensch, der stiernackige Mann der Tat, von einer unvergleichlichen Konsequenz und Beharrlichjkeit, Von einer seltenen Energie und Willenskraft, llar, ruhig, der gckorene Organisator, und' der andere, Tschlenow> der sanfte Gefühlsmensch, der lickevolle Träumermit den gütigen Schwärmeraugen, mit der versöhnlichen Nachgiebigkeit, rasch begeistert und schnell begeisternd, dabei doch von rastloser Energie, von grenzenloser Ohserwllligkeit, der prädestinierte Bolksmann, der Wnreißt und begeistert. Sv

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