Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ fl ♦ ♦ fl ♦ fr — - - - ■■- ' - Erscheint wöchentlich am Freitag. Srrugspreis pro Mrrtrtjahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der' Post abonniert SV Pfg., frei ins Hauß- 4 Pfg.- pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. ■ ■ . - . . — - . -j Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. :: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. Herausgeber: Kalg Heis. f, - - ...... - - ■ < Jnsrrtiousprris für die firnfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für. die Reklamezeile Mk. I.—. Bei Wiederholungen entsPrechendeL Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, WohnungsinserateÄ Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohnW jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. — ■ " — •- - ■ ^-4 Freitag, den 4. Nissan 5672 (22. März 1912) 10* Jahrgang. Die Fra« im Jndentum. (Epilog zum Frauenkongresse./ Ein seltsames Spick: Die moderne christliche Ethik befindet sich im Zustand der Metamorphose, der Wandlung, der Krise. Das Alte genügt nicht mehr, und Neues wird ersehnt. Professoren und Gelehrte, Theologen und Philosophen arbeiten imd wirken, das Neue klarzulcgen, es aus den Hüllen, die es umfangen, lserausz »schälen, und ist die Metamorphose so weit, daß man die tieue Puppe tvahrzunehmen vermag, so entdeckt »»»an plötzlich: dieses Neue, mit soviel Getue und Erwartung zu Tage Geförderte ist nichts weiter als ein Brocken jener uralten Prinzipien, die Jahrtausende vorher von unseren Propheten verkündet wurden,die Wandlung, die Vollzogen, war nichts weiter als ein Schritt zur Annäherung an unsere, die jüdische Ethik. Dasselbe Spiel wiederholt sich: Die moderne christliche .Anschauung Von her Ausgabe der Frau beginnt sich zu ändern; ihre Stellung in der Gesellschaft wird einer Revision unterzogen; man merkt: eine Wandlung Vollzieht sich, auch hier; große Organisationen arbeiten mit bewundernswerter Energie daran, diese Wandlung, diese Entwicklung rascher ihrem Ziele zuzufuhren, große, lärmende Kongresse werden veranstaltet; und liest man die Reden, die da gehalten, die Artikel, die darüber geschrieben werden, dann erkennt man auch hier: das Neue ist gar nicht so neu, was 'da mit viel 'Emphase und Leidenschaft gefordert wird, vor :2000 Jahren war es im Prinzip anerkannt; die 'Emanzipation der Frau ist ein altes jüd. Postulat. Nur gilt es, den Begriff der Emanzipation der Frau richtig zu erfassen, zn verstehen, daß es dabei nicht darauf ankoMmt, ob die Frau Wahlrecht und andere politische Rechte besitzt; das sind nur praktische Konsequenzen des allgemeinen Prinzips. Das Prinzip aber lautet: Ethische Gleichstellung der Frau im sozialen Leben, und dieses Prinzip war im Judentum realisiert. Im sozialen Leben hat das Judentum eine Trennung vorgenommen; cs hat eine Funktionstcilung eingeführt; es hat die zum gesunden Bestand der Gesellschaft notwendigen Pflichten und Funktionen aus Mann und Frau verteilt; cs hat die Funktionen der Frau nicht als minderwertiger erachtet als die des Mannes, es hat ihre Bedeutung und Stellung nicht niedriger eingeschätzt als die des Mannes; damit hat es der Frau die Gleichberechtigung verliehen und die Emanzipation der Frau durchgeführt. Um dies zuzugeben, braucht man gar nicht erst all die gesetzlichen Borschriften, die die Stellung der Frau betreffen, zu kennen; braucht Man nur einen Blick hineinzuwerfen in die alte jüdische Literatur über die Frau und wird vor dem Geiste staunen, der aus Ehr spricht. Mit all der Kraft seiner religiösen Weihe, mit all dem Pathos seiner ethische»» Postulate hat er die Frau überkleidet und uingosseii und sic in Tönen höchster Innigkeit und Heiligung gepriesen. Und die Frau, die er feiert, ist nicht die verhätschelte, entwürdigte, verkannte Frau moderner >,P uppcnHein,c", cs ist die starke, selbstbewußte, energische, selbständige Frau — würden wir nicht fürchten, unsere Leserinnen zu verletzen, wir würden sagen: die männliche Frau —, die er feiert. Und Man schaue in die Geschichte der jüdischen Frau hinein. Welche 'Stellung nimmt sie ein? Sie ist nicht minder Stütze der Familie und' der Gesellschaft wie der Alaun, sie nimmt ebenso teil an der Leitung der Familie wie er; oft ist sie es überhaupt, die das Geschäft führt, »nährend der Mann in der Synagoge sitzt und lernt. Eine „Nora" ist im alten Judentum und im Judentn'in des Ghettos undenkbar. Nicht „Nora" ist der.Typus der jüdischen Frau, sondern die „Eisches chajil". Kein Volk kennt ein solches Hohelied der Frau, rvie »vir Juden es int „Eisches chajil" besitzen. Mle Böller, alle Dichter besangen stets nur das Weib, die'Schönheit des Weibes und seine Reize, seine Liebeskraft und Genußfähigkeit. Das Weib aber ist stets nur Mittel ftir den Mann; sie ist ihm das Gesäß, in dem ihm die Liebe kredenzt wird. Wenn der jüdische Dichter ein Loblied auf das „Ewig- Weibliche"' anstimmen null, dann besingt er nicht das Weib, sondern die Fräst; die Frau, das will heißen, das Weib als Trägerin der Gesellschaft, das Meib geweiht durch seine sozialen Pflichten. Kein größeres Manifest der wahren Frauenjemanzipation kann es geben, als unser „Eisches chajil". Man wende nicht ein, daß die Frau im alten Judentum keine politische Gleichberechtigung besessen habe. Das lag nicht am Prinzip, sondern an der Macht der Verhältnisse. Zu jenen Zeiten, da alle Politik nur Kriegspolitik war, da alle politischen Pflichten militärischer Natur tvaren, konnte von politischer Frauenemanzipation keine Rede sein. Das Prinzip war stets da. Daß es' noch nicht ganz realisiert werden konnte, lag nicht am Judentum, sondern an. der Zeit, an dem Stand der Kultur. , * Worum heute Tausende mit Leidenschaft ringen, »vir haben es schon vor zivei Jahrtausenden besessen. Was heute als Zukunftsbild erscheint, bei uns »var es längst realisiert. Das' Postulat der Fraueuemanzipation ist ein jüdisches Postulat. Doch »vieviel jüdische Frauen »mssen es? Wie viele gibt cs nicht, die für Frauenemanzipation als ein Ideal allermödernstcr Kultur kämpfen und der Kultur ihres eigenen Volkes als rückständig und abgetan den Rücken kehren. Erscheint das nicht »vie ein böser Witz, »vie eine bittere Ironie, »vie eine Tragik? Darum: Wollen jüdische Frauen jW zur Emanzipation vorwärtsringcn, so möge»» sie sich zu»»» Judentum zurückeuttvickeln. Hier »vie überall gilt der Satz: Für u»»s Juden besteht alter Fortschritt in der Kultur in einem Rückschritt, in einer Rückkehr zu unseren» Jude nt »im. Brief ans England. Das heraklitische Wort „paata rbsi" mag.,viel Wahres enthalten, es ka»»n jedoch kaum auf die hiesigen Verhältnisse Anwendung finden. Hier ist Stagnation das Gesetz. Ein paar Monate sind i»nn verstrichen, seitdein mein letzter Brief in dieser .Zeitung veröffentlicht »var. Wie wenig sich die Dingt während dieser Zeit verändert haben! Ueberall »roch das Chaos, die wirre Masse, die sich schneckenartig bewegt, »vcnn überhaupt von Be»vegung die Rede sein kann. Das alte Gebäude zerfällt überall in Trüimner, ohne daß neues Leben aus den Ruine»» ersteht. Ueberall Un;ufriedcnheit, Verzweiflung und iaisser wirs. Das englische quasi orthodoxe Assimilations- Judentum ist bankerott, und noch immer ist keine Aussicht aus neue Kräfte, die das Renovieren und Rr. 12 Restaurieren verständen. Die zwei Lords, .mit denen »ms eine gütige Borseching versehen hat, zanken sich noch immer herum — ad majorem dei gloriam <— und werden wohl nie §u einer Einigung kommen, da sie alle beide eine gute Dosis von Hartnäckigkeit, der großen Eigen-- schaft ihres Volkes, besitzen, u»t8 der Ruhm ihrer Häuser ihnen lieber ist als die Ruhe und der Friede, die uns jetzt so nottun. Die Rothschllds haben wie die Bourbons nichts hinzugelernt. Als vor etwa dreißig Jahren ein ähnlicher Konflikt zwischen Lord Rothschild und Baron de Worms entstand, »vich der letztere dem ersteren, sagte gopd bye der ganzen Kehillah-Politik und flüchtete sich in die Mein seligmachende Kirche, in der er ein elendes und vergessenes Dasein als Lord Pirbright fristete. Jetzt braucht man einen solchen Schritt nicht zu machen. Man» bleibt guter Jude wie zuvor, aber man gründet eine neue Kehillah und stellt einen Oberrabbiner an. Man braucht dabei nichts aufzugeben, »Vas doch einem recht wehe tun muß, auch wenn man Lord und Gott weiß was ist, und hat dazu dem Gegner einen tüchtigen Schlag versetzt. — Wirchaben noch immer keinen Chief Rabbi, und' es sieht aus, als ob »vir nie einen bekomme» würden. Die Wände der Gemeindestube sind reiht dick und lassen keinen Laut nach außen dringen. Niemand weiß, was draußen vergeht, und was die Herren beabsichtigen. Wird ein Chief Rabbi gesucht? Wenn ja, wo? In England und seinen Kolonien — oder auf dem Kontinent? Haben ine Herren schon jemanden im Auge? Der Kandidat, der die besten Aussichten Hafte und der speziell aus Melbourne «ausgeschrieben war, Dr. Ab r ahams, ist nicht mehr da. Was La vorgekommen »var? Wer weiß! Der Herr schien seiner Sache so sicher zu sein, daß er Urlaub für sechs Monate nahm imd sich ein Abschiedsmahk von der Stadt Melbourne geben ließ »md hier ein Haus einrichtete. Er kam natürlich zu Besuch, aber er trat überall auf und predigte jeden Samstag und strengte sich so an, daß es auch dem Dümmsten Kar werden mußte, daß diese Europareise für Dr. Abrahams nichts weniger als eine Erholungsreise bedeutete. Alles schien bereits so „arravgod" zu sein, daß auch die Gegner Dr. Abraums ihn als den Nachfolger Dr. Adlers mit Gott ergebener Resignation betrachteten. Auf einmal brachte die jüdische Presse eine kurze Notiz, daß Dr. Abrahäms dringend nach Melbourne gerufen wurde und in »veiligen Tagen abfahren werde. Ein anderer Kandidat, Dajan HhaMfon, ist inzwischen Doktor getvorden. Seine Dissertation ist eine Arbeit auf dem Gebiete der vergleichenden Jurisprudenz: „Nvsaiearnm st jndaiearnm Lfrgum Collatio." Dr. Hymnson soll diese Arbeit schon lange fertig gehabt haben, soll es jedoch bis setzt nicht für notlvöndig gefunden haben, sie bei der Universität cinzureichen. 'Zu keiner Zeit war der Toktortitel ein „Dowor beitau" wie in diesem Fall. Jn welchem Verhältnis diese Pronwtion zur Ehies Rabbi-Frage steht, ist ebenfalls eine Frage, die alle hier beschäftigt, ohne jedoch eine »sichtige Lösung geben zu können. Soll diese PrvMotion ein Zeichen sein, daß Daran Hyamson die richtige Person nun sei, die Lord Rothschild und seine'. Jasager von der United Synagogue zu ihrem Chies- Rabbi-Schamosch erkoren haben? Wer kann hier das Horoskop stellen? " Y Die Stelle des Oberkantors in- Jfer „G roßen Schn l" ist - rwch immer vakanft ‘ Diese » J