Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3. Nr. 11 Frankfurter Israelitisches Familienblatk. die Versamiiilnng die uachsolgcnden Resolutionen an: 1. Die Generalversammlung bestätigt den Beschluß des Lokal-Komitees in seiner letzten Sitzung betrcsfs der Verwendung der in Berlin einlaufeinden Beiträge und beauftragt die zur Bildung des Laiides-Kviilltces eingesetzte Kommission, die Konstituierung des Landcs-Koiuitees möglichst zu beschleunigen. Die Gcncralvcrsainmlnng erblickt in der Organisation des Landes-Koinitces die einzige Möglichkeit, den deutschen Mitgliedern der Alliance die ihnen nach Zahl und Bedeutung gebührende Einslußnahmc auf die Leitung der A. I. N. zu verschaffen. 2. Die Generalr-ersaininlung der Berliner Allianccmitglicder nimmt mit Entrüstung davon Kenntnis, daß die Pariser Leitung der Alliance, bei ihrem letzten Kooptationsvorschlag den um unsere Sache wie ,um das Judentum seit vielen Jahren so hochverdienten Herrn Rabbiner Dr. Werner nicht zur Kooptation vorgeschlagcn hat und so von der Mitarbeit ausznscheiden versucht. Die Generalversammlung sicht in der nach. Beseitigung des Wahlrechts versuchten Ausscheidung des Herrn Dr. Werner die Absicht, sich jede unbequeme Kritik fernzuhalte». Sie spricht Herrn Dr. Werner ihr volles Vertrauen und ihren Dank für seine treue Arbeit ans und hofft auf seine eifrige Mitarbeit im Landes-Komitee. Düffeldorf. Auf dem hier abaehaltenen!). Gemeindetag des Pro v in z ial-verb a n d c s rheinischer S y n a g o g e n g e m e i n d e n war Prof. Dr. M. P h i l i p p s o n, der Vorsitzende des Deutsch-Israelit. Gemeindebundes, anwesend, um über die im D.-J. G. -B. geplante Satzungsänderung zu referieren. Den Organisationsentwurf sehe er persönlich als erledigt an — (Diese Form der Aenßerung zeigt, daß der Entlourf auch weiterhin im Hintergründe verharrt. D. Berichterstatter) —, eine Verfassungsänderung aber sei nötig, damit die skandalösen Szenen des letzten Gemeindetages unmöglich gemacht würden — (Das stimmt: Opponieren ist für autokratisch veranlagte Naturen etwas Skandalöses. D. Berichterstatter). Die Tagung nahm Mit großer Majorität den Antrag S. Loeb-Tricr an, daß der Provinzialverband nur solche Vertreter zum nächsten Gemeindetag entsende, die für den Antrag Apfel stimmen. Dieser in der gemischten Kommission des D.-J. G.-B. gestellte Antrag hat den folgenden Wortlaut: „Die Vertreter zum Gemcindetagc müssen in Preußen der Provinz angehören, in welcher die Gemeinde, die sie entsendet, liegt, in den anderen Staaten müssen die Vertreter dem betreffenden Bundesstaat angehören. Die Vertreter müssen mindestens 25 Jahre alt sein und einer Bundesgemeinde angehören. Als Vertreter können auch Personen gewählt werden, welche in den letzten 10 Jahren der Gemeinde, die sie delegiert hat, angehört haben." . Charlottenhurg. Dos von Dr. A. Kahn und Regierungsbaumeister L. F r ä n k e l ins Leben gerufene 'Jüdische Studenten- und Jugendheim, (Knesebeckstr. 5) blickt auf eine viermouatliche Tätigkeit zurück. Schon in dieser kurze» Zeit hat es sich herausgcstellt, daß diese Schöpfung einem wirklichen Bedürfnisse entsprach. Aus allen Kreisen der jüdischen Jugend — Damen, Studenten, Kaufleuten und Handwerkern — war cs eifrigbesucht. Es wird die Allgemeinheit interessieren, zu erfahren, daß der Preis jetzt auf 80 Pfg. für Mittag- und 50 Pfg. für Mendbrot festgesetzt worden ist. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Die Grenzpolizei hat wieder einmal ihre sattsam bekannte antisemitische Gesinnung betätigt. Sic hat in S t r o b k o einen dort seit Jahren wohnenden achtbaren Mann, den Kleinhändler Mendel Leib, dessen Frau eine Ungarin ist. samt Frau und vier kleinen Kindern aus gewiesen. Das Ausweisnngsdekret gibt als Grund Leibs Herkunft aus —> Oesterreich eilt, der wirkliche Grund ist aber der brutale Antisemitismus, der sich gern an dein Unglück der Juden lvcidet. Leib wird an den Bettelstab gebracht,, denn cs ist ihm nur eine Frist von 14 Tagen gesetzt worden. Czernowitz. Zu der von der jüdischen Studentenschaft im Interesse der Anerkennung der jüdischen Nationalität einberufcnen Versammlung Waren auch Se. Magnifizenz der Rektor Prof. Dr. S a g h i n . die Dekane der jurid. und Phil. Fakultät, Prof. Dr. Ehrl ich und Prof. Dr. R. v. G e i t lc r und die Vertreter der ukrainischen akad. Vereine „Siez" und „Sojuz" erschienen. Nack) der glänzenden Rede des cand. phil. Bre t ts ch n c i d c r, des Vertreters der jüd. Studentenschaft, ergriff Sc. Magnifizenz der Rektor das Wort. Er billige die nationalen Bestrebungen der jüdischen Studenten vollkommen, denn von einer Jugend, die sich nicht für ihre nationalen Ideale enthusiasmiere, könne er für die Zukunft sich nichts versprechen. Er imirde es selbst sehr schmerzlich cmpiindcn, Ivenn die Zugehörigkeit zu seiner Nationalität geleugnet würde. Am Schlüsse versprach Redner eine günstige Stellungnahme des Senates. — Die Vertreter der akad. Vereine „Sich" und „Sojuz" brachten sodann ihre Sympathie für die Forderungen der jüdischen Studentenschaft zum Ansdruck, was von der Versmnmlung mit lrbhafter Akktainativn anfgcnommcn wurde. — In demselben Sinne sprachen cand. Phil. König im Namen der kartellierten Verbindungen „Hasmonaea" und „Hcbrvnia" und D i ck st c i n („Jüd. Kultur"). Zum Schlüsse wurde die vom Referenten eingebrachte Resolution mit dem Lusatzantrag König (.Hasmonaea") einstimmig und unter stürmischem, langauhältendem Beifall und Hedad- Ruseu angenommen. Zum 2. Punkte der Tagesordnung, dem über die akad. Korporativiicn „Emunah" und' „Zephirah" erlassenen F a r b e u v e r b o t, ergriff cand. Phil. Reiner das Wort. Der Redner versuchte nachzuwcifen, daß die Maßregelung der genannten Korporationen im Zusammenhänge mit der langjährigen Aktion stehe und über die genannten Korporationen hinaus sich aus die gesamte .jüd. Studentenschaft erstrecke, bezeichnete diese Maßregelung als ungerechtfertigt und sprach die Erwartung aus, daß der Senat, der Stimmung der jüd. Studentenschaft Rechnung tragend, das Farbenverbot aufheben werde. Hierauf ergriff cand. iur. R o t h f e l d („Zephirah") das Wort, unterzog das bisherige Verhalten des Senates gegenüber der jüd. Studentenschaft einer sreiniütigen Kritik und verwies darauf, daß an anderen Universitäten die akad. Behörden stets den berechtigten Forderungen ihrer Studenten im weitgehendsten Maße Rechnung tragen. Nach den Erwiderungen der «enats Mitglieder brachte Herr Reiner die Resolution ein, die zur Annahme gelangte. Nachdem der Vorsitzende die Versammlung für geschlossen erklärt hätte, verließen die überaus zahlreich erschienenen Versamnilungsteilnehmer unter A b s i n g e n der Nationalhymne die Universität. 0 fenüfofon, Akiba. Historische Erzählung von Friedrich Rott. iFortsetzung). Diese Mitteilung brachte Kalba Sabua vollends außer sich. Also das größte Aergernis seines Lebens verdankte er der eigenen Tochter, — und auf sie hätte er Riicksicht nehmen sollen? Außer sich vor Wut spie er ihr ins Gesicht und schrie, daß seine Frau ins Zimmer stürzte und mit erheucheltem Schrecken fragte, was denn geschehen wäre. — Schäumend vor Zorn teilte er ihr mit. was die „Verruchte" ihm getan und was sie nun von ihm verlange. Milka lachte laut auf. „Habe ich Dir nicht gesagt, daß da etwas dahinter stecken muß?" „Ja, Du bist die Gescheidte! — Wenn ich Dich nicht hätte. — Aber wie nun loeitec? — Rede!" „Was ist da weiter zu reden? Du hast ihr's doch schon gesagt, heute Abend ist Knaslegen mit Reb Schimmes Jechcskel." „Hast Du's gehört. Du Verruchte? — Heute Abend ist Knaslegen mit Reb Schimmes Jccheskel." Rahcl schüttelte den Kopf. „Aber mit mir nicht," versetzte sie mit Entschiedenheit, wählend' ihre funkelnden Augen herausfordernd "auf die Eltern blickten. Kalba Sabua wollte von neuem schreien und lärmen, feine klügere Frau wußte rhu zu beschwichtigen. „Rege Dich nicht auf, das könnte Deine Gesundheit schädigen. Weißt Du nicht, wie sie sagen: schmerzt Dich Dein Auge, so reiß' cs aus, oder ist Dein Kind Dir ungehorsam, so verstoße es. — Will Deine Tochter nicht den nehmen, den Du willst, so lasse sie den nehmen, den sic will, aber sie ist Dein Kind nicht mehr." Kalba Sabua nickte zustimmcnd. „Recht hast Du. — Also, Rahel, wie ist's? Wirst Du den Jechcskrl nehmen?"- » „Me!" „Nie?" schrie er auf, „alsdann nimm Dir meinet* wegen einen von den römischen Henkersknechten oder Deinen Mcschorcs oder sonst einen Lunipenhund, mir ist's gleich, denn Dü bist mein Kind nicht mehr. — Mach', daß Du aus nieincm Hause kommst!" „Vater!" schrie sic auf, „das kann Dein Ernst nicht sein!" „Meinst, mir wär' gar so gespaßig zu Mut? Aber ich sag' Dir's noch einmal, mach'. Laß Du weiter kommst, hast in meinem Häufe nichts weiter zu suchen!" Dabei stieß er sie gegen die Wand und verließ mit seiner geliebten Frau das Zimmer. Einige Augenblicke war Rahcl wie betäubt, erst allmählich kani ihr das volle Bewußtsein ihrer Lage. Ihr Vater hätte sie verstoßen, wohin sollte sie nun? — Ach, warum war sie nicht gleichzeitig mit der Mutter gestorben! — Wohin sollte sie sich wenden? Was sollte sie beginnen? Mit gerungenen Händen stand sie da. Daß sie das ganze ihrer Stiefmutter verdankte, die in ihr eine Beobachtcrin aus dem Hause schaffen wollte, daran zweifelte sie nicht. Aber was nützte ihr diese Uebcrzeugnng? Wohin sollte sic sich wenden? — Wohin?. — Allmählich ward sie doch ruhiger, und als sie sich beruhigt hätte, kam sie auch zu dem Bewußtsein dessen, was sie zunächst zu tun hatte. Sie raffte einige Wertsachen und Kleider zusammen, begab sich durch den Garten ins Freie und bemühte sich dann, auf Umwegen, um möglichst keinem Bekannten zu begegnen, die Wohnrmg der Schwester ihrer verstorbenen Mutter zu erreichen. Frau Bele erschrak, als sie das junge Mädchen bleich und sichtlich erschöpft eintreten sah. „Was ist geschehen?" „Mein Vater hat mich verstoßen!" stammelte das junge Mädchen, „ich habe nicht gewußt wohin, nicht woher — —" „Da bist Tn zur Muhme gekommen, natürlich, natürlich. — Und die Muhme ist glücklich, daß Du zu ihr gekommen bist. Leg' ab und ruh' Dich aus! Wenn Du willst, erzähle mir, wie alles gekommen ist, und wenn Du's nicht willst, so lasse es bleiben. Denken kann ich mir's schon." Die alte Frau hatte es bald dem jungen Mädchen so gemütlich gemacht, daß dieses ihr Unglück vergaß und bald wieder eine ruhige Miene zeigte. Da begann die Muhme, wieder das Gespräch: „Kind, wir werden schon gut miteinander auskommen. — Leid ist mir nur, daß ich Dir gar so wenig werde bieten können." „Liebe, gute Muhme Bele, wie kannst Dü nur so reden! Ich bin jung und gesund. Du wirft sehen, wie ich arbeiten und mir mein Brot verdienen werde." „Kind, was fällt Dir ein! Die Toch'er des reichen Kalba Sabua sollte arbeiten? Wo hättest Dü das gelernt?" „Zu Hause bei meiner lieben, guten Mütter. Die konnte doch alles und hat den Mägden inüner gezeigt, wie sie arbeiten müssen. Da habe ich immer zugesehen und zugehört und habe alles gelernt, so gut wie die Mägde, und habe ihnen sehr oft auch bei der Arbeit geholfen. Du wirst's sehen, ich weihe jetzt für uns beide arbeiten, und cs wird schon ganz gut gehen." „Das denke ich auch," sagte ermunternd die Me. „Doch jetzt laß uns zu Mittag essen. Nachher werde ich mich aufmachen und zu Kalba Sabua gehen und ihm sagen, daß das Kind, das er verstoßen, das er aus seinem Hause gejagt hat, nun bei mir ist. Und ich sei froh, daß es bei mir ist, nur sek es mir gar so leid, daß ich arm bin und ihr nicht alles so geben kann, wie sie's von Haus aus gewöhnt ist; darum möchte er mir Deine Kleider und Deine Sachen und Dein Bett und — —" „Nicht mehr, Muhme Bele," fiel Rahel ein, „mehr kann ich nicht verlangen, und mein Vater soll nicht sagen, daß ich mehr von ihm verlangt habe, als was ich zu verlangen berechtigt bin." „Habe keine Sorgen, Kind, ich werde nur verlangen. was Dein ist. — Wenn ich nur mit Deinem Vater reden könnte, daß die Milka nicht dabei ist —" „Ja, das wäre gut. Wenn Du mit dem Vater allein sprechen würdest, dann, glaube ich, würde er Dir gleich alles geben." Die Alte nahm ein großes Tuch um, nicht weil cs sie fröstelte, sondern weil sie Rahels Sachen, die sie ihr zu bringen hoffte, darin einschlagen wollte. Sie nickte der Zurückbleibenden zu und verließ düs Zimmer. Rahel trug ihr Bündel in das anstoßende Zimmer und begann dort ihre Sachen zu ordnen. Da vernahm sie in dem Zimmer, das sie vorüienigeu Minuten verlassen hatte, ein Geräusch, als ob ein Mensch sich räuspern würde. Sie öffnete die Tür» fuhr aber erschreckt zurück, als sie einen hochgewachsenen, ftemden Mann erblickte, der sich tief vor ihr verneigte. „Verzeihe, holde Jungftau, daß ich ohne Deine Erlaubnis hier bei Dir eindringe, aber Dü hast keinen Grund, Dich zu fürchten, denn ich führe nichts Böses gegen Dich im Schilde; Du siehst es doch auch, ich habe kein Schwert an meiner Linken, keine Lanze in der Hand — —" „Ich fürchte mich auch nicht. Doch ich kenne Dich nicht. Du willst vermutlich mit meiner 'Muhme sprechen, da muß ich Dich bitten, erst gegen Abend tvieder kommen zu wollen." „Du irrst, holde Jungftau, nicht um mit Deiner Verwandten zu sprechen, bin ich hereingekoinmen, mein Kommen gilt Dir; — ich habe ein Anliegen an Dich, oder vielmehr ich möchte ein Geschäft mü Dir machen." „Mit mir möchtest Du ein Geschäft machen?" sie schüttelte ablehnend den Kopf. „Das geht nicht, von Geschäften verstehe ich gar nichts."