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Neue jüdische Presse · 1912-03-15 · Heft 11 (15.3.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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T Seite 2. Warckfürter JsvaMWeS AaMienblaÜ. matographen-Theaters. Dieser Ta ge wurde in Jerusalem. Moliercs „Harpagon" von Lar Mitgliedern des Vereins „Freunde der hebräischen Bühne" in geradezu vorzüglicher Darstellung ausgefichrt. Ucberall regt cs sich in unserem Land, und fortgesetzt läßt sich von neuen Tatsachen, die dieses aufblühcndc Leben beweisen, berichten. In Jerusalenr ist eine mechanische Weberei in Gründung begriffen, die 200 jüdische Arbeiter beschäftigen soll; ihr Aktienkapital soll sich auf 200,000 Frs. beziffern, deren Hälfte bereits der bekannte Mendel Rand gezeichnet hat. Der Vorstand der Kolonie Risch on-el-Zion hat dieser Tage beschlossen, 20 Wohnhäuser für Arbeiterfamilien zu bauen und in nächster Nähe der Kolonie chne L a n darbeiterkolonie für etwa 60 Familien zu errichten. Der jüngste Bericht des deutschen Konsulats veranschlagt den Wert der jährlichen Orangcnausfuhr Jaffas auf fast .sechs Millionen Francs. Wenn nur erst der Krieg mit Italien ohne Schaden fiir unser Türkisches Reich beeirdet ist, dann werden die türkffchen Länder in wenigen Jahren einen Aufschwung nehmen, der die Welt in Staunen setzen wird. Unter Leitung des „Poel-Hazair-Bereines" sollte Purim in der Aula des Jaffaer hebräischen Gymnasiums ein Maskenball ftattfintien. Infolge der unruhigen Zeiten wurde die Feierlichkeit, zu der sich Gäste von Näh und Ferne einstellten, von Seiten der Regierung bis auf weiteres freundl. verbeten. In einer längeren Ansprache, die der Chacham-Baschi in der sephardischen Synagoge an ein zahlreiches Publikum richtete, ermähnte er die Anwesenden, sich ruhig zu verhalten und von gewohnten Purim-Festlichkeiten abzusehen. Ein Kadi wohnte dem Vortrage bei, der mit einem Gebet in arabischer Sprache für das Heil des Sultans uird der Regierung sein Ende erreichte. ' —t. Aus den Ereignisse« des Tages. Bis das Jahr kam. Die große, kalte Douche. Die furchtbare Enttäuschung. Die Maske fiel, die Illusion ward, grausam zerstört; die innersten Instinkte traten ans Licht; mair gab sich, wie nrau unbewußt immer gewesen. Für Berthold Auerbach war das Jahr eine Krise, eine Erschütterung sondergleichen, die Zerstörung jahrelanger Hoffnungen; der Glaube, das Fundament seines ganzen Lebens, war mit einem Schlage vernichtet. In die Harmonie seines Lebens und Wirkens, seines Denkens und Empfindens, die doch letzten Endes auf Täuschung und Illusion beruhte, kam ein Riß. Ein Ibsen würde dieses Jahr als das herrlichste, fruchtbarste, glücklichste seines Lebens preisen; für den sanften, zarten, liebenswürdigen Auerbach war cs der furchtbarste Schlag, dm ihlr treffen konnte. Seine Laufbahn als deutsch er Dichter endete, seelisch genämmen, mit einem großen Fiasko; sein Traum, vollwertiger nationaler Deutscher mosaischer Konfession zu sein, endete Mit einem vollen Bankerott. Darum haben wir Juden wahrhaftig keinen Grund, den deutschen Dichter Berthold Auerzu feiern. Es schmeckt nicht nur nach. Vogelstraußllugheit, cs. ist nicht nur selbstvvrgespiegelte Täuschung, cs ist auch etwas v!on Pietätlosigkeit, von Grausamkeit, schier von Hohn darin. Den Bankerott eines solchen Lebens zu feiern, ist ge- Feiern wir aber Auerbach, den reichbegabten jüdischen Dichter, auf den wir — bei allen künstlerischen Mängeln seiner Dichtungen — doch stolz sei» dürfen. Bon allen jüdischen Dichtern der Neuzeit war er einer der harmonischsten, einer der ausgeglichensten; er wäre zur Persönlichkeit geworden, hätte ihm nicht der Irrtum seines Lebens die Fähigkeit hierzu genommen. Sein . Irrtum ist sein Erbe, sein Vermächtnis. Vielleicht mehr als seine Dichtungen mag uns sein Irrtum wert sein. Jene bieten uns nur künstlerische Kurzweil; dieser aber weist uns den Weg zur inneren Einheit, zur seelischen Harmonie, zur Persönlichkeit. 1. 3« Berthold Auerbachs lütt jährigem Geburtstag. Den 100jährigen Geburtstag Berthold Auerbachs hat die deutsche Judenheit als einen Festestag angesehen und hat ihn gefeiert; nrit Recht, wenn sie in Auerbach den jüdischen Dichter, mit Unrecht, wenn sie den deutschen Dichter gegefeiert hät. Berthold Auerbach; der M. Dichter, ist eine harmonische Gestalt, ein reiches Talent, eine erfreuende Erscheinung, Auerbach als deutscher Dichter ist ein Fiasko, ein Bankerott, eine Tragödie. Auerbach war ein jüdischer Dichter, jüdisch nicht nur darum, weil er ein Sohn jüdischer Eltern war. Misch vvr allem in der Eigenart seines Talentes, in der Natur seiner dichterischen Begabung. Jüdisch ist der Zug seiner Dichtung, der ihr seine Bedeutung verleiht, jener pietätvolle Sinn für das Heimisch-Traute; Misch aber auch der Zug vvr allem, der seinen Dichtungen ihre innere Harmonie, ihre künstlerische Vollkommenheit raubt: der. ewige Hang zur Reflexion, die UnsÄhrgkeit, sich ganz mit der Natur zu verschmelzen, ganz aus sich selbst herauszutreten, ganz naiv zu sein. Darin ruht, künstlerisch gewertet, der störeudste Mangel sowohl seiner Dorfgeschichten, als auch, seiner Romane. Was bei dem zerrissenen Heinrich Heine den Grundzug ausmacht, auch beim scheinbar so harmonischen Auerbach ist es zu finden: beide sind sie Subjektivisten, Leide Reflexionsmenschen, beide — Juden. Und beide wollten keine Juden sein. Heine, radikal, extrem, ging bis zur Taufe. Auerbach, sanft, friedfertig, traditionell, blieb Jude, glaubte guter Jude zu sein, nahm Interesse an allem Jüdischen, aber nur in puncto Konfession; national wollte er Deutscher sein und glaubte es zu sein. Glaubte es voll und ganz, Glaubte das Jüdenproblem iji seiner Gestalt gelöst zu haben. Er, der Rabbiner werden sollte, war anerkannter Dichiter der deutschen Literatur, war zum ersten deutschen Heimatsdichter geworden; Also konnte man doch innerlich, gefühlsmäßig ganz Deutscher sein und konfessionell Jude. So ward Berthold Auerbach für seine Brüder zum Symbol, zum Ideal, zur Parole. 2. Das Erwachen der ungarische« Judenheit. Der Regenerationsprozeß, der sich gegenwärtige innerhalb unseres Volkes vollzieht, macht ungeahnte Fortschritte. Selbst die Judenheiten solcher Länder, die scheinbar für lange Zeit in träge Apathie versunken waren, erwachen und gehen mit ungeahnter Energie daran, ihr jüdisches Leben nen zu beleben. Vorige Woche konnten wir ein deutliches .Symptom dieser beginnenden Regeneration aus Amerika melden, häute können wir einen erfreulichen Ausdruck dieses Neuerwächens in Ungarn konstatieren. Plötzlich, ungeahnt, wie über Nacht, hät der Regenerationsgeist die ungarische Judenheit erfaßt und hat 'in einer mächtigen Kundgebung Ausdruck gefunden. Praktisch sollte der Zweck dieser imposanten Versammlung, die alle führenden Persönlichkeiten der ungarischen Judenheit unter ihren Teilnehmern zählte, der sein, die Regierung für die!Eiuigungsbestrebungen zu gewinnen. Wie fatan weiß, gibt es offiziell in Ungarn nicht nur ein Judentum, sondern zwei, man kann sagen, drei Jüdentümer. Einmal das orthodoxe, sodann das ncologe Judentum, wozu noch als drittes die sogenannten Status guo-GeMeind'en hinznkomMen, die sowohl orthodoxe wie neologe Mitglieder haben und etwa in der Mitte zwischen den beiden entgegengesetzten Lagern stehen. Daß dieser Zustand nicht nur nach außen hm schmachvoll und entwürdigend ist, sondern nach, innen hin alle Arbeit und fruchtbare Entwickelung unterbindet, braucht hier nicht erst gesagt zu werden. Diese Erkenntnis hat nun auch innerhalb der ungarischen Judenheit sich Bahn gebrochen, und durch die energische Initiative des Primararztes Dr. Klein ist eine lebhafte Bewegung entstanden, die bezweckt, auch offiziell und politisch die Einheit der ungarischen Judenheit herzustellen. Diesem Zweck sollte auch diese Konferenz, dienen, an der sich Delegierte aller neologen und vieler Status guo-Gemeindcn beteiligt haben, und die nach begeisterten Ansprachen und Züstimmungserklärnngen einstimmig eine Resolution annahm, in der die innere Einheit und' Zusammengehörigkeit aller ungarischen Juden ausgesprochen, und'hie Nr. 11 Anerkennung dieser Einheit auch nach außen hin gefordert wird, llnd diese Forderung wäre schon lange mit Leichtigkeit durchgesetzt, lvenn nicht deü ' Widerstand der — Orthodoxie im Wege stände. Mit wenigen Ausnähmen behärrt diese auf ihrem Trennungsstandpnnkt, obwohl — und darauf kommt es an — seitens der Neologie alle Maßnahinen vorgeschlagen werden, wodurch die volle religiöse Autonomie einer jeden Gemeind e garantiert wird und somit von einer etwaigen Schädigung oder gar Vergewaltigung der religiösen Interessen nicht die Rede sein kann. Wäre dein so, auch wir und mit uns alle traditionell gesinnten Juden würden uns gegen die Einheitsbestrebungen ausgesprochen haben. So aber, nachdem die völlige Selbständigkeit der Gemeinden gesichert ist, bedeutet die rücksichtslose 'Ablehnung aller Einheitsbestrebnngen seitens der Orthodoxie einen durch nichts gerechtfertigten Eigensinn, der von großer Gefahr für die ungarische Judenheit überhaupt, für die ungarische Orthodoxie insbesondere werden kann. Denn wir fürchten, es könnte infolge dieser Enge der Anschauung und der Verständnislosigkeit für die Interessen der 'GesaMtjudenheit seitens der ungarischen Orthodoxie dieser das widerfahren, was der jüdischen Orthodoxie Rußlands und Deutschlands im vorigen Jahrhundert widerfahren ist: Man schreitet über sie hinweg, das Leben und' die Entwicklung geht vorwärts, und die Orthodoxie, die doch au der Spitze aller jüdischen Bewegungen stehen sollte und müßte, verliert allen Einfluß. Diesen Fehler, der vielleicht den verhängnisvollsten in der ganzen jüdischen Geschichte des vorigen Jahrhunderts ausmacht, hat die Orthodoxie Rußlands und Deutschlands jetzt eingesehen; sie sucht daher das Versäumte nachzuholen und den ihr als der Hüterin der jüdischen Tradition zukoMmenden Einfluß zu gewinnen. Es wäre doch zu traurig, wollte die ungarische Orthodoxie jetzt noch denselben Fehler machen und, wo alles nach jüdischer Regeneration ruft, allein Zurückbleiben. Daß aber diese ganze Einheitsbewegung fast allein dem Streben nach innerer Regeneration und Gesundung entspringt, das hat nicht nur die Begeisterung, die den Kongreß erfüllt hät, gezeigt, das ist noch deutlicher beim Bankette zutage getreten, das die zionistische Jugendgruppe „Mäkkabi" zu Ehren der Kongreßteilnehmer veranstaltet hat. Sämtliche Führer 8er Neologie haben daran teilgenominen, und.— es klingt schier unglaublich, es zu Horen — fast alle haben sie ein Bekenntnis zum jüdischen Nationalismus abgelegt. Männer wie Franz Mezei, Ba'konyi, Szabolcsi, die bisher stets als unversöhnliche Gegner des Zionismus gegolten haben, erklärten zum namenlosen 'Erstaunen aller, daß ihre bisherige Haltung auf Irrtum und Vdrkennung, zum Teil auf äußerem Zwang beruht habe, und einer mehr als der andere feierte in begeisterten Worten den Zionismus, der überall Liebe zum Judentum hervorgerufen habe. Der innere Wünsch, dem jüdischen Leben ihres Landes neue Jnrpulse zu verleihen und an allem Jüdischen energisch mitzuarbeiten, beseelte die Worte Aller. Wahrlich, man will es gar nicht: glauben, wenn man es hört. Wie über Nacht kam all dies. Erbitterte Gegner würden begeisterte Freunde, indifferente Assinülanten bewußte Juden, auf steinigem' Boden ersprossen neue Blüten; Wunder scheinen zu geschehen. Und in der Tat, der jüdische Regenerationsprozeß scheint Wunder zu vollbringen. Sagte doch schon der große Alknteister von Weimar: „Dem festen Willen eines Volkes ist nichts unmöglich." _ Aus aller Wett. Deutsches «eich. Berlin. Am ttt. Mä-z fand hier unter großer Be teiligung die Generalversammlung der hiesigen Alli an ccm it g lieder statt. Die Versammlung wählte die bisherigen Mitglieder des Lo k al-Ko in itccs durch Zuruf wieder und als neue Mitglieder Rechtsanwalt Schachtel, L ichte n b e r g, Professor Carl Lewiu, Oskar Lö we über g, Sanitätsrat Dr. E u g cn (5 o h u und Syndikus Dr. Feitelberg. Nach! dem vom Vorsitzenden Justizrat Fuchs erstatteten Bericht über die Lage, dem sich eine Aussprache anschloß, nahm

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