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Neue jüdische Presse · 1912-03-15 · Heft 11 (15.3.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr 11. Seite 4. ' , Frankfurter ZfraMisches FamllimKlatt. „Das schadet nichts, denn Du Haft mit einem rechtschaffenen Männe zu tun, der trotz Deiner Um kermtnis von Geschäften Dich nicht Übeworteilen wird."- Der Fremde machte keinen verdächtigen Eindruck, twtzdem wünschte das junge Mädchen die Unterreduang mit ihm zu beenden. „Also nenne mir Dein Anliegen, sage, was Du von mir willst, ich habe nicht lange Zeit." „So beschäftigt bist Du?" stagte er lächelnd, „nun, ich will Dich nicht länger aujh'alten, als cs notwendig ist. Wso verniuün: Ich sah Dich vormittags mit einem mäßig großen Bündel über die Straße gehen. Du sähest sehr blaß und traurig aus, als ob es Dir gar nicht gut ginge. Im Gehen hätten sich die beiden langen, dicken Zöpfe, die Du unt Dein Haupt gewunden hattest, gelöst und fielen nun hinunter bis über Deine Knice. Das war eine Pracht, so was Herrliches habe ich noch nie geschen." Rahel mußte unwillkürlich lächeln; sie hätte zwar schon oft gehört, daß ihr schönes Haar bewundert worden war, aber daß es eüvas so besonders Herrliches war. Las hatte fte doch nicht gewußt. Der Fremde fuhr fort: „Dein liebliches, betrübtes Gesichtchen hat mir sehr lad getan, ich hätte Dir so gern geholfen, und, da fiel mir ein, daß wir uns vielleicht gegenseitig helfen könnten. Tie Tochter unseres Königs hat nämlich vor kurzem eine schwere Krankheit üb erstanden, in der sie alle ihre Haare verloren hat. Wenn Du nun, holde Jungfrau, mir Deine prachtvollen Haare verkaufen würdest, — ich würde sie Dir gut bezahlen. Tu brauchtest dann vielleicht nicht mehr so traurig zu sein, und wenn ich Deine Zöpfe unserer Königstochter bringen wüwc, die wäre überglücklich, großer Lohn wäre mir sicher. Also wie ist's, holde Jungfrau, machen wir das Geschäft?" Sie schüttelte ablehnend Len Kops. „Ich habe Dir doch gesagt, ich mache keine Geschäfte, und ob ich weniger traurig wäre, wenn ich Geld hätte. Las weiß ich auch nicht." Der Fremde ließ den Blick Lurch das ärmlich ausgestaüete Zimmer streifen. „Wenn Du hier bei Deiner Muhme wohnst, sollte man glauben, daß Dir Geld willkommen sei» dürfte." Sie zuckte wegwerfend die Achseln. „Wenn ich auch Lin Geld habe, ich bin jung und gesund und kann arbeiten." „Daran zweifle ich nicht, aber — —" Sie fuhr plötzlich zusammen, während eine Blutwellge ihr Antlitz überflutete. Der Fremde staunte: Wie .war sie so schön! Aber er schwieg-, denn er erkannte, dich sie seinen Vorschlag in Erwägung zu ziehen begann. Endlich sagte er: „Du brauchst nicht zu fürchten, daß Du dadurch entstellt würdest, ichwürde Dir die Haare doch nicht abscheren, sondern würde sie gleichmäßig überall in der Länge von zwei Daumenbreiten lassen. Sei versichert. Deine Schönheit würde nicht darunter leiden." Sic zuckte abermals wegwerfend die Achseln. „Meinst Du, cs wäre mir .gar so viel an meiner Schönheit gelegen? Aber es gefällt mir nicht, mein Haar zu verkaufen, — cs ist nur, daß ich das GeW sehr, sehr gut gebrauchen könnte." Ihre Stimme war merklich belegt, der Händler erkannte. Laß er gewonnenes Spiel hatte. .Wer er war in der Tat ein rechtschaffener Mann, er wollte sie nicht übervorteilen. „Also Du wärest bereit, mir Deine Haare zu verkaufen?" „Es kommt darauf an, wieviel Du mir dafür geben willst." „Nenne Len Preis, ich hoffe, wir werden handelseins werLen." Sie begab sich ins Nebenziimner, wo sie ihre Sachen abgelegt hatte, und kam gleich darauf mit einem Leinen Säckchen zurück. „Wenn Du mir dieses Säckchen voll mit Silbermünzen gibst, sodaß nicht eine einzige mehr hineingeht, so will ich Dir gestatten, meine Haare abzuschneiden und zu nehmen." „Holde Jungfrau, Deine Forderung ist sehr groß, — öfter Deine Haare sind eine Pracht, wie ich noch keine geschen habe, — also sei's darum." Er zog einen ziemlich großen Geldbeutel aus der Tasche und ließ das Geld in Rahels Säckchen gleiten; sie ward glühend rot vor Freud.', dem Geliebten nun doch die gewohnte Unterstützung zukommen lassen zu können. „Ist's nun genug?" ftagte der Händler. „Es gehen noch einige Münzen hinein." „So stopfe hinein, so viele Du kannst; Du siehst, ich karge nicht." (Fortsetzung folgt). ... Zur See. (Eine Skizze.) Mit glutroter Pracht sank die Sonne in die spiegelglatte Sec. Schwerbeladen schneitet der Dampfer sich einen Weg durch die rosige Flut, die von den letzten Sttahlen des dahinrollenden goldenen Balles beschienen ist und hintcrläßt weiße, schäumende Furchen. — Die aufgewühlten Wellen und wirbelnden Strudel verschwinden gemächlich, nacheinander, und auf der gläsernen Fläche tanzen unbeschreibliche Lichter, spielen magische Farben und Reflexe. Die feurige Kugel im Westen ist nun längst verblichen. — Schwarz, stahlgrau dehnt sich unabsehbar nach allen Richtungen, das Meer wie ein Trauertuch, das keinen Anfang und kein Ende hat. — Weit, weit in der Ferne rundet sich ein blasser, gelber Halbkreis, dieses Nachtkleid c>er Tiefen sanft verbrämend. — Rings umher herrscht eine Stllle, wie sie nur die Hochscc kennt. — Bloß das eintönige Geklapper in der Steuerstube, mitunter auch das Gezisch aufbrausender Wogen stören diese harmonische Sttlle. — Zuweilen dringen durch dieses geheimnisvolle Schweigen leise, zitternde Töne, die llagend in die Nacht hineinseufzen . . .. Und wieder ist alles still. — Eins — zwei — klingt cs langgezogcn vom Wachtturm herunter. Die letzten Reisenden, die noch hier und da aus den langen Scestühlen gesessen oder fröstelnd am Boden gekauert haben, huschen wie Schatten über das Deck und verlieren sich im Jnncrir des Schiffes. — Größer scheinen die riesigen Essen in die Leere zu wachsen; höher, immer höher recken sich die Mastbäumc, als wollten sie den Himmel durchbohren .... Dort, in der düsteren Ecke, bald von einem fahlen Lichtstreif des ausgehenden Mondes erhellt, bald wieorr in Finsternis versenkt, hocken die Gestatten, die nebeneinander so gruppiert sind, daß sic in dem Halbdunkel eine einzige Masse zu bilden scheinen. Plötzlich kommt Leben und 'Bewegung in diese Masse ... Gebeugt, gebrochen, bald vor-, bald rücbvärtsfallend, erhebt sich eine lange, schattenhafte Figur; gleichsam, als hätte sic der Nachthauch ans der Tiefe hervorgczaubert, gleichsam, als könnte sie mit dem leisesten Luftzug wieder verschwinden, — so spukhaft ist die Erscheinung . . . Unbeweglich steht das Gespenst eine Weile La, sich auf etwas besinnend und vorbereitend . . . Plötzlich wendet cs sich um, — das trübe, flackernde Licht einer Laterne fällt auf ein Menschengesicht. — Freilich geisterhaft genug! — Die ganze Gestalt steht nicht in ungleichem Verhältnis! . . Nichts ist von dem Antlitz zu sehest als die tiefgelcgcnen, glühenden Augen, die wie zwei glimmende Funkxn hervorsprühen. — Selbst die gebogene Judennasc ist in. dem milden grauen Vollbart kaum bemerkbar, das Gesicht ist vollständig bedeckt, und alle Züge sind verwischt . .. . Der weite Schirm der Mütze beschattet die Stirn, die der haare bar ist. — In allem — eine wundersame Figur, die in einem langen Kaftan steckt. „Kommt, Kinder, kommt, — laßt die Mutter nicht so lange warten," tönt die heisere Stimme des Alten, der, die Hände ancinanderrcibend und sie in die weiten Acrmel steckend, sich anschickt zu gehen. Schlürfenden Ganges schreitet er nun über das Deck, — der weite Rock, vom Winde aufgebauscht, flattert um seinen hageren Körper und scheint ihn sortblasen zu wollen, — ihm folgen ein junges Mädchen und ein junger Mann, beide von regelmäßiger Statur, in jedem Tritt wannes Leben bekundend, — ein krasser Gegensatz zwischen Vater und Kindern! Der unterste Raum des Schiffes ist bald erreicht. Ein dumpfer Geruch uird ein röchelndes, gewaltiges Schnarchen steigt aus dem Innern, wo so viele Menschen wie Tiere zusammengepfercht liegen, den Kommenden entgegen. — Im Hintergründe flackern zwei Kerzen, die ein unsicheres Licht über die Betten und die verzerrten Gesichter darauf verbreiten . . Einen großen, altmodischen Koffer, der mit einenl schmutzigen Sacktuch bedeckt ist, sieht man da in der Ecke. Daneben steht eine ganz zusammengekrümmte Frau, die Hände über den Augen, im stillen Gebet versunken .... „Gut Schabbos, Taube, — gut Achabbos!" ruft der Alte schon beim Eingang, — und ohne auf eine Antwort zu warten, beginnt er im wohlbekannten Singsang: „Scholeni aleichem, malachei hascholaum . . Die Aermel aufgeschürzt und die Hände über den Rücken geworfen, geht er zwischen den Lagerreihen auf und ab, selbstgefällig und zufrieden, sodaß selbst das. wildbewachsene Gesicht auf einige Augenblicke von einem heiligen Feuer beleuchtet zu sein scheint und .einen eigentümlichen Ausdruck der Ruhe und Milde annimmt. Indessen hat die kleine Familie sich um den großen Kasten gesammelt. Ein jeder beobachtet Schweigen und scheint mit seinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt zu sein .... Soeben sucht die alte Mutter den silbernen Becher aus einem Versteck hervor, während die Kinder aufmerksain fragend jeder Beivcgung der Eltern nachschaucn, als ob der „Kiddnsch" ihnen dieses Mal cttvas Neues darbictcn würde ... In feierlichem Tone beginnt der Vater: „Wajhi Ereiv, wajhi baukor . . Seine Stimme stockt; er stößt jedes Wort gurgelnd aus der Kehle, wirft äb und zu verstohlene, furchtsame Blicke umher und lauscht aus jeden Atemzug und jedes Geräusch, als habe er eine Vorahnung von etwas Bösem ... Schon hat er den „Kiddusch" beendet, schon hat seine sonore Sttinine die letzten Töne ausklingcn lassen, als - es plötzlich wie ein Donner daherkracht und im Nu finster wird . . . Eine drückende Stille breitet sich um öeu Sabbattisch aus, über den ein matter Schein einer fernen Ocltampe gleitet . . . Alles ist ausgcstorben . . . Das Entsetzen, das sich in den Gesichtern der armeir Auswanderer ausprägt und jede Minute grellere Farben und drastischere Ausdrücke bekommt, spottet jeder Beschreibung . . . Unheimliches Schweigen hüllt Vater und Sohn, Mutter und Tochter ein . . Jeder ist vor Ueberraschung sprachlos und mag der andern Sinnen nicht unterbrechen . . . In der entgegengesetzten Ecke aber hört inan ein frohlockendes, schadenfrohes Kichern . . . * Der Himmel draußen ändert schnell seine grauschivarze Farbe . . . Die erste Sonncntafel, die in das Zwischendeck hinunterfällt,' findet die jüdische Emigranteiifaniilie noch um 'den Koffer — ein Bild des grausamsten Elends und der bittersten Verzweiflung! — Leuchter uud Kerzen liegen auf dem Boden; daneben sieht inan einen nasseir ' Flecken, einen Becher und eine zerbrochene Flasche. Auf dem Sacktuch dagegen prangt ein grober russischer — Stiefel ... 2. Bay. OPTIK J. W. UM, Inh. P. Wandeiey, Ecke Neue Mainzers», u. Welssfrauengtr. 11. Elektr. 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Dann wird von den Teppichen, Brettern, von der goldnen Lade, dem golden Tisch für die Schaubrote, dem kunstvoll getticbenen Leuchter, dein Räncher- und Ganzopferaltar erzählt. Den Schluß des Wochenabschnittes bildet die Beschreibung des „Umhofes." Bemerkenswert ist die Einleitung der Sidra mit dem Gebot der Sabbathciligung mitten in der Geschichte des Stistshüttcnbanes. Die Tradition leitet daraus die Lehre ab, daß am Sabbat eben jene Arbeiten verboten sind, die beim Bau der Stistshütte vorkamen.

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