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Neue jüdische Presse · 1912-03-15 · Heft 11 (15.3.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zur hundertjährigen Emanzipation der preußischen Inden. Wiestand es um uns vor dem 12. März 1812, und wie steh't's heute? Was hat sich iu unserer Lage geändert, sind wir reicher oder ärmer geworden? Beides, reicher und ärmer zugleich. Bor hundert Jahren waren wir rechtlos, Kainmerknechte, Schutzjuden, im besten Falle Hofjuden, aber freie Menschen, Bürger waren wir nicht; nicht einmal das primitivste Recht eines Menschen, das Recht der Freizügigkeit, besaßen wir, und wie Vieh mußten wir einen Leibzoll entrichten. Und Mute? Heute sind wir Bürger, wenn auch zweiten Grades; wir sind im Besitz von Menschenrechten, int Prinzip im Vollbesitz aller Bürgerrechte, faktisch aberbloß im Besitze von geschmälerten Bürgerrechten (siehe Artikel: Hundert Jahre Emanzipation), geschmälert durch die Unersättlichkeit einer zur Macht gelangten priveligiertcn reaktionären Partei, von deren Rechtsbeugung auch Christen anderer Richtungen Mehr oder minder zu leiden haben. Wir sind also in den hundert Jahren an Freiheiten, an Rechten reicher geworden; — allein iveit mehr, als uns gegeben, ist uns genommen worden. Allgemeine menschliche Giiter hat man uns gegeben und zwar in beschränktem Maße; jüdische Güter hat man uns in viel größerem Maße genommen. Genommen, widerwillig genommen?! Durchaus nicht! Es ist beschämend zu gestehen: freiwillig weggeworfen, verschleudert, unnötigerweise verschleudert haben wir sie! Wir rvaren reich an jüdischem Wissen, an jüdischen: Gefühl und jüdischen. Gedankcngängen, an jüdischen: Brauch und Sitte; das waren wir damals noch vor hundert Jahren; und heute? Wir wisse:: alle, wie arm, bettelarm wir an diesen unseren kostbarsten Gütern, die wir durch die Jahrtausende mit unsäglichen Opfern iu die Neuzeit hinübergerettet haben, geworden sind. Oder wissen wir es nicht? Uns dünkt, wir wissen, es eben nicht, und das ist die größte Tragödie in unserer hundertjährigen Vergangenheit; das „Volk des Buches" hat sich wegen eines Linsengerichtes zun: „einau jaudeah scheeinar: jaudeah", zu einen:, ,dcr nicht einmal weiß, daß er nichts weiß"., freiwillig degradiert. Und doch brauchen wir nicht zu verzagen! In den -Zelten Jakobs beginnt es zu dämmern, von den Bergen Judas, von der alten Heinrat wehen erfrischende Lüfte; die Schlafenden beginnen schon zu erwachen, und die Jungen sind schon auf den Beinen, und von: Willen zum Judentum ergriffen, greifen. sie nach den: Buche. Mögen die Alten und Schwachen auch, im Schlafe verharren, der Tag bricht trotzdem an; das 200jährige Jubiläum der Emanzipation wird die deutsche Judenheit bei einer ganz anderen Verfassung vorfinden. Hundert Jahre Emanzipation. Hundert Jahre Emanzipation in Preußen, — und noch Mute sind die Jichen äs facto von aller: Memtern in Staat und Gemeinde ausgeschlossen. Jede Anstellung eines Juden bildet eine Ausnahme, die fein sorgsam registriert zu werden verdient. Solche Ausnahmen sind in den dunkelsten Zeiten des Mittelalters vorgekommen und ereignen sich sogar in dem finstersten Lande der Gegenwart, in Rußland. Der niedrigste Posten, selbst der eines Nachtwächters, ist den Juden Preußens heute noch, hundert Jahre nach der papierenen Enmnzipation, versagt. Aemter stehen ihnen offen, wenn sie nicht besoldet werden. Unbesoldete Stadtratsstellen in der Kommuire, außerordentliche Professuren an den Universitäten. Noch heute warten die Juden Preußens auf ihre wirtliche und volle Emanzipation, die ihnen auf den: Papiere vor hundert Jahren gegeben wurde, nicht um ihretwillen — denn sonst wäre sie eine wirkliche Gleichberechtigung geworden — sondern, weil der Geist der Zeit diese Lücke in seiner Forderung der gesetzlichen Gleichheit aller nicht dulden konnte. * Freilich dieselben Steuern dürfen sie zahlen wie ihre anderen Mitbürger, — und das ist schon etwas! Bor hundert Jahren hatten sie noch ein halbes Dutzend Steuern mehr zu zahlen, die von einer fürsorglichen Behörde nur für sie geschaffen waren. Auch ist es .ihnen unbenommen, ihr Geld auszugeben, wie sie wollen. Wenn sie das Portemonnaie dazu haben, mögen sie sich fürstliche Schlösser kaufen und sich einreden, sie seien die Fürsten selber, sie, die vor hundert Jahren nicht einmal ein Spaziergängchen außerhalb der Mauern ihres engen Stadtwinkels machen durften. Und weil es. ihnen heute frei steht, sich alles, was .man mit Geld erlangen kann, zu gönnen, deshalb reden sie sich ein, sie seien nun auch.wirklich emanzipiert. * . Wenig hat die Emanzipation uns Juden gegeben, — doch viel hat sie uns genommen. So wenig ernst es dem Staate mit den: Versprechen der Gleichberechtigung, soweit diese die Juden betraf, war, so fest tvar der Glaube der Juden an die Ehrlichkeit dieses Versprechens, nnd um jede Ursache für die Verzögerung der faktischen Gleichberechtigung hinwegzuräumen, suchten sie mit den: aufzuräumen, was sie von ihrer Umgebung unterschied, suchten sie ihre jüdische Eigenart aufzugeben. Solch' Bestreben blieb nicht beim Aenßern, es ging in die Tiefe, trennte große Teile von dem Boden, auf dem die Erhaltung der jüdischen Gesamtheit beruht hatte, von dem Boden der jüdischen Tradition, und von da bis zur völligen Entwurzelung war nur ein Schritt, wie das große Gleichgültigkeitsjudentum mit seinen Blüten „Mischehe" und „Taufe" erweist. Auch ohne dieses Bestreben der Anpassung, der Assimilation, wäre die Gefahr für den Fortbestand der alten Einheit der Judenheit schon groß genug gewesen. Stand doch das jüdische Geistesleben schon längst nicht mehr in Blüte und hätte längst nicht mehr die Kraft, die von außen einflutenden Ideen zu absorbieren. Jetzt aber fehlte nicht nur die nötige Kraft des Widerstandes, sondern es wirkte auch der Wille, sich den anderen anzupassen. Es mischten sich jüdisches Denken und Fühlen und alle möglichen philosophischen und religiösen Anschauungen, wie sie gerade in der außerjüdischen Welt bestanden, in wahllosem Mischmasch, und der Wille der Assimilation drängte das jüdische Element im Bewußtsein des Durchschnittsjuden immer mehr zurück. So wurde die Emanzipation zu unserer Vernichtung — statt zur freier: Entfaltung unserer Kräfte, statt zu einer neuen Blüte jüdischen Geisteslebens. Urrd es mußte so kommen! Emanzipation ist Gleichberechtigung unter Wahrung der volkstümlichen nnd religiöser: Sonderheiten innerhalb des Staatsgairzerr. Emanzipation ist freie Entfaltung aller in den: Staatsganzen vorhandenen Kräfte auf Grund alter bestehenden Besonderheiten der einzelnen Teile. E m a n z i p a t i o n ist die A n e rkennung der menschlichen Würde, — aber Emanzipation mit Assimilation eine Entwürdigung der sich Assimilierenden. * Weil wir Juden die Emanzipation rnit her Assimilation erreichen wollten, haben wir sie nicht erreicht. Unser Streben nach Assimilation hat dem Staate die Notwendigkeit genommen, uns die faktische Gleichberechtigung zu gewähren. Suchen wir daher wieder den Anschluß an die Traditionen des jüdischen Volkes, damit wir jüdische Eigenart erkennen, damit sich dann wieder jüdische Eigenart entfalte. Dann wird das Streben nach Assimilation von selbst schwinden, — rrnd dann wird der Staat schließlich nicht arrders können, als uns faktische Emanzipation zu gewähre!:. Diese Emanzipation aber ist dann diewahre Emanzipation, die Emanzipation unterW ahrnng unscrerWürde. Brief ans Palästina. Jaffa, Ende Februar. Wie ich bereits berichtete, wurde auf dem Wege von Jaffa nach Rischon ein Wagen überfallen. Inzwischen sind die Täter in Wächtern umliegender Gärten erkannt worden. Ans Zeugen gestützt, wurde die Anklage, unter Angabe der Verdächtigter:, erneuert. Der „humane" Polizeiangestellte, dem die Klage unterbreitet wurde, meinte, daß sie zu geringfügig zu einer Gefängnisstrafe und daher eine Untersuchung unnütz, sei. Dieser Umstand sowie die Tatsache, daß verschiedene Kolonien durch die Araber zu leiden haben, veranlagten Dr. Ru pp in, Leiter des hiesiger: Palästina-Amtes, eine Sitzung der Vorstände („Rosche: Hawaad") der jüdischen Kolonien einznberufen, in der erwogen wurde, auf welche Weise Abhilfe geschafft werden könne. Der hiesige Chcrchambaschi sowie Rabbiner Kuk wohnten der Sitzung, die hinter geschlossenen Türen abgehalten wurde, bei. Dieser Tage erhielt in Petach Tikwäh ein jüdischer Wächter von einein arabischen Kollegen einen Schuß in den Oberschenkel. Der Täter ist 'flüchtig. Das Befinden des Verletzten ist lebenKgefährlich. ' All diese kleinen Plänklereien mit den Arabern sind nicht tragisch zu nehmen. Die Kultur wird aucht diese Kinder der Natur allmählich ganz besiegen. Und'die Kultur zieht hier immer weitere Kreise. Sy erfreuen wir uns. seit einem Monat einesMinV-

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