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Neue jüdische Presse · 1912-03-08 · Heft 10 (8.3.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 10 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seile 2. " Diese Kchillah hat eigentlich nur einen Zweck: das jüdische Erzichungswescn in Ncw- Hcrk zu regeln. Vor nicht allzu langer Zeit haben wir eine Enquete veröffentlicht, die in New- Aort über die Erziehung der jüdischen Jugend angcstcllt wurde, und die das unglaubliche Resultat ergab, das- . nahezu zwei Drittel dieser Jugend ohne richtige jüdische Erziehung heranwächst. Welche Gefahr dies aber sür den inneren Bestand der -amerikanischen Judcnhcit überhaupt, der 4ft:w-Iorkcr insbesondere in den nächsten Jahrzehnten bedeutet, ist ohne iveitcres klar. Dies haben die Führer der amerikanischen Judenheit, dies hat Dr. Magnes vor allem sofort erkannt, und mit der ihnr eigenen Energie sind sic sofort daran gegangen, dein ein Ende zu machen. Dr. Magnes trat an die Spitze der Aktion, die Opfcrwilligkcit und Großzügiglcit der jüdischen Philantropen kam ihnr zu Hilfe, und nach relativ sehr kurzer Zeit ist bereits das glänzende Resultat zu melden: Die Kchillah ist da, und ihr Kapital beträgt tt Millionen. Tie neue Institution wird nun unmittelbar daran gehen, überall jüdische Schulen zu gründen, Schulen, die sowohl den allgemein-pädagogischen als auch den jüdischen Anforderungen entsprechen. Was die erstercn betrifft, so gilt cs vor allem, die schädlichen Wirkungen der Chedorim zu beseitigen, die sowohl vom pädagogischen wie htzgienffchen. Standpunkt aus gleich mangelhaft sind, lind was die jüdische Seite anbctrifft, so bietet die Persönlichkeit des Leiters und Initiators des Ganzen, des Dr. Magnes, die beste Garantie dafür, daß diese Schulen in traditionellem und nationalem Geiste geleitet sein werden. Ueberall in der Judenheit beginnt heute die Erkenntnis aufzudämmern, daß es kein brennenderes und wichtigeres Probten» in unserem Leben gibt als Las der Erziehung unserer Jugend. In Westeuropa weiß mau dies schon seit einiger Zeit, und auch in Rußland und Galizien erkennt mau immer inehr, daß dies den Kernpunkt aller inneren Arbeit bilden muß. Die amerikanische Judcnhcit, die bisher diesem Probleme gar keine Aufmerksamkeit zu schenken schien, hat es auch erfaßt und scheint — und darin zeigt sie ihre amerikanischen Tugenden — cs schneller und besser als überall lösen zu wollen. Schon hat New-Aort den verheißungsvollen Anfang gemacht, und schon heißt «s, daß Dr. Magnes daran gehen will, in allen bedeutenderen jüdischen Gemeinden solche Kehillas, die sich speziell der Regelung der Erzichungsvcrhältnisse widmen sollen, zu gründen. Wird dies erreicht, dann werden die Aussichten der amerikanischen Judenheit für die Zukunft die denkbar besten, dann 'ist in der Tat mit Sicherheit zu erwarten, daß drüben in inuncr höherem Maße ein starkes jüdisches Zentruni erstehen wird; wie nötig dies aber angesichts der nicht allzu rosigen Verhältnisse der curopäffchcn Judenheit ist, das braucht hier nicht erst .gesagt zu werden. Der Initiator des großartigen Werkes aber, Dr. Magnes, darf überzeugt sein, in dieser Arbeit ein vielfach größeres Arbeitsfeld sür seine großen Talente zu fiirden, als er cs als Rabbiner der Emanucl-Synagoge gehabt hat, er darf auch sicher sein, sich durch diese Arbeit einen Ehrenplatz in der Geschichte der amerikanischen Judcnhcit zu erwerben. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Die Ne Präsentanten bewilligten dem „Verein der unter Aufsicht stehenden K oschcrflcisch- Händler" 500 Beitrag zu den Kosten eines Prozesses gegen die sogenannten wilden Koscherflcisch Händler. Wie der Referent, Justizrat Dr. Cohn, mitteiltc, ist nach amtlicher Feststellung in einer großen Anzahl von „koschcrn" Würsten dieser Fleischhändler das Vorhandensein von Schweinefleisch festgestcllt worden. Aus Wurstproben von zwölf bekannte», und angesehenen Koscherfleischfirmcii ergab sich sogar die kaum glaubliche Tatsache, daß die Wurst ans fast nichts anderm als Schweinefleisch bestand. Berlin. Am 26. und 27. Mai wird die Jüdische Tnrncrschast in Berlin ihren V. Turn tag abhalten. Anschließend an die Tagung wirb u. a. das erste jüdische Sportfest stattfinden, bei dem sich m':«. Fußball- und. Hockeymannschaften der. verschiedenen ' Vereine gegcnübcrtrcten werden. Außerdem werde» lcichtnnd schwerathletische Konkurrenzen stättsinden. Frankfurter Israelitisches Famklienblatk. Der Verband steht auf dem Boden des Nationaljudciitums und wurde gelegentlich des sechsten Zioiiistenkongresscs in Basel im Jahre 1903 gegründet. Er umfaßt cttva 3500 Mitglieder in Deutschland, Oesterreich, Schweiz. Bulgarien, Rumänien und Türkei. Stratzburg. Das .Statist. Jahrbuch sür Elsaß-Lothringen (1911)" gibt über die Juden folgende statistische Zahlen: Zahl am 1. Dez. 1910 : 30 483. Rabbinate: 18 im Unterelsaß, 11 im Obcrclsaß, 4 in Lothringen. Gotteshäuser: 97 . im Unterclsaß, 41 im Oberelsaß, 48 in Lothringen. Jüdische Elemcntars ch u l e n: 36 im Unterclsaß, 7 im Obcrclsaß, 5 in Lothringen. An der Universität S t r a ß b u r g studierten im Sommerhalbjahr .145 Juden (37 Juristen, 74 Mediziner, 14 Philosophen, 20 Mathematiker). Königsberg. Als eine entscheidende Niederlag c des j ü d. - l i b e r a l e n Radikalismus dars der Ausfall der R c p r ä s c n t a n t e n w a h l aufgefaßt werden. Mit erdrückender Majorität bei einer Beteiligung von nahezu 70»> der Wahlberechtigte» — in den Vorjahren war die Beteiligung nie über 15 bis 20°/» gestiegen — siegte die Liste des „Jüdischen Gcmeindcvcrcins" über die Kandidaten des „Liberalen Komitees." Kaum mehr als ein Fünftel der abgegebenen Stimmen konnte» letztere auf sich vereinigen. Die Vorgeschichte der Wahl zeigt wieder cininal, wie wenig im Grunde geiiommcn die radikal-liberale Richtung in «»seren großen Gemeinden festen Fuß gefaßt hat, wie sic aber in umso größerer Anmaßung die Vertretung aller derer für sich beansprucht, die sic bei ihren „liberalen" Gefühlen packen und denen sie vor den bösen Zionisten und Orthodoxen Angst machen kann. Während cs hierorts immer Gepflogenheit gewesen war, sämtliche ausscheidciidcn Repräsentanten wicderzmvählcn, wollten die Liberale» diesmal plötzlich einige ihnen .nicht genehme Namen streichen. Für die neu zu besetzenden Stellen schlugen sic in erster Linie die beiden Vorstandsmitglieder der hiesigen Bereinigung für liberales Jiiücnliiiii vor und vcrlvcigerten grundsätzlich den Zionisten eine Vertretung in der Repräsentanz. Diesen Bedingungen glaubte der Gcmciiidcvcreiii — bestehend ans vielen Mitgliedern der hiesigen Gemeinde sowohl orthodoxer wie zionistischer und liberaler Schattierung — nicht zustimmeii zu sollen. In einer Gegenliste wurden neben der Mehrzahl der bisherigen Repräsentanten ii. a. Dr. iitcb. Pelz als Vertreter der Zionisten und Elias Hirsch, zugleich Repräsentaiit der orthodoxen Gemciiidc, als neue Kandidaten ausgestellt. Trotz unglaublicher Anstrengungen der Gegner, denen einige Propaganoarcdncr aus dem Reiche zu Hilfe gekommen waren, wurde die Liste des Gemeinde- Vereins zum Siege geführt. Der moralische Sieg des Wahlkampfs — der erste Sieg von Kompromißkandidaten in Deutschland überhaupt — gebührt einzig und allein den Zionisten und und ihrer bewährten Organisation. Hoffentlich gelingt es ihnen und den mit ihnen verbündeten „positiven" Juden, bei der nächsten Wahl auch eine ihrer Wählcrzahl entsprechende Kandidatcnmengc durchznbringcn. Unstreitig wird aber bereits diese Wahl von großer praktischer Bedeiiinng sür das jüdische Leben Königsbergs werden. L. Oesterreich-Ungarn. Wien. Die in dem gleichnamigen Artikel der letztwöchentlichen Nummer des „Franks. Israelit. Familicnblattes" so trcsslich gezeichnete „O b c r s ch i ch t" der Judenheit hat auch in unserem Wien, seitdem das Morgenrot der Emanzipation hcraufzog, nmiiitcrbrochcii eine Tätigkeit entfaltet, die in -den ewigen Annalen der Geschichte so gcbrandmarkt dastchcn wird wie der Namen jenes verächtlichen Griechen, der um das Interesse seiner eigenen kleinen Person willen, den verheerenden Feucrbrand anlcgtc. In dem Beratungssaal der Knltnsgcmeindc schauen Porträts der Väter, Schwiegerväter und Großväter heutiger antisemitischer Christen auf ihnen gleichgestimmte Nachfolger in der.. Führerschaft der Kultusgcmeindc herab, — und man kann es im Interesse des Judentums nur bedauern,' daß diese Herren nicht schon selbst den Schritt, ihrer Nachkommen taten, denn die äußeren Feinde, zu denen sie dann übergegangcn wären, schaden uns weniger als die inneren, die sie in ihrem Assimilationsdrangc meist gewesen sind. Unser heutiger Knltusgemcinde-Vorstand! — Als im Sommer 1903 in Kischincw das Blut der hingcschlachteten Juden die Straßen rot färbte und die ganze gesittete Welt ein Entsetzensschrei durchbranste, ging dieser Führerschaft von fast '200 000 Juden die Sache nichts an. und der sonst so brave Obcrrabbiner Dr. Güdemann zog sich eine Rüge zu, weil er es geivagt hatte, ans der Kischinclver Protestverfammlung zu sprechen. Dagegen gab einer dieser Führer, der ehrenwerte damalige Vizepräsident der Knltusgcmeinde Ritter v. Taussig, der Mörderregierung die Millionen, die sic brauchte, imt. die Regungen nach Freiheit zu unterdrücken. Als voriges Jahr zchntausende galizischc Inden durch eine antisemitische Gesetzgebung in ihrer kümmerlichen Existenz bedroht wurden und ihre Vertreter zu ihren mächtigen „Brüdern" in Wien schickten, blieb die Tür dieser „Brüder" geschlossen. .Doch als der Hainan Lueger starb, da waren diese Vertreter der Wiener Judenheit die ersten, die öffentlich ihr Beileid bekundeten. Warinn; wir. heute „ an diese bekannten Tatsachen erinnern? Sombart, der deutsche Gelehrte und waschechte Christ, hat, trotzdem der Vorstand der Kultusgemeinde es gern verhindert hätte; unter, ungeheuerem, Andrang auch hier gesprochen, hat .auch hier das klägliche Bild des Assimilationsjuden und den Wtg' zu Nr. 10 einer jüdischen Zukunft gezeichnet. Dagegen mußte die sonst - in jüdischen Dingen so gleichgültige offizielle Führerschaft der Wiener Judenheit Stellung nehme», und so veranstaltete sic eine Pr o test.ver sa mml u ii g , in der einer ihrer Angestellten — ‘ cs war Rabbiner Dr. Grün Wald — sprach. Natürlich ging es auf dieser Versammlung nicht ruhig zu. Dafür sorgten schon die selbstredend von dem Präsidimn der Veranstaltung versuchte Knebelung dieser „öffentlichen" Versammlung. Manche Tageszeitungen erzählten gar von Prügelszcncii zlvischen Assimilantcn und Zionisten, so schlimni war es aber bei aller Erregung nicht. Budapest. Aus der in den Blättern veröffentlichten Traueranzeige über den Tod des Bankdirektors a. D. M ax Rcnm tun von Kiralhhalom erfuhr man zur allgeiiieincn Ueberraschung, das; das Leichenbegängnis nach römisch-katholischem Ritus stattfinden werde, trotzdem Neumann bis an sein Lebensende Mitglied der israelitischen Religionsgemeinde war, an dem Gemeind - leben regen Anteil geiionimen und auch in der Chcwra Kadischa eine hervorragende Rolle gespielt hatte. Die Gemeinde erhob sofort gegen die Bestattung Nenmanns nach katholischem Ritus Vorstellungen unter Hinweis darauf, daß Neumann vor einigen Jahren im isr. Fried- Hose die nächst dem Grabe seiner Gattin und seines Neffen, des Direktors des konimunalstatistischeii Amtes Joses v. Körössy; gelegene Grabstätte angckauft und laut der in den Händen der Gemeinde befindlichen letztwilligen Verfügung hier begraben zu lverden wünschte. Die namens der Chcwra Kadischa uiiteriiommcncn Schritte blieben jedoch insofern erfolglos, als das Leichenbegängnis Nenmanns nach römisch-katholischem Ritus erfolgt ist. Die Chcwra Kadischa wird aber trotzdem das Verfahren fortsctzcn und hat gegen den Kaplan Dr. E lein er Hns zur, der die Taufe Reumanns am Sterbebette, als er offenbar nicht mehr bei vollem Bewußtsein war, vvrgenommcn hat, die A n z c i f) c wegen Wcgtanfnng c r st attet. Noch kurz vor seinem Tode hat Neumann mit Dr. Me z e y, dem Generalsekretär der israelit. Rcligionsgenicinde, bezüglich jüdischer Jiistitiitioiie», die er in seinem Testament zu bedenken beabsichtigte, Rücksprache gepflogen. Die Veranlassung zu dem Akte der Taufe dürste der getaufte Sohn Nenmanns gegeben haben. Lemberg. Wieder ist aus unserem Lande die E n t f ii h r n n g eines j n d i s ch c n M ä d ch c n s behufs Taufe zu berichten. Diesmal ereignete sich der Fall in Gliniani, wo das dreizehnjährige Mädchen des Isaak Säkler durch den Gemcindcschrcibcr des Ortes entführt und nach Kozlow zum Geistlichen gebracht lvurde. Es gelang, das Kind noch rechtzeitig ans den .Klauen des Seelenfängcrs zu befreien. Aber wie viele jüdische Mädchen verschwinden in Galizien spurlosaus dem Elternhause, um in einem der Klöster getauft zu iverden. Der Advokat Tr. Mathias W c i n r e b, welcher sich in diesem Falle der Familie Säkler annahm und das Kind beim Pfarrer anfstöbertc, hat gegen d e n Entführer den Prozeß angestrengt. Ezerriowitz. Die Mitglieder der jüdisch-nationalen Studentenverbindungen veranstalteten vor der Wohnung des Dekans Pctschek wegen eines gegen sie erlassenen Farbcnverbotes und der Nichtanerkennung der jüdischen Nationalität Demo n st r a t i o ii e n. Die Polizei zerstreute die Demonstranten. Palästina. Haifa. Für den im April beginnenden Bau der Eisenbahnlinie Aphnlc — I e r u s a l em werden die technischen Vorarbeiten emsig durchgcführt. Durch die neue Eisenbahnlinie erhält bekanntlich Haifa eine direkte Eisenbahn- Verbindung ui i t Iernsalc m. Aphnlc liegt an der Eiscnbahnstrccke Haifa—Damaskus, und hier wird die neue Bahn nach Jerusalem hin — über Ganiii und Nablns (Sichern) — abzwcigen. Die Länge dieser Zweiglinie beträgt ca. 170 Kilometer, also doppelt soviel als die Strecke Jaffa—Jerusalem. Der Ban, der 3 Jahre in Anspruch nehmen dürfte, wird einen Kostenaufwand von annähernd 40 Mill. Frcs. erfordern. Aus -er Lehrerwett. Hamburg. Im Rcpräsentantenkollcgrum der Deutsch-Israelit. Gemeinde rief der Kommissionsbericht über die Gehaltserhöhung der Lehrer und Lehrerinnen an der Töchterschule eine lebhafte Debatte hervor. Die Kommission beantragte Annahme des Antrags des Gemcindevorstandes auf Erhöhung der Gehätler für die im Anträge näher bezeichncten Lehrkräfte sowie die Bewilligung einer Teurnngsznlagc von je 100 JL für das Jahr 1912 an die zwölf festangestellten Lehrerinnen, die nicht mit einer Erhöhung bedacht wurden. 'Der Kvmmissionsantrag lvurde schließlich unter der Bedingung, daß die znm 1. April frciwerdendc Lchrcriiiiicnstellc vorläufig nicht Wieder besetzt lvird, angenommen. Nürnberg. Der ftüher in Thalmesflng amtierende und hier den Ruhestand genießende Oberlehrer H o m m e l starb vor einigen Wochen. Nach seinem Ableben ist .nun die E h r e n m e d a i l l c des LuitpoldkrenzcS für ihn eingetroffcn. Tilsit. Rabbiner Dr Ehrlich wird am«l. April in den Ruhestand treten.. : . Alsheim.lRheinheffen). Herr Reichenberg-Camberg wurde zum Lehrer unserer Gemeinde gewählt. .

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