Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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März 1912) Rr. 10. 3 * Ein Notschrei. Vogelfrei, vom Land in die Stadt, in die Stickluft der Großstadt, von der Weite ins Enge, ins Ghetto wie Wild getrieben, gehetzt, getreten, gemartert, boykottiert, ausgehungert, geplündert, geschändet, gemordet,- so tagaus tagein, so buchstäblich ist das Bild des Daseins von 6 Millionen Brüdern im verpesteten Zuchthaus Rußland! Man sollte meinen, daß all diese schrecklichen Leiden der russischen jüdischen Märtyrer der Bestie der Reaktion in Rußland genügen müßten, uni ihre angeborene und von der dortigen Regierung großgezüchtcte Mordlust zu stillen, — aber weit gefehlt! Die jüdischen Märtyrer Rußlands klagen von Zeit zu Zeit, wenn ihre Qualen gar groß und 51t entsetzlich bis zur Unerträglichkeit werden, ihr Leid und rufen nach Erleichterung; ja noch mehr, sie erdrcisten sich sogar, Menschenrechte zu verlangen! Um diese ihre Frechheit zu züchtigen, inszenierte die Regierung der „Schwarzen Hundert" mit Hilfe des ganzen berüchtigten Beamtenapparates, und mit Zuhilfenahme all ihrer Berbrecherbaildcn einen Ritualmord-Prozeß, der sich zu Kienzugetragen haben soll (siehe „Aus den Ereignissen des Tages"). Der Prozeß sollte in Bälde — zu Ostern natürlich — in Kiew stattfinden, allein wie die letzten Nachrichten besagen, soll der Prozeß bis auf einige Monate ausgeschoben werden, man will anscheinend den Prozeß den Wahlen im Herbst zur Duma näher rücken und dadurch die Juden im Zaume halten. Die russische Judenheit steht vor einer großen Katastrophe, die rechtzeitig abgewendct iverden muß! Die russische Judenheit, bloß jene?! O nein! Die g e s a m t e Judenheit! Des öfteren führten wir in diesen Blättern aus, daß die Judensrage nicht einzeln, nicht bruchstückweise gelöst werden kann, die Staubabsschüttelnng, die Ableugnungen eines jüdischen Volks- und Stammestums nützen ganz und gar nichts, da das G eg cnteilige v 0 r al l er W e! t feststeht, und da das Verhältnis der Völker zu uns Juden nach diesem Maßstab geregelt wird und einzig und allein von diesem Gesichtskreis ausgeht, und wenn auch die Ruhmestaten einzelner I n den d er jüdischen Gesamtheit n i ch t angerechnet werden, so werden jüdische Schandtaten der gesamten Judenheit zur Last gelegt.. Ein jüdischer Ritualmord, der noch so fingiert und erfunden sein mag, trifft schlver die Judenheit allerorts; das wissen unsere Feinde zu genau, und daher der große Eifer, den die Kanibalen bei jedem Ritualmord an den Tag legen, und daher auch der große Aufwand der russischen Pogrammacher bei denr Fall Justschinski. Wurde doch der Kiewer Ritualmord gleich, nachdem Amerika' den russischen Handelsvertrag wegen der jüdischen Paßangclegenheit gekündigt hatte, inszeniert; die russischen Antisemiten wollen eben mit diesem. .Prozeß, ihre Rache an den Iuden Amerikas, auf deren Betreiben die Kündigung, erfolgt ist, nehmen. Dies aber wußten auch alle jüdischen Großen zu allen unseren Unglücksepochen, dies wußten auch Cremieux pnd Montefiore und daher ihre Rastlosigkeit bei der TamaskusangelegenhÄt. Der Kiewer Ritualm0rdprpzeß ist' nicht bloß der Prozeß des Kuben Beilis, auch nicht bloß der der russischen Juden, sondern ein Prozeß der j ü d i s ch e n G e s a m t h c i t, die ganze Judenheit wird des Rirualmordes angeklagt. Was also tun? Beweise, Gutachten von Gelehrten nützen nichts, unzählig sind die abgegebenen Gutachten über die Haltlosigkeit dieser unsinnigen Mär, kein Arensch zweifelt mehr an der Unhaltbarkeit dieser Blntlüge, und kein Atensch fragt mehr nach Beweisen.. Der Ritualmord gehört längst nicht mehr zu den B e r i r r u n g e n Einzelner, vielmehr ist er eine von den vielen Waffen e i n e r v e r r u ch t e n Politik geworden, und d i e pflegt nicht nach Gutachten zn fragen. Und was denn? Unsere gewählten und ungewählten Führer, die kraft ihrer Beziehungen zn den Regierungen von ihrem Balte blindes Vertrauen in allen jüdischen Angelegenheiten beanspruchen, die mögen diese traurige Angelegenheit, die auch die ihrige ist, in die Hand nehmen und bei ihren Regierungen vorstellig iverden oder durch flannnende Proteste der gesamten Presse wie durch Massenkundgebungen gegen die verruchte russische Bürokratie demonstrieren, und kein sonstiges Mittel darf unbenutzt gelassen werden, um die russische Regierung zur Besonnenheit zn bringen All zu lange sah die westeuropäische Judenheit dem Martyrum der russischen Brüder ruhig zu- Nun heißt es: Auf! Auf zur Verteidigung zur Rettung der sechs Millionen Brüder, zur Rettung der Ehre des Judentums, ja, zur eigenen, zur Selbstreitnng. Aus de» Ereignisse» des Tages. I. Ter Ritual,»orSprozes; i« Kiew. Das Ritualmordmärchen von Kiew hält nun schon mehrere Monate die russische Judenheit in Atem. Der Fall wird unseren Lesern noch in Erinnerung sein. Ein Knabe namens Jnstschinsky wird eines Tages ermordet aufgefundcn. Wer das Verbrechen verübt hat? Wer weiß es! Vielleicht Verwandte, vielleicht betrunkene Unholde, vielleicht gedungene Mörder der „Schwarzen Hundert"? Für den antisemitischen Pöbel Rilßlands aber — vom Ministerschemel bis hinab znm Gassenmob — ist.Anlaß zu einer unerhörten antisemitischen Aktion gegeben: Juden haben den Knaben ermordet, geschlachtet zu rituellen Zwecken: Als zuerst das wahnsinnige Gerücht, auftauchte, ja selbst als die Hooliganpressc sich mit Gier auf das Fressen stürzte, da glaubten wir darin nur eine Hetze der „Schwarzen Hundert" zu sehen, eine Hetze, die auf den Pöbel beschränkt. bleiben werde. Schon das war ungeheuerlich genug. Doch was ist in Rußland nicht Möglich? Daß aber die Lüge znm Gegenstand eines gerichtlichen Prozesses gemacht werden kann, das hatten wir selbst in Rußland nicht für möglich gehalten. Und doch ist es so gekommen. Ein Jude naniens Beilis wurde unter dem Verdachte, den Knaben ermordet zu haben, verhaftet, sitzt nun schon seit Monaten int Gefängnis, und in einigen Tagen wird der Prozeß beginnen. Beginnen, trotzdem in der Zwischenzeit von dem künstlich aufgebauten Anklagematerial Stück für Stück fiel, trotzdenr es den privaten Nachforschungen eines russischen Journalisten gelungen ist, die wirklich Schuldigen zu ermitteln, trotzdem gegen den unglücklichen Gefangenen auch keine Spur von Verdacht mehr herrschen kann; es hilft nichts — der Jude wird verbrannt. Niemals noch war die wahnwitzige Lüge eines Ritualmordes offenkundiger zu Tage getreten, als hier, niemals hat der wüste Judenhaß sanatisicrter und 'betrügerischer Jndenmördcr schauerlichere Triumphe gefeiert als hier. Ter ganze antisemitische Mob Rußlands steht hinter diesen! Prozesse, hat ihn zu seiner Sache gemacht, und wer die ganze Willkür der russischen Justiz kennt, ivird wissen, wie' unsicher der Ausgang des Prozesses ist. Doch der "Ausgang ist nun nicht mehr das Wichtigste. Wesentlicher ist, daß der ungeheuerliche Prozeß überhaupt zustande kommen konnte, daß auf nichts weiteres als auf Grund von mittelalterlichen brutalen Instinkten und gemeiner Lüge ein völlig Unschuldiger Monate hindurch eingcterkerl und zum Gegenstand einer furchtbaren Anklage gemacht wird. Ter B e i l i s p r 0 z e ß ist s i> m p t 0 m a t i sch für die Lage der russischen Judenheii. In den letzten fünf Jahren ist ja in Westeuropa die Meinung aufgekommeu, daß die Lage der rugischeu Juden sich ivesentlich gebessert habe, weil mau nichts von Pogromen und Metzeleien gehört har. Der Beilisprozeß hat gezeigt, daß es heute genau so ist wie vor fünf Jahren, vielleicht noch schlimmer, nur daß an die Stelle der plötzl i ch c n l auten P o g r 0 nr s d i e P 0 l i t i k d e s langsamen, unhörbarcn Erdrosselns getreten ist. Wenn der Beilisprozeß möglich war, dann ist alles möglich, dann ist es ein Beiveis, das; es Recht und Gerechtigkeit in Rußland für den Juden nicht gibt. Es scheint, als ob es nötig ist, den allzu optimistischen westeuropäischen Juden, von Zeit zu Zeit durch ein furchtbares Ereignis die Augen zu öffne» und ihnen eine richtige Vorstellung von den Zuständen in Rußland zu geben. Ob cs freilich viel nützt, ist eine andere Frage. Man braucht kein Schwarzseher zu sein, um Voraussagen zu können, daß die Majorität unserer ivcsteuropäischen Juden auch jetzt iwch nicht aufhort zu glauben und zu hoffen, daß bald auch in Rußland das Morgenrot ausgehen wird. . . . Und .inzwischen kerkert man Unschuldige ein, beschmutzt man die Ehre des ganzen Volkes, schnoben Hunderte in "Angst und Sorge nnd werden Millionen Juden langsam erdrosselt. . . Man weiß' wirklich nicht, ob man weinen soll aus Schmerz oder grell auslachen aus Verzweiflung. 2. Die Gründung der Rew-Norker Kehillah Bei uns in Europa vernehmen wir nur wenig von denr inneren Leben der Judenheit jenseits des Ozeans, inr neuen "Amerika. Wenn ab nnd zu eine "Nachricht hinübergelangt, dann meldet sie uns von irgend einer großen "Aktion, von irgend einer namhaften Spende, irgend einer bedeutenden Tat, und staunend ftagen wir, die wir die innere, allmähliche Entwicklung nicht genau verfolgen, wies» denn Plötzlich solch großes Werk geschehen konnte. Auch jetzt hat sich in kurzer Zeit in New-Bork ein Ereignis vollzogen, das ftir die Kürze der Zeit erstaunlich, genannt werden darf: Die Kehillah. Gemeinde-Organisation) der New-D0rker Indenheit ist gegründet, und ihre Mittel betragen bereits L Millionen Mark. Und wenn man noch hört, daß diese Gründung das Werk fast eines Einzelnen, deS Dr. Magnes, ist, dann gewinnt man Achtung vor dem Manne,, der so etwas in so kurzer Zeit vollbracht hat und vor der Judenheit, in der so etwas in so kurzer Zeit vollbracht werden konnte.