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Neue jüdische Presse · 1912-03-01 · Heft 9 (1.3.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Uroelitisches MmNiendlatk. Nr. 9 seinem JubiLilM darbrmgen können. Er §hfc uns sein Leben, sein Schaffen, sein Selbst gegeben, wir. wollen es ilftn lohnen, indem 4vir seine Werke der Erhaltung, der Bewahrung, der Geschichte sichern. 2. Die Konferenz -er Chowewe-Zion. Die Konferenz der Chowewe-Zion in Odessa hat stattgefunden. In ihrem ganzen Verlaufe hat sie diesmal den Charakter besonderer Weihe getragen; war sie doch zugleich die Feier des 30M-- rigen Jubiläums der Chowewe-Zivnbewegung. Begeisterung, und glühende Liebe zum Volke, zum Lande, zum erstrebten Ziel beherrschte die Konferenz von Mer .Eröffnung an bis zum eindrucksvollen imposanten Momente, da sie unter unbeschreiblicher Begeisterung geschlossen wurde. Sie hht den Beweis erbracht, daß bei aller Trostlosigkeit der jüdischen Verhältnisse in RuUand das Gefühl, das die Fudenheit von jeher in ihrer größten Not erhalten und gestärkt hat, die Zionsliebe, nicht im Schwinden begriffen ist, sondern immer stärker und inniger wird. Die Konferenz war auch, rein praktisch betrach-; tet, diesmal von großer prinzipieller Bedeutung. Sie sollte die Entscheidung bringen in dem Kampfe zweier entgegengesetzter Anschauungen über die. Arbeit und das Wirken der Organisation überhaupt. Der Streit drehte sich -wieder um den alten ZarckapfÄ, der schier schon so viel Unheil gestiftet hatwie der berühmte der Göttin Thetis, um die Kulturfrage. Die Leitung der Chowewe-Zion steht schon seit langem auf dem Standpunkt, auf den sich der Zionismus auf dem letzten Kongresse gestellt hat, daß ihre -Arbeit sich nicht nur auf Kolonisation und Wirtschaft beschränken darf, sondern auch! die kulturellen Probleme umfassen muß. So unterhält sie schon seit langem die Mädchenschule in Jaffa, unterstützt manche anderen Schulen, subventioniert Zeitungen, Kindergärten und andere kulturelle Institutionell, dabei von dem Prinzipe ausgehend, daß sie selbst einen vollkouimen neutralen Standpunkt cinnehmen muß. Auf der Konferenz selbst gab £§ nun eine Gruppe, die forderte, daß die Organisation sich lediglich auf kolonisatorische und!, wirtschaftliche Arbeit beschränken soll. Im Kampfe dieser zwei entgegengesetzten Anschauungen hat nun die. der Leitung gesiegt; alle Kenner der palästinensischen Verhältnisse haben einnrütig erklärt, daß die kulturelle Arbeit heute.einfach eine Notwendigkeit ist, daß .sie nicht mehr eine Frage des „Besses oder „Schlechter", sondern eine' solche des „Muß" ist. Das Leben .selbst erheischt diese Arbeit, und cs ist dahdr Pflicht der Organisation, diese in ihre Hand! zu nehmen uild in ihrein Sinne zu leiten. Daß dabei, He Leitung wie die Organisation von irgend welchen antireligiösen Tendenzen völlig frei ist, dies hat die erfteulichc Einhelligkeit gezeigt, mit der alle, auch die am weitesten links stehenden Mitglieder, den bibelkritischen Unterricht im Faffaer Gymnasium auf das schärfste, verurteilt haben. Von sonstigen Ergebnissen der Konferenzen sei noch der Beschluß hervorgehoben, zu Ehren ddr zwei bcheutenden Chowewe-Zion, die in diesem Jahre ihr 30jahriges ArbeitsjubfläuM feiern, Ussischkins und Tschlenows, zwei Dörfer bei Jerusalem zu gründen; ein großer Teil der dazu nötigen Summe wurde sofort gezeichnet. Alle anderen wichtigen Fragen der Kolonisationstätigkeit in Palästina wurden gründlich und eingehend beraten. ..._So hat die Konferenz die Hoffnungen, die man' in sie gefetzt hat, erfüllt. Hoffen wir, daß die Begeisterung, die sie bei allen ausgelöst, sich auch in Taten umsetzen, und daß das Wort, mit dem der unermüdliche Leiter der Bewegung, Ussischkin, die Konferenz schloß : „Nun geht und arbeitet!" auch seine Erfüllung finden wird. Aus aller Mett. Deutsches Reich. Berlin. Bei der jüngsten Reichstagswahl bildete die Aufstellung des antisemitischen Kandidaten Radziejewski in Neustettin, der allerdings nur eine verschwindende Stimmenzahl auf sich! vereinte, eine heitereWahlepisode. - Der Erkorene der antisemitischen Partei, seines Zeichens Oekonomierat und bis vor einigen Jähren königlich preußischer Leutnant der Reserve, war nämlich bis zu seiner Wcchl zum Reserveoffizier... Jude! Das Wesen mancher Juden muß also doch den Antisemiten im Innersten ^lehr sympathisch sein, daß sie nicht einmal auf den Gedanken kommen, nachzuforschen, ob der betreffende „Parteifreund" einmal Jude war. Es gemahnt aber diese Sache an das Wort eines sehr weltcrfahrenen Mannes, der einmal sagte: Weim einer arg auf die Juden schimpft, habe ich immer den Verdacht, daß er jüdisches Blut in den Adern hat und dies durch Sch,impfen zu bemänteln sucht. In unzähligen Fällen hat sich meine Vermutung als richtig erwiesen! Berlin. In der nächsten Session wird der Reichstag einen - Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe zur Entscheidung vorgelegt erhalten. In § 4 dieses Entwurfes heißt es: ' In Betrieben des Handels'gewerbes, die an Sabbaten und jüdischen Feiertagen gänzlich! ruhen, dürfen Angehörige jüdischen Glaubens an Sonn- und Festtagen bis zur Dauer von fünf Stunden mit der Maßgabe beschäftigt werden, daß die Geschäftsräume für den allgemeinen Verkehr geschlossen bleiben. Ein derartiger Paragraph hätte sich bei dem ersten Sonntagsruhegesetz auch erreichen lassen, und seine Folge lväre gewesen, daß mancher, der der SabbatbeoLachtung untreu geworden ist ihr treu geblieben wäre. Wenn man diese eine Tatsache, daß sich! damals vor 20 Jahren keine Hand gerührt hat, und daß heute Männer da sind, die in jedem Momente auf der Wacht sind, die Interessen der deutschen Judenheit zu vertreten, wenn man sich eben diesen Unterschied. zwischen dem Einst und dem Jetzt vor Augen hält, dann sieht man doch, daß heute ein viel lebendigeres jüdisches Interesse in der deutschen Judenheit vorhanden ist. Hamburg. Die hiesige portugiesisch-israelit. Gemeinde feierte am 19. d. M. ihr 300jähriges Bestehlen. Ihre erste Niederlassung wurde ihr sehr schwer gemacht. Der Senat hätte die portugiesischen Flüchtlinge gerne ausgenommen, jedoch die Bürgerschaft und die Geistlichkeit waren dagegen. Der Senat ftagte nunmehr Lei der Geistlichkeit in Frankfurt a. M. und Frankfurt a. O. an, welche unter dem Vorbehalt die Aufnahme empfahlen, daß die Juden religiöse Zusammenkünfte, Beschneidung und rituelles Schlachten unterlassen; man müsse sie allmählich dem Christentum zuführen. Die Juden gingen auf diese Bedingungen, die sie natürlich im Geheimen nicht befolgten, ein, und der Senat gestattete ihnen —. 125 erwachsene Personen und Kinder — gegen die damals sehr hohe Sumnie von 1000 JL jährlich das Bleiben. Heidelberg. Mit fünfzehn studentischen Teil» n ch »i cm begann diesen Winter das talmndische Seminar. Hunderte -religiöse Eltern stehen jetzt vor der Frage, welche Universität ihr Sohn besuchen soll. Mögen sie im Hinblick auf das talmndische Seminar Heidelberg wählen. Selbst junge Leute mit den mangelhaftesten hebräischen Kenntnissen haben sich hier bei einer einzigen Stunde täglich — und welcher Student hätte nicht diese eine Stunde übrig! — in wenigen Monaten Kenntnisse des Judentums erworben, die ihnen einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt des Judentums gegeben haben. Kosten erlvachsen durch den Besuch des Seminars nicht. Anmeldungen sind schon jetzt au Herrn Dr. Jonas Simon erbeten. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Die auf Initiative Dr. Adolf Kleins, des Präsidenten der jüdischen Gemeinde Sabadka, am 20. ds. Mts. veranstaltete Landeskonferenz der jüdischen Gemeinden machte infolge der großen Beteiligung einen imponierenden Eindruck —, über 600 Delegierte waren anwesend —, es dürfte aber sehr fraglich sein, ob sie ihrem Zwecke, eine Brücke zwischen der Orthodoxie und der Neologic zu bauen, tun so staatsgesetzlich die Autonomie der ungarischen Gesamtjudenheit zu erreichen, auch nur einen Schritt nähergekommen ist. Bor allen Dingen fehlte das Haupterfordernis: die Beteiligung der Orthodoxie. Bon den 1600 orthodoxen Gemeinden waren nur wenige Dutzend pertreten und darunter nicht eine einzige bedeutende Gemeinde. Das Resicktat der Ärgmig war ein 100er Komitee, das die Vorarbeiten für einen großen Kongreß niachen soll. Dieser Kongreß soll also das Problem lösen, und man scheint seine Lösung darin zu suchen, daß man alle religiösen und rituellen Fragen ausscheidet und -diese der freien Bestimmung jeder einzelnen Gemeinde überläßt. Sicher ist eins: die schweren jüdisch-ideellen und sozial-wirtschaftlichen Sorgen der ungarischen Judenheit können nur gemildert werden, wenn sie entweder die staatliche Autonomie erhält oder Wer die religiösen Gegensätze hinweg sich! eine gesamtvertretende freiwillige Organisation schasst. Es gibt eine ganze Reihe von Sorgen, die die Orthodoxie in gleicher Weise' wie die Neologic angehen, und man sollte daher meinen, daß eine gemeinsame Plattform gefunden werden müßte. Der Regierung kann es nur angenehm sein, lvenn die Judenheit Ungarns .fid)' nicht einigt, denn sie spart dabei Geld und besonders Rücksichtsnahine auf deren Interessen. Großbritannien. London. Die englische Judenheit steht im Zeichen der Spaltung, —i und das, weil sie ihr Geschick nW selbst bestimmen darf, sondern sich! von Lord Rothschild diktieren lassen muß.. Rothschilds Rede auf der Konferenz über die Chief Rabbi-Frage, in der er den östlichen Juden voüvarf, daß sie nicht cknrmev in - England ein Asyl vor Verfolgung, sondern mitunter ein Asyl vor dem Militärdienst suchen, hat bei beit östlichen Juden Englands sehr verschnupft, und nachdem Lord Swaythling nun den 50 Synagogen des Londoner Ostends in Dr. Jung aus Ungar-Brod einen Oberrabbiner gegeben hat, dürfte eine Einigung mir dann möglich sein, wenn der autokratische Rothschild sich dernokratsschen Grundsätzen fügt. Vielleicht nimmt er noch Vernunft an; wenigstens stellt die plötzliche Rückreise seines Kandidaten Abrahams nach de» australischen Gefilden in dieser Hinsicht kein ungünstiges Prognostikon. Noch eine Spaltung ist aus der englischen Judenheit zu berichten: Claude Montefiore, der „große" Reformer, hat für seine Gläubigen einen gesonderten Friedhof erworben! Warschau. . Die hiesigen jüdisch-literarischen Kreise treffen Vorbereitungen zur Feier des 50jährigen Jubiläums der ,Hazefirah", das am 15. Adar (4. März) begangen werden soll. Die ,Zazefirah" wurde im Jahre 5622 (1862) von denr bekannten Wischen Schriftsteller und Mathematiker CH. S. Slonimsky, zunächst als Wochenblatt, gegründet. In der Geschichte der modernen hebräischen Publizistik nimmt das gegenwärtig von Nahnm Sokolow und David Frischmann geleitete Blatt eine hervorragende Stelle ein. Aus Anlaß der Jubelfeier sollen dem Chefredakteur Sokolow, der fest Jahrzehnten an der Spitze der Zeitung steht und sie zum sührenden Organ der hebräischen Tagespresse erhoben hat,. mannigfache Ehrungen erwiesen werden. Palästina. Jerusalem. Dieser Tage besuchte Rabbiner Levh aus San Francisko, der Großmeister des Ordens Bnai-Brith in Amerika, die Bez alelschnle, und äußerte sich in begeisterter Weise Wer den Eindruck, den die Leistungen der Anstalt auf ihn gemacht haben. Er versprach seinen Einfluß als Ordensgroßmeister anfbieten zu wollen, um sämtliche Bnai-Brith-Logen in Amerika zum Anschluß an den Verein „Bezalel" zu veranlassen. Mitte Februar wurde in Kairo eine Bczalel- Ansstellnng eröffnet. Die Bezalel-Ausstellung in Lodz ist nunmehr geschlossen worden. Sie wurde in ihrer vierwöchentlnhen Dauer von 18000 Personen besucht und erhielt für fast 10000 Rubel Bestellungen. Jaffa. Außer einer Reisegesellschaft von dreißig sephardisch-jübischen Kauflenten ans Seraj e w o (Bosnien), die sich besuchsweise in Palästina aufhälten, . ist hier dieser Tage eine größere Anzahl jemenitischer Inden eingetroffen, die als Landarbeiter Existenz suchen. Die Jemeniten werden von den Kolonisten sehr gern als Arbeiter verwendet, well sie anspruchslos, arbeitsam und ehrlich sind. Insbesondere werden sie mich ihrer großen Frömmigkeit wegen von den Kolonisten orthodoxer Gesinnung gern gesehen und vielfach den aus Rußland stammenden aschkenasischen Arbeitern vorgezogen. Die Jemeniten, bei denen auch die Frauen und Kinder arbellen, sparen im Laufe der Zeit von ihrem Arbeitslohn einiges Geld, das sie zum Ankauf Keiner Parzellen und zur Errichtung eines Häuschens verwenden. Es wäre für Palästtnafteunde eine überaus dankenswerte Aufgabe, diesen strebsamen, sympathischen Ansiedlern durch lleine Darlehen den Bau eines Hänschens und den Erwerb eines Stückchen Landes zu ermöglichen. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Carl Rudolph Mayer, der Seniorchef der Weltfirma L. S. Mayer, ist im 81. Lebensjahre verschied «n. Berlin. Dr. Leopold Hirschv erg, Dozent an der Humboldt-Akademie, ist vom Herzog von Koburg-Gotha mit der silbernen Medaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet worden. Berlin. Prof. Max Liebermann ist zum korrespondierenden Mitglied Her französischen Akademie ernannt worden. —. Prof. Dr. Felix Lieber mann hat der Stadl abermals 80000 M. für "bte Liebermann-Stiftung überwiesen. Berlin. Prof. Dr. S i l b e r g l e i t, Direktor des Statistischen Amtes, erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Stuttgart, 27. Febr. Bor dem Denkmal Berthold Auerbachs auf dem Cannstatter Friedhof, hatten sich heute die literarischen Vereine Stuttgarts versammelt, um anläßlich seines 100. Geburtstages des Dichters zu gedenken. Justizrat Auerbach-Berlin, der älteste Sohn, sprach den ehreWen Vereinen den Dank der Familie ans. Würzburg. Mit dem Bau der neuen Synagoge lvird in Kürze begonnen. Petersburg. Unter Beförderung zum Wirklichen Staatsrat mit dem Titel Exzellenz, ist Jakob Teitcl-Saratow, der einzige jüdische Richter Rußlands, in den Ruhestand getreten. i

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