Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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i. .; -fl r Erscheint wöchentlich am Freitag. Srßugsprris pro Niertrljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Psg., frei ins Haus' 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich» Ungarn Mk. 1.50, sür- Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Alk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. . ■ —■■■ ' - - Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. :: Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10 »07. -f-3S-ä- Aeransgebee: Sali; Heis. ff . Jnsertionsprris für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. I.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 1«. Jahrgang Freitag, de» 12. Mar 5672 (1. März 1912) «r. 9 Ein literarisches Fest. Zum 50j«’ljrigen Jubilänm der „Hazefira". Dir hebräische Literatur feiert dieser Tage ein eltcnes Jubiläum; am 23. Februar sind es 50 Jahre geworden, seitdem die erste Nuunner der „Hazefira" erschienen ist. Ein halbes Jahrhundert ist in der jungen neuhcbräischen Literatur eine Fülle von Zeit, in der ganze Evolutionen und Strömungen kommen' und gehen; die letzten 50 Jahre waren von ganz besonderer Bedeutung: in ihnen hat die hebräische Literatur die eigentliche Form empfangen, die sie heute besitzt, in ihnen ist der Geist entstanden, der sie noch heute beherrscht. An all den Strömungen und Wandlungen dieser letzten 50 Jahre hat die „Hazefira" tätigen, führenden Anteil genommen. Man braucht nur die erste Nummer der „Hazefira" mit einer heutigen, die Tendenz, die sie bei ihrer Entstehung verfolgte, mit der zu vergleichen, die sie heute hat, um den gewaltigen Fortschritt zu erkennen, den die hebräische Literatur in dieser Zeit gemacht, um die Wandlungen ermessen, die sich in ihr vollzogen hat. Man kann diesen großen Fortschritt, diese entscheidende Wandlung dahin definieren, daß die hebräische Literatur erst eigentlich im letzten Halbjahrhundert zur Literatur geworden ist; vorher war sie etwas Künstliches, heute ist sic etwas Natürliches, vorher die Mußebeschäftigung einiger weniger „Maskilim" (Aufgeklärte), heute die Angelegenheit des ganzen Volkes, vorher ein Luxus, heute eine Notwendigkeit, vorher eine weltfremde, mehr antiquarische Literatur des toten Wortes, heute eine frische, pulsierende Literatur des Lebens. Diese entscheidende Wandlung, die die hebräische Literatur im Großen durchgemacht hat, die „Hazefira" hat sic auch im Kleinen vollzogen. Als der alte Slonimsky die „Hazefira" als Wochenblatt begründete, da war ihr Zweck, wie der Prospekt in seiner Melizahsprache verkündigte, der, „das Licht der notwendigen Wissenschaften zu verbreiten und die Lieblichkeit, ihrer Schönheit und ihres Wertes zu offenbaren, über die sich die Seele freuen möge" usw.; wie man sieht, tvarcn es rein aufklärende, allgemeine Bildungstendenzen im Sinne der „Maasfim" (Literaturrichtung, d. Red.); von Bezugnahme auf die realen Interessen des Lebens und von speziell jüdischen Tendenzen keine Spur. Es ist klar, daß eine solche Zeitung lveder bei den Massen Anklang finden noch wirklich nachhaltigen Einfluß auf das Leben haben konnte. Dieser Geist leitete die „Hazefira" all .die Jahre hindurch, in denen Slonimsky sie herausgab. Dann übernahm nach, kurzer Zwischenzeit' der Mann die Leitung, der bishdute nicht nur den Charakter der „Hazefira" bestimmte, sondern zeitweise die ganze Zeitung eigentlich ausmachte: Nahum So ko low. In der ersten Zeit blieb alles beim alten. Tann aber begann Sokolow all seine Kräfte zu entfalten und ' verlieh der Zeitung jenen m o der - neu europäischen Charakter, der sie bis heute auszeichnet. Er richtete eine politische Rubrik ein, in der er mit umfassender Kenntnis und hbhem schriftstellerischen Geschick die Ereignisse des allgemeinen politischen Lebens besprach und den jüdischen Massen Einblick in die große politische Welt gewährte; er begann, sich mit den Fragen und Problemen dies jüdischen Lebens zu beschäftigen, er schrieb seine wöchentlichen, oft hervorragenden Feuilletons, er organisierte den Nachrichtendienst, mit einem Worte, nachdem die Zeitung in eine Tageszeitung umgestaltet ward, wurde sie immer mehr und mehr zu einem wirklich modernen europäischen Blatt. Der Erfolg ließ denn auch nicht auf sich warten. Die „H azefir a" gewann eine Popularität, wie keine andere hebräische Zeitung vor und neben ihr. Dazu trug noch.ein anderes bei, das gleichfalls zum Ruhme der „Hazefira" nicht vergessen werden darf. Sie hat nie radikale, antireligiöse Tendenzen verfolgt, wie Hefter so viele andere hebräische jOrgane. Vom ersten Tage ihres Erscheinens an war die „Hazefira", wenn auch nicht direkt orthodox, so doch stets gemäßigt gelvesen und bildete so ein Sprachrohr, durch das die hebräischen Schriftsteller zu den Massen des Volkes sprechen konnten, die von anderen, negativen Organen naturgemäß nichts wissen wollten. So erklärt sich die große Popularität, die das Organ selbst bis in die Kreise der fanatischsten Chassidim hinein besaß und besitzt. Und als vor wenigen Jahren infolge der stürmischen Zeiten die Zeitung ihr Erscheinen einstellen mußte, da ruhte man nicht, bis ihr Wiedererscheinen ermöglicht wurde. All die' V e r d i e n st e, die die „tz azefira" sich in ihrer 50jährigen Tätigkeit erworben hat, ihre Verdienste um die Literatur, um die Hebung der Bildung der jüdischen Massen, um die Weiterentwicklung der hebräischen Sprache, um die Förderung der nationalen Idee, zu deren unentwegten Anhängern sie seit dem ersten Kongresse zählt, all dies im einzelnen auszufuhren, würde hier zu weit führen. Es genügt, sie zu nennen, um die Bedeutung der „Hazefira" zu erkennen. 50 Iahte find in der hebräischen Literatur eiue lange, lange Zeit. Die Tatsache, daß die ),Häzefira" so lange Zeit sich erhalten konnte, ist das deutlichste Zeichen ihrer Bedeutung, ihrer Beliebtheit, ihrer Notwendigkeit. Wünschen wir ihr, daß sie ihr 100jähriges Jubiläum in dem Lande feiern wird) zu dessen Gewinnung sie so segensreich wirkt: im Laicde der Väter. Es ist dies der beste Wunsch, den wir ihr bei ihrer 50jährigen Jubiläumsfeier darbringen können, der beste Wunsch in ihrem wie in unserem Sinne wie auch 'im Sinne des ganzen jüdischen Volkes. Aus den Ereignissen des Tages. 1. Zum 35jährigen Schriftsteller-Jubiläum Ben-Amis. Für ein Volk sind die Jubiläen seiner großen Dichter und Schriftsteller nationale Feste. Bei uns Juden Müssen sie es in doppeltem Maße sein. Denn das einzige, womit wir unsere Dichter und großen Männer lohnen können, ist das Feiern ihrer Jubiläen. Dichter anderer Völker ernten materielle Güter, äußere Ehren,, hohe Stellungen; die unseren bleiben arm, ungeehrt und müssen zeitlebens um ihr Brot sorgen. Und nun gar, wenn es gilt, das Jubiläum eines Ben-Ami zu begehen, der gelitten hat und leidet wie wenige, und der seinem Volke mit solcher Liebe ergeben ist. wie wenige! Beu-Ami zählt zu jener Kategorie von großen jüdischen Schriftstellern, deren Wirken von vornherein der Stempel der Tragik aufgedrückt ist: sie schreiben jüdische Bücher für das jüdische Volk in einer nichtjüdischen Sprache. Ihre Werke mögen bedeutend sein, mögen großen Einfluß haben, sie sind dennoch hem U n t c r g a n g e geweiht, weil sie nicht in der Sprache geschrieben sind, in der allein das jüdische Volk seine geistigen Schätze aufbewahrt hat und aufbewähren wird: in der hebräischen. Ben- Ami hat fast, seine sämtlichen bedeutenden Werke im R u s s ische n verfaßt. Er hat das Erbe seines großen Vorgängers auf dem Gebiete der jüdischen Erzählungskunst, in russischer Sprache, Lemand e r s, übernommen und ruhmvoll.fortgesetzt. Seine besten Erzählungen aus dem jüdischen Leben tragen den Stempel echter Künstlerschaft an sich und — dies ist der hervorstechendste Zug seiner Persönlichkeit — atmen den Geist wahrer Volkstümlichkeit und inniger Bolksliebe. Die innige Liebe zu seinem Volke, dies ist es, was die geistige und literarische Physiognomie Ben-Amis so synrpathisch und so gewinnend macht. Ein richtiger Bolksmann, einer, der sich in jedem und allem mit seinen leidenden Brüdern identisch fühlt, dies ist. Ben-Ami vom Beginne seiner Tätigkeit an gewesen. Er hat viel gelitten um dieser seiner Liebe zu seinem Volke willen, er hat seine Heimat verloren, hat sein Zelt in fremdem Lande errichten, hat darben und leiden müssen, doch nie hat er geschwankt, gezweifelt, konsequent ist ec sich stets geblieben. Konsequent nicht nur in seinem Tun, auch konsequent in seinem Denken, in seinen Anschauungen und Ideen. In der Chowewe-Zionbewegung war er einer der ersten und bedeutendsten, dem Zionismus hat er vom ersten Tage an als glühender Anhänger angehört, und — dies ist es, was ihn besonders sympathisch macht — den Traditionen seines Volkes ist. er stets treu geblieben. Er wußte, daß, um einig zu sein mit seinen Brüdern im Ghetto, es nicht genüge, in der Idee sich als ihr Volksgenosse zu erllären, sondern es auch nötig sei, ihre Traditionen, ihre ererbte Lebensweise zu bewahren. Ben-Ami zählt zu den leider so seltenen Schriftstellern der jüdischen Literatur Osteuropas, die mit den nationalen Gütern ihres Volkes auch seine religiösen stets treu bewahrt und gepflegt haben. So ist die Liebe, die aufopfernde Anhänglichkeit zu seinem arnien. leidenden Volke die Grundlage seines Wesens, seines Schaffens, Denkens und Empfindens stets gewesen. Und das Volk hat ihm seine Liebe auch erwidert. Wenige jüdische Schriftsteller besitzen eine solche Popularität wie gerade Beu-Aini, der russisch schreibende Novellist. Und wenn er jetzt sein 25jähriges Schriftstellerjubiläum feiert, sein ganzes Volk feiert es zugleich mit ihm. Wenn mau jetzt auf das Leben und Wirken Ben-Amis zurückblickt, das Resultat, das es bietet, ist hin bewundernswertes. Das Wichtigste, das. Höchste, das Schönste ist' ihm gelungen, — er blieb sich zeitlebens treu, konsequent und gleich, . „das höchste Gut der Menschenkinder" hat er erreicht: die P c r s ö n l i ch k e i t. Nur eins stört die Harmonie des Bildes> das, was wir zu Beginn als Tragik bezeichnet haben: seine bedeutendsten Werke sind in der russischen Sprache geschrieben. Wer wollte Ben-Ami dessen beschuldigen? .Hier ist cs Pflicht des Volkes,, den störenden Zug im Bilde, die Tragik seines Schaffens zu beseitigen, indem es selbst seine Werke zu sich, in seine nationale Sprache hinüberrettet. Schon sind die Stimmen laut geworden, die dies fordern, schon haben sich die Männer gefunden, die es unternehmen wollen, wir hoffen, das Volk wird ihnen die Mittel zur Verfügung stellen. Es ist das ^geringste und doch das schönste, und wertvollste Geschenk, das wir ihm zu