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Neue jüdische Presse · 1912-03-01 · Heft 9 (1.3.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 beite 3 0 MMchm. 0 AMa. Historische Erzählung von Friedrich Rott. «Fortsetzung). Er war nur froh', daß er sich die Sache endlich vom Herzen geredet hatte und daß Rahel nicht mehr weinte. Er setzte sich zu ihr und streichelte ihr die blassen, noch tränenfeuchten Wagen. „Ich hab's ja gewußt. Du bist mein gescheidtes Mädel, und Du weißt, wenn es nicht sein müßte, möchte ich's nicht tun. Denn warum? — Ich habe doch Dich, Aber die Vorschrift ist, man soll -haben 'ne Tochter und 'n Sohn — will sagen, 'n Sohn und 'ne Tochter — darum muß ich heiraten. — Vorschrift ist Vorschrift. — Aber Du brauchst Dich nicht zu -fürchten, sie ist 'ne gute Person, Ihr werdet gut miteinander auskommen." „Ich weiß, daß ich Deiner Frau Achtung schuldig bin," flüsterte Rahel, mit Macht nach Fassung ringeno. „Versteht sich, daß Du ihr Achtung schuldig bist. Und Mutter wirst Du zu ihr sagen müssen, obzwar sie nur etliche Jahre älter ist als Dü." „Hast Du denn schon eine Bestimmte im Auge?" ,/Ob ich eine Bestimmte im Auge habe? Vor acht Tagen war das Verlöbnis, und am nächsten Neumond wich die Hochzeit sein." „Aber warum willst Du eine so Junge nehmen? Mit einer Aelteren könntest Du Dich doch besser beraten, wie Du Dich immer mit der Mutter beraten M." Kalba Sabua errötete und rieb sich den schädel. „Ich habe mir gedacht, Rahel, mein Kind, eine Junge möchte angenehmer sür Dich sein. - Und überdies, beraten kann ich mich auch mit ihr; Milka ist sehr, sehr gescheidt." „Milka?" wiederholte Rahel, „doch nicht das Geschwisterkind von meiner Freundin Milka? Die Wittve des Petschirstechers Asriel?" „Fa, ja, die ist es!" „Vater, um Gotteswillen! Die darfst Du nicht nehmen!" „Ich darf sic nicht nehmen? Ich habe Dir doch gesagt, gestern vor acht Tagen ist das Verlöbnis gewesen." „So zahle Entschädigung, so viel die Leute trollen, aber heiraten darsst Du so eine nicht." „Rahel!" schrie Kalba Sabua erglühend, „so darsst Dil nicht von Deiner zukünftigen Mutter reden!" „Nie werde ich zu der Mutter sagen, nie, nie! Und Du darfst sie nicht heiraten, Vater! Du darfst meiner edlen Mutter keine solche zur Nachfolgerin geben! Du darfst nicht!" „Weißt Du Schlechtes von ihr!" schrie er. „Freilich! — Die Leute sagen, wenn ihr Mann nicht gestorben wäre, hätte er sich von ihr scheiden lassen müssen, und Milkas Moscheh hat ihr verboten, mit ihrem Geschwisterkind zu reden." „Milkas Moscheh, was weiß der? Doch nichts anderes, als was die Leute reden, und wer wird darauf was geben? Die Welt ist schlecht, und je besser einer ist, desto schlechter wird von ihm. oder von ihr geredet. Wer weiß, was von Dir und voll nrir geredet wird?" „Sicherlich nicht solches wie von jener!" „Das weißt Du? Woher? Wieso? — Denkst Du nicht, was sie geredet haben von Milkas Kind? Bei der Mila hat's geschrieen; da hat einer gesagt, wcnn's kreischt, schaut's aus, als hätte es eine Hasenschuauze; das hat die Pessel gehört, da hat sie zu der Mirel gesagt, ihr scheint, das Kind hätt' 'ne Hasenschnauze; da hat die Mirel der Riivka erzählt, das Kind hätt 'ne Hasenschnauze und.Hasenohren; dann hat die Riwka der Zirel gesagt, ihr scheint, das Kind hat 'n Hasenköpfchcn und 'n Schwanz dazu. Da ist' die Mutter — sie soll ruhen in Frieden! — zu Milka gegangen und hat sich das Kind zeigen lassen — und da war's ein schönes, frisches Buberl. — Denkst Du denn nicht daran, Rahel, mein Kind?" Rahel erinnerte sich in der Tat daran, und ein leises Lächeln zuckte um ihre bleichen Lippen, als sie sich Las lächerliche Gerede vergegenwärtigte. „Dir wirst auch noch denken, was die Mutter d'azunial gesagt hat. Man dürfe nicht alles glauben, was die Menschen reden, und nacherzählen darf man nur das Gute und Schöne, denn.dies Pflegt wahr zu sein, und. wenn's nicht wahr H,. WHet'H auch nichts." Frankfürker Israelitisches FaoMenblatk. Rahel konnte Las, was ihr Vater sagte, nicht in Abrede stellen; dem Sinne nach hatte ihre verstorbene Mutter sich allerdings so geäußert. Aber ihren Vater hatte sie noch nie so sprechen hören, sie staunte geradezu, wie glatt ihm auf einmal die Worte über die Lippen gingen. Sie wüßte fteftich nicht, daß ec in den jüngsten Tagen schon wiederholt in die Lage gebimmen war, sich in dieser Weise zu äußern, da er mehrfach gewarnt worden war, er dürfe seiner keuschen, unschuldigen Tochter keine solche Mutter geben, der allverehrten Wahingeschickenrn keine ' solche Nachfolgerin. Ilber der sinnliche, alternde Mann hatte sich in das üppige Weib verliebt, das ihn wegen seines Reichtums heiraten wollte. Ulü> wenn ihm auch nicht alles glaubhaft erschien, was sie ihm sagte, das meiste glaubte er ihr dennoch. Als sie am folgenden Tage beim Mittagessen saßen, ging die Türe auf, und diejenige, von der gestern die Rede war, trat in das Zimmer. Kalba Sabua ward glühend, rot, er sprang auf und eilte ihr entgegen. „Gesegnet sei die Kommende!" rief er. „Gesegnet seien die Angetroffenen!" erwiderte sie, ihm lächelnd zunickcnd. „Nun siehst Du, daß ich Wort halte, ich habe Dir doch gesagt, ich werde Dich 'mal überraschen, — und da bin ich." „Froh bin ich, daß Du da bist," sagte er glücklich. „Doch wie gefällt's Dir bei mir?" Die junge Frau blickte neugierig um sich. „Eine schöne Wohnung hast Du und. eine schöne Tochter. Zwar ist sie 'n bissel blaß und schmal; mir scheint. Du läßt sie zuviel arbeiten. — na. warte nur, wenn ich erst hier sein werde, da werde ich ihr die schwerste Arbeit abnehmen und dafür sorgen, daß sie gehörig ißt und trinkt!" Kalba Sabua schwamm in einem Meer von Wonne, jetzt mußte doch auch seine Tochter seine Braut für einen Engel halten. „Hast Du gehört, Rahel, wie gut Du's bei der neuen Mutter haben wirst?" „Scht! Scht!" rief diese, indem sie ihre volle, weiche!Hand auf seinen Mund drückte, „so darfst Du nicht reden, Kalba Sabua. Ich habe mir sagen lassen, daß Dein Weib — cs soll ruhen in Frieden! — eine ganz besondere Esches chazil gewesen ist; da kannst Du doch von ihrer Tochter nicht verlangen, daß sie zu einer jungen Person, wie ich bin, Mutter sagen soll. Habe ich nicht recht, Rahel? — Sage Du nur Milka zu niir, wir werden schon gut miteinander auskommen." Rahel atmete aus, als wäre ihr ein Stein vom Herzen genommen. „Ich danke Dir, Milka, Tu hast in meinem Herzen gelesen! Aber sei unbesorgt, wenn ich Dich auch bei Deinem Namen nenne, ich werde es dennoch nicht an der Achtung fehlen lassen, die ich Dir als der Gattin meines Vaters schulden werde." * Während ihres Brautstandes kam Milka nicht mehr in das Haus ihres Verlobten; sie wußte, daß sie auf Rahel einen guten Eindruck gemacht hatte, das war ihr vorläufig genügend. Sic war auch einsichtsvoll genug, Kalba Sabuas Absicht, die Hochzeit mit großem Pomp zu begehen, zu hintertreibe», denn schon die Vorbereitungen dazu hätten Rahel verletzen müssen. Rahel verbrachte die Hochzeitswoche im Hause ihrer Verwandten, der 'Schwester ihrer verstorbenen Mutter. Dann aber entspann sich ein ganz leidlicher Verkehr zwischen ihr und ihrer Stiefmutter, obgleich man sich kaum größere Gegensätze hätte denken können, sowohl in ihrem Wesen als in ihren Gewohnheiten und ganz besonders in ihren Anschauungen. Ihre Freunde und Bekannten konnten sich nicht genug darüber wundern. Aber sie waren beide sehr' gescheidt, und beide hatten den festen Willen, in Freundschaft miteinander zu verkehren. Darum übersah jede die Kleinigkeiten, die ihr an der andern mißfielen. Mehrere Wochen ivaren so verstrichen, der junge Ehemann fühlte sich maßlos glücklich, und auch in seiner Tochter festigte sich mehr und'mehr die Ueberzeugung, daß sie die Gattin ihres Vaters früher falsch beurteilt hatte. Kalba Sabua war für einige Tage verreist. Es mar in früher Morgenstunde, Rahel war in den Garten gegangen und hatte sich auf die Rasenbank gesetzt, die Akiba einst für sie bereitet hatte. Träumerisch sinnend blickte sie ins Weite. Ilkkba! Akiba! Wie das Herz ihr klopfte, wenn sie seiner nur gedachte, — und wann gedachte sie seiner nicht? Gesehen hatte sie ihn zwar schon lange nicht, sehr, sehr lange nicht. Aber sie.hörte oft von ihm, und was sie von ihm hörte, erfüllte sie stets mit stolzer Freude, mit inniger Genugtuung. Nein, wie sie ihn liebte, würde sie me einen anderen lieben können. Und fein Name stand bereits in hoher Achtung, mehrere der angesehensten Männer Jerusalems hatten sich ihn als Schwiegersohn gewünscht, aber Akiba verhielt sich ablehnend, kein Mensch ahnte weshalb, nur sie wüßte es, sie allein. Aber sollte denn ihr Vater nicht zu betvegen sein, das zuzulasscn, was die angesehensten Männer sich wünschten? — Anscheinend hatte seine zweite Frau mehr Einfluß auf ihn als die Verstorbene. Wenn es ihr nun gelingen würde, ihre Stiefmutter ihrem Wunsche geneigt zu machen? Sinnend blickte sie ins Weite und unwillkürlich haftete'ihr Auge an dem kaum'zehn Schritte entfernten, ihr gerade gegenüberliegenden Lusthause. — Seltsam, wie die Türe da drüben sich bewegte, schon zweimal hatte sie sich geöffnet und wieder geschloffen. Doch jetzt wurde die Türe spannweit geöffnet,-und in der Oeffnung erschien die stattliche Figur ihrer Stiefmutter, gefolgt von dem Gartenpfleger. Ein Laut des Erstaunens entfuhr Rahels Lippen und lenkte die Blicke der beiden andern zu ihr hin. Der junge Mann verschwand sofort seitwärts im Gebüsch, die beiden Frauen jedoch starrten einander sprachlos in die Augen. Frau Mllka fand zuerst ihre Fassung wieder. * „Guten Morgen, Rahel?" ries sie, „hat Dich auch das schöne Wetter heute früher herausgelockt? — Aber wie Du nur am frühen Morgen schon so träumen kannst; als ich vor kaum zwei Minuten hier vorüber ins Lusthäus gegangen bin, da hast Du auch schon dort gesessen mit weit offenen Augen, — aber mir scheint, gesehen hast Du mich nit." Rahel schüttelte staunend den Kovf. „Hier an mir bist Du vor zwei MinuteiT vorübergegangen?" Die andere lachte laut auf. „Freilich! — Wie man nur so träumen kann, am hellichten Tage und mit offenen Augen?" Diese Lüge, diese unverschämte Lüge brachte es dem jungen Mädchen erst zum Bewußtsein, daß sich vor ihren Augen eine Ungeheuerlichkeit vollzogen hatte. Sic sprach kein Wort, aber der Mscheu, der Ekel, der sie erfüllte, malte sich in ihren ausdrucksvollen Zügen, — und Frau Milka verstand zu lesen. Sie warf den Kopf zurück und hochcrhobcnen Hauptes begab sie sich in das Wohnhaus, Rahel mit schweren Gedanken zurücklassend. Rahel sann und sann, doch bei allem Sinnen wollte ihr kein Entschluß reisen. War sie verpflichtet, ihrem ahnungslosen Vater die Augen zu öffnen? — Sic wußte es nicht, aber sie hätte es nicht gekonnt, und wenn sie es hätte tun können, ec hätte ihr nicht geglaubt. Das eine nur ward ihr klar, daß sie jetzt ihre Stiefmutter nicht auffordern konnte, ihren Vater ihrem heißesten Wunsche geneigt zn machen. FreUich, tvcnn sie alles in Erwägung zog, — wenn sie cs über sich vermocht hätte, mit vollständiger Ignorierung des Borangegaugeneil in Ruhe und Freundlichkeit ihre Sties-. mutter zu ersuchen, ihren Vater zu bewegen, chrer Verbindung mit 'dem Geliebten zuzustimmen, — sie hätte auf Erfolg rechnen können, denn das schlaue Weib wäre gerade jetzt glücklich gewesen, sie verpflichten zu können. Eine derartige Verpflichtung aber wollte, konnte und durste sie nicht übernehmen, wenn sie es auch für unmöglich hielt, jemals darüber zu sprechen. Als Kalba Sabua abends heimkchrte, warf sich ihnr seine junge Frau laut jubelnd an die Brust. „Gelobt sei Gott, daß Du wieder da bist!". Glücklich lächelnd drückte er sic an sich, mit solchem Jubel hatte ihn die Verstorbene Loch nie begrüßt. „Hast Du mich vermißt, Weib meines Herzens?'' „Ob ich Dich vennißt hake? — Wenn es regnet von früh bis spät und dunkle Wolken unter dem Himmel hängen, wer wird da die Sonne nicht vermiffen? Und Du fragst noch, ob ich Dich vermißt habe! — Nein, Geliebter, nein, das darfst Du nicht wieder tun, Deine arme, kleine Frau einen ganzen Tag allein lassen!" „Aber, Kind Du warst doch nicht allein?" Die junge Frau zuckte verächtlich die Achselir. „Dü kannst mir doch nicht zumuten, daß ich mit den Knechten oder den Mägden mehr reden sollte alK das, was ich ihnen zu befehlen habe-" Er wiegte bedächtig den Kopf. „Mein verstorbenes Weib — sie soll ruhen in Frieden! — hat mehr mit dem Gesinde geredet, und ich muß sagen, sie haben sie sehr gern gehabt. — Aber freilich. Du bist etwas Besonderes." Sie nickte zustimmend. „Nein, Las könnte ich nicht, mich gemein machen mit dem! Gesinde-"

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