Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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£ette 10. Är. 8. KranEfurter Israelitisches AamElieitblatk. Bilder von Lehrgut Steinhorst. Großer Biehstall (für 100 Haupt Dich) mit Futterboden (für 230) Zentner Heu und Stroh). Lchrlingsheim. mit -XV'-x iiiiiiii obert, und cs ist heute keine Lächerlichkeit mehr, sich als orthodoxen Inden zu bezeichnen.' Die „Freie Vereinigung" ist zu einer gewaltigen Organisation geworden, deren Stimme ini In- und Auslande mit Achtung vernommen wird. Uralt ist ja der Gedanke der Organisation im Judentum; schon in der Wüste war unser Volk organisiert. Das Heiligtum stand in der Mitte, und um es herum lagerten sich die Stämme Israels. Auch eine „östliche Abteilung" gab es damals schon. Im Osten, vor dem Eingang des Stiftzeltcs lagerte die Vorhut, deren Führer Nachschon Ben Dninadab war, jener Nachschon Ben Aminadab, der zuerst ins Schilfmeer sprang. Der Vorstand wünscht von ganzem Herzen die Erhaltung unserer Vorhut, der ostdeutschen Abteilung und ist aufs Eifrigste bemüht, das gesetzcstrcue Judentum im Osten Deutschlands nicht minder als im Süden und Westen zu erhalten. Msdann erhielt der Generalsekretär der Freien Vereinigung, Dr. de Haas, das Wort zu einem ausführlichen Bericht. Hervorgehoben wurde besonders , die erfolgreiche Tätigkeit J>ce Vereinigung im Osten, ferner die Wirksamkett der Vereinigung auf dem Gebiete der Gesetzgebung und Verwaltung, wie z. B. die Aufhebung des sächsischen Schächtvcrbotcs, und die in der Frage der Sonntagsruhe erreichten Erfolge. Nach einer Pause erhielt Rabb. Dr. M unk- Berlin das Wort zu seinem Vortrage: „Die Fortdauer des überlieferten Judentums im Wechsel des Zeitgeistes." Er schllberte die verschiedenen.Anfechtungen, die unsere Weltanschauung durch die verschiedenen Richtungen des Zeitgeistes zu erdulden hatte: zuerst durch das babylonische Heidentum, dann durch den Hellenismus, «Löter Lurch die Mystik des Christentunis und in unseren Tagen durch den Materialismus. Er zeigte, wie unser Volk siegreich trotz mancher Einbußen dieser Zeitströmungen überdauert habe. Auch heute noch sind es dieselben Strömungen, die uns der Welt- und Lebensanschauung unserer Väter culsrcmden möchten. Man dürfe nicht glauben, das; etwa in unserer Zeit der Materialismus vermöge seiner geistigen Waffen viel stärker sei als etlva das Heidentum im biblischen Zeitalter, vielmehr könne man durch Beispiele belehren, das; schon damals die Zcitströmungen einen ungeheuren, fast unwiderstehlichen Einfluß auf die Bekenner des Judentums ansgeübt haben. Aber auch wir haben die geistigen Worte, all diesen Strömungen siegreich zu widerstehen. In der Tatsache der Offenbarung rmscrer Lehre, in ihrer bisher unerreichten Ethik und Kultur und endlich in unserer religiösen, ja göttlichen Literatur. Freilich stehen uns diese Waffen nicht ohne weiteres zur Verfügung, sondern wir Müssen sie uns aneignen, sic scharf halten und uns in ihrem Gebrauche üben, vor allem durch das Studium der Thora. Dann lvird Israel auch ferner seiner großen Aufgabe genügen, ein Bote Gottes an die irrende Menschheit zu sein. Der Vortrag entfesselte einen fast nicht endenwollenden Beifallssturm. Der Präsident verkündete darauf, daß der Vorstand die Drucklegung des Dr. Munkschen Vortrages beschlossen habe, und daß 'die .Kosten dazu soeben durch eine Sammlung aufgebracht worden seien. Leider war die Zett so weit vorgeschritten, daß sich der letzte Redner des Tages, Moritz A. Locb -Berlin^ mit seinem Vorträge: „Die Bedürfnisse des d e u t s ch e n Osten s" sehr kurz fassen mußte. Er lvies auf den beständigen Rückgang der jüdischen Bevölkerung im Osten uno auf die damit für das Judentum verbundenen Gefahren hin und zeigte, daß man doch durch manche Mittel, wie z. B. durch Erhaltung der jüdischen Volksschulen und durch Einführung neuer, lohnender Erwerbszweigc vieles tun könne. So habe z. B. iin Kreise Neutomischel die Abwanderung der Juden nach der Einführung des Hopfenbaues ausgehört. Auch ließe sich wohl heute bei dem zweifellos festgestellten Bankerott des Anttsemittsmns von der Staatsregierung erreichen, ihre bisherige Praxis aufzugeben und die Einwanderung russischer Jude» im Oste» zu dulden. Diese moralisch und geisttg sehr hoch stehenden Elemente würden sicherlich in kurzer Zeit vollständig deutsch werden. Auch diese leider infolge der kurzen Zett sehr knapp gehaltenen Ausführungen fanden großen Beifall. Die Veranstaltung, der sich ein Bankett anschloß, bedeutet sowohl wegen ihrer Größe, als auch wegen ihrer bedeutungsvollen rednerischen Darbietungen einen ungcheriren moralischen Erfolg für die Freie Vereinigung, und auch der materielle Erfolg in Gestalt von Anmeldungen' neuer Mitglieder und reichen Spende» blieb nicht aus. Frankfurter Berichte. M o n t e f i o r c - V e r e i n. — Es war eine interessante und dankbare 'Aufgabe, die sich der „Montefiore" am vorigen Mittwoch gestellt hatte, da er „Lieder der Liebe", wie sie die erlauchtesten Dichter und Sänger in den verschiedensten Zeitläuften ihren Saiten entlockt hatten, zu einer klangschönen Symphonie geeint, seine» Mitgliedern und Gästen zu Gehör brqchte. Daß die Liebe, die dem Denken und Empfinden auch des Alltagsmenschcn Schwingen verleiht, die Gottbegnadeten unter den Mensche», die Lieblinge der Musen in Rausch und Verzückung versetzt, 'ist eine alte Weisheit, lind doch — welch ungeahnte Schönheiten klangen gus Worten und Tönen, die wir gestern .hören dursten! Freilich gaben sich die Besten der Dichter und Komponisten ein Stelldichein auf dem Programme des „Montefiore". Der edle Dichterkönig Salomo, der Fürst der jüdischen Dichter. Jehuda Halcvi, und der jüdische Minnesänger Süßkind von Trimberg eröffncten den Reigen, und ihnen folgten mit Dichtungen Doll bangen Sehnens und Verlangens, Trauerns und Jauchzens der deutsche Dichterfürst Goethe, Heine, Grillparzer, Leuthold, der feinsinnige Gustav Falk, der Dichter des Rosendoktor, Finkh, später Dehmel, Hosfmannsthal, Baunibach und der Frankfurter Karl Ettlinger. Der Liebhaber des „Neuen Theaters", Herr Otto Bernstein, und das feinsinnige Fräulein Wilhelmine Rosenhaupt wurden diesen Dichter-Schöpfungen hervorragend gute Interpreten. Der gesanglichen Darbietungen (Wagner, Schubert, Strauß) nahm sich Herr Drepka mit reifer Technik und viel Empfinden mi, und auf instrumentalem Gebiete gab es die wertvollen Brahms'schen „Liebcslieder-Walzer" für Klavier zu vier Händen, von Fräulein Lilli Baer und Herrn Ludwig Kahn nuancenreich vorgctragc», und zwei Violinkompositionen von Beethoven und Haydn, durch deren Spiel das Publikum mit einer recht talentierten kleinen Violinistin, Lucie Einsiedel, bekannt wurde. — Schade, daß nicht die doppelte Hörerzahl an den Genüssen des Abends teil hatte! Verein „M e k o r C h a j i ni." — Der Verein schloß sein letztes Rechnungsjahr mit 413 Mitgliedern ab. Sämtliche Einrichtungen des Vereins (Kurse für Talmud, Mischnah usw.» Vorträge, Freitag-Llbend-Veranstaltungcn. Lesezimmer, Bibliothek) befanden sich auf der Höhe. Für die Bibliothek ist ein Katalog angefertigt worden. In der jüngst stattgehabtcn Generalversammlung wurden die ausscheidenden Vorstandsmitglieder wiedcrgewählt. Verein „9t a ch laß Z w i." — Der Vortrag Rabbiners Dr. Leo Singer-Budapest über das Thema „Religion n n d 9t a t u r w i s s e u s ch a f t" hatte ein sehr zahlreiches Pnblikuin ungezogen. Der Redner gab eine Fülle von Stoff und verstand es, die Stellung des Judentums zur Naturwissenschaft genau zu präzisieren. Das Judcntnni gibt eine Weltanschauung, die Naturwissenschaft ein Weltbild, das Judenttmi beantwortet das Woher, die Naturwissenschaft das Was. Wohl suchen zahlreiche Naturwissenschaftler auch das Woher zu beantworten, aber alle ihre Lehrsätze sind bei näherer Ilntersuchung Hypothesen. Redner zeigte das an den bekanntesten Anschauungen der modernen Naturwissenschaft. Verein „T i s e r e s B a ch u r i m." — Am 18. crt. sprach Herr S. P o s e u über „Salomo G a b i r v l." Er beschäftigte sich eingehend mit deni Inhalt des bedeutendste» Werkes Gabirols, mit „Keser 9)talchus", und erläuterte die großen philosophischen und ethischen Grnndgedankcn dieses Werkes. 9teben den ernsten und religiösen Dichtungen Gabirols, die teilweise in der Tefilloh der 9tachwelt erhalten geblieben sind, bot der Referent auch Proben aus Gabirols humorvollen und satyrischcn Gedichten den zahlreichen Zuhörern dar. Am 11. crt. referierte Herr F. S u l z b a ch e r über „Das Lebendes Sabbat Hai Zewi." Redner ging ausführlich auf den damals herrschenden Zeitgeist ein, dem insbesondere eine gewisse Sehnsucht nach dem 9)tessias zu eigen war, die Sabbathai Zewi. den Anstoß zu seiner phantastischen Selbstvergötterung gab, und der die irregeführten Massen zum Opfer fielen. Er erwähnte auch, daß Sabbathai dem Kabbalistischen Schrifttum eine neue Richtung gewiesen habe. Jüdische Frauenvereinigung. — Gutes Organ, klarer Aufbau und interessanter Stoff vereinigten sich in dem Bortrage des Herrn Rabbiner Dr. Klein- Nürnberg und boten so eine angeregte und lehrreiche Stunde. Der Redner sprach über den Minhag im Dienste des Rechts- und Gefells chaftslcbe ns. Einleitend stellte er den Begriff „Minhag" fest, der sich mit der Uebersetzung „Brauch" nicht deckt, sondern eine vom Volke eingeführte Beobachtung zur Sicherung des Gesetzes bedeutet. Der Minhag ist frei aus dem jüdischen Bolksbewußtsein erwachsen. Zu seinem Thema übergehend, zeigte ■ Redner, wie der Minhag, den das jüdische Volk im Rah-