Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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„ $u ik. 8 des fmnfrfudec Ifmetttifdieii #amiCiea6(affes. Das Lehrgut Steinhorst. Das von der Simon'schen Stiftung in Hannover begründete LeArgut Steinhorst (Kreis Isenhagen) nnifaßt 1ÖÖ0 Morgen Ackerland, Wiesen, Forstungen und Moor. Seine Aufgabe ist, jüdische junge Leute zu praktischen Landwirten zu erziehen. Die Neueintretenden werden zunächst mit leichten Verrichtungen in Hof, Garten und Außenwirtschaft beschäftigt. Wenn dann die Kräfte und das Verständnis gewachsen sind, kommen sie ciit die Bedienung von Gespannen und Maschinen und an die Pflege des Viehes. Bis' zum Ende der Lehrzeit haben die jungen Leute alle Betriebszweige wiederholt durchgemacht. Das Haus, das den Lehrlingen ein Heim bietet, steht, landschaftlich reizvoll, in Garten und Park. Es enthält Schulzinuner, große Räume für Mahlzeiten, Aufenthalt und..Erholung, Bibliothek, Schlafräume, Bade- und Waschsaal re. und gewährt die .äußeren Voraussetzungen, die zu geordnetem und fröhlichem Zusammenleben der jungen Leute gewünscht werden können. Es werden nur an Geist .und Körper gesunde junge Leute — am liebsten solche, die eben die Schule vollendet haben — ausgenommen. Nach Ablauf der Lehrzeit ist die Simon'sche Stiftung bemüht, geeignete Stellung zu verschaffen; auch steht sie später beim Sclbständigmachen zur Seite. Ostdeutscher Bezirkstag der Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judeutums' Posen, 19. Februar. Gestern fand hier der ostdeutsche Bezirkstag der „Freien Vereinigung" statt. Schon vor Beginn der öjsentlichen Hauptversammlung war der große Saal der Reichshallen, der weit über 1000 Personen saßt, üüerfftflt. Angehörige und Freunde der „Freien Vereinigung" aus der Provinz Posen und den Nachbargebictcn, aus Berlin, Breslau und Königsberg waren herbeigecilt, um an der gewaltigen Kiindgebung süt die lebendige Kraft des überlicjertcn Judentums teilzunehmen. Um 3 Uhr nachmittags eröffnete Dr. Ealvarh- Poscn, der Vorsitzende der Ostdeutschen Abteilung, die Tagung mit einer Begrüßung an unseren ehrwürdigen Rabbiner Tr. Feilchcnfcld, der bereitwilligst das Präsidium^ der Tagung übernommen hatte. 'Ans Vorschlag des Herr» Dr. de Haas wurden alsdann die Herren Rabbinatsasscssoren >1 ranse und Silbcrberg znm Ehrenpräsidium hinzugcwählt, Dr. C a l v a r y - Posen und L o c w y -Rawitsch zu Präsidenten mit gleichen Rechten und Aron K o b c r - Breslau und Sally Guqqenhe im- Berlin zu Vizepräsidenten gewählt. ../Rach der Wahl der Beisitzer und Schristjührer er grisf Herr Dr. Calvary wieder das Wort. Er führte aus: Wir wissen wohl, daß der jüdische Vater in seinem Haus, der Lehrer in seiner Schule, jeder einzelne Jude, der. das Gottcsgesetz befolgt oder sich in die Thora versenkt, in der «timnie seines Wirkungskreises mehr sür die Zukunft des Judentumnis zu leisten rer.nag, a'.S wir cs hier in der großen Tcsscntlichkeit vermögen. Indes erfordert die Rot der Zeit den Zusammenschluß der einzelnen zu einem großen Bund, zu der Organisation, die uns heute zusammeuberufcii hat. Es gilt Aufgaben zn erfüllen, sür die die Kraft des Einzelnen nicht ausreicht. In dieser 'Absicht hat vor 25 Jahren der geniale Samson Raphael Hirsch nnscre Organisation begründet, aber erst vor einem Lnstrum war es dieser unter Leitung ihres jetzigen Vorsitzende», Rabbiner Djr. Breuer, möglich, auch den Norden und Osten des Reiches zn erobern. Dank wollen wir dem unter uns weilenden stellvertretenden Vorsitzenden Jacob Rosenheim wissen, dessen begeisternder Energie und organisatorischer Kraft vor allem die Dnrchsührung dieses Plans gelang. In unserer Provinz was cs der Generalsekretär Dr. de Haas, der' in emsiger Arbeit cs verstand, den steinigen Boden kaum erhoffte Früchte abznringcn. Moderne Kultur und altes Judentum gehöre» zusammen, sie widersprechen einander nicht, das soll unser Leben nnd Streben ' beweise». Unsere Väter haben freudig den Märtyrertod erlitten, nnd wir sollten das, wosür sie gelebt, gekämpft, gelitten, und gestorben, um der Bequemlichkeit willen, äußerer Ehren halber, vagen Hypothesen des stets wechselnden Zeitgeistes zn liebe feige im Stich lassen? Alsdann ergriff Herr Loewy das Wort, um folgendes auszusührcn: Das Interesse sür die Freie Bereinigung, daS Streben für die großen Aufgaben des alten Judentums, von dem die heutige zahlreiche Versammlung wieder einmal Zeugnis ablegt, ist im Osten Deutschlands keine verwunderliche Erscheinung. Hat doch bis in die neueste Zeit der 'Abfall nnd die Zerstörung hier nicht so arg wie in anderen Gegenden Deutschlands zu wirken vermacht? Roch heute sind von den 24 Rabbinaten der Provinz 19 in den Händen ehrwürdiger Männer, die zur Fahne deS alten, unverfälschten Judentums sich, bekennen. Ebenso wirkt die erdrückende Majorität unserer Lehrer und Knltnsbeamten im alten, echten Thorageiste. Von de» 112 Syiiagogcngemcinden der Provinz Posen, betrachten mehr als 100 die Satzungen des überlieferten Judentums als verbindlich für ihre Institutionen. .So hoffen wir trotz der schweren Zeiten unter den schwierigen - wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen unserer Provinz, sie als Hochburg des gesetzestrenen Judentums zu erhalten, wenn wir nur unsere Pflicht tun. Rabbiner Dr. Feilchenfeld begrüßte alsdann die Versammlung. Er erinnerte an die Tage der Wiederherstellung deS jüdischen Gemeinwesens unter persischer Oberhoheit, da zuerst n»r die Propheten Haggai, Secharja und Maleachi ihr Worr zur Wiederherstellung des Heiligtums nnd zur strengen Befolgung der Gottesgesetze erhoben haben, bis endlich Esra und Rehemia als Männer der Tat die von den Propheten gesprochenen Mahnungen befolgtcil nnd tatkräftig die Herrschaft der Thora wieder herstcllten. Eine ganz ähnliche Zeit ist die unsrige, — und da wirkt die „Freie Vereinigung" durch Wort und Tat sür die Lehre nnd die Erfüllung ihrer Gebote. Rabbiner Dr. E o h n - Rawitsch überbrachte die Grüße der „Vereinigung traditionell-gesetzcstrener Rabbiner Deutschlands." Rabbiner Dr. W r e s ch n e r- Samter begrüßte den Bezirkstag im Rainen der „Bereinigung von Rabbinern der Provinz Posen zur Wahrung des überlieferten Judentums", und Herr M a n a s s e W e r n e r überbrachte die Grüße der ..Posensr Ortsgruppe des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens." Ferner sprachen noch die Herren Timon Ne »mark-Posen als Vertreter der Ortsgruppe des Verbandes der Sabbatfreunde, Dr. H o f in a n n - Berlin im 'Aufträge des „Bundes jüdischer Akademiker" und P i n c u s P l e ß n e r im 'Rainen des „Bundes gesetzestreuer jüdischer Jugcndvereine." Nunmehr ergriff Herr I a c o b R v s e n h e i in - Frankfurt das Wort. A.nknüpsend an die Worte des Herrn Gemcinderabbincrs erinnerte der Redner an die Gründungszeit der Freien Bereinigung. Damals folgten nur wenige dem Ruf, damals war eine Zeit, da sich für die Thora, wie in den Tagen des Propheten Maleachi, fast nichts anderes tuen ließ, als ihre Mahnungen, wenn nicht zu erfülle», so doch auszusprechen. Die Zeiten sind andere geworden. Das gesetzestreue Judentnm hat sich inzwischen eine angesehene Stellung er- 0 Kr die lugend. 0 Huf und H6. Bon S. Lutz-Mannheim. (Fortsetzung.) „Das nulß ich sagen, feine .Handarbeit, der Sichel scheint seine Ncujahrsgratifikation wenigstens geschmackvoll angelegt zu haben." Den andern Morgen blieb Herr Freudenreich, der beschlossen hatte, sich von Ludwigs Sorte etwas zuznlegen, an dessen Pult stehen nnd fragte: „Würden Sic mir sagen, wo Sic die Importen kaufe», die Sie meinem Sohne aufgeivartct haben?" „Die kaufe ich mir nicht, die inachc ich mir selber." Herr Freudenreich erbleichte, und ehe Ludwig hinznsügcn konnte, in welchem Laden sie käuflich waren, machte der Alte eine kurze Wendung und ging in sein Privatkontor. Eine Stunde später beschied Herr Freudenreich den Herrn Schneider zu sich, und ohne weitere Einleitung sagte 'er im ruhigsten Tone: „Herr Schneider, Sie wollen, bitte, dem Herrn Sichel zum ersten April die Stelle kündigen." Herr Schneider riß die Augen auf und tat einen Schritt rückwärts. „Nachdem Sie erst vor wenigen Tagen , . . ." „Bitte, Herr Schneider, die Sache ist wohl crivogen nnd überlegt, lassen Sie jede weitere Erörterung; jedoch brauchen Sie die Kündigung nicht bis zum gesetzlichen Termin zu verschieben. Sie können sie noch heute übermitteln, damit Herr Sichel genügend Zeit hat, sich nach einem andern Platze umzusehen." Herr Schneider kannte seinen Chef und wußte, daß keine Vorstellung ctlvas helfen würde. Wenn Herr Freudenreich, ohne mit ihm zn beraten, für sich etwas beschlossen hatte nnd dabei sagte, es ist alles wohlerwogen und überlegt, dann gab es kein Zurück. Gegen alles, was der Alte seine Geschäftsgrundsätze nannte, nick» was seine Rechte als Chef betraf, ließ er durchaus keinen Widerspruch' zu. So gutmütig er war, so unbeugsam nnd unzugänglich war er in dieser Hinsicht wie in allem, was er sich als Prinzip festgesetzt hatte. Ludwig erschrak heftig, als ihm gleich darauf die Kündigung eröffnet wurde. „Was habe ich getan?" fragte er erbleichend. „Haben Sic Herrn Otto vielleicht Geld gegeben?" „Ja, die dreihundert Mark, die Sic ihm verweigerte», und da ich gerade mein Neujahrsgcschcnk hatte . . . . ." Herr Schneider zuckte die Achseln. „Sie tun mir wirklich leid, Herr Sichel, aber zu ändern ist da nichts." „Wenn ich dem Herrn Freudenreich sage . . „Lassen Sic das, Sic sind zwar fast sechs Jahre im Hanfe, kennen aber den Herrn Chef noch nicht. Bemühen Sic sich um eine andere Stelle, auf meine beste Empfehlung können Sie sicher rechnen!" Frau Heinemann weinte, als sic von der Kündigung hörte. Herr Heinemann aber, der sich im Innern die bittersten Vorwürfe über seinen Ludwig gegebenen Rat machte, wollte keine Schwäche zeigen und hals sich, — wie das die meisten Menschen in solchen Fällen tun —, indem er seiner Frau, mit der er sonst immer sanft sprach, heftige Vorwürfe über ihre Tränen machte. „Ist das ein Kunststück," schrie er, „immer von Gottvcrtrauen zn sprechen, wenn es einem gut geht? Haben wir nicht schon oft darüber geredet, daß cs eine Vorsehung gibt, die auf jeden einzelnen Menschen achtet, und wenn nur aus der Ferne ein klein wenig Unangenehmes sich zeigt, willst Du dein lieben Herrgott etwas vorweincn?" 'Antwort gab ihm niemand. „Stuß!" gab er sich selbst zur Antwort, und zitierte die Worte, mit denen Mordechai einst seine Nichte Esther «»geredet hatte, falls sie sich weigern sollte, sich um die Rettung ihrer Stammesgenossen znbemühen, nämlich die Worte: „Freiheit und Rettung wird von anderer Seite kommen." „Du bleibst immer kalt," entgcgnete Frau Heincmann, gereizt durch ihres Mannes schnelle Rückkehr zu philosophischer Ruhe, „Du hast kein Herz." „Weiberreden!" sagte .'Heinemann wegwerfend, „wissen Sie, Herr Sichel, was Raschi sagt im dritten Buch Moses zn der Vorschrift, daß der Hohepriester Feuer anlegen soll auf dem Altar?" „Wie soll ich das wissen? Ich habe doch keinen Raschi gelernt." „Ei, ja so, Sic haben keinen Raschi gelernt; schade, daß Sie keinen Raschi gelernt haben. Also, fragt Raschi, warum bringt der Priester gewöhnliches Feuer, um die Flammen auf dem Altar anzuzünöen? Es sollte doch ein Feuer vom Himmel Kimmen, um sie ohne menschliches Zutun aufsteigen zn machen? Na. na, warum?" Die Zuhörer schwiegen. „'Nun, warum?" fragte der heute etwas ungeduldige Philosoph nochmals dringender und lauter, „weil der Mensch wohl Vertrauen haben soll, aber er soll sich nicht auf ein Wunder verlassen, der Heilige — gelobt sei Er — schickt uns unser Brot, aber er wirft's nus nicht zuni Schornstein herein, wir müssen das unselige dazu tun. So sage ich auch Ihnen: die Rettung wird schon von anderer Seite kommen, aber Sie müssen alles tun, um eine Stelle zu finden, Gottvcrtrauen und eigene Bemühung zusammen, dann ivird's schon gehen." * Aber es ging nicht. Es war gerade eine Flauheit ini Geschästslcben eingetreten, und es gab deshalb viele Stellenlose. Annoncen in den Zeitungen wie schriftliche und mündliche Bewerbungen waren gleich erfolglos; der erste April kam, und Ludwig hatte keinen neuen Platz gefunden. Heinemann tröstete. „Auch nicht schlimm," sagte ec, „Sie haben dieses Vierteljahr so viel mehr Gehalt gehabt, daß Sie drei' Monate davon leben können und haben noch die dreihundert Mark von Herrn Otto zn bekommen, die wird er Ihnen Ostern schon geben." „Aber wenn auch das ansgegeben ist?" fragte Frau Heinemann wieder kleinmütig. „Wenn Du sagen wirst, was sollen wir im siebenten Jahre essen?" antwortete Heinemann mit einem Bibelvers und erzählte dann von dem Brachjahrc des siebenten und ocn zwei Brachjahren km 49. und 50. Jahre, wie im sechsten Jahre stets für zwei Jahre und im 48. sogar für drei Jahre genügend wuchs. (Fortsetzung folgt.) 48