Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ler Überlegung vorauszuschen war — die Pariser, siegten, einmal, weil sie über rücksichtslosere Naturen verfügten, und sodann, weil sie die reicheren Geldmittel zur Verfügung Naben. Die Wahlen endeten mit dem „Sieg" der Pariser Liste, und die WaMeir wurden abgeschafst. Von dem Momente an, da die demokratische Basis der Alliance fiel, war für uns der Streit beendet und die Frage erledigt. Für uns bedeutete und bedeutet die Abschaffung der Wahlen das Ende der jAlliance, und als wir damals „Finis Alliance" ausriefen, war das für uns' keine Phrase, sondern traurige, aber reale Wahrheit, die sich über kurz oder lang in die .Wirllichkeit Umsetzen muß. Denn eine Alliance Universelle Jsraelite, die nicht vom ganzen Volke gewählt ist und sein Vertrauen besitzt, bedeutet ein Absurdum und. eine Unmöglichkeit. Daher unser Stillschweigen zu den folgenden Ereignissen; sie haben für uns nur insofern Wert, als sie die Gesinnung'der Pariser noch offener und deutlicher illustrieren, hohe praktische Bedeutung können wir ihsten nicht zumeffen; unser Glaube und unsere Hoffnung auf eine wirkliche Besserung , der Miance ist vorläufig dahin: es müßten unerwartete Ereignisse dazwischentreten, um uns diesen Glauben wiederzugeben. Wozu also weiter noch Kraft an eine verlorene Sache vergeuden; verwenden wir diese lieber darauf, neu Entstehendes und Aufblühendes zu fördern und zu pflegen. Wenn wir heute demwch ivieder auf die Allianceaffäre zurückkommen, und noch einmal auf den Kampfplatz treten, so geschieht es nicht etwa darum, weil solche (Äeignisse eingetreten wären, die unsere Hoffnung neubeleben könnten; nicht des Pariser Zentralkomitees wegen greifen wir zur Feder, sondern einzig und allein seiner deutschen Mitglieder wegen; nicht der Kampf zwischen Berlin und Paris ruft uns auf den Plan, sondern der zwischen Berlin und Frankfurt. Jenen Kampf haben wir aufgegeben; bei diesem haben wir die Hoffnung auf einen guten Ausgang noch nicht verkiren. Bekanntlich schweben schon seit Vorigem Jahre zwischen dems Präsidium der D. K. Gl. itttfo be-nt Frankfurter Lokalkomitee Differenzen, die schon damals anläßlich der Wahlkampagne recht scharfe Formen angenommen haben. Jetzt jedoch haben sich diese Differenzen zu einein regelrechten Kampfe gesteigert, der sogar in den schärfften Zirmen ausgetragen wird. Es ist bei solchen Känlpfen zwischen einzelnen Komitees immer sehr schwierig, schier unmöglich, die Ursachen und den Verlauf derselben genau zu verfolgen und zu kennen. Neben prinzipiellen Gegensätzen spielen rein persönliche Verstimmungen und Gegensätze eine solch gewichtige, oft sogar leider ausschlaggebende Rolle, daß es eminent schwer ist, die prinzipiellen Ursachen von den persönlichen zu trennen. Dies aber ist nötig, unr eine Beendigung des Konfliktes möglich zu machen. Daß aber diese dringend nötig ist, ist Aar. Nicht nur im Jntereffe der Sache, sondern schon um der <S|te der deutschen Judenheit willen. Diese Flugblätter von Huben und drüben, diese persönlichen Angriffe in der Tagespresse, all dies bietet em im höchsten Grade unangenehmes Schauspiel und ist nur dazu angetan, die Ehre und den Namen der deutschen Judenheit auf das schwerste zu schädigen. Suchen wir also das Prinzipielle vom Persönlichen zu trennen und zu erkennen, tvelches die prinzipiellen Gegensätze süü). Die Mitglieder-Vcrsammlung des hiesigen Lokalkomitees vom vorigen Sonntag hat dazu die erwünschte Gelegenheit und Möglichkeit geboten. Vor allem erllärt das Frankfurter Lokalkomitee, mit der finanziellen Verwaltung der Berliner nicht . einverstanden zu sein. Nach den Zahlen, die Dr. Bärwald verlesen hat, ist die finanzielle Verwaltung in Berlin tatsächlich nicht einwandsfrei. Diese Zahlen sagen, daß seit 1902 kein Geld mehr nach Paris abgeWrt, vielmehr alles von den Berlinern selbst ausgegeben worden ist. . . . Dies scheint wirklich kern gesunder Zustand zu sein. Aber muß denn darum ein heftiger Bruderstreit entfesselt werden? Ist da nicht eine Besserung leicht möglich? Vor allem hat diese Mißwirtschaft nicht unter der feigen Leitung der D. K. G. eingesetzt, sondern Frankfurter Israelitisches FamMerLlatt. unter dem Präsidium Goldbergsers'; als die jetzige Leitung die Führung übernahm, bestand schon das Uebel, und bekanntlich ist es leichter, Fehler selbst zu vermeiden, als bereits begangene wieder gut zu machen. Mso einmal liegt die Schuld für diese ungesunden finanziellen Zustände nicht in erster Linie an der jetzigen Leitung, und zweitens läßt sich da bei gutem Willen auf beiden Seiten leicht Abhilfe schaffen. Den zweiten Grund zur Klag'e bietet dem hiesigen. Lokalkomitee das Verhalten der Berliner während des Wahlkampfes. Die Leiter der D. K. G. seien — so wird behauptet — zu rücksichtslos Vorgegangen. Darin allerdings können wir dem hiesigen Lokalkomitee nicht zustimmen. Mag sein, daß die Berliner ein wenig ungestüm vorgegangen sind. Gegenüber dem unerWrten Verhalten der Pariser erscheint das Vorgehen der Berliner sogar noch milde und versöhnlich. Zudem, angenommen, die Frankfurter hätten Ursache zur Klage; diese Dinge sind doch nun vorbei; jetzt handelt es sich darum, die weiteren Angriffe der Pariser abzurveh'ren und ihnen gegenüber die berechtigten Ansprüche der deutschen .Mitglieder der Alliance zu berteidigen. Dies Null doch auch schließlich das Frankfurter Lokalkomitee. Justizrat Dr. Blau hat es ausdrücklich in der Versammlung erllärt, daß es gilt, den Einfluß der deutschen Mitglieder auf die Alliance zu steigern; dies aber wird nur erreicht werden können, wenn alle Mitglieder geschlossen auftreten werden; im Interesse ihrer Ziele selbst sollten doch auch die Frankfurter eine Versöhnung anstreben. Diese anzustreben, bchäupten sie auch. Doch werde ihnen das umnöglich gemacht durch die persönlichen Angriffe der Berliner Herren, Und hier in der Tat wird man nicht bestreiten können, daß, von Berlin aus Fehler gemacht worden sind. Die ganze Behandlung der Affäre in der nichtjüdischen Tagespresse hätte unterbleiben müssen. Vor allenr die im höchsten Grade verwerflichen Eingriffe gegen die Frankfurter wegen Verrats am Deutschtum. Wir wissen ja nicht, ob das Präsidium der D. K. G. mit diesen Angriffen in der „Kölnischen" etwas zu tun hat. Wenn ja, dann swar es eine schlimme Entgleisung; wenn nicht, hätte es bei aller Gegnerschaft die Frankfurter Herren davor in Schutz nehmen sollen und gegenüber der „Kölnischen" feststellen müssen, daß hie ganze Angelegenheit nichts mit Deutschtum und Franzosentum zu tun hat, daß. sie eine interne, rein jüdische Sache ist und das Hineintragen deutschnationaler Momente auf das schärffte zurückzuweisen ist. In dieser Beziehung, hat Berlin zweifelsohne, wenn auch vielleicht nicht eine direlle, so doch zumindest - eine Unterlassungssünde begangen. Doch wir hoffe», daß auch diese persönlichen Angriffe überwunden und eine Versöhnung herbeigeführt werden kann. Wenn beide Seiten nur das Interesse des Judentums' inr Auge haben, wenn beide die Ansprüche der deutschen Mitglieder verteidigen und ihren Einfluß in der Alliance stärken wollen, tvarunt soll eine Einigung umnöglich sein, o'hüe die ein Erfolg fast umnöglich ist? Die taktischen Differenzen und die persönlichen Gegensätze müßten doch im Interesse der Sache überwunden werden können. Wir glauben zuversichtlich, wenn beide Seiten den ehrlichen Willen dazu haben werden, wenn Berlin seine Angriffe und Frankfurt seine Obstruktionspolitik aufgibt, dann wird die Einigung schon zu erreichen sein. Diese Einigung aber zu erreichen ist die gleiche Pflicht für beide Seiten, Pflicht im Interesse der Sache, im Interesse der Miance, im Interesse des deutschen Judentums! Berlin-Frankfurt. Die tiefgehenden Differenzen zwischen dein Präsidium der D. C. G. und dem hiesigen Lokalkomitee hetten letzteres veranlaßt, flir Sonntag, den 18. Febr., eine M i tg lieber Versammlung ins Hotel Schwan einzubcrufen, die zu dem Streitfall Stellung nehmen sollte. Direktor Adler erössnete die Versammlung und betonte, daß das Frankfurter Lokalkomitee stets nur den Frieden und die Versöhnung angestrebt habe. Davon werde es sich auch nicht durch die persönlichen Angriffe abbringen lassen, die. in der Tagespreise, der „Frankfurter" Nr. 8 und besonders in der „Kölnischen Zeitung" gegen ihn selb» und Justizrat Blau gerichtet worden sind, und die fic des „Verrats" am Deutschtum bezichtigen. Er weist diese Angriffe aufs schärfste zurück und wünscht, daß auch diese Versammlung unter dem Zeichen des Friedens verlaufe» möge. Darauf erstattet der Vorsitzende des Lvkalkomitces, Dr. Bärwald, den Bericht über die Angelegenheit, einen Bericht, der den Charakter einer Verteidigung der Pariser und Anklage der Berliner trägt. Äm Verhalte» der D. C. G. kritisiert er vor allem die finanzielle Mißwirtschaft und ihr rücksichtsloses Vorgehen während der Wahlen. Auch er protestiert gegen das Hineintrage» nationalistischer Monrente in den Kampf und betont, daß es in der Alliance keine Deutschen und Franzose», sondern unr Juden gäbe. Herr Drehs ns beantragt darauf eine Resolution, die dem Lokalkomitee das Vertrauen ausspricht. Rechtsanwalt Dr. S ch w a r z s ch i l d vertritt de» Standpunkt der Berliner. Er zählt all die Fehler und Mängel der Arbeitsmethoden des Pariser Komitees ans und verteidigt das Vorgehen der D. C. G. Er setzt Zweifel in das rechtsmäßige Bestehen des Lokalkomitees, da er nie von einer Generalversammlung vernommen hat, die cs gewählt hat und beantragt, eine Generalversammlung cinzuberusen, die einmal die Neuwahl des Lokalkomitees vornehmen und ferner nochnials über den Streitfall beraten will, wobei jedoch auch ei» Vertreter der Berliner Herren zu Worte kommen soll. Justizrat Blau verteidigt dem Vorredner gegenüber das Pariser Komitee in mehreren Punkten. Er gibt zu, daß von Paris aus Fehler gemacht worden seien und gesteht auch zu, daß die Kritik ain Schulwesen der Miance in nilanichem berechtigt sei. Um aber eine Besserung herbeizuführen, gilt es, positiv mitzuarbeiten mid sich nicht auf Proteste zu beschränken. Wenn die Frankfurter siegen luerbeit, dann garantiere er dafür, daß die Alliance jüdischer werden lvird. Zum Schluß spricht noch Herr Justizrat Geiger, der in schroffer, ivegwersender Form für die Pariser eintritt: seine Worte zeugen sowohl von seinem krassen assimilatorischen Standpunkt wie von seiner völligen Verständnislosigkeit und seiner Unkenntnis in all den strittigen Fragen. . Die Rednerliste wird geschlossen und die Bertrauensresolutio» mit allen gegen3Stimmen ang e n o m m e n. * Zn der gleichen Angelegenheit sendet uns bas Präsidium der D. C. G. unter dem 14. Februar ei» Flugblatt zu, das sich^ in scharfer Weise gegen dac- Frankfurter Lokalkomitee wendet. Es konstatiert, daß i» der von Diesem einberufenen Tagung zur Gründung eines süddeutschen Bezirkskomitees 'von 13 Komitees, die an ihr teilgenommen haben, sich nur 6 für den Antrag der Frankfurter ausgesprochen haben. Ferner wird den Frankfurter» Inkonsequenz vorgeworfen, da die Frankfurter Mitglieder des Zentralkomitees es Daren, die vor dem Beginn des Wahlkampfes ihre Demission aus denselben Gründen gegeben haben, die nachher zum Kampf geführt haben und nun die Beteiligung' am deutschen Landcskomitee ablehnten, ohne vorher seine Ziele z» kennen. Auch waren cs gerade die Führer des Frankfurter Lokalkomitees, die sich früher in schärfster Weise gegen die Mschasfung des Wahlrechtes ausgesprochen haben, während sic jetzt jeden Vermittlungsversuch ablehnen. Das Flugblatt schließt mit dem Appell, die von Frankfurt ausgehenden Bestrebungen abzulehnen und sich dem Lanbeskomitcc anznschließen. Auf diesen Sfngriff erläßt unter dem 16. Febr. Dr. Bärwald, der Vorsitzende des Frankfurter Lokalkomitees eine Erwiderung, der >mr folgendes entnehmen: Für den Beschluß der Tagung vom 11. Febr., das süddeutsche Bezirkskomitee 311 gründen, haben sich 9 Komitees mit 1750 Mitgliedern, dagegen nur 6 Komitees mit 470 Mitgliedern erklärt. Am 14. Febr sei von Hamburg ein Aufruf versandt worden, zur Gründung eines nordwestdeutschen Bezirkskomitees. Die Einladung zur Beteiligung am Landeskomitce habe das Lokalkomitee nicht aus Unkenntnis dessen Zwecke abgelehnt, vielmehr habe es die Ziele desselben aus bcm Rundschreiben der D. C. G. vom 16. Januar gekannt und seine Ablehnung der Beteiligung bannt motiviert, daß es die Gründung des Landeskomitees aus den Machtbefugnissen, wie sie im Ausruf der D. C. G. vorgesehen sind, als unvereinbar mit dein universellen Gedanke» der Miance erachte. Die Vermittlungsversuche von Berlin aus hat das Lokalkomitee nicht von vornherein abgelehnt, sondern erst, nachdem Justizrat Fuchs' in der „Frankfurter Zeitung" einen scharfen Angriff gegen dasselbe veröffentlicht hat. Die Frankfurter Mitglieder des Zentralkomitees haben seinerzeit „nicht ihre Demission aus den Gründen gegeben, die nachher zum Wahlkampf geführt haben. All die persönlichen Angriffe seitens der Leitung, der D. C. G. zeigen, daß diese außerstande ist, einen Frieden herbeizuführen. Daher fordere das Lokalkomitee alle Freunde der Alliance auf, es in seinen Bestrebungen z« unterstützen, die nur darauf zielen, den Kämpfen ein Ende zu machen und „rein sachlich für die großen Ziele der Alliance zu arbeiten." Aus aller Mell. Deutsches Reich. Frankfurt a. 9R Mn Herr Landshut. Vorsteher der Synagogengemeinde Nenmark, hat in mehreren jüdischen Blättern einen Artikel erscheinen lassen, der zu