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Neue jüdische Presse · 1912-02-23 · Heft 8 (23.2.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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fr ■ ' Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins , Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. v- . - - Redaktion und Expedition: rrsnkkurt a. M. :: Langestr. 7 Fernsprecher Amt I. 10507. -- Aerausgeber: KalL ^>eis. fr ■ V Jnfrrtionspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, . Heirat s-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureau3. ' Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Freitag, den 5. ^liar 5672 (23. Februar 1312) 16. Jahrgang. Aus der Wett der Gedanken. (B etrachtnngen u n d B e s p r e ch u n g e n.) Bon Ben-Koheleth. XIII. di e u c. g i ent i st ischc M f t c r a t 11 r. Selten hat mir ein Buch so wenig Neues gegeben, wie das von Ruppin*!, und selten hat mir ein Buch soviel gegeben, wie dieses. Daraus ersieht man schon, worin heute vor allem der .Wert dieses Buches beruht: in seiner mustergültigen Zusammenfassung und systematischen Darstellung. Ich sage ausdrücklich heute, da das Werk in seiner zweiten Auflage vorliegt, Als es im Jahre 1904 zum crstcnmale erschien, bot es auch inhaltlich eine Menge des Neuen, Ungckaunten, mußte es fast wie eine Sensation wirken. Heute, nach acht Jahren, sind die Gedankengänge des Buches zum Gemeingut aller nationalen Kreise geworden: heute kann man sie in Propagandareden und, Agitations- Versammlungen hören: heute sind sie nichts Neues mehr. Ich glaube, in dieser Tatsache beruht eine Anerkennung für Ruppin, ivie sie ihm besser nicht zuteil werden kann. Dennoch aber war cs dringend notig, das; das Buch in zweiter Auflage erschien. Was bisher wohl allen bekannt, aber zerstreut war, ist hier gesammelt und geordnet; all die Ergebnisse der inodernen jüdischen Statistik und Sogialwissenschaft, Ergebnisse, die zum Teil Ruppins persönlichen Leistungen entsprungen sind, sind hier mit straffer systematischer Kunst zentralisiert, aneinandergebaut und zu einem großen Gedänkeiibau nufgeführt. Diese unübertreffliche Anordnung, dieser bewiindernswertc Aufbau ist geradezu künstlerisch: er bereitet ästhetisches Vergnügen. Und ist darum so logisch, so richtig und so folgerecht, daß in keinem Buche der Zionismus unangreifbarer und zwingeuder nachgewiesen worden ist als in diesem. Ich kenne tastsächlich in der reichhaltigen zionistischen Literatur kein Buch, das so trefflich die Theorie des Zionismus beweist wie dieses. Einem ernsten Juden, der den Zionismus kennen lernen will, soll man kein anderes Werk geben, als das von Ruppin - Denn hierfür hat es noch einen anderen Vorzug: 'E s w i r k t in keiuerZeile tendenziös. Es ist geradezu bewundernswert, wie ein solch überzeugter.Zionist ein Buch, das den Zionismus beweist, mit einer solchen Objektivität schreiben konnte. Die Bezeichnung des Buches als „eine soziallvissenschaftliche Studie" trifft für jedes Wort zu; niemals vergißt der Autor den Charakter des Buches, und so wird man nirgends irgends eine — wenn auch noch so unschuldige — Phrase, irgend ein starkes Wort, irgend eine — ivenn auch noch so leise — Tendenz wahrnehmen. Es ist verkörperte Objektivität, die aus dem. Buche spricht und' ihm den Stempel der wissenschaftlichen Vornehmheit und - des feinen Taktes eines Gelehrten aufdrückt. Ein Buch ohne Fehler soll es - scheinbar nicht geben; die Tückedes Schicksals hat Ruppin verleitet, auch dem seinen einen solchen mit aus den Weg zu geben, und zwar einen recht erheblichen und empfindlichen. Sie hat ihn nämlich dazu verführt, an einer Stelle die Grenzen, die er sich *) Die Juden der Gegenwart von Dr. A. .Ruppin. 2. Ausl- Jiid. Verlag, Köln und Leipzig. 1911. 309 S. gegeben und sonst streng einhält, zu überschreiten : in seiner Betrachtnng nber die jiid. Religion. Vor dem Sozialwissenschaftler Ruppin alle Achtung! Ruppin als Kenner und Darsteller der jüdischen Religion mag manchcin die Lust am ganzen Buche verderben. Seine Abhandlung über die jüd. Religion wäre für einen christlichen Gelehrten eine Schande; für einen jüdischen, noch für einen zionistischen, ist sie eine doppelte und dreifache Achande. Wie ein Zionist sagen kann: „Die jüdische Orthodoxie ist heute noch durchaus das, wozu sie Esra gemacht hat - eine Zeremonialreligion. Die Ritualien und Zeremonien bedecken als dicke Schicht fast völlig ihren geistigen Inhalt" wäre mir unbegreiflich, wüßte ich nicht, daß Ruppin in einem Milieu aufgewachsen ist, das von Juden und Judentum nichts wußte. Entschuldbar sind seine Morte darum doch nicht. Main mag religiös auf ivclchem Standpunkt auch immer stehen, es ist doch schon vom rein wissenschaftlichen Standpunkt aus Pflicht eines jeden, der über jüdische Religion schreibt, zu versuchen, tiefer in sie einzudringen und sich-nicht mit jenen oberflächlichen und lächerlichen Anschauungen zu begnügen, die man von christlichen Theologen gehört oder als Außenstehender beim ersten Blick selbst gedacht haben mag. Dieses Kapital kann manchem die Freude an dem ganzen, sonst so wunderschönen Buche vergällen, das - von diesem Kapitel abgesehen — ein mustergültiges und schier fehlerloses Standardwerk der movernen jüdischen Sogialwissenschaft ist und bleiben wird. * Ruppins Fehler enthält eine gewichtige Lehre; der derbe Volksmund hat für sie das treffende Wort: Schuster, bleib bei Deinem Leisten! Ruppin hat in einem Kapitel diese Lehre vergessen links hat dafür büßen müssen, indem er in sein sonst so! schönes Buch ein schlechtes Kapitel einschob; Georg H e ch t scheint sie überhaupt nicht zu kennen und hat dafür schwerer büßen müssen, indem er ein ganzes schlechtes Buch schrieb. Der Titel am Buche ist' das beste daran: Der neue I u d e.*> Wenn man das Buch gelesen hat, ärgert man sich, daß der Titel dem Buche eine Gloriole verleiht, di' es nicht verdient. Doch das wäre noch nicht das Schlimmste; die Gloriole zerfließt schon bin selbst, wenn man das Buch gelesen hat; schlimmer ist, daß der schöne Titel durch das Buch geschädigt wird. Das stolze Wort: „Ter neue Jude" wird durch ein solches Buch nur degradiert. Unsere weisen Talmudlehrer unterscheiden sehr fein zwei Kategorien von Unwissenden: solche, die von ihrer Unwissenheit wissen und solche, die nicht einmal wissen, daß sie nichts wissen; sie nennen diese'treffend: „Einau jaud'eah, scheiuau jaudcah" Mich dünkt. Georg'Hecht gehört, was sein Buch aubetrisft. zu dieser letzteren Kategorie. Nicht nur. daß die Aufgabe, die er sich gestellt, seine Kräfte übersteigt. Dies ist schon größeren Talenten begegnet; man hat dann wenigstens das ästhetische Schauspiel eines ohnmächtigen Ringens und empfindet Mitleid. Bei diesem Buch dagegen merkt man, daß der Autor garnicht die Größe seiner Aufgabe begriffen' hak; er hat nicht nur sich überschätzt, sondern seine Aufgabe unterschätzt. „Der neue Jude"! Was stellt uns.nicht dieses Wort alles vor! Alle unsere höchsten Ideale, *) Georg Hecht: Der neue Jude. Leipzig, Gustav Engel. «r. & unser tiefstes Sehnen, unser sehnsüchtigstes Erlangen, unsere innersten Hoffnungen und heiligsten Gebete faßt dieses Zauberwort zusammen; der neue Jude, der Jude, auf den wir warten, der gesunde, urwüchsige, auf seiner Scholle wohnende, starke, von aller Goluskrankheit und Ghettoluft, von aller Halbheit und Gebrochenheit, von aller Tragik und Groteske befreite Jude der Zukunft, der würdige Enkel seiner dihnen. Der Jude, dem unser Sehnen und Hoffen gilt, das Endziel unserer Evolution, das leuchtend voranschwebende Bild unserer Bahn, das letzte Ideal unseres Lebens. Das sagt uns der Titel. Und was gibt uns das Buch? Banale Selbstverständlichkeiten, oberflächliche! Bemerkungen, protzenhaft anmutende diamcnsregister, mit einem Worte: Llbhandlungen, deren Bestes in ihrem zuweilen recht netten Stil und durchwegs guten Willen besteht. Auf die einzelnen Mängel des Buches einzugehen ist hier überflüssig. Ein kleines Beispiel mag als Illustration, nicht als Beweis, genügen. In seinem Zlbschnitt: „lieber die jüdische Literatur" zählt der Autor deren wichtigsten Repräsentanten auf. Dabei schreibt er über Bialik: „Biälik, dessen hebräische Lieder und Gedichte jetzt von E. Müller ins Deutsche übersetzt sind, hat seine Verdienste!" Punktum. Basta. Das Urteil von Georg Hecht über Bialik ist fertig: Das weinige, als ich den Passus las, über Georg Hechk und sein Buch war auch fertig. Diese Kritik ist scharf. Mancher wird sie zu scharf finden; dies hat seinen Grund darin, daß sie aus innerer Empörung und Erbitterung geboren ist. Ein Buch wie dieses für einen Titel wie diesen ist geradezu eine Profonation, eine Heiligtumsschändung! Das Buch würde nicht so schlecht wirken, wäre der Titel nicht so gut. Wenn der Autor schon kein Gefühl dafür hatte, was es bedeutet, ein Buch mit dem stolzen, inhaltsschweren Namen: „Der neue Jude" zu schreiben, so hätte ihm ein einigermaßen vernünftiger Takr verbieten müssen, eine Sammlung von mittelmäßigen Artikeln und Früchten gelegentlicher Muße unter solchem Schilde in die Welt hinauszusenden. Vergißt man für eine Weile den Titek und die Absicht des Autors und betrachtet die einzelnen Arbeiten an sich, so wird man ihm allen das Prädikat genügend, manchen auch: ganz gut, nicht vorenthalten können. Gewertet als das, was der Autor in ihnen sieht, sinken sie unter die Stufe aller Kritik, lind wenn man rückschauend, nachdem die erste Erbitterung sich gelegt, mit einer Art elegischer Resignation aus das arme Buch mit dem stolzen Titel zurückschaut, dann erkennt man, daß die Zeit für den „Neuen Juden" noch nicht gekommen ist, daß kaum die Zeit für ein volles Verständnis schon reif ist; eine traurige Einsicht, die die Sehnsucht nach dem „Neuen Juden" nur stärker, heißer und brennender niacht. . Aus de» Ereignisse» des Tages. Frankfurt-Berlin. Znm Bruderkampfe innerhalb der Alliance. Als vor etwa einem Jahre der Kampf der D. :jit. G. gegen die Alliance ausbrach, da konnten wir mit allen übrigen Kämpfern freudig und wohlgemut in den Kanipf ziehen; es war ein Kanipf der jüdisch gesinnten deutschen Juden gegen die assimilatorischen Juden Frankreichs. Der Kampf wurde ausgesochten, und es siegten — wie M $$*

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