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Neue jüdische Presse · 1912-02-16 · Heft 7 (16.2.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7, Bevölkerung, erst kürzlich in den Tageszeitungen „eine streng christliche ' Erzieherin für feine, st r eng ch r i st l i ch e. Fi a in il i e" gesucht hat: Er und Schuster fördern die Taufjudcn in jeder Weise. Noch befinden sich zirka 14 Inden unter den 1400 Wcrksbeamten. Teils stammen sie ans der guten alten Zeit, teils stehen sie unter so allmächtigem.Kchntze. daß selbst Guttmann und Schuster nachgeben' Pud sie aufnehmen mußte». Aber die Lage dieser räudigen Schäfchen ist die denkbar unerguicklichstc, und so ist cs kein Wunder, daß hie und da eines abfällt und in den Schoß der allein selig machenden Kirche einzieht. Und cS ist ganz merkwürdig, ivie glänzend sich die Iveitere Karriere dieser „jungen Christen" gestaltet. Zwei Beispiele: Ein jüdischer Chemiker läßt sich vor Weihnachten taufen, am 1. Januar wird er auf einen Posten versetzt, der dreimal so hoch dotiert ist wie der alte. Der Ingenieur Spitzer neigt sein Haupt über dem Taufbecken, als Patcngcschcnk verleiht ihm die Firma Rothschild und Guttmann eine Direktorstelle bei dem Witkowitzer Büro in Wien. Der letzte Fall ist um so bemerkenswerter, als sich Herr Guttmann bisher darauf beschränkte, die Taufjuden in Witkowitz zu halten. Jetzt importiert er sie sogar nach Wien, w o er Knl - tusvorstand ist! Die Herren Rothschild und Guttmann dienen der Kirche eifriger als alle christlichen Behörden. Selbst in vielen österreichischen Staatsbetrieben ist man davon abgekomnien, getaufte Juden den treu gebliebenen vorzuziehen. Rothschild und Guttmann aber bleiben unentwegte Förderer und Züchter der häßlichen Gesellschaft der Tausjuden." Rußland. Kiew, 10. Febr. Infolge der Enthüllungen des Korrespondenten Brasul Bruschkowski zieht die Mord affäre In stschins ki immer iveitere Kreise. Jetzt ist auch die ehemalige Geliebte des mutmaßlichen Mörders Mfle, ivelche als Hauptzengin gegen ihn austrat, als Beteiligte am Morde bloßgcstellt. ■ Eine gewisse Frau Malitzkaja, die zur Mordzeit unterhalb der Wohnung der Tschcbhrjakowa wohnte, hörte durch die dünne Zimmerdecke am Tage des Verbrechens ein sehr verdächtiges Geräusch mehrerer geschäftig hin- und hergehendcr Personen und das erschütternde Schreien eines Kindes. Es wurde weiter festgestcllt, daß in der Wohnung der Tschebhrjakvwa nach dem Mordtage blutgetränkte Lappen gefunden wurden, die man in die Müllgrube warf und mit Sand bedeckte. Außer 'den durch die ersten Enthiillnnge» bloßgestcllten Personen sind jetzt noch die Personen Monzejcwski und Ladischew dringend des Mordes verdächtig. Bulgarien. Sofia. Am 2. Februar fand in der herrlichen spaniolischen Synagoge anläßlich der Großjährigkeitserklärnng des Kronprinzen Boris ein - . feierlicher G o t t e s d i e n st statt, der imposant verlief. Es waren n. a. anwesend: Vertreter des Königspaares, Ministerpräsident G e s ch o w und Mehrere Mitglieder des Kabinetts, Gras de lajB ranz a, spanischer Botschafter in Petersburg, Erzbischof V a s s i l i, Erzbischof Partheni und die Vertreter aller anderen Religionsgenossenschaftcn. Der Besuch hoher kirchlicher Würdenträger in der Synagoge geschah hier zum ersten Male. Großrabbiner Dr. Ehrenpreis hielt die Festrede. Bei dem am Abend abgehaltenen ofsiziellen Empfang am Hofe wurde Dr. Ehrenpreis von König Ferdinand zu seiner Rede und zum schönen Verlauf der Feier beglücklvünscht. Der König dankte für die patriotische , Kundgebung und schloß die Unterredung mit den Worten: „Ich kenne die Treue und Loyalität der jüdischen Bürger." Portugal. Lisiabon. Der jüdische Großkaufmann W. Terlo hat der Kammer eine Denkschrift nebst einem Gesetzentwurf über die Ansiedlung von Juden in Portugiesisch- Westasrika unterbreitet. Der Entwurf, den der Deputierte Dr. Manuel Bravo, im Einverständnis mit sämtlichen parlamentarischen Gruppen, der Kammer vortegte, gelangte am 6. Februar zur Verhandlung und fand eine sehr günstige Aufnahme. Die '>[ n n a h in e des Entwurfs sowohl in der Dep utierte nkam mer als ailch f,ti Senat e r s ch eint g e s i ch e r t. Der Gesetzentivurf sieht vor, daß die Negierung an die jüdischen Ansiedler 500 Hektar Pro Familie unentgeltlich abgibt und ihnen außerdem verschiedene Vergünstigungen getvährt. Die portugiesische Tagespreise hebt bei Besprechung des Projekts hervor, daß der politische und wirtschaftliche Verfall Portugals von der Vertreibung der Juden datiert. Türkei. KonstantitUipel. Die wirklichen Gründe für die plötzliche A b d a n k u n g des G ro ßr a b b i ne r s H a i m N a h n in liegen nicht klar zu Tage, denn die Einigung der Sefardim mit den Aschkenasim kann doch wahrlich kein stichhaltiger Grund sein. Die Sitzung des Konsistoriums (Medschliß dschisman) vom 2. ds. Mts. hat sich niit den mutmaßlichen Gründen des Rücktritts beschäftigt und nach vierstündiger Debatte c i n st i in m i g folgende Beschlüsse gefaßt: 1. TaS Konsistorium hält seinen Beschluß über die Legalität des Vertrages mit den Aschkenasim aufrecht. 2. Die Genehmigung der Konsistorialbeschlüsse durch den Großrabbiner, obwohl nach Artikel 6 des Ehacham- Frankfurter Israelitisches FamMenblatk. Seite 3. Chane-Nisam-Namessi erforderlich, ist bisher nicht üblich gewesen, ohne daß der Großrabbincr jemals etwas dagegen eingewendet hätte. 3. Das Konsistorium unterbreitet den Vertrag, dem Großrabbiner zur Bestätigung. 4. Falls der Großrabbiner Gründe finden sollte, die ihn verhindern könnten, die Bestätigung vorznnehme», so wird das Konsistorium kommenden Smrntag seine persönlichen Erklärungen entgegenndhmen. Ungeachtet dieser entgegenkommenden Beschlüsse, lehnte es der Großrabbiner ab, in der Sitzung vom 4. Febr. zu erscheinen; er ' beschränkte sich darauf,. den Text seines an die Regierung gerichteten Riicktrittsgesuchs dem Konsistorium zu überinitteln. Am 5. Februar überreichte der Großrabbiner der Regierung offiziell seine Demission. Der Justizministcr erachtete sic jedoch nicht für genügend begründet und verlangte ein? Ergänzung der Motive. „Ag. Ottomane" glaicht zu wissen, daß die unter dem Präsidium Faragi Effcndis stehende, für 'Anfang üächster Woche cinberuscne Nationalversammlung (Medschliß Umumi) die Frage entscheiden und daß der Großrabbiner seine endgültige Antwort auf die Wünsche des Ministers nach der Sitzung bekanntgebenwerde. Palästina. Jaffa. Seit Monaten besteht in der Kolonie Ben- Schamen bei Lydda im Anschluß an die Gutswirtschaft des Nationaljonds und die Bezalelkolonie eine L a n d w i r t s ch a f t s s ch ule, die den Ztveck hat, junge Leute praktisch ausznbilden. Es ist auch in 'Aussicht genommen, daß der Leiter der Schule als Wanderlehrer sür die benachbarten Kolonien fungieren soll. - Später will die Schule periodische kleine Veröffentlichungen, enthaltend praktische Anleitungen und Fingerzeige für die Kolonisten, herausgeben. Amerika. New-Aork. Nach einer sorgfältigen Statistik des Herausgebers der „American Hebrcw," Dr. Joseph Jacobs, betrug die j ü d i sch e Bevölkerung N « w y o r k s am 1. Januar 906 400 Seelen. 1877 wohnten in Rewyork 60 000 Inden. Seitdem landete» im Ncwyorker Hafen l 372189 Juden, von denen ei» großer Teil sich in anderen Städten der Union niederließ. New-Aork. Dr. Herbert Friedenwald. Sekretär des American Uemish Committee, l)at in Washington mit den Senatoren Penrose, O'Gorman und Lodge bezüglich des D i l l i n g h a in - E i u w a n d c r u n g s g e s e tz e s konferriert und von ihnen die Zusage erhalten, das; sie sür seine im Interesse der jüdische» Einwanderer gemachten Abänderungsvorschläge ciutreten werden. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Salo Stern, der dieser Tage im 50. Lebensjahre einem langen Leiden erlag, verdient an dieser Stelle Worte de» Gedenkens. Denn sei» selbstloses Wirken im Dienste seiner Nebenmcuschen hob ihn aus der Alltagsmasse heraus und stellt ihn als ein lenchtendes Beispiel eines nicht von Interessen, sondern von Idealen geleiteten Menschen nmsomehr hin, als seine Mittel nur bescheidene tvaren. Schwankende Existenzen zu halten, war besonders sein Bestreben, und gar häufig ist er zu diesem Zwecke zu Bekannten gelaufen, um da» nötige Geld aufzubringen. Der „Verein zur Speisung durchreisender Israeliten" wird sehr seine Tätigkeit vermissen. Lange Jahre führte er die Buchhaltung der „Goldschmidt-Bischosssheimschen Darlchnskasse," und als man ihn sür. diese schwierige und zeitraubende Arbeitsleistung entschädigen wollte, faßte er ein derartiges Anerbieten fast als Beleidigung auf. Viel hat er auch im „Zentralverein israel. Gemeiiidemitglieder" gewirkt. Sei» jüdische» Interesse — er war ein nberzeugungstreuer, fronimer Jude — gehörte der Religivnsgesellschäst wie der Gemeinde. Salo Steril wurde 1862 in Schotten geboren und widmete sich dem Banksache (seit 1887 im Hause Joseph Wisloch). Berlin. Das „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde" verzeichnet i» seiner jüngsten Nummer u. a. folgende Austritte aus d e in I u d e n t n m: Dr. Otto Brahm, Direktor des Lessingthcater, Bankier Siegfried Baer, Zahnarzt Fritz Brühl, Gerichtsassessor Adols Oppenheimer, Dr. Manfred Fränkel, .Kunstmaler Hans Heimann, Dr. Ignaz Beth, Architekt Felix Bergmann und Arzt Dr. Siegln. Plachte. — Oskar Tietz, der Inhaber des bekannteu Warenhauses, ist zum E h r e n b ü r g e r seiner Vaterstadt Birnbaum ernaimt worden. — Frau Dr. Phil. LYdiaKe m p n e r g c b. R a b i n o - w i t s ch erhielt den Titel P r o f e s s o r. Soden i. Taunus. Eine bedeutende Frau würbe Montag auf dem Friedhof der Frankfurter Israelit. Religionsgesellschaft zur letzten Ruhe geführt. Frau Golda Jawitz geb. Pinnes, die Gattin des Historikers Wolf Jawitz, ist von ihrem Leiden erlöst worden. Nur eine kleine Schar begleitete sie auf ihrem letzten Gange, uild auch von dieser ahnten wohl die ineisten nicht, wie bedenkend die Frau war, der sie die letzte Ehre erwiesen. Sie war eben frenrd hier, im fremde» Lande. In Wilna, in ihrer Heimat, in Jerusalem, in Berlin, kurz, wo sie gewirkt, erkannte man, bald die hohen Geisiesgaben, die innige Frömmigkeit und die große Tatkraft der Verstorbenen. Was sie in Gemilils Chesed, in Vereinen gewirkt, wie feinsühlend sie auch verschämten Armen beistand. und wie sic die schweren Schicksalsschläge, von denen sie betroffen wurde, ertrug, —: in ihrem ganzen Wesen erwies sie sich als echte Tochter der Gelehrtenfamilie Pinnes. Aber keiner verlor so viel an ihr wie ihr Gatte, dem sic 4t Jahre eine treue Gehilfin war: sic half ihm nicht nur ihre Kinder zu echten Jchudim zu erziehen, sie war ihm auch eine starke Stütze bei seinem Werke: „Geschichte der Inden." Sie beherrschte so das Hebräische in Wort und Schrift, daß sie eine Menge technischer Arbeiten sür ihn erledigen konnte. Möge der schwergeprüfte Gatte Trost finden in dem Gedanken, daß er ei» seltenes Glück 41 Jahre an ihrer Seite genossen hat; möge ihr Sechus ihm und seinen Kindern bcistehen! Mannheim. Hermann A. Marx, Mitinhaberder Firma Marx u. Goldschmidt, erhielt vom Großherzog von Hessen den Titel Hofrat. Worms. IosepHG ernsheim. Hauptmann d. 8. a. D., Ritter hoher Orden, Vorsitzender des Hassiabezirks und der militärischen Vereine Worms, Präsident des Kricgerverein» Worms und Präsidialmitglied der Landeskriegerkameradschaft Hassia, ist im Alter von 62 Jahren verschieden. Der Verstorbene, der Gründer der Lcdersirma Joseph GernSbeim in Frankfurt war, wird in Frankfurt beigesetzt. Wie«. Anläßlich der ersten Wiederkehr des Todestages ihres Vaters haben die Barone Rothschild für W o h l f a h r t S e i n r i ch t u n g e n der W i t k o - Witze r G tue rks ch a s t, welche Gewerkschast bekanntlich Zeit Jahren keine ungetansten Juden anstellt, eine Million K r o n e n und sür die Errichtung eines ch i r u r g i s ch e n P a v i l l o n s im M ä h r i s ch - Ost - rauer Krank c n h a u s e 200 000 w tone n gespendet. Budapest. Sämtliche Kinder Moritz Wahrmanns, de» verstorbenen Präsidenten der hiesige» jüdischen Gemeinde, jiub_ g e tauf t. Jetzt wird sich mm der letzte ungetanste ^-prößling dieser Familie, Lilly Kraus, taufen lasse». Sie schenkt mit ihrem Herzen einem armen französischen Herzoge fünf Millionen Kronen und wird vor der Verheiratung den Uebertritt vollziehen. Rom. Montalcini, Bürochef der Deputiertenkammer, erhielt den S a v o y e n o r d e n , eine seltene Auszeichnung. die nur sür hervorragende wissenschaftliche Leistungen verliehen wird. London. Nach zweitägiger Verhandlung wurde M e i r A b r a m v w i t s ch, ein 27jähriger russischer Jude, wegen Ermordung des jüd. Ehepaars Salomo und Anna Mühlstein zum Tode verurteilt. Warschan. Kinder haben ihren Engel — dieses Wort bewahrheitete sich dieser Tage wieder einmal. Beim Spiele» auf dem Boden kroch ein sechsjähriger jüdischer Junge in ein Loch und verschwand zum Entsetzen seiner Milgespielen. Er >var in einen Kamin gefallen, und da der Kops nach unten war, so konnte er nicht das Seil, das ihm die herbeigerufcneil Erwachsenen reichten, ergreife». Die Feuerwehr rettete de» Jungen nach schwieriger Arbeit, indem sie die Stelle seststellte, wo er sich befand und dort die Steine vorsichtig heransbrach. Der Junge war pechrabenschwarz, aber frisch »md gesund. Glücklicherweise war .infolge des warmen Wetters nicht geheizt. Jerusalem. Eine eigenartige Persönlichkeit ist hier in der Person des Rabbi David Cohen, genannt S ch l o t h e k (der Schweigsame), dahingeschieden. Rabbi Schlothek, der ein Alter von 58 Jahren erreichte, hatte vor 28 Jahren das Gelübde getan, kein W o r t m e h r zu sprechen, und er hat dieses Gelübde gehalten. 22 Wochen im Jahre fastete er vom Sabbat-Ausgang bis Sabbat-Eingang. Seine Tätigkeit widmete er hauptsächlich dem Studium des hebräischen Schrifttums und der Ausübung von guten Werken. New-Aork. Alexander Jonas, der älteste Sozialist in den Bereinigten Staateil und der Gründer des hiesigen deutschen Parteiorgans der Sozialdemokratie, ist im Alter von 78 Jahre» verschieden. New-Aork. Dr. Siegfried Wachsmann, Direktor des Montefiore - Asyls, ist an der hiesigen Zordham- Universität, einer ausschließlich katholischen Institution, als Professor sür klinische Mediz i n angestellt worden. leutlMm. Akiba. Historische Erzählung von Friedrich Rott. iFortsetzung). Kalba Sabua hatte sich schon zweimal nachdem Befinde» seiner Frau erkundigt und war sehr froh gewesen, als er erfahren hatte, daß die Nacht ohne Störung vorübergegangen ivar, und daß die Kranke sich auch am Morgen noch eines ruhigen Schlummers erfreue. Er hatte schon gefürchtet, durch seine gestrige Wildheit ihr geschadet zu haben, denn wenn er auch über die Sache selbst heute nicht anders dachte als gestern, so sah er doch sehr wohl ein, daß sein Vorgehen geradezu ein Frevel gegen seine kranke Frau gewesen war. Gottlob, daß er ihr nicht geschadet zu haben schieil! — Aber er empfand doch das Bedürfnis, ihr eine Freundlichkeit zu erweisen. Er ließ sich von seiner Tochter ein Körbchen und ein Messer geben und begab sich hinunter in den Garten, nur die schönste Traube eigenhändig abzuschneiden. Doch als er damit

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