Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1912-02-16 · Heft 7 (16.2.1912) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692768-2692775--06754-2701786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4. zurückkam iyld erfuhr, daß die Kranke noch dicht erwacht war. da begann es, ihm unheimlich zu werden. Kopfschüttelnd begab er sich in das. Krankenzimmer, trat zum' Bette und rief den Namen seiner Frau, zuerst leise, dann lauter und lauter, — und als ihm keine Antwort wurde, da neigte er sich tief hinunter zu ihr, und da geschah ihm etwas Seltsames, was ihm noch me geschehen. Aus dein Wien, weißen Antlitz der Schlummernden stieg es auf wie ein feiner, eisiger Hauch. — Bon namenlosem Entsetzen erfaßt, schnellte er empor, stürzte zum Fenster und stieß den Laden ans. Die Sonnenstrahlen fluteten herein, direkt auf das Bett, sie fielen auf das Angesicht — einer Leiche. Kalba Sabuas Schmerz war grenzenlos, sein lautes Weinen hallte durch das Haus wie der Schrei eines Wüstentieres, grauenvolle Verzweiflung erfüllte sein Herz, demi er klagte sich an,, sein Weib gemordet zu haben; aber er klagte auch Gott an, ihm sein Weib genommen zu haben, sein stilles, sanftes, geliebtes Weib, die Krone seines Hauses, das Licht seines Lebens! — Und inzwischen schimpfte er auf sie, nur aus Trotz, nur um ihn zu ärger», liege sie da regungslos und starr, nur weil er ihr den Willen nicht getan, halte sie den Mund geschlossen und wolle nicht mit ihm reden. Und dann warf er sich zur Erde und erflehte in herzzerreißenden Worten ihre Verzeihung. Hätte Rahel in diesen Tagen auch nur mit einem einzigen Gedanken an sich selbst, an ihre Zukunft gedacht, es wäre ihr ein Leichtes gewesen, von dem im Augenblick vollständig Haltlosen die Zustimmung zu ihrer Verbindung mit denr so heiß Geliebten zu erlangen. Doch daran dachte sie in diesen Tagen nicht, alle ihre Gedanken galten der teuren Dahingeschiedenen, all ihr Streben war, dem verzweifelten Vater Trost und Stütze zu sein. Alle seine Freunde und Bekannten waren erschüttert von dem maßlosen Schmerz des Witwers, keiner hatte geahnt, wie dieser im übrigen ziemlich rohe Mensch mit allen Fasern seines Herzens an der stillen, sanften Frau gehangen hatte. Das hatte er selbst nicht einmal gewußt, er kam sich vor wie ein Kind in den ersten Monaten des Lebens, das die Wärterin verlassen hat. Er wußte tatsächlich nicht, wie er ohne die Dahingeschiedene würde weiter leben können. — Und demgegenüber die Tochter, die die Mutter sicherlich nicht weniger geliebt hatte als ihr Vater. Zwar war ihr sonst rosiges Anllitz auffallend bleich und sehr, sehr schmal geworden, aber kein klagender Laut hatte sich ihren bleichen Lippen enttungen. Keiner hatte sie weinen sehen. Aber ihre Stimme war leiser geworden als früher, das Sprechen schien sie anzustrengen« Dennoch war sie unablässig bemüht, den fortwährend klagenden Vater zu trösten, ihm Mut zuzusprechen, ihn zu stützen, namentlich wenn er sich in verzweifelnden Selbstanklagen erging, daß er den Tod der Gatttn verschuldet habe. Dann wußte ihn Rahel wieder mrd immer wieder zu überzeugen, daß die Mutter schon mehrere Stunden vor jener Szene ihr Ende herannahen gefühlt habe. Damals habe sie die diesbezüglichen Worte nicht zu deuten gewußt, erst jetzt verstehe sie dieselben. Wenn sie in dieser Weise zu ihm gesprochen hatte, dann ward' er für eine Weile ruhiger, streichelte ihre Hände oder ihre Wangen. „Du bist gerade so wie die Mutter, gelobt sei Gott, daß ich Dich noch' habe, ohne Dich könnten, sie mich auch, gleich begraben." Alk staunten sowohl über den maßlosen Schmerz des Witwers als über die stille Resignation, über die Ruhe der Tochter. Nur eine durchschaute beide, das war die einzige Schwester der Verstorbenen, eine arme, kränkliche Witwe, die die sieben Trauertage im Hause ihres Schwagers, an der Sette ihrer Nichte verbracht Hütte. Als sie nach Verlauf Vieser Tage, die man schlichtweg die „Siebeir" nennt, in die eigene Wohnung zurückkehrte, traf sie in der Nähe derselben Akiba, der auf sie gewartet zu haben schien. Sie nickte ihm. freundlich zu und forderte ihn auf cinzutreten. Er entsprach ihrer Aufforderung, und nachdem er die Türe hinter sich geschloffen hatte, begann er: „Ich habe auf Dich gewartet, Bele, well ich Dich bitten wollte, mir zu sagen, wie Deine Nichte, die edle Rahel, das Schwere erträgt, das sie getroffen hat." Frau Bele atmete schwer auf. „Wie das Kind es erträgt? — Gott soll sich erbarmen." „Sic ist doch nicht krank?" -flüsterte Akiba erbleichend« Sie zuckte die Achseln. ,ßüh sie krank ist? Ich weiß selber nicht, was ich« Dir darauf antworten soll. Im Frankfurter ZsrMitisches FamWercklaÜ. Bett liegt sie nicht, sie gcht herum und sorgt, daß nur der Vater alles so hat, wie er es gewohnt ist und wenn er schreit und weint, dann redet sie ihm zu Herzen, so lieb und' so — ich kann Dir gar nicht sagen wie, — aber wer ihr zuhört, dem kommt das Wasser in die Augen, nur ihr nicht. — Kein Mensch hat sie weinen sehen diese ganze Zeit, — aber die Magd, die Rule, hat mir gesägt, jeden Morgen ist ihr Kopfpolster so naß, als wenn es durchs Wasser gezogen wäre." Ein schwerer Seufzer entrang sich der Brust des Mannes. „Armes, armes Kind! — Wer ihr helfen könnte!" „Ja, wer ihr helfen könnte!" Frau Bela blickte kopfschüttelnd zu ihm hinüber, „und wer .es könnte, der hält sich fern. — Sage mir doch,". Hub sie nach kurzer Pause von neuem an, „alle Welt ist dieser Tage zum Schwager gekommen, den Trauernden zu trösten, — nur Dich hat man nicht gesehen, Akiba." „Kalba Sabua hat mir sein Haus verboten, da habe ich doch nicht zu ihnr kommen können-" „Ach, Narrischkeit! — Du hättest kommen sollen — und ich mein’, Du solltest noch kommen, — aber nicht mehr lange warten." „Unmöglich! — Dü weißt nicht — —" „Doch, ich weiß alles — die Schwester, sie soll in Frieden ruhen, hat mir alles erzählt. Und ich weiß sogar mehr als Du und mehr als das, was die Schwester mir erzählt hat. Ich weiß, daß die Schwester zuni Schwager gesagt hat, er solle Dich zum Schwiegersohn einsetzen. Darauf ist er so wild geworden, daß Rahel ihm zuletzt hat zurnfen müssen, er solle aufhören, sonst würde er die Mutter nwrden. 'Daher schreit er noch jetzt alle Minute, daß er sein Weib gemordet hätte. — Und darum meine ich, man sollte das Eiseir schmieden, solange es heiß ist, nachher geht es nicht mehr. Jetzt ist der Schwager weich gestimmt, da könnte man ihn zu allenr bringen, — wie lange er aber so bleiben wird, das kann man nicht wissen. Und darum meine ich, man sollte gar nicht mehr lange warten. Geh' hin, mache Dir 'ne AusrÄe, daß Du nicht ftüher hast kommen können, rede von der Schwcster, die immer so gut zu Dir gewesen ist, — sie hat Dich gern gehabt, das kannst Du mir. glauben — und das weiß der Schwager auch. Wenn man jetzt zur richttgen Zeit anpackt, so kriegt man die Sache leicht ferttg." „Vielleicht hast Dü recht'." „Also wirst Du heute zu ihm gehen?" Er schüttelte verneinend den Kopf. „Ich kamt nur wiederholen, das geht nicht, das ist unmöglich." (Fortsetzung folgt). flDTIK i.W. Albeit, db. P. Wandetey. U 1 I lk Ecke Neue Malnzerstr. u. Welssfrauanstr. 1t. Elektr. Kleinbeleuchtung. Taschenlampen. Plattfuss “Iren Fussschmerzen versohwinden ln unseren patentamtl. gesell. -Angulnsstlefel- (individuelle Anfertigung). Eberhard Haller I Söhne. Sanft nab Literatur. Zionismus oder liberales Judentum von Tr. Max Köllenscher, Rechtsanwalt in Posen. 25 Seiten. Berlin W. 15, Zion. Bereinigung für Teutschland. „Ter jüdische Liberalisntus ist reaktionär in jüdischpolitischer Hinsicht und ohne positive jüdisch-kulturelle Leistungen, der einzige greifbare Punkt seines Programms ist die Bekämpfung des Zionismus", —. dies sucht die Broschüre in ihrem einen Teile zu beweisen, während der andere Teil sich mit den Vorwürfen des Liberalismus gegen den Zionismus beschäftigt. Max Dauthcndey: Raubmenschen. Roman. Verlag Albert Langen, München. 518 Seiten. Max Dauthendey, der originelle Lyriker und interessante Dramatiker, gibt hier eine Probe seines starken Könnens auch auf dem Gebiete des Romans. Der Roman, der im wilden Mexiko spielt, ist ebenso fesselnd in seinem Inhalt wie eigenartig in seiner Form. Besonders die Sprache, von höchster Jntensivität und Kraft, der Ausdruck bilderreich und plastisch, verleihen diesem Romane einen originellen Reiz. Man merkt cs ihm an, daß ihn ein Dichter geschrieben, nicht einer von den literarischen Massenproduzenten des Alltags. Der Roman enthätt Kunst, ein hohes Lob, zumal in unserer an Dilettanten so reichen und KünUern so armen Zeit. Leo Tolstoi: Nachgelassene Werke. 3 Bände. Einzige autorisierte Übersetzung. Berlin. Verlag I. Ladyschnikow. Es wirtt heute banal und grotesk, einem Werk aus der Hand Tolstois eine besondere Empfehlung <utf den Weg mitzugeben. Tolstois Name steht bereits jenseits von Lob und Tadel. Die vorliegenden Nachge- Nr. 7. lassenen Werke haben den doppelten Wert, daß sie uns zugleich die Kunst des großen Meisters in nucc zeigen, ungefeilt und ungeplätttt von der äußeren technischen Bearbeitung. Es sind meist unvollendet bearbeitete Werke, die der Nachlaß enthält; wohl zu Ende geführt, aber ohne daß der Dichter noch die letzte Hand an sie angelegt hat. So kann man nirgends besser wie hier die geniale im höchsten Sinne menschenschöpsende Kraft des Alten von Jasnaja Poljana bewundern. Die Dramen: „Der lebende Leich - n a m" und „D a s L i ch t, das i m D u n k e l n l e u chtet" (dieses die erschütterndste seelische Autobiographie des Dichters), die Erzählungen: „Der Teufe l," „VaterSergi ns" und der Roman „C h adschi-Murat" gehören zum größten, was Tolstoi geschaffen. Diese Nachgelassenen Werke gelesen zu haben, ist ebenso zu empfehlen zur Kenittnis des Lebenswerkes Tolstois wie aus Gründen höchsten inneren ästhetischen Genusses. Die Uebcrsetzung, besorgt von den bekannten Uebersetzern A. Scholz und A. Stern ist vorzüglich, die äußere Ausstattung vornehm und gediegen. Friedrich Delitzsch der Apostel der neubabylonischen Religion. Ein Mahnruf an das deutsche Volk von Dr. Herman» Klüger, Breslau. 180 Seiten. Leipzig, Müger n. Co. „Die Aufgabe, die wir uns mit der Abfassung dieser Schrift gestellt haben, geht dahin, aus denr reichen Material der assyrisch-babylonischen Inschriften zur Belehrung des Lesers in knapper Form das zusammenzustellen, was dort an religiösen Lehren und Vorschriften enthalten ist, um so die Ignoranz dieses neueil Apostels ans Licht zu ziehen und die Bibel, dieses göttliche Vermächtnis an die Menschheit, von dem babylonischen Schutte, mit dem dieser Gelehrte sie beworfen hat, zu reinigen." — So heißt es in der Vorrede, und der Verfasser ist dieser Ausgabe in vollem Maße gerecht geworden. Wer da weiß, welche Verwirrung Delitzsch' alle Gewissenhaftigkeit des Gelehrten außerachtlassende, kritiklose Verherrlichung der babylonischen Kultur und seine systematische, skrupellose Herabsetzung der Bibel noch heute anrichtet, wird Klüger für seine energische, überzeugende Heiinlenchtung dankbar sein. Die Geschichte von der Königin Esther. Verse, Prosa und Bilder. 50 Heller. Verein Bar Kochba-Prag, Langegasse 41. Von Siegfried und Gudrun träumen unsere Kinder, voll Jude Makkabi und der Königin Esther kennen sie kaum den Namen. Deshalb sei auf obige Chanukaschrift hingewiesen, die dieser Tage erscheint. fttaiser Friedrich Quelle ——— Offenbach a. M. ■ Gegen Gicht and BhenmatiamaB bewahrt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frankflirt a. M., Staübnrgstr. 9» Tel. 259 n. 714. j Wochen-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Iwacb.) Samstag, den 17. Februar (---29. Schwat): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 15 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 35 Min. in Berlin 6 Uhr 5 Min. Wochenabschnitt: Mischpotim. — Rechte und Pslichteii des Dienstherrn, des Sllaven, der Magd, Vergehen gegen Person und Eigentum des Nebenmenschen, Verantwortung für Schaden, der durch Absichtlichkeit, Leichtsinn und Unvorsichtigkeit entsteht, durch Menschen und Tiere, an Menschen, an Tieren und leblosem Eigentum, bei geliehenem und aufbewahrtem Gut, Veruntreuung desselben; Pflichteil gegen den Feind, dem wir nicht Liebe versagen sollen, Vorschriften für das siebente Jahr, das sogenannte Brach- oder Erlaßjahr, die Anordnung der jährlichen drei Wallfahrten usw. — Schlußteile der Sidra: Führung Israels durch! einen Gottesboten, nicht durch die Majestät Gottes selbst, falls das Volk sich widerspenstig zeigt. Besiegung der feindlichen Ureinwohner Palästinas; die Bundesschließung am Sinai vor dem Akte der Offenbarung: Verspreche» des Volkes, gehorsam sein zu wollen, Ausbau von Mtar und Denksäulen MN Füße des Berges, Besprengung Israels mit dem BlMe des Bundes. Moses besteigt den Berg zu vierzigtägigeni Aufenthalt. (Bemerkung: daß der Abschnitt erst hier, nicht bei der Erzählung der Gesetzgebung mitgeteilt ist, gilt als Beweis, daß die geschichtliche - Reihenfolge in der Thora nicht eingehalten ist). Schabbos „Parschas Schelolint." Es tvird in einer 2. Thorarolle der Abschnitt von den Silberschekeln verlesen, die jeder Männliche vom 20. Lebensjahre an bringen sollte. Die Steuer lvar eine gleichheitliche für Arm und Reich. Die Silberschekel dienten zur Anfertigung der Füße für die Bretter der Stiftshütte. Lehre daraus: Die Wohnung Gottes beruht auf dem Grundprinzip der Gleichheit aller vor Gott. — Als später keine Steuern zum Baue mehr nötig waren, verweiwete man die eingehobenen Steuern zu Gemeiudeopfern, an denen auch! alle durchaus gleichmäßig partizipieren sollten. Das Borlesen der Parschas-Schekolim vor dem Neumond Adar hatte dann den Sinn einer Mahnung, die Opfersteuer zu bringen, damit am 1. Nissan schon die „neue Hebe" Verwendung finden kann. Einsegnung des Neumondes, Adar, der auf Sonntag und Montag fällt. Wochengottesdienste in Frankfurt. Morgens: 6 Uhr 30 Min. (Hanptsynagoge und Synagoge Königsteinerstr. 7 Uhr 30 Min.). Mends: 5 Uhr (Hauptsynagoge-4 Uhr,.Synagoge Königsteinerstraße 7 Uhr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.