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Neue jüdische Presse · 1912-02-09 · Heft 6 (9.2.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seile 2. Die Patzfrage ««- -er amerttamschr»sfische Hair-elsvertrag. Werner Sombart gibt in seinem soeben erschienenen Buche „Die Zukunft der Juden" der Kündigung des amerikanisch-russischen Handelsvertrages eine Beurteilung, die den Anschein der Richtigkeit Kat. Ei' schreibt: „In den letzten Tagen war viel die Rede von der Aufhebung der Paßparagraphen in dem (gekündigten) amerikanisch-russischen Handelsverträge. Die liberale deutsche Presse Kat ziemlich arglos in die Forderung Amerikas, daß die amerikanischen Bürger jüdischer Herkunft - in Rußland Bewegungsfreiheit genießen sollen, den Ausfluß echt „demokratischer" Gesinnung erblickt. In Wahrheit liegt die Sache ganz anders. Amerika möchte aus der schikanösen Bchandlmrg der amerikanischen Juden in Rußland gern die Berechtigung ableiten, auf fccni Verwaltungswege sich russische (jüdische) Einwanderer vom Halse zu halten, ohne sich diplomatische Schwierigkeiten zu bereiten. Deshalb betont die amerikanische Regierung diesen Punkt so besonders stark. Im Bundesparlamente sind diese Zusammenhänge vor einiger Zeit ganz offen. erörtert worden." Sollte das stinnncn, so wäre damit die aufrechte Kalrung und das energische Vorgehen der amerikanischen Judenh'eit nicht im geringsten geschmälert; es wäre ihr nur der Vorwurf zu machen, daß sie nicht so um- und weitsichtig war, die wirkliche Situation zu überschauen. In einigen Blättern ist freilich der Verdacht ausgesprochen werden, daß maßgebende jüdische Kreise Amerikas stillschweigend der Regierung zustimmen, da auch ihnen die große jüdische Einwanderung aus dem Osten ungelegen ist; solange jedoch keine Tatsachen Sdrliegen, muffen wir diesen Verdacht wegen seiner Ungeheuerlichkeit zurückweisen. Licht in der Kiewer Morvafsäre Jnstfchinskh. Der H i t s s v c r e i n der Deutschen Juden erhält folgende Telegramme: Kiew, 1. Februar 1912. Seit Jahresfrist wird die Oessentlichleit in Rußland durch einen RiEualmord- Prozeß in Kiew in Erregung gehalten. Ein gewisser Justschinsky wurde in Kiew ermordet aufgefunden. Da mau den Mörder nicht ausfindig machen konnte, so wurde von den reaktionären Gesellschaften in Kiew daran gearbeitet, den Mord als einen Ritualmord hiuzustrllcn und gegen die Juden auszubeuten. Es wurde ein Jude in Hast genommen, dem in dieser Woche der.Prozeß gemacht werden soll. Nunmehr hat ein bekannter Journalist, Stephan Bruschkowski in Kiew, sensationelle Enthüllungen gemacht, zu denen er auf Grund eines umfangreichen gesammelten Materials gekommen ist. Hiernach ist der Mord das Werk einer berüchtigten Verbrecherbande, die unter Leitung des in Kiew ansässigen französischen Staatsangehörigen Mifle und der Verwandten des ermordeten Justschinsky steht. Zur Mifle und Konsorten war die Beseitigung Justschinskys notwendig, weil dieser Kenntnis Non ihrem verbrecherischen Treiben hatte und sic Verrat von seiner Seite fürchten mußten. Zwei Zeugen, die mit der Verbrecherbande in Beziehung standen, die ehemalige Geliebte Mifles, Tschebyrjakow, und der Tischler Petrow haben außerordentlich schwerwiegende Tatsachen bekundet, die zur Achsteilung der wirklichen Mörder führen müssen. Gestern hat rinn Brasil Bruschkowski der Kiewer Staatsanwaltschaft sein Material übermittelt und die beiden genannten Zeugen der Staatsamvaltschast vorgeführt. Die anwesenden Staatsanwaltsgehilfen weigertcn sich aber die Bckundunduilgen der Zeugen, die die Situation völlig andern und Licht in das Dunkel bringen, entgegen zu nehmen und begründeten ihre gesetzwidrige Weigerung damit, daß der Hauptstaatsanwalt in Angelegenheit Justschinsky nach Petersburg abgereist sei. Die Weigerung, solch wichtige Zeugen zu vernehmen, ist umso unerhörter, tveil der Prozeß wegen des Mordes 'Justschinskys schon in dieser Woche beginnt, und weil sich gerade jetzt der Ministerrat, der auch höheren Ortes zu berichten beauftragt ist, mit der Angelegenheit besaßt. In der Kiewer Bevölkerung, auch, in der nichtjüdischen, herrscht über diese Vorkommnisse eine außerordentliche Aufregung, da man mehr und mehr zu der illeberzeugung gelaugt, daß man die Wahrheit in der Angelegenheit Justschinsky unterdrücken und die Juden als (huldige hinstellen will, um einen -Vorwand zu haben, gegen die Juden zu hetzen und Unruhen und Doarome üervorrurufen. - Kiew, 2. Februar 1912. Die rätselhafte Morbaffäre Justschinsky . in Kiew, : die ganz Rußland seit einem Iah« in Anftegnng hält, die manchen Ministerrat und selbst die Duma beschäftigt hat, ist jetzt ihrer' Auf- Franlfurter Israelitisches FamMenblaü. klärnng nahe. Die'gestern gemeldeten Enthüllungen des Journalisten Brasul Bruschkowski fülle n ganze Spalten der Kiewer und sonstigen russischen Zeitungen. Unter dem Drucke der öffentlichen Meinung hat auch die Kiewer Staatsanwaltschaft ihre anfängliche gesetzwidrige Haltung auf geben müssen. Noch spät am Mittwoch Abend wurde deni Verlangen Brasuls nachgegeben und er und seine Zeugen einem fünfstündigen Verhör unterworfen. Die von Brasul angegebenen Zeugen machten für Mifle und seine Bande sehr gravierende Aussagen. Der Tischler Petrow hat kurz vor der Ermordung Justschinskys gesehen, wie Mifle eine Schusterahle präparierte. Nach der Ermordung Jnstschinsjys fanden zwei Knaben, der Knabe Tschcbyrjakow. der später merkwürdigerweise ebenfalls einen rätselhaften Tod fand, und der Knabe Sarusky diese Ahle. Sie war voll Blut. Neben der Ahle fanden sie an der Mordstelle auch eine eigentümliche Feile. Als Mifle Kenntnis von diesem FUnd erhielt, wurde er sehr erregt n»d befahl, diese Gegenstände in eine Closettgrnbe zu werfen. Die Mutter des getöteten Knaben Tschebyrjakow und der Knabe Sarntsky machten nach dieser Richtung die bestimmtesten Aussagen. Zugleich erzählte die Mutter, eine ehemalige Geliebte Mifles, von geheimnisvollen Zusammenkünften Mifles und seiner Genossen Ncschinski, Prichodko, Nasarenko und anderen vor und nach Ermordung Justschinskys. Sie schwuren sich gegenseitig, das Geheimnis ihrer Verschwörung. zu wah«n und bekräftigten ihren Schwur mit ihrem Blut, indem sie sich Einschnitte in die Hand machten. Mifle äußerte mehrmals vor Petrow, daß seine ehemalige Geliebte ihn zu Grunde richten würde, und er stellte daher ihrem Leben nach. Durch Verbreitung des Märchens von einem Ritualmordc versuchte die Verbrcchcrbande den Verdacht von sich ab zu len ken. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Das in unserer Zeitung mitgeteilte Rundschreiben aus dem Büro des D.-I. G.-B. (Deutsch Israelit. Gemeinde-Bund), datiert: 24. Januar, erfährt unter dem 30. Januar seitens des Komitees zur Wahrung der Rechte der kleinen und mittleren Gemeinden eine Antwort und zwar gleichfalls in einem Rundschreiben an die Gemeinden. Das Komitee stellt fest, daß das Büro des D.-I. G.-B. aus den Hauptvorwurf kein Wort der Erwiderung hat. Der Hauptvorwnrf war, daß der Ausschuß des D.-J. G.-B. Nwhl bei jeder Gelegenheit gegen Blau ko Mandate wettert, sich selber aber nicht scheut, sich im geheimen Blankomandate zu verschaffen und dazu noch für eine Tagung, für die weder Zeitpunkt noch Tagesordnung feststehcn. Den Vorwurf der Entrechtung der kleinen und mittleren Gemeinden hält das Komitee aufrecht. Grade darin liege das Verwerfliche im Vorgehen der Ausschußmehrheit, daß auf dem Papier den lleinen Gemeinden ihr Stimmrecht gewahrt wird, während sie durch 8 13 Absatz 4 des neuen Entwurfs unter die Obervormundschaft des Ausschusses gestellt werden. Des ferneren sott ihnen nicht mehr gestatten sein, ihre Vertteter nach eigenem Ermessen zu wählen, sondern sie müssen ein Mitglied aus ihrer Mitte entsenden, was ans Mangel an Zeit und Geld nur den wenigsten der im D.-J. G.-B. vorhandenen 776 Gemeinden bis 200 Seelen möglich sein dürfte. Da die Erstattung der Fahrkosten von der Ausschnßmehrheit abgelehnt wurde, so würden den 20—30 Berttetern lleinerer Gemeinden, die auf den Tagungen erscheinen werden, 200 Stimmen der Großgemeindcn und 100 der Gemeindeverbände entgegenstchcn, welch' letztere ja ganz unter dem Einfluß der Großgemeinden stehen. Der Behauptung, daß der Ersatz der Reisekosten 17 000 Mark Kosten verursachen würde, wird von dem Komitee in die richtige Beleuchtung gerückt. Diese Summe sei viel zu hoch gegriffen und gelte auch bei dieser Berechnung nur, wenn alle Delegierte Fahrtentschädigung beanspruchen. Dabei wurde der Umstand verschwiegen, daß regelmäßige Tagungen satzungsgemäß nur alle vier Jahre stattfindcn, sodaß dem D. - I. G.-B. mit seinem Etat von über 200 000 Mark selbst bei der höchsten Berechnung nur eine Ausgabe von 4000 Mark jährlich erwüchse. Für die S t i m m e n v e r m e h r u n g werde weiter nichts angeführt, als daß Berlin mit seinen 140 000 jüdischen Seelen und einem Jahresbeiträge von 12000 Mark nur 5 Stimmen habe. Darauf sei folgendes zu sagen. Der Etat des D.-J. G.-B. weist für 1911 einen Ausgabeposten von 12175,68 M. für Archiv und Statistik der Deutschen Juden ans. Bestände der Gemeindebund nicht, so müßte die Gemeinde Berlin diese Ausgaben als nobile officium selber tragen, d. h. mit anderen Worten, die Gemeinde Berlin erspart durch diese Zugehörigkeit zum D.-J. G.-B. an diesem Posten 175,68 M. pro Jahr. Wenn für den D.-J. G.-D. der alle jüdische Grundsatz: „Jsch kmadnaß jodau" in Geltung wäre, so hätte Berlin statt 12 000 JL mindestens 120000 Jfe zu zahlen. Zum Schluß stellt das Komitee in seinem Rundschreiben noch einmal fest, wie groß die Leistungen des D.-J. G.-B. für die kleinen Gemeinden in Wirklichkeit sind. Nach! dem Etat von 1911 wurden. für Beihilfen an Gemeinden verausgabt 18 818,14 Mark. Hiervon wurden von den Beteiligten selbst aufgebracht, rund 1000 Gemeinden, h 10.— M, 10000 M, Der Rest 8818,14 M. bildet die eigentliche ‘ Leistung des D. - I. G. -B ' - ■' Nr. 6 Berlin. Das Arbeitsamt für jüdische Aka» dcmiler hat an die jüdischen Gemeinden der Ostprov.inzen einen Fragebogen gc>andt, um so jür die Propagierung einer stärkeren Ansiedlung jüdischer Akademiker in den kleineren Städten des Ostens das nötige statistische Material zu erhalten. Es ist dringend zu wünschen, daß die Fragebogen die sorgfältigste Beantwortung erfahren. Die Tatsache, daß heute ein Drittel der preußischen Jndenheit in Berlin wohnt, daß sich die lleinen Plätze sehr stark häufig ganz von Juden entvölkert haben, gibt sehr zu denken. In der Großstadt reibt sich der Jude in dem Kampfe um die Existenz ans, in der Kleinstadt dagegen kann er sich! und seinen Traditionen leichter treu bleibe». Oesterreich-Uugarv. Wien. Das Jnlonnationsbüro für Palästina (IX. Türkenstraße 9) veranstaltet wiederum eine Gesellschaftsreise noch Palästina. Die Abfahrt erfolgt in Triest am Sonntag den 24. März mit dem Lloyd-Eildampfer „Wien", und die Retourkartc hat vier Monate Gültigkeit. Nähere Auskunft erteilt das genannte Büro. Budapest. Aus einer Ortschaft bei Stuhl.Weißenburg wird folgender eigenartiger Streik gemeldet: Die jüdische Gemeinde dieser Ortschaft hatte ihrem Kantor sein Ersuchen um Gehaltserhöhung genehmigt. Gegen diese Erhöhung protestierten aber die gering bemittelten Gcmeindemitglieder, und als das nichts half, streikten sie, d. h. sie besuchten keinen Gottesdienst mehr. Infolge dieses Streikes ist es nun unmöglich, die erforderliche Beterzahl von 10 Männern zusammenzubekommen. Grotzbrttanuien. London. Die 1887 gegründete Federation of S y n a g o g n e s, die 48 Synagogen des östlichen Teiles Londons umjaßt, auf orthodoxer Grundlage .steht und Lord Swaythling zum Präsidenten hat, hat sich plötzlich einen Oberrabbincr gewählt. Bis jetzt war ihr geistiges Oberhaupt der aus Rußland gebürtige, heute im. 60. Lebensjahre stehende Rabb. Avigdor Chaikin, nunmehr hat man diesem einen westeuropäischen Rabbiner übergeordnet in der Person Rabbiners Dr. Jung aus Ung.-Brot» (Mähren). Lord Swaythling will sich also Lord Rothschilds Autokratie nicht beugen. Mit der Ernennung eines Oberrabbiners der Federation hat er Rothschild zu verstehen gegeben, daß er den Mut hat, die Institution eines Chief Rabbi von England zu zerstören, wenn Rothschild diese Institution nicht ans demokratischer Grundlage aufbauen will. London. In der Frage der Neubesetzung des Chief Rabbi-Postens ist ein ernster Konflikt zwischen den von Loro Rothschild geleiteten United Synagog u e und'' der unter Führung Lord S w a h t h l i n g s stehenden Federation of' Synagogues ausgebrochen. Die Folge dieses Konflikts ist, daß die Federation es ablehnt, an der Wahl des Chief Rabbi t e i l z u n e h m e n. Die Veranlassung zu diesem Beschlüsse ist folgende: Während 'die Unites Synagogue den Standpunkt einnimmt, daß die einzelnen Synagogen und Synagogenverbände nach der Höhe ihres Beittags zum Gehalt des Chics Rabbi in der Wahlversammlung vertreten sein müssen, stellt die Federation of Synagogues die Forderung auf. daß die Mitgliederzahl maßgebend sei für die . Wahlstimmen. Da die Föderation den „Bereinigten Synagogen" numerisch überlegen ist —. sie umfaßt 51 Synagogen mit insgesamt 6500 Mitgliedern — erklärt sic. sich mit den ihr angebotenen 20 Wahlstimmen, gegenüber den 340 der United Synagogue nicht begnügen zu können. Die Federation hält es überhaupt für ungerecht und undemokratisch, daß bei der Wahl des - religiösen Oberhaupts der britischen Gcsamtjudenheit eine lleine Londoner Körperschaft, bloß weil sie über beträchtliche Geldmittel verfügt, die lcistungsschwächeren, aber weit zahlreicheren Gemeinden der Residenz und dxr Provinzstädte majorisiert. Rutzlaud. Petersburg. Bischof Hermogen und Mönch Jliodor, die stärksten Pfeiler der Reaktion, sind, da sie in ihrem Uebermut sogar eine Kampagne gegen den heiligen Synod und gegen den Oberprokureur Sabler einleiteten, endlich gemaßregelt worden. Hermogen ist unter Enthebung von seinen: Amte verbannt worden, und Jliodor soll außer seiner Verbannung aus dem Gcistlichenstand ausgeschlossen werden. In der Geschichte der Kontrerevolution haben Hermogen und Jliodor eine hervorragende Rolle gespielt. Es gab eine Zeit, da der Saratower Bischof mit seinen Aufforderungen zu Pogromen das Leben sowohl i» Saratow als in großen Gebieten des Wolgaterritoriums in gefährlicher Weise beeinflußte. An den Massacres, an den Brandstiftungen und an den Plünderungen, welche im Herbst 1905 Saratow besonders schwer bettoffen hoben, trägt Hermogen die schwerste Schuld. Wer einmal seine Appelle gelesen, wer jemals die Kathedrale von Saratow besucht hat, der hat unvergeßliche düste« Erinnerungen fürs ganze Leben mitgenommen. Denn darin machte sich eine sttindige Aufforderung zur Gewalt, zum Mord breit, und Iah« lang hat dieser Mann die Kanzel in unheimlicher Weise selbst mißbraucht oder' von den ihm .untergebenen Geistlichen mißbrauchen - lassen. Dann

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