Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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m ♦ i ♦ i ♦i ♦ Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. Dt. Mk. 1.—- frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband sür Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und GXpe-ition: Frankfurt a. m. :: Cangeftr. 7 Fernsprecher Amt I. 10507. H-emasgeber: Kalg In sertions preis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. I.—. Bel Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechs gespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz-und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkit.' Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.AnnvnceN-Bureaus. Konto bei dein Postscheckamt in Frankfurt a. M.unter Nr. 4884.' 10. Jahrgang. Freitag, den 21. Schwat 5672 (9. Februar 1912) Nr. 6 Berlin «nd Frankfurt. . Wir erhalten folgendes Schreiben: Am 28. v. M. hat in Berlin eine Tagung der D. C. G. und der Lokalkomitees stattgcfunden, ans der eine große Anzahl von Lokallvmitees aus ganz Deutschland vertreten waren. Tie Versammlung hat fast einstimmig die Gründung eines Landcst'omitees inr Sinne von Art. 16 uff. der Statuten der A. I. 11 beschlossen, um auf diese Weise den deutschen Allianccmitgliedern den Einfluß, auf die Leitung der Gesellschaft in Paris zu sichern, der ihnen nach ihrer Zahl und ihrer Bedeutung gebührt Bis jetzt haben sich beinahe 70 Lokalkomitces, darunter auch aus größeren Städten Nord- und Süddeutschlands (Berlin, Leipzig, Köln, Würzburg, Königsberg u. a. m.) dem Landeskomitee angeschlossen. ObwoW wir tviederholt mit dem Vorsitzenden des Lokalkomitees Frankfurt a. M. in friedlichen Sinne verhandelt uich dem Frankfurter Komitee ganz besonderes Entgegenkommen bewiesen haben,, nur die Einigkeit, die durch das Vorgehen des Frankfurter L. K. gefährdet erschien, zustande zu bringen, hat sich das L. K. Frankfurt jedem Vorschläge unsererseits abgeneigt gezeigt und wkll gegen das Interesse der deutschen Alliancemitgliedcr eine Sp altung in Deutschland durch Gründung eines Komitees für Süddeutschland heraufbeschwören, das in Gegensatz zu dem Landeskomitee treten soll. Wir halten es für unsere Pflicht, warnend unsere Stimme gegen einen solchen Plan zu erheben und erklären, entgegen den, gegen uns von Fraükfurt aus verbreiteten Behauptungen, daß wir das Landeskomitee nur zu dein Zwecke gegründet haben, mn den Gedanken der A. I. 11., der durch die Pariser Gewaltakte des letzten Jahres gefährdet und erschüttert ist, in Deutschland zu erhalten und uns Deutschen, die wir am Aufbau der Alliance seit'Jahrzehnten kräftig gearbeitet haben, den Einfluß zu verschaffen, der uns nach Fug' und Recht zukommt. . Wir fordern also die Lokalkomitees, denen die gute jüdische Sache am Herzen liegt und die unsere Organisation, in Deutschland nicht schwächen wollen, auf, ihre Hand zu einer gefährlichen Spaltung nicht darzubieten und sich dem am 28. Januar begründeten Landcskomitee anznschließen. Es ist schon traurig genug, daß die Einigkeit, die.innerhalb der Mliancc in früheren Jahren in der gesamten Judenheit aller Länder und Nationalitäten geherrscht hat, durch die gefährlichen Maßnahmen der Pariser Mitglieder des C. G. tief erschüttert worden ist. lind nun sollen wir dulden, daß nunmehr auch in Deutschland, in unserer Mitte selbst der Geist des Zwistes heraufbeschworen wird und in Deutschland zu einem Bruderkampf führt, der sowohl für die A. I. 11. als auch für uns Juden die schlimmsten .Folgen haben mutz?! Mit ausgezeichneter Hochachtung! 'Das Präsidium der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance . Jfraslitc llniverselle. Max.Fuchs, Justizrat, Prof. Dr. Landau, Geh. Medizinalrat, Dr. Werner, Rabbiner. : Wie unsere Leser aus der. Zuschrift des Präsidiums der D. C. G. entnehmen können, ist .der schön längst im sSMen bestehende Zwist zwischen hen leitenden Alliancemännern Deutschlands oder, genauer. gesagt, zwischen Berlin und Frankfurt nunmehr akut geworden. Am 27. Januar hat Berlin gesprochen, am 11. Februar wir Frankfurt*) sprechen. Dieser Zwist innerhalb der D. C. G. ist sehr bedauerlich. Wie tvir in diesen Blättern schon des öfteren ausgeführt haben, kann die D. C. G. nur durch Geschlossenheit und, durch, einheitliches -Auftreten dem Gegner beikommen. Auch in Paris war man sich dessen bewußt, und daher suchte Ulan eilte Spaltung innerhalb der leitenden Kreise der D. C. G. hervorzurufen. Ist dies Paris gelungen? Wie wir von maßgebender Seite erfahren, geht auch das Bestreben der hiesigen Komitcekrcise darauf hinaus, den Frieden in der D. C. G. hcrzustellen. Alsdann, so versichert man uns, wird die Reorganisation der A. I. 11. ganz, im jüdischen Sinne vorgenoulmen werden, und zwar soll fortall die 4t. I. 11. nach denselben Prinzipien ulld Methoden arbeiten, ivie der deutsche Hilfsverein. Ob dieses Vorhaben unter der Aegide Reinachs — daß Reinach trotz seines scheinbaren Zurückziehens in den Hintergrund noch immer der Spiritus rector ilnd s e i n Geist nach wie vor maßgebend ist, ist Tatsache — zu verwirklichen! sei, ist auf-Grund des Verhaltens der Pariser und. ihrer Arbeitsmethoden stark zu bezweifeln. Den Frankfurter Herren wird es, sobald sie ernstlich Miene machen, die A. I. 11. ein wenig jüdischer zu gestalten, ergehen, lvie es den Berlinern ergangen ist. Wollell also die Frankfurter Herren ernstlich und unter allen llnlständen ihr Ziel, die Alliance jüdischer zu gestalten, durchsetzen, so sollten sie sich so rasch wie möglich mit Berlin einigen. Jede Partei für sich wird gewiß nichts erreichen, nur beide geeint dürfen auf Erfolg hoffen. A«s de« Ereignissen des Tages. Lord Swatzthling «nd Lord Rothschild. Die Angelegenheit der Wahl des englischen'Cihief-Rabb i hat plötzlich eine unerwartete dramatische Wendung genommen. Die eine der zwei großen Körperschaften, die die Wahl vollziehen, macht nicht mehr mit, streikt. Bekanntlich stehen sich in England zwei große Gemeindeverbände gegenüber: United Synagogue, geführt von Lord Rothschild, und Federation of Synagogues, gegründet und geleitet von Lord Swaythling, nach, dessen Tode sein gleichgesinnter Sohn die Führung übernommen hat. Die Federation of Synagogues hätte gleich zu Beginn oppositionellen Charakter; sie sollte, der antok'ratischen Allmächtigkeit Rothschilds und seiner Gefolgschaft einen Tamm entgegensetzen und damit zugleich — und das ist der positive Teil ihres Programms — die Forderungen des gesetzestreuen Judentunis schärfer betonen und durchsetzen. Sie umfaßt auch demgemäß all die Kreise, die sich in Opposition zu Rothschild und den anderen reichen Führern der Londoner Gemeinde befinden, also vor allem die osteuropäische Judenheit und zahlreiche Provinzgemeinden. Diese Federation of Synagogues mit chren zahlreichen Anhängern, mit den Massen, die hinter *) Das Frankfurter Lokalkomitee hat auf den 11'. Februar eine Konferenz zur Erörterung der schwebenden Alliancefragen einberusen. D. Rebakt. ihr stehen, fordert naturgemäß einen ihrer Stärke entsprechenden Einfluß auf die Wahl des Chief- Rabbi und stellt demzufolge das Prinzip auf, daß die Zahl der Stimmen einer Vereinigung bei der Wahl von ihrer numerischen Stärke abhängen soll» Demgegenüber aber hielt die United Synagogue, das heißt Lord Rothschild und Trabanten, an dem bisherigen Prinzipe fest, nach dem die Höhe des Beitrages, den eine Körperschaft zum Chief- Rabbifonds zahlt (aus dein das Gehalt des Chief- Rabbi bestritten wird), über ihre Stimmenzahl entscheiden soll. Infolge dieses Prinzipes fallen der mächtigen Federation nur erbärmliche 20 Stimmen zu, während die United Synagogue mit chren 'Geldmagnaten fast allein entscheidet. Es ist unter diesen Umständen verständlich, daß die Federation darauf verzichtet, die 20 Stimmen abzugebeu, und» cs vorzieht, Rothschild, der ia facto der entscheidende Wähler des Chief-Rabbi ist, ^diese Rolle auch offen und formell zuzuerteilen. So hat denn vergangene Woche Lord Swaythling namens der Federation erklärt, daß diese an der Wahl keinen Anteil nehmen wird. , Der ganze Streitfall — in dem das Recht allein auf Seiten der Federation steht — ist. charakteristisch für die Verhältnisse innerhalb der heutigen englischen Judenheit. Er zeigt, welche alles vernichtende. Macht Lord Rothschild sich schaffen tonnte infolge seiner materiellen Bedeutung und des Jndisferenlismus der Massen. Es war keine Uebertrcibung bis heute, zu sagen: Das englische Judentum ist Lord Rothschild!. Auf der anderen Leite aber ist. die Angelegenheit insofern erfreulich, als sie zeigt, daß diese verderbliche Mlgewalt Rothschilds ihrem End« entgegengeht, daß sich Widerstände ihr in den Weg zu stellen beginnen. Bon den zwei Ursachen, die zu diesem traurigen Instand geführt Haben, wird die eine, Rothschilds Reichtum, bleiben, aber sie ist nicht die wichtigste; die andere, entscheidende, der Jndisfercntismus der übrigen englisch:» Judenheit, beginnt zu schwinden, und" kaum ist Interesse für jüdische Angelegenheiten in weiten Kreisen vorhanden, so ist es auch mit Rothschilds absoluter Herrschaft vorbei. Welchen Verlauf die Sache selbst nehmen wird, ob die United Synagogue auf ihrem Standpunkt verbleiben wird und so die Federation bei. ihrem Beschluß bleiben muß, läßt sich noch nicht sagen. Es wäre aber unerhört seitens der United Synagogue, wenn sie von ihrem ebenso undemokratrschen wie unjüdischen Prinzip nicht lassen und somit den größeren Teil der englischen Judenheit äs facto von der Wahl des Chief-Rabbi, ihres geistigen Oberhauptes, ausschließen wollte. Die Geschichte lehrt, daß kluge Machthaber stets Konzessionen gemacht haben, wenn sie die Zeit dazu zwang; nur rückständige, verblendete Tyrannen geben nichts von ihrer Macht auf, bis man sie ihnen entreißt. Hoffentlich werden die Führer iör United Synagogue die Klugheit besitzen — wenn ihr Rechtsgefühl und ihr jüdisches Empfinden wirklich ganz schweigen wollten — Konzessionen zu machen. Sonst verliert der neue Oberrabbiner ooiH vornherein alle Bedeutung. Und ein Chief-Rabbi, der von der gesamten englischen Judenheit oder wenigstens ihrer überwiegenden Majoritätgewählt wird, darf Anerkennung und Respekt fordern und erwarten. Jeder andere wird nur ein Popanz des Lord Rothschilds sein und, als solcher von aller Welt gewertet werden.