Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Gene & E Was alle Einsichtigen mit uns seit Jahren wiederh-olt haben, daß die religiösen Faktoren die $ ftärfften Bande sind, die den einzelnen an die Gestsamtheit fesseln, daß der „reine Nationalismus" t' höchstens ein Erzeugnis einiger Theoretiker sein I*. nmn, dessen praktische Verwirklichung aber zum lf_. Ruin führen muß, zeigt sich in der Taufbcwegung r mit elementarer Macht. Hier muß die russisch-jild. Intelligenz einsetzcn, hier muß die Umkehr bek. ginnen! Dies gilt ebenso für die nationalen wie für jjf die nichtnationalen Kreise. Ja, die Zionisten Rußf, lands, die am eifrigsten für die Erhaltung des \. Judentums eintrcten, haben in höherem Maße die . Pflicht als alle airdcrcn, die Wiederkehr zur Pflege i der religiösen Momente zu vollziehen. Ter Weg f dazu aber, und damit die beste, sicherste, fast cin-- l zige Abwehrmaßnahinc gegen die Taufbewegung, ist l die religiöse Erziehung der Jugend. . Rückkehr zur Religion: dies ist die große Mah- \ nnng, die die innere Entwicklung der russischen Jüdenheit in den letzten Jahren und ihre häßlichste Frucht: die Taufbewegung, erteilt. Hoffen [;•• wir, daß die Führer der russischen Jüdenheit das l Mene Tekel verstehen! 2. Moses Hetz. Zur ,100. Wijederkehr seines Geburtstages. Am 21. Januar hüt die 100. Wiederkehr des Geburtstages von Ddoses Heß stattgefunden. Ohne Sang und Klang ist der Tag verlaufen, keine Feiern Hat man veranstaltet und keine Festartikel geschrieben; das „offizielle" Judentum hat den Tag ruhig verstreichen lassen, und auch jene Kreise, von denen Man es weniger erwartet hat, haben nichts zur Feier des Tages geschehen lassen. Wenn nicht einige besondere .Verehrer daran erinnert Hätten, dann hätten wir sogar vielleicht ganz daran vergessen, daß es 100 Jahre geworden sind, seitdem Moses Heß das Licht der Welt erblickt hatte. Das Schicksal des 100. Geburtstages von Moses Heß darf nicht wundernehnicn. Es ist das Schicksal von Moses Heß selbst. Zettlebens ein „anderer", lein Oittsider gewesen, verschieden von allen anderen, meist in schroffem Gegensatz zu ihüen, ist er auch ein „einzelner" nach seinem Tode geblieben. Er wurde zwar von vielen nach und' mach gewürdigt, sein Buch „Rom und Jerusalem" neu gedruckt, aber eigentlich.pop ulär ist Moses Heß nie geworden. Er konnte cs garnicht werden. Er war zu eigenartig, um populär zu sein. Und doch und vielleicht gerade darum war er ein Großer gewesen. Der Mann, der Jahrzehnte por Theodor Herzl, lange vor Pinsker in Westeuropa den nationalen Gedanken verkündet hat, darf Anspruch darauf erheben, ein Großer genannt zu werden, .Anspruch darauf, der jüdischen Geschichte eingereiht zu werden. Man will es garnicht glauben, wenn man „Rom und Jerusalem" durchblättcrt, und die Zeit kennt, wann es geschrieben wurde (1862), Daß es dann erstanden ist. In einer Zeit reinster Assimilation, zur Blütezeit der Reform, da das gesamte westeuropäische Judentum ruhig und unbekümmert im Genüsse seiner Gleichberechtigung schwelgte, entsteht ein solches Buchdas laut und deutlich, energisch und konsequent den jüdischen Nationalismus proklamiert. Und der dieses Buch schreibt, ist kein nach! Westeuropa verschlagener Osteuropäer, er ist selbst westeuropäischer Jude; und nicht nur dies, er stand bisher dem Judentum so fern wie nur einer, war Sozialist und Kosmopolit gewesen und besaß sogar eine gewisse Antipathie gegen alles'Jüdische; bis er sich dann .auf sich selbst besinnt, das Unschöne und Lächerliche der Assimilation erkennt und sich — zum jüdischen Nationalisten wandelt; von selbst, allein, ohne Anregung und Anleitung, kraft seiner ttineren Erkenntnis. Man bedenke, was dazu gehört, um eine solche innere Wandlung zu vollziehen, und frage sich, ob jemand dazu fähig ist, der nicht zu den Großen der Geschichte zählt. Seine Tragik war, daß er zu. früh kam. .Das westeuropäische Judentum seiner Zeit war noch nicht , reif für ihn. Noch war der Emanzipationsdusel zu stark, zu berauschend. Erst mußte die große AbkiWung, die falte Dusche, kommen, der Antisemittsmus der 70er Iahte, bevor die Selbstbe- Frantfnrter Israelitisches Famttienblatt. sinnung eintreten konnte. Das Große an Heß, daß er ohne Antisemitismus 3 Jahrzehnte vor allen anderen zum jüdischen. Nationalismus kam, war zugleich seine Tragik; die Zeit konnte ihn nicht verstehen, er mußte als Unverstandener, Outsider, als Nufer 'in der Wüste scheiden. Umso größer ist unsere Pflicht ihm gegenüber. Was eine frühere Generation ihm gegenüber gesündigt hat, wir müssen cs wieder gut machen. Aus Bewunderung für Herzl dürfen wir nicht seinen in Westeuropa einzig dastehenden Vorgänger vergessen. Moses Heß zu ehren, ist Pflicht aller Juden, die ihn: gefolgt sind. Seine Gedanken zu erkennen und zu erfassen, ist das beste Mittel, sich dieser Pflicht zu entledigen. Wir können die 100. Wiederkehr seines Geburtstages nicht besser, nicht würdiger feiern, als indem wir ihn lesen, erkennen, begreifen und ihm nacheifcrn. Bayerische Kuriositäten. Von einem Reisenden. Einem Reisenden, welcher jahraus, jahrein unterwegs ist, begegnen oft merkwürdige Dinge: besonders aber einem Reisenden aus dem Volke Israel, der, wenn seine Bernfsgeschäfte erledigt sind, jüdischen Angelegenheiten seine Aufmerksamkeit widmet. Run reise ich seit langer Zeit u. a. auch im gemütlichen Bayernland. Man glaube ja nicht, daß sich inr jüdischen Lager nichts ereignet; abgesehen von dem Streit uni die Revision des Judenedikts, der ja in der Presse bis znm Ueberdruß behandelt wird, gibt es für den aufmerksamen Beobachter noch immer einige Vorkommnisse, welche an bas Tageslicht gezogen zu werden verdienen. Vor Jahren besuchte ich einmal eine berühmte Bäderstadt; da hatte man denr Rabbiner, der doch! die Aufsicht über die Schochtim zu führen hat, den Zutritt zum Schlachthaus verboten. Natitrlich wurde diese Angelegenheit wie manch andrer Streit an diesem Platze wieder beglichen, — allein die Tatsache bestand. An einem anderen Platze Bayerns, in der fröhlichsten Provinz, war cs zwischen Rabbi und Volk so weit gekommen, daß man erstercn nicht mehr ins Bethaus lassen wollte; nach langem Streit nmßte die Regierung cingreifen, — und ein Residenzwcchsel war das Ende vorn Liede. Wieder einmal war ich iin gesegneten Gefilde einer andren bat)erischen Provinzialstadt, wo erst seit einigen Dezennien eine ji'id. Gemeinde sich befindet, und wo eben eine Synagoge eingeweiht wurde. Da hörte ich, daß die Gemeinde den „Alineinor" 50 Zentimeter zu weit von der Mitte der Synagoge errichtet und das zuständige Rabbinat dagegen protestiert hatte. Die Sache soltte dainals bis zur Regierungsentscheidung gebracht werden, — ich kam aber seit dieser' Zeit nicht mehr in diese Stadt und bin daher über den ivciteren Verlauf nicht unterrichtet. Kurz nach den letzten Feiertagen hatte ich in einer alten Bischofsstadt zu tun. Da hörte ich, daß auf Veranlassung' der liberalen jüd. Kultnsverwaltung die Polizei gegen die Ausübung eines orthodoxen Privatgottesdienstes mobil gemacht wurde, und ein Gyinnasiast der so orthodox war, am Jom Kipnr mit seinem Vatcv den Privatgottesdienst zu besuchen, init 2 Stunden Arrest bestraft wurde. Die Sache soll beim Ministerium, wohin man sich beschwerdcführens wandte, zur Entscheidung liegen. In einer Stadt Untcrfrankens soll ein Rabbiner gewählt werden. Die Gemeinde beschloß, tvie ich hörte, „Köhaiiim" von der Bewerbung auszuschließe», da zu den wichtigsten Beschäftigungen des dortigen Rabbis „Leichenreden" gehören und ein Kohen ja nicht ans den Friedhof gehen darf. Wenn man diesen Brauch überall nachahmen würde, dann würde» Kohanim-Rabbiner brotlos. Wie ich tveiter höre, hat die Regierung auch hier Beschäftigung, da der baycr. Rabbinerverband gegen diesen Ulkas .Beschwerde bei der Regierung cinreichte. —> Das Neueste aus der Geschichte Bayerns habe ich aus der schönen Hauptstadt, wohin mich mein Weg letzte Woche führte, zu berichten. Die „Münchener Neuesten Nachrichten" vom 26. Januar schrieben darüber: „D a s Judentum und seine Beziehungen zur Kultur, lieber dieses Thema sprach am Mittwoch an eincni von der alt-katholischen Jung m ann - s chast veranstalteten öffentlichen Vortragsabend im „Paulaner" Dr. I. Weigl (Katholik). Er behandelte ivescntlich die religiöse Seite der Frage, und es gelang ihm, warmes Verständnis bei seinen Zuhörern zu wecke». Der Gegensatz zwischen Christ und Jude ivird sich, so sührtc Dr. Weigl aus, immer mehr in freudiges Zusammenarbeiten wandeln, je mehr tvir die Juden verstehen lernen, deren kulturelle Ideale doch den unseren fast völlig gleich find. Der Kantor der israelitischen Gemeinde, Professor Kirschncr, trug daran anschließend, begleitet von Organist Osscnb r nn »er, alt-synagogalc.Gesänge und jüdische Volkslieder vor und erklärte sie. Diese Gesänge, die znm ersten Mal in München öjfentlich gesungen wurden, tragen ein solch eigenartiges Gepräge und sind auch! musikalisch so wertvoll, daß sic einem größeren Kreise zugänglich gemacht -werden sollten. Dr. v. Staden erzählte zur Diskussion einige Erlebnisse bei den „schwarzen" und „weißen" Juden in Indien. Rabbiner Dr. Werner beschloß den Abend mit einem-Dankeswort: Die Israeliten seien Nr. 5 gern . Gäste der Altkatholiken gewesen, bei denen sie echte Religiosität und echtes Streben nach Wahrheitgefunden hätten. Der Saal war dicht besetzt; reicher Beifall lohnte die Mitwirkendcn und Veranstalter." Wie cs scheint, ist in München die Zeit nicht fern, wo die Vertreter der verschiedenen Religionen die Schönheiten der anderen Konfession ins wahre Licht stellen. Mrs aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die sozialdemokratische „Volksstimme" verwahrt sich gegen den ihr von der „Frankfurter Zeitung" gemachten Vorwurf des A n t i s e m i t i 3' m u 8. Das Zitat ans Heine sei herangczogen worden, nicht um den Tanz von Juden, sonderir um . den Tanz ums goldene Kalb anschaulich zu machen, und das oft gebrauchte Bild von den Weiden an den Wassern Babylons könne doch unmöglich zu einer antiseniitischen Aenßerung gemacht werden. Die Juden sollten stolz darauf sein, im Altertum eine so klassische Literatur zu besitzen, daß noch heute viele Stellen ihrer Schriften Genieing»t aller Gebildeten sind. Berlin. Sonnlng fand hier rine von der Deutsche» Kon seren zgcmeinschaft der AllianceJsraelite Universelle einberusene Delegiertenversammlung der deutschsen Lokalkomitees statt, die zu dem Vorgehen der Pariser Leitung Stellung nehmen sollte. Die Versammlung war sehr stark beschickt. Abgesehen von zahlreichen Gästen, die den Verhandlungen folgten, nahmen daran als stimmberechtigte Mitglieder 18 Berliner und etwa 50 Herren aus allen Teilen des Reiches teil. Nach längeren Verhandlungen wurde mit allen gegen eine Stimme die Gründung eines Deutschen Landes-Komitees der Alliance Jsraßlite Universelle beschlossen und ein Komitee ans 5 Personen eingesetzt, das bis zur Einsetzung des definitiven Vorstandes die Geschäfte des Landcskomitees führen wird. Diesem vorbereitenden Komitee gehören auch Geheimrat Landau und Justizrat Fuchs an. Der Leitung der Deutschen Konferenzgemeinschaft wurde einstimmig ein Vertrauensvotum erteilt. Ueber die gleiche Tagung geht uns noch folgender Bericht zu: Am Svnntag, den 28. Januar fand im großen Saal des Bertvaltungsgebäudes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin eine Versammlung der Mitglieder der Deutsche Konferenz-Gemeinschaft und des Lokal-Komitees der Sl. I. U. in Deutschland statt. In dieser Versammlung, ward mit großer Majorität folgender Beschluß gefaßt: Die heutige Versammlung beschließt die Begrününng eines Landes-Komitees. behufs Zusammenfassung der in Deutschland bestehenden Lokal-Komitees. Sic bestellt eine Kommission von 15 Mitgliedern, von denen 8 aus Nord-, 7 aus Snddeutschland gewählt werde», die beauftragt werden, die Satzungen dieses Landes- Komitees nach Maßgabe des Artikel 18 der Satzungen der A. I. U. vorzubereiten. Mit Ausnahme des Bezirks-Komitees Nürnberg, das gegenn diesen Beschluß gestimint hat, haben -folgende 61 Komitees teils schriftlich, teils mündlich ihre Zustimmnng zur Gründung eines Landes-Komitees gegeben: Aachen, Barmen, Berlin, Beuthen, Bleichcrode, Bocholt. Bochum, Braunschweig, Breslau, Castrop, Cöln, Crcfeld, Danzig, Dortmund, Dresden, Duisburg, Dülmen, Eisenach, Essen, Filehiie, Forbach i. L., Frciburg, Gelnhausen, Gelsenkirchen, Gera-Rens;, Görlitz, Graudenz, Guben, Halle, Hildesheim, Kattowitz, Königsberg, Königshüttc, Kottbüs, Lauenbnrg, Leipzig, Linz, Lissa, Magdeburg, Mainz, Mülheim - Ruhr, München, M.-Gladbach, Myslowitz, Octtingen, Osterode. Pinne, Potsdam, Prenzlan, Ratibor, Schneidcinnhl, Schönlanke. Schrimni, Schlvcinsurt, Schwerin, Stettin, Tarnowitz, Thor», Wesel, Wreschcn, Würzbnrg. Von allen Seiten ist die feste lleberzcngung ausgesprochen worden, daß nur durch Gründung eines solche» Landes-Komitees für die deutschen Mitglieder der A. I. U. die Möglichkeit geschaffen werde, eine» inaßgebenden Einfluß ans die Leitung der Alliance - Angelegenheiten zu gewinnen. Das Landes-Komitcc soll dazu beitrage», daß das große Werk der Alliance in dem Geist seiner Gründer und in einem durch keinen nationalen Einflug beeinträchtigten jüdischen Sinn fortgeführt wird. Berlin. Das Bedpiel der Leipziger Universität, die vom 1. April ab ein Lektorat für späthebräische, jüdischaramäische und taliurrdische Literatur einrichtet, dürfte bald auch an anderen Universitäten Nachahmung finden. In einflußreichen jüdischen Kreisen Berlins wird die Errichtung eines Lehrstuhls für die W i s s e n i d) a f t des Judentums an einer preußischen, womöglich der Berliner Universität angcstrebt. Zu diesem Zwecke sollen Ansang März in allen preußischen Gemeinden Geldsammlungen veranstaltet werden. Bedenken bestehen nur inder Richtung, ob ein einziger Lehrstuhl für das umfangreiche Gebier der jüdischen Wissenschaft genügt. Hamburg. Am 2l. und 2i. Januar tagte hier der Zentralverüand s elb stä n d i g e r' j ü d i s ch e r Handwerker D e n t s ch l a n d s. B. He in ein an n eröffnet«: die Sitzung. I. Löwe«-- st e i n - Berlin, der Berbandsvorsitzcndc, gab dann eine» kurzen Rückblick über die Tätigkeit im verflossenen Geschäftsjahr, dessen erster Erfolg die Gründung des Brudervereins iii Breslau war. Außerdem setzte fidfber Ber-