Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692768-2692773--06725-2701755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.5V, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion nnd Expedition: FranKfurt a.m. :: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. nairsgevev: KalL Infertionspreis für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz-und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 10. Jahrgang. Freitag, den 14. Schwat 5072 <2. Februar 1912) «r. 5. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Nach den Wahlen. — Aus den Ereigniffen des Tages: I. Die Taufbewegung in Rußland; 2. Moses Heß. — Bayerische Kuriositäten. — Aus aller Welt.— ersonalien und Kleine Mitteilungen. — us denBereinen. — Aus der zionistischen ewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Akiba.— Bunte Chronik. —Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Die Reichstagswahlen nnd wir Inden'. „Die «Schlacht ist - geschlagen, der schwarzblaue Block ist niedergerungen! Hell Dir, teures Vaterland, Du bist erlöst, bist befreit." So ungefähr wird in den deutschell Gauen in Wort und Schrift verkündet. Doch trifft diese Kunde zu? Es ist Tatsache, daß Hie liberalen Karteien eine knappe Majorität gewonnen haben, allein damit ist noch lange nicht bewiesen, daß die Reaktion endgültig abgewirtschaftet hat; die Rechten haben infolge der von ihnen bei der Finanzreform begangenen groben Fehler den Linken zu ihrem Siege verholfen; auch die Mißernte mit der darauf folgenden Teuerung hat das ihrige getan: doch begangene Fehler können gut gemacht werden, und Mißernten sind nicht konstant. Und noch eins: Die neue Mehrheit der Linken ist nicht homogen, die Kluft von Hehl bis Bebel ist zu groß, als daß die .^kniffligen, überschlauen Parteien der Rechten sie nicht zu ihrem Vorteile benutzen könnte. Karl Marx hat nicht vergebens gewirkt, und wer weiß, ob Bebel der Lehre : des Meisters widerstehen wird, — pb nicht schließlich das »große Erbe" all die errungenen Vorteile über Bord werfen wird. ... Aber es ist nicht die Aufgabe dieser Zeilen, blos schwarz zu malen, vielmehr verfolgen wir als jüdische Zeitung eine andere Absicht: auf . das Verhalten der Deutschen Judenheit zum Ausgang der Wahlen soll hier hingewiesen werden. Dem aufmerksamen Beobachter fällt unwillkürlich die gehobene Stimmung in freisinnig-jüdischen Kreisen auf, man glaubt anscheinend, durch! den Ausfall der Wahlen der Lösung der Judensrage ein stück näher gekommen zu sein: Zunächst eine wirkliche Gleichstellung durch eine linke Mehrheit im Deutschen Reiche, dann in Preußen, alsdann auch, in Rußland, und die Judensrage ist gelöst.' — „Die Judenfrage gelöst"?! Welcher Irrtum! Wir haben einleitend kurz bewiesen, auf welchen schwachen Füßen der Sieg der Linken selbst im Reiche beruht: jetzt urtelle wer urteilen kenn, wie lang der Weg der völligen jüdischen Emanzipation in Preußen ist und noch gar in Rußland! Wir sagen: auch Rußland und wollen es betont wissen, ist doch die Judenfrage, wenn eine Lösung in fremden Ländern überhaupt möglich, nur ganz, nicht aber bruchwjeise zu lösen; ein Hinweis auf die jüngsten Exzesse gegen die Juden in England sowie Lloyd Georges Drohungen gegen Lord Rothschild Während der letzten Wahlen, als letzterer Miene machte, sich in -Opposition zur Regierung zu stellen, Mügt, um zu beweisen, wie schwankend eine Judenemanzipation ist, die nur bruchstückartig zu- Jtanbe kommt; es bedarf auch bei einem freiheitlichen Lande nur einer einzigen inneren Misere oder einer Anlehnung — einer Entente kordial — M ein .antisemitisches Land, um die ganze Emanzipation über den Haufen zu werfen! Und siehe, auch die Völker betrachten Juda als etwas Gachzses, Geschlossenes, als ein geeintes Volk, dessen Teile solidarisch unter einander und die 'daher alle für einander haftbar zu machen sind. Italien führt eben einen ungerechten Krieg, so schlecht es kann, und das, was den Italienern an Kriegskunst abgeht — und dies ist gär viel — suchen sie durch Grausamkeit zu ersetzen; die gesittete -Welt sieht es und ist darob empört, und diese ihre Empörung bringt sie zum Ausdruck; izn diesen gesitteten Verurteilenden zählen auch die Juden und zwar die der anderen Länder, darob ein wüstes, pöbelhaftes Geschrei gegen Juda seitens der Italiener, darob auch ein wüstes Hetzen und Schimpfen seitens der hohen Konsulta! Man bedenke, für das bischen Emanzipation haben die Juden Italiens all ihr Bestes und Heiligstes, all ihre jüdische Eigenart, ihr Volkstum, ihre Religion, ihr ganzes „Ich" zu Markte getragen, und trotzdem und alledem bedurfte es einiger weniger Kundgebungen gegen einen grausamen Krieg, der von den besten Freunden Italiens mißbilligt wird, um dieses in einen Antisemitisnuis gegen das jüdische Volk als solches verfallen zu lassen! „Die Judenfrage gelöst"? O nein! Trotz der 100 Jahre Emanzipation sind wir keinen Schritt vorwärts gekommen, 'wir stehen heute im zwanzigsten Jahrhundert, wo unsere Ahnen im 15. gestanden habeN7 Unseren Eltern standen zwiei Wege offen: entweder Jude sein, ganz Jude, oder Christ, ganz Christ werden, und diese zwei Wege stehen auch uns frei; alle beide Wege, da sie ganz und scharf Umrissen sind, bringen eine teilweise Lösung der ewigen Judenfrage — wir sagen „teilweise Lösung, denn eine ganze Lösung ist nur durch die Erwerbung eines eigenen jüdischen Heims denkbar. Ein dritter Weg — halb Christ und halb Jude — bringt garkeine Lösung, vielmehr führt er zu beständigen inneren Konflikten und zur Zerrissenheit >und blldet eine ewige Tragik! Die Völker und deren besten Einrichtungen, auch eine noch-so demokratische und noch so geschlossene Parlamentsmehrheit kann die Lösung der Judenfrage nie bringen, die einzigen, die eine völlige Lösung der Judenfrage'vornehmen können, sind w i r I u d e n; h i e r i n'sind wir unseren Eltern, die unter ganz anderen Verhältnissen lebten, voran. Dies macht auch unsere Stärke aus. Diejenigen aber, die die Judenfrage auf einem anderen Weg, auf einem Weg der!Hälbheit lösen wollen und alles Heil von Parlamentsmehrheiten erwarten, schwächen nur unsere Position. Aus den Ereigniffen des Tages. 1. Die Taufbewegung in Rußland. In der ganzen, an Not und Gefahren reichen Geschichte der russischen Judenheit hat es nienlals eine Zeit gegeben, die an traurigen Erscheinungen und Gefahren ftir ihre Existenz, so reich war, wie die gegenwärtige. Denn früher waren es nur Gefahren äußerer Natur, jetzt aber sind zu diesen noch innere Gefahren hinzugetreten, die das Mark der russischen Judenheit zu verseuchen und ihr ihren inneren Halt zu rauben drohen. Eines der furchtbarsten und deutlichsten Symptome dieser Inneren Gefahren ist jene innerhalb der russischen Judenhell grassierende moralische Krankheit, die man treffend als die Taufseuche bezeichnet. Sie grassiert fast ausschließlich in der jüdischen Jugend und besteht darin, daß ein .großer Teil - derselben den inneren Ekel gegen die Täuflinge und das Bewußtsein von der llnsittlichkeit der Taufe zu verlieren beginnt. Diese Tauffeuche zeigt sich überall; man kann sie aus Schritt und Tritt wahrnehmen. Es erregt in Rußland gar kein Erstaunen mehr, wenn man liest, daß so und soviele Studenten sich haben taufen lassen, um zur Universität zugelafsen zu werden; und was das Furchtbarste ist, diese Täublinge wollen nicht zugeben, daß sie eine von Äußeren Rücksichten diktierte in sich unsittltzhe Tat. begangen haben, sondern behaupten, das moralische Recht dazu zu haben; ja, sie geben nicht zu, zwischen sich und ihrem Volke alle Baude zerschnitten zu haben, sondern haben noch die Naivetät, sich, als vollwertige Juden auszugeben. Darin beruht besonders die Gefahr. Man hat die Vorstellung von der llnsittlichkeit der Taufe zu verlieren begonnen, man empfindet sie nicht mehr als moralischen Makel, man sieht die Täuflinge nicht mehr als minderwertig an! Und dies nicht nur bei den Täuflingen selbst. Nein, diese Anschauungen sind weit verbreitet innerhalb der jungen Generatton der russischen Judenheit. Dies zeigt beispielsweise eine Enquete, die vor kurzem bei den jüdischen Studenten aus Rußland in München vorgenommen wurde, wobei das kaum glaubliche Resultat an den Tag kam, daß nahezu die Hälfte aller gefragten Studenten die Taufe als nicht etwas unbedingt Unmoralisches bettachtet. Und dieselbe Wahrnehmung kann man fast überall machen. Es spielt im gesellschaftlichen Leben keine Rolle, ob jemand sich taufen läßt oder nicht. Man verkehrt mit dem Täufling, als ob nichts geschehen wäre. Man beginnt sich-allmählich an die Taufe als an ein notwendiges Uebel zu gewöhnen, das man bestenfalls bedauern, aber nicht ändern kann. Diese Stellungnahme zur Taufe ist um so trauriger, als sie symptomatisch ist, symptomatisch für die furchtbare Indifferenz, die in vielen Kreisen der jungen jüdischen Generatton Rußlands allen religiösen Werten gegenüber herrscht. Denn bei aller Berücksichtigung der sozialen und materiellen Momente, die zur Taufe führen, ist nicht zu vergessen, daß die vornehmste Ursache die ist, daß man gar keine Liebe mehr für alles, was religiös ist, empfindet. Die unseligen Folgen des geistigen und religiösen Nihilismus innerhalb der jungen jüdischen Generation zeigen sich hier in ihrer erschreckendsten Form. Aus den Ursachen der Tausbewegung aber ergeben sich auch die Lehren, die sie erteilt. Die jüdische Gesellschaft Rußlands muß sich auf sich selbst besinnen nnd energische Stellung zu Taufe und Täuflingen einnehmen. Was in Deutschland inöglich ist, wird wohl noch in Rußland zu erreichen sein. Neben dieser schroffen Ablehnung und Boykottierung aller Täuflinge aber muß die ruffische Judenheit — nnd zwarmeinen wir jetzt den Teil, den man als die Intelligenz zu bezeichnen pflegt — das Uebel an der Wurzel ausznrotten suchen, muß erkennen, daß sich hier noch Fehler jahrelanger Jrrtümer rächen, daß — präzise ausgedrückt — die Betonung der kulturellen und nationalen Momente nicht genügt, sondern, daß diese ihre feste Stütze in der Pflege des religiösen Lebens finden müssen.