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Neue jüdische Presse · 1912-01-26 · Heft 4 (26.1.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 4 Seite 4. die größte Tatsache der Geschichte geschenkt. Die Christen Hachen Eure heiligen Schriften zu ihren heiligen Schriften gvnacht. Freilich haben sie Euch verfolgt, aber alle wahrhaft großen Herrscher haben etwas für Eure Befreiung getan: Friedrich der Große, Cromwell, Napoleon. Nun gäbe ich Euch zu bedenken, daß Eure Vorfahren «alle sich, mit Landwirtschaft abgegeben haben. Sie hielten Herden, pflügten, säten und ernteten. Ihr mußtet dieser Beschäftigung untren werden, weil man Euch den Landbesitz verwehrte; jetzt aber in diesem großen, freien Lande hoffe ich, daß Ihr zur Landwirtschaft zurückkchrcn werdet." Hier unterbrach den Li ebner ein ungeheurer Beifallssturm, der sich erst legte, als die Versammlung bemerkte, Major Gaynor wolle writersprcchen. Er sagte dann: „Als Hausierer verdient Ihr lächerlich wenig; ich glaube, die meisten unter Euch wären ans einer kleinen Farm in Lang Island besser daran. Zur Zeit, als Ihr Bauern wäret, habt Ihr ' Eure herrlichen Schriften ab gefaßt; ich werde Euch jetzt zeigen, wie wunderbar .schön Eure Schriften sind." Der Major nahm das Buch der Psalmen, schlug selbst die Stelle auf und bat den Vorsteher Louis Diamant, den 23. Psalm zuerst englisch, dann hebräisch vorzulesen. „Das ist nur eines unter den tausend Juwelen die Eure Schrift enthält," sagte Major Gaynor weiter. „Zahllosen Herzen hat der Psalm Trost gespendet und neue Kraft gegeben. Wenn Ihr Euch an Eure Schrift hallet, und an Euren ewigen Gott, kann Euch niemand etwas anhaben. . ." Personalien «. Kleine Mitteilungen. Frnnkfurt a. M. Postrat Josef und Regierungsrat Hermann Levy erhielten den Roten Adlerorden 4. Klasse und Börsensensal Emil Seligmaun den Kronenorden 3. Klasse. Berlin. Zu Reichstagsabgeordneten wurden gewähtt Justizrat Wald stein-Altona in Schleswig- Eckcrnförde, Stadtrat Haas-Karlsruhe in Karlsruhe und Dr. Georges Weill-Metz in Metz. Berit«. Im Jahre 1901 verübten in Preußen 130 Juden (97 Männer, 33 Frauen) Selbstmord, ein ungewöhnlich hoher, andere Gemeinschaften weit übertreffender Prozentsatz. Berlin. Kommerzienrat Herz-Berlin erhiett den Roten Adlerordeu 4. Klasse und Geh. Kommerzienrat A r ö n s o h n - Bromberg den K r o n e n o r d c n 3. Klasse. Stuttgart. Edmund Singer, der ausgezeichnete Geiger und langjährige Konzertmeister der Hofkapellc, ist — 81 Jahre alt — verschieden. t. Metz. Stabkveter'är Lewin erhielt den Roten Adlerordeu 4. Klasse, Synagogcndiencr Lazard das Allgemeine Ehrenzeichen und Senatspräsident Geh. Justizrat L e v i in Colmar den Kronenorden 3. Klasse. (L) Posen. Durch den Tod des Kaufmanns Max Roseuberg haben die Stadt und die jüdische Gemeinde einen großen Verlust erlitten. Seine Tätigkeit als Armenrat, als Vorstandsmitglied des Neuen israelit. Vereins für Krmikcnpflege und Lcichenbcstattung usw. war mustergültig. Die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde wählten Geh. Koimnerzienrat Herz zum Vorsitzenden und Manasse Werner zum stellvertretenden Vorsitzenden. — Justizrat Placzek ist wiederum zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt worden. Wiesbaden. Justizrat Dr. L o e b erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Aüttch. Dr. Caro, seit 1896 Dozent für Geschichte an der hiesigen Universität, ist nach kurzer Krankheit verschieden. In den Schriften, die von der „Gesellschaft zur Fördermrg der Wissenschaft des Judentums" herausgegeben werden, ist von ihm erschienen: „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter und der Neuzell," leider jedoch nur der erste .Baud: „Das frühe und das hohe Mittelalter," gewidmet dein Andenken seines Grdßvatcrs, Prof. Dr. Eduard Muuk. — Dr. William S ilbersch m idt, Professor a» der hiesigen Universität, ist für die Periode 1912/14 zum De kan der medizinischen Fakultät ernannt worden. Wir«. Julius Stern, Redaüeur des Fremdenblatts, erhiett den Orden der Eisernen Kronen з. Klasse. Budatzek. Im November sind in Ungarn 69 jüdisch-christliche Ehen geschlossen worden. Pretzbgurg (Un.) Lazar Gestetner, Präsident der Kullltsgemeinde, spendete anläßlich seines 80. Geburtstages 2000 Kronen zu der im Entstehen begriffenen Mensa sürRabbinatshochschü ler und Universitätshörer. Czeruowitz «Bukowina). Das von der jüdischen Gemeinde errichtete Alters- und Jnvaliden- Dersorguugshaus ist dieser Tage seiner Bestimmung übttgÄen worden. Es enthält auch eine Asyl- Abteilung für durchreisende und für vorübergehend unterstand lose Juden. PattS. Die kleine Anzahl der Orthodoxen, die unweit des Bois de Boulogne in treuer Gemeinschaft die Fahne des altüberlieferten Judentums auch in der Licht- und Weltstadt unentwegt hoch hält, hat durch den nach längerem Leiden erfolgten Hingang des Herrn Simon Lehmann, Chef des Bankhauses S. I. Lehmann и. Cie., einen schweren, fast nicht zu ersetzenden Berlust erlitten. Mit Herrn Lehmann schied einer der seltenen Männer dahin, die, trotzdem sie auf der höchsten Stufe sozialen Glückes' standen, , stets einfach und bescheiden in ihrer Lebensführung waren. Durch, seine tiefe religiöse Gesinnung zeichnete er sich schön -in seiner Jugend aus, Frankfurter Israelitisches FamMenblatk. und seine lautere Frömmigkeit feite sein goldenes Herz, das stets für die Armen und Bedrückten schlug, gegen jede unedle Gesinnung und und verschaffte ihm das unbegrenzte Vertrauen, das man ihm, dem Chef des bedeutenden Bankhauses, von nah und fern entgegenbrachte. In der brandenden Weltstadt stand er da wie ein hehres Standbild, geziert mit dem Brustschild der Frömmigkeit und Redlichkeit, hunderttausenden Beispiel gebend und Vorbild werdend. Bis zu seinem letzten Atemzuge hatten in Lehmann, dessen Lebenssymbol „Scholaum" war, Menschenliebe und Gottesfurcht ein unlösliches Band geschlossen. Die Liebe, die er ausgesät, hat er wieder geerntet. Unzählige Scharen waren herbeigeellt, um' dem Dahingeschiedenen das letzte Geleite zu gebe». Zahlreiche Polizisten hielten Ordnung in den Straßen, durch die der Traucrzug ging. Mit der Frau und den unmündigen Kinder» trauern auch zahllose Freunde und unsere Gemeinde. Wenn ein solch edler und frommer Mensch dahingeht, bedeutet dies zugleich ein Verlust für die ganze Gemeinde Israels, und so rufen wir den Hinterbliebenen zu: Gott stärke und tröste Euch in Eurem herben Leid." P. K. Paris. Der berühmte italienische Mathematiker Senator B o l t e r r a ist von der hiesigen ilniversität zur Abhaltung von Vorlesungen eingeladcn worden. — Im französischen Senat sitzen vier Jude»: Ferdinand Drcyfus, Edouard Millaud, Paul Strauß und Fernand Cremieux. Paris. Hier verschied im 81. Lebensjahre Dr. M a n u e l L c v e u, der Verfasser mehrerer philosophischer Abhandlungen und des Buches „Hygiene der Juden." Er war ein Bruder Narcisse Levens, des Präsidenten der Alliance Jsraelitc Universelle. London. George Alvu und Lionel Philipps, beides südafrikanische Minen - Magnaten, sind vom König in den B a r o n e t t st a n d. e r h o b e n worden. Albu ist ein Enkel des Landesrabbiners Dr. Joseph Albu-Schwcriu. Ter zum Gesaudtschaftssekretär ernannte Generalkonsul Sir F r a u c i s O p p e u h e i in e r in Frankfurt a. M. hat noch eine aussichtsreiche Karriere vor sich, denn er steht erst im 41. Lebensjahre. Oppenheimer, der vorläufig in Frankfurt wohnen bleibt, wird bei den Gesandtschaften in Berlin und im Haag die Funktionen eines Attaches für konimerzielle Angelegenheiten versehen. — Hector W. Sassoon, ein Sohn Edward Sassoon's, verheiratete sich in Paris mit Georgette Mirtil. — Im Alter von 103 Jahren verschied Frau S. H. Cohen, die Großtante des Attorney - Generals Sir Rufus Jsaacs. Bis vor wenigen Jahren war sie niemals auch nur einen Tag krank gewesen. Mit ihrem Manne lebte sie in 65jährigcr Ehe. An den öffentlichen Angelegenheiten nah», sie lebhaften tätigen Anteil.. Loudo«. Myer D Davis, der Altmeister der englisch-jüdischen Geschichtsschreibung, ist im 82. Lebensjahre verschieden. — Henr y Em an ucl Cohen, Richter am Obcrgericht von Neu-Süd-Wales und von 1883—85 Justizminister in Australien, ist plötzlich — 72 Jahre alt — verschiede». Er war in Sydney der Präsident des Zweigvereins der Anglo - Jewish - Association und nahm an allen jüdischen Angelegenheiten ein lebhaftes tätiges Interesse. Seit 1884 war er mit Sophie Frank aus Hildcshcim (Preußen) verheiratet. Lodz. Hier ist eine Bezalel-Ausstellung eröffnet worden. Bereits am ersten Tage wurde für. 15000 Rubel verkauft. Lodz (Rußland). Unsere Stadt zählt unter 500000 Einwohner 166 000 Juden. Warschau. In einem kleinen, einsamen Gehölle bei Osscharow wurden die Bewohner — acht jüdische Seelen — auf grausamste Weise e r m o r d e t. Rotterdam. Hier verschied Mozes Bernard Elze, der sich infolge seiner hervorragenden Verdienste als Leiter der Kabronii» - Chewra allgemein des' höchsten Ansehens erfreute. Rom. Im Unterrichtsministerium wurden A m e r i g o N a ch m i a S zum Chef d c r t e ch n i s ch e n Abteilung und R i c c a r d o A r t o m zum Chef der Abteilung für die schönen K ü n st c und A l t e r t u m s f o r s ch u n g ernannt. New Bork. Die Feder, mit der Präsident Taft die Resolution betreffs Aushebung des Vertrags von 1832 mit Rußland Unterzeichnete, erhielt Sekretär Seelen freund von der „Bne Brith"-Loge in Chicago. RewUork. Admiral Mari x, der jüngst vom Marinedienst zurücktrat, wurde als Senior-Richter an das Kriegsgericht berufen. — Präsident Taft wirb den Bazar eröffnen, den das Altenheim „Daughters of Jacob" zum Besten eines Neubaus demnächst veranstaltet; und cs werden ihm bei dieser Gelegenheit 15 Insassen im Alter von 90 bis 100 Jahren und 6 .im Alter von über 100 Jahren vorgestellt werden. Rew-Aork. I e r o m e I. Hanauer, der vor 20 Jahren bei K u h u, L o e b u, C Y. als Lehrling eintrat, ist jetzt als Teilhaber ausgenommen worden. — In Milwaukee besteht ein Jiddish Woman's Suffrage-Klub, sicher der einzige jüdische Klub dieser Art in der Welt. Rew-Aork. Jacob H. Schiff stiftete 100000 Doll., damll an der Cornell - Universität in Jthaca deutsche Kultur und deutsche Gei st cs wissen schäften gefördert werden. G MlTeton. © tili btt. Historische Erzählung, von Friedrich Rott. «Fortsetzung). Flehend hing ihr Blick an seinem ausdrucksoolleu Angesicht, in dem die Farbe wechselnd stieg und schwand, den inneren Kamps bekundend. Sie trat noch näher an ihn hinan und sprach leise bittend': „Nimm, Akiba! — erweise mir die Freundschaft." Da hob er den Blick fragend zu ihrer Mutter, die ihm mit gütigem Ernst begegnete. „Erftille Rahels Bftte, sie würde sonst in beständiger Angst leben, daß Du durchs Befolgung ihres Rates in Not geraten seiest." Schwer aufatmend streckte er die Hand aus und nahin das Säckchen mit den Silbermünzen, das sie ihm bot. „Ich sollte Dir danken," sprach er leise mit seltsam belegter Stimme, „aber — —" „Nicht doch, Akiba, nicht Du bist mir'Dank schul-! big, sondern ich Dir, Du hast mir ein Opfer gebracht." Akiba verneigte sich tief und flüsterte einige Abschiedsworte, dann verließ er das Zimmer. Draußen aber richtete er sich! stramm auf, und ein stolzer Ausdruck lagerte auf seinen Zügen, weder die Hausleutc noch die ihm in den Straßen Begegnenden sollten cs ahnen, wie's ihm im Herzen war, das bange und zagend pochte, denn er stand ja doch an dem Wendepunkt seines Lebens, hatte .einen sicheren Nahrungszweig ausgegeben und sogar darauf verzichtet, einen ähnlichen zu ergreifen und blickte nun nicht sorgenlos hinan? in die unsichere Zukunft. Und außerdem sollte er da? geliebte Mädchen nun lange, lange Zeit nicht sehen. Nachdem Akiba das Zimmer verlassen hatte, warf sich Rahel an der Mutter Brust und! barg ihr tränenjnberflutetes Antlitz an der Mutter Hals. Gleich daraus aber blickte sie auf, und unter Tränen lächelnd flüsterte sie: „Und ich bin doch glücklich, Mutter, so glücklich! — Du kannst es Dir gar nicht denken, wie — wie ich Gott danke!" Die Mutter streichelte ihr liebkosend die tränenfeuchten Wangen. „Mein liebes Töchterchen, mein liebes, teures Kind, ich verstehe Dich vollkommen und will Dich nicht tadeln. Was Du getan hast, entsprang dem reinsten, heiligsten Streben, und wenn es Gottes Wille ist, kann er unsere Wünsche verwirklichen. Aber, liebes, gutes Kind, ich ivarne Dich, hoffe nicht mit allzugroßer Zuversicht auf die Verwirklichung Deiner Pläne. Ich sehe schweren Kämpfen entgegen." Rahel Ivarf den Kopf zurück, ihre Augen funkelte». „Was schadet das? Ohne Kanipf, keinen Sieg, und je schwerer der Kampf, desto herrlicher der Sieg!" „Aber wer sagt Dir, daß Du siegen wirst?" „Das sagt mir mein Herz, und das sagt mir meine Kenntnis von Akibas großem, herrlichen! Geiste, der alle, alle überflügeln tvird. — O, Mutter, wie bin ich so glücklich! — Freuest Du Dich nicht mit mir?" > Aber die Mutter konnte nicht cinstimme» in ihre» Jubel, denn sic wußte besser als die Tochter, wa? bcvorstand. Spät am Abend kam Kalba Sabua heim, zwar ernlüdet von dem ungetvohnten Fahren, aber doch in weit besserer Stimmung als am Morgen, denn c? war ihm gelungen, einen Gartenpfleger zu mieten, der chm von mehreren seiner Bekannten wärmstenempfohlen worden war. Namentlich war ihm die Gewissenhaftigkeit und der Gehorsam seines neuen Dieners gerühmt worden, bei dem man sich darauf verlassen könne, daß er die ihm gewordenen Befehle und Anordnungen pünktlichst vollziehen werde. Kalba Sabua rieb fick)! vergnügt die Hände, Wth-I rend er den Seinen von dem' neuen Gärtner er-! zählte. „Der Hungerleider hat gemeint, daß er unersetzlich ist; darum hat er sich herausgenommen, um Vorschriften machen zu wollen. /Froh bin ich," wandte er sich an seine Frau, „daß ich mir von Dir nidjl] habe dreinreden lassen, den Versuch mit seinen dummen Geschichten zu mache», dabei wäre ja doch nicht: herausgekommen, während so — einen Tag hat es zwar gekostet, aber dafür habe ich auch einen ordentlichen Menschen. Den Parach*) wird es wurmen, wen»! er schauen Witt», daß der Garten ohne ihn sich vielleicht noch Mehr herausmacht." „Ach nein, Vater," sagte Rahel, „so schlimm ifl Akiba nicht." 1 *) Schimpfwort.

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