Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1912-01-26 · Heft 4 (26.1.1912) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692768-2692772--06709-2701738
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

' Seite 2. ausgesprochen hat. Es ist bei allen sonstigen Verschiedenheiten und Abweichungen im letzten Grunde die autonome Ethik Kants, die Lazarus darstellt, nicht die utilitaristischgerichtete des Judentums Es ist Lazarus nicht sein fester Glauben abzusprechen, daß seine Ethik auch die des Judentums sei; es muß nur konstatiert werden, daß dieser Glaube ein Irrtum war. Tie hanfig wahrzunehmende Erscheinung, daß bedeutende Vertreter des Judentumsin Westeuropa nwderne, unjüdische Ideen und Gedankengänge ins Judentum hineintragen und ihnen dem Stempel des Judentums äufdrücken wollen, tritt uns an Lazarus wieder entgegen. Ihre leicht erllärliche Ursache findet sie darin, daß diese Vertreter des Judentums einerseits durch ihren ganzen Bildungsgang vieles Unjüdische in sich ausgenommen haben, andererseits aber das Bestreben haben, durch und durch Juden zu sein. So ist diese Zurechtschätzung und Vergewaltigung des Judentums erklärlich und entschuldbar; sie bleibt darum aber nicht minder bedauerlich. Ties ist der eine, der Kardinalfehler des Lazarus'schen Werkes, der Fehler, der ihm sein Todesurteil spricht. Der andere ist seine innere Unfreiheit seinem Stoffe gegenüber; sie äußert sich in. der — zumal int 1. Teile — allzusehr auffallenden T endenz. Lazarus-verwahrt sich zwar entschieden dagegen, in seiner „Ethik des Judentums" eine Apologetik desselben geschrieben zu haben; er hat das Recht dazu; denn er wollte wirklich tendcnzlos sein. Aber er vermochte es nicht, vernwchte es ebensowenig, wie alle großen westeuropäischen Juden, die in europäischen Sprachen schreiben, von Mendelssohn bis auf die Rabbiner unserer Tage. S e i t d e r Emanzipation sind alle Juden Westeuropas, dieüber jüdische Dinge schreiben, Apologeten; viele bewußt, die anderen unbewußt. Und es ist nur zu natürlich. Schielte man doch bei allem, was 'man tat, schrieb und sagte, stets nach außen; die Angst: was wohl die anderen sagen werden, wurde zu einem unbewußten Element im Seeletlleben der westeuropäischen Juden. Seit 100 Jahren sucht es sich nur noch bei den anderen zu rechtfertigen, zu entschuldigen. Die Apologetik ist die notwendige Folge der Assimilation. Erst der von allen assimilatorischen Tendenzen — auch den unbewußten und unwillkürlichen — freie Jude wird nicht mehr Apologete sein. Lazarus hatte noch bei allem jüdischen Stolze zu viel Assimilatorisches in sich, um tentenzlos und frei von Llpologetik sein zu können. Wo aber die Apologetik wohnt, da ist für Objektivität und Selbständigkeit kein Platz. Die unbewußte seelische apologetische Tendenz war die zweite Eigenschaft, die es Lazarus unmöglich machte, die Ethik des Judentums zu schreiben. Die Ethik des Judentums, aus die wir warten und harren, wird von einem'Juden der neuen Generation geschrieben werden; erst mußte der ft'idische Nationalismus kommen und alle Assimilationsgelüste, alle Rücksichtnahme auf die anderen ertöten, bevor die wahre, wissenschaftlich behandelte Ethik des Judentums entstehen kann. Diese zwei Kardinalfehler des Lazarus'schen Werkes muß man wissen, muß ntan aus dem ersten Bande erkannt haben, bevor man an den zweiten herantritt. Denn erst dann wird man die Vorzüge und Schönheiten des Werkes, zumal des zweiten Telles, voll würdigeit und genießen können. Man muß das Buch als Ganzes erst abgelehnt haben, um seine Einzelheiten eütschätzen.und loben zu können; seine Einzelheiten, die eben all die kleineren Vorzüge seiner Darstellungskunst hervortreten lassen. Es sind eine Menge kleiner Züge, Beispiele, Aussprüche, Legenden der jüdischen Ethik im zweiten Bande zu finden, die ebenso interessant wie charakteristisch sind; was ihren Reiz erhöht, ist die seine Bearbeitung durch Lazarus, die formvollendete Wiedergabe, das feinsinnige Verständnis und die verständnisreiche Interpretation. Diese Interpretationen sind nicht überall einwandsftei; sie sind manchmal gekünstelt, gezwungen, infolge des Bestrebens, aus ihnen moderite westeuropäische Anschauungen herauszulesen; ob sie richtig sind oder nicht, muß von Fall zu Fall beurteilt werden. Daß sie immer anregend und geistreich sind, läßt sich über sie alle sagen. Sehr zu loben ist die Knnst der systematischen Darstellung. Bei der Wiedergabe Mischer - Gedankengänge und Anschauungen ist diese doppelt Frcmkfurter Israelitisches FamllienLlaÜ. schwierig, und wo sie gelingt, doppelt, zu loben.. Denn es gehört kein geringes Maß von ordnender Kraft und systematisierendem Sinn dazu, einen Stoff, der über alle Werke der altjüdischen Literatur so zerstreut ist wie dieser, in moderner Systematik und "konsequenter Reihenfolge darzustellen. Lazarus ist es gelungen; dies zeigt, daß er logisch, gedanklich den Stoff beherrscht hat; schade, daß er ihm seelisch so unfrei gegenüberstand. Es ist hier nicht der Ort, auf Einzelheiten des Werkes einzugehen; die Pflicht bleibt uns nur, lobend der Herausgeber des Nachlasses, Rabbiner I. Winter und Prof. Aug. Wünsche, zu gedenken, die dem Werke eine pietätsvolle und Verständnis-, reiche Sorgfalt haben angedeihen lassen und sich ihrer nicht immer leichteit Aufgabe mit Erfolg erledigt haben. Dafür aber gebührt ihnen der Dank der jüdischen Oeffentlichkeit. Denn ein wertvolles Werk bleibt Lazarus' „Ethik des Judentums" trotz alledem; schon wegen der unzähligen prachtvollen Einzelzüge, die es enthalt, und die ein jeder, der das Judentum kennen will, ttachlesctr sollte. Allerdings stets 'in dem Bewußtsein, daß die Grundauffasftlng Lazarus' von der Ethik des Judentums verfehlt war. Das Werk zählt zu den Büchern, die, ahnungslos, schutzlos gelesen, Verwirrung stiften können; mit Reserve und Vorsicht studiert, aber nur Nutzen bringen. Wem: tnan das ganze Werk überschaut, überkommt einem ein Gefühl der Wehnrut und des Bedauerns. Es steckt ein Stück Tragik in dieser „Ethik des Judentums", in diesem mißlungenen Versuch. Soviel Kraft und Fähigkeit, Begeisterung und Liebe angewendet, und das Resultat: Verfehlt. Verfehlt nicht aus eigener Schuld; denn daß Lazarus nicht ganzer Jude war, daß er in unjüdischem Milieu ausgebildet ward, daß er Assimilatorisches in sich hätte, wer wollte ihn dessen beschuldigen und anllagen! Tie Fehler und Jrrtümer eines Jahrhmtderts der Assimilation haben sich da an einem ihrer besten, sympathischsten und edelsten Vertreter gerächt. Lazarus „Ethik des Judentums" bedeutet ein Stück Tragik wie alle jene Schöpfungen des westeuropäischen Judentums, wie des westeuropäischen Judentums selbst seit Moses Mendelssohh. Es ist der Fluch der inneren Unfreiheit, der seelischen Halbheit, der auf ihn: lastet. Und die „Ethik des Judentums" von Lazarus, einer der schönsten und besten Früchte dieses halben Judentums, wirkt wie ein Mene Tekel, wie eine Warnung, wie eine Mahnung zur Rückkehr, zur Ganzheit, zur Freiheit, zum Judentum! ... Aus den Ereignissen des Tages. Das Ergebnis der Reichstagswahlen. Tie Reichstagswahlen sind beendet. Bis auf jeine lleine Zahl, die allerdings darüber entscheiden wird, ob die neue Majorität des Reichstages eine solche der Linken oder der Rechten sein wird, ist das Resultat jetzt, da diese Zeilen geschrieben werden, bereits bekannt. Allen denen, die von detr Reichstagswahlen eine radikale Umwälzung.der politischen ^Verhältnisse Deutschlands erwartet haben, werden sie eine Enttäuschung gewesen sein; für die ruhig Blickenden, die mit dem allen plötzlichen Veränderungen abgeneigten Volkscharakter des deutschen Volkes gerechnet haben, haben die Wahlen gebracht, was sie erwarten durften: eine starke Verschiebung nach links. Infolge dieser hervorstechendett Signatur der Reichstagswahlen können wir Juden mit ihrem Ausgang zufrieden sein. Wir haben bereits in unseren Ausführungen vor den Wahlen gezeigt, warum wir Juden jetzt zu den linken Parteieir haltert müssen, und eine Stärkung derselben bedeutet naturgemäß auch einen Erfolg für uns. Aber ttcben diesem allgemeinen Erfolg' habett die 'Reichstagswahlen uns Juden noch einett ganz besonderen, unerwarteten, gebracht: die vernichtende Niederlage der Antisemiten. Nebeit dem ungewöhnlichen Anwachsen der Sozialdemokratie ist diese katastrophale Vernichtung der antisemitischen ' Partei die hervorstechendste Note dieser Wahlen. Die Lattmann und Raab'e sind nicht wiedergewählt, ein so sicheres Besitztum der Antisemiten wie der Wahlkreis Liebermanns von Sonnenberg ist ihnen verloren gegangen, und auch, die ebenbürtigen Genossen der Antisemiten vom Nr. 4 Bund der Landwirte wie Ha h n und. -Rösi ck e werden den neuen Reichstag nicht mehr durch! .ihre wüsten Hetzreden verunglimpfen. Gehalten hat sich der antisemitische Kandidat Werner in Gießen und - auch da nur -infolge des Eintretens der hessischen Pseudonationalliberalen. Diese Niederlage der Antisemiten ist bemerkenswert; sie zeigt, daß der politische, rüde Radauantisemitismus im 'Abnehmen begriffen ist und ist darum sowohl vom jüdischen Standpunkte wie von dem des politischen Anstandes. als äußerst erfteulich zu begrüßen. Wie sich die Verhältnisse im neuen Reichstag gestalten werden, welches sein Los sein wird, kann noch niemand Voraussagen. Das eine ist klar: Die Regierung wird sich der allgemeinen Strömung, die in den Wcchlen einen so deutlichen Ausdruck gefunden hat, nicht verschließen können und tvird den Zug nach links gleichfalls mitmachen müssen. Denn eine Auflösung wird an den Parteiverhältnissen nichts ändern, wenn nicht noch eine Verstärkung der Linken herbeiführen. So wird denn 'der politische Kurs in Deutschland sich nach links wenden, und dies muß undwird uns Juden nur von Vorteil sein. Natürlich sollen wir uttsere Hoffttungen nicht zu hoch spannen. Davor haben wir schon vor beit Wahlen gewarnt und können heute diese Warnung nur wiederholen. Die Erlangung der völligen politischen Gleichberechtigung ist auch für die Dauer der. nächsten Reichstagssession nicht zu erwarten. Aber auf eine Besserung — deren Stärke noch nicht vorausbestimmt werden kann — dürfen wir hoffen, unter der Voraussetzung, daß unser Kampf um unsere Rechte nicht nachläßt, sondern noch ener- /gischer und intensiver werden wird. Ein Ereignis ersten Ranges im Leb'en der deutschen Judenheit. konnten die Reichstagswahlen weder werdet! noch sind sie es geworden. Aber eine gewisse Bedeutung durfte ihnen von vornherein zugemessen werden und eine solche kommt ihnen mit 'Recht auch zu. Und diese Bedeutung wird alles in allem durchaus günstig sein. Und so dürfen wir Juden ruhig das Gesamtfazit der Reichstagswahlen als günstig bezeichnen! Wir dürfen und können mit ihrem Ausgang vollauf zufrieden sein. Aus aller Mett. Deutsches «eich. Frankfurt a. M. In einer Revue des hiesigen Reichstagswahl-Ergebnisses schreibt die „Frkf. Ztg.": „In der Siegesnummer des sozialdemokratischen Organs kommt auch der neugetvählte Abgeordnete für Freiberg-Hainichen zu Wort. Als rüstiger Schnitter tritt Herr Hermann Wendel zur Mahd an, und Reih' um Reih' fallen die antisemitischen Garben. Deir Teilhabern der Genossenschaft Cohen, Levt und Seckel sei .die Lektüre des Prachtartikels „Das rote Hundert" angelegentlich empfohlen. Herr Wendel beweist hier, wie tief man auch im Sieg sinken kann. Er stattet den Antisemiten seinen besonderen Dank ab, indem er sich auf die Schmähungen des im Jahre 1866 eroberten Frankfurt -durch Treitschke (!) beruft und bei Heinrich Heine nur zu dem Zweck eine poetische Anleihe macht, um „Jakobs Töchter" zu höhnen. Auch die „Harfen an den Weiden der Wasser Babylons" spielt er so lieblich wie die geschmackvollsten Antisemitenblätter. Es ist nicht das erste Mal, daß die „Äolksstimme" diese antisemitischen Seitensprünge tnacht, und es wird voraussichtlich nicht das letzte Mal sein." Berlin. Dem Herrenbause ist ein Gesetzentwurf betreff, die Vertretung der Berliner Synagogen-Ge me in de zugcgangen, der die Höchstzahl der Vorstandsmitglieder aus 15 — von denen bis zu einent Drittel besoldet werden dürfen — und die der Repräsentanten auf 45 festsetzt, während die Höchstzahl bisher 7 bezw. 21 betrug. Es wäre zweckmäßig, wenn die Vorstände der anderen Großgemeinden Preußens mit einer Petition an den Landtag herantreten würden, in den Gesetzentwurf eine Be- - stimmung aufzunehmen, wonach es auch andern Großgemeinden gestattet sein solle, die Zahl ihrer Vertreter satzungsgeinäß zu erhöhen und besoldete Mitglieder in den Vorstand zu tvählen. Bei dem Umfange, den z. B. das Bauwesen in den Großgemeinden annimmt, könnte ein besoldeter Baumeister dem Vorstände als sachgemäßer Beirat dienen. Berlin. Der Deutsch-Israelit, Gemeindebund hat an die Vorstände der jüdischen Gemeinden ein Rundschreiben erlassen, in dem es in Erwiderung der Behauptungen der Opposition heißt: Verehrlicher Vorstand!- 1. Unwahr ist, daß die gemischte Kommission im Widerspruch mit den Beschlüssen des Gemeindetages gebildet worden 'ist' und „der-Ausschuß sich selbst, ans

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.