Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Artikel: Zar Chalukafrage. — AuS der Welt der > Gedanken. — Aus den Ereignissen des Tages: Das Ergebnis der Rrichstagswahien. — Aus aller Welt. — Personalien und KleineMitteilun gen.— Feuilleton: Akiba. — Kunst und Literatur. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. Zur Chalnkahfrage. (Schluß.) . Einen lveiteren Fehler hat man dadurch begangen, dass man einen bezahlten Rabbiner zur Aufsicht hinschickte. Das war nach deutschen Verhältnissen gedacht. Der Rabbiner hat bei uns in allen nur entfernt nrit der Religion zusammenhängenden Fragen die größte Autorität. Aber man täuscht sich, wenn man glaubt, dass das auch in Jerusalem der Fall iss. Man glaubt, den dortigen Talmndisten könne nur ein Rabbiner imponieren. In Wirtlichkeit imponiert ihnen niemand weniger als ein europäischer Rabbiner. Man ist dort der festen Ueberzeugnng, daß jeder normale Besucher eines Jerusalemer Beth Hamidrasch mehr „lernen" kann als die größten Rabbiner des Galut. Sie empfinden es also als unerhörte Zumutung, daß gewissermaßen ein Kollege, der in seinem Gebiete unter ihnen steht, ihnen znm Herrn gesetzt ist. Dazu kommt nun noch, daß der Rabbiner vom Geld der Chälukah bezahlt wird. und ein Haus bewohnt von den für die Chalutähnchmer bestimmten Häusern, sodaß einige Familien weniger von den billigen Wohnungen bekommen können. Man sagt — und das ist charakteristisch für die ganze Auffassung —: Warum bekommt Horowitz, der. auch nicht mehr iss als wir, eine so grosse Chälukah und wir eine so kleine? Warum hat er über unsere Chälukah zu verfügen? Mit welchem Recht betrachten sich die Pekidim und Amarkalim als unsere Vorgesetzten, da wir doch viel mehr für das Judentum leisten als sie? Und man muß zugeben, im Sinne der Chälukah sind diese Fragen berechtigt. Und nun die positive Seite der Reform, die Handwcrkerschule! Auch diese ist eine verfehlte Berechnung. Es gibt in Jerusalem eine große Menge Handwerker, die sich nur mühsam ernähren. Was für einen Sinn hat es da, noch künstlich Leute dem Handwerk zuzuführen? Es genügt, wenn die Jungen zu einem tüchtigen.Handwerker in die Lehre gehen. Dort lernen sie mehr als in der Handwerkerschnlc. Man sagt ferner, das Geld der Chälukah dürfe nicht zu etwas anderem benützt j werden als zur Chälukah. Und dann gilt hier, l was ich oben schon gesagt habe, daß die jungen Leute sich des Handwerks schämen. Es ist das beklagenswert, aber natürlich und begreiflich und nicht mit Gewalt zu ändern. * - Nun ist aber die Frage: Wie soll man es besser machen? Wenn nun auch nieine Hauptabsicht! war, die Beobachtungen mitzuteilen, die ich aus dem persönlichen Verkehr mit den Chalukahnehmern geschöpft habe, so möchte idf doch auch einige positive Vorschläge machen, hoffe aber, daß auf Grund dieser Kritik noch andere und vielleicht bessere Vorschläge gemacht werden. Aus der aufgestellien Statistik.der Verteilung gehl hervor, daß die Beiträge nicht zum Unterhalt ausreichen. Man muss deshalb die Chalükah des Einzelnen vergrößern. Dagegen wäre es an- > dererseits wohl angebracht, die Chalükah nur an die bereits.Vorhandenen und deren Nachkommen zu verteilen, aber keine neuen Teilnehmer inehr aufzunchmen. Ferner geht aus dem Gesagten hervor, vass Anwendung von Gervalt gefährlich ist und demoralisierend. tvirkt. Man soll deshalb allen die Chalükah geben, die sie vor der Reform hatten. Diejenigen, die nicht darauf angewiesen sind, kann man um Beiträge für irgend einen Zweck bitten, der im Rahmen der palästinensischen Tätigkeit liegt. Jedenfalls werden die Misten wohl freiwillig das Geld geben, das sic hei Anwendung von Gewalt mit allen Mitteln zu retten suchen. Anstatt die Leute durch . Verächtlichmachung der Chälukah zur Arbeit anzuspornen, soll man mehr positive Anreize bringen. Ein Anreiz zur Arbeit wäre z. B. fiir solche, die sich zn einem Beruf vorbereiten, die Gewährung von Stipendien, die zu der gewöhnlichen Chalükah hinzukommeu müßten. Das Geld dazu bekäme man, wenn man die Handwerkerschule aufgäbe und eventuell einige weniger wichtige Zwecke zurückstellte. Mit Hilfe dieser Stipendien könnte man auch erreichen, daß nicht so viele halb ansgebildete Lehrlinge sich selbständig machen, sodaß auf diese Weise der ganze jüdische Handtverkerstand gehoben würde. Diese Stipendien müßten ans einem eigenen Fonds fließen, damit die Chalnkahnehmer dies nicht als' Entziehung des ihnen zustehenden Geldes ansähen. Zu diesem Fonds würden sicher von Kreisen, die von der Chalukah nichts wissen wollen, Beiträge zu bekommen sein, insbesondere dann, wenn. eine Einmischung in die Privatverhältnisse der Stipendiaten ausgeschlossen wäre, soweit der Betreffende nicht öffentlich Aergernis erregt. Doch wie . gesagt, ist die Aufnahmefähigkeit Palästinas an Handwerkern und Kleinkauflcuten nicht groß. Deshalb, wäre das Hauptgewicht auf die Ausbildung von Landwirten zu legen. Dazu herrscht unter den Beteiligten selbst die größte Lust. Man müßte also Borzugsstipendien für Landarbeiteraussetzen. Dadurch ivürde man Dreifaches erreichen: 1. Man bekäme Landarbeiter, die auch während der arbeitslosen Zeit bestehen könnten und würde für die nächste Zeit auch zur Lösung der brennenden Frage beitragen. Es ist dies eine künstliche Lösung, aber mit dem Anwachsen der landwirtschaftlichen Bevölkerung wird ja auch Industrie heranwachsen, zunächst um den Bedarf des Landes zu decken, bei günstiger Entwicklung auch für den Export. Dann werden sich andere Wege finden. Diese Lösung wäre nur für die llebergangszeit. 2. Man bekäme vorgebildete Leute, um neue Kolonien zu gründen. Die Neugründung von Kolonien hat ja außer mit der Schwierigkeit des Landerwerbs damit zu kämpfen, daß ein Jeschiwah- Bocher nicht ohne weiteres Kolonist werden kann. Die deutsche Orthodoxie hätte auf diese Weise Gelegenheit, einen Stamm religiöser Kolonisten heranzuziehen. 3. Man hätte ein Arbeitsgebiet, das immer mehr vergrößert werden könnte. Würde man z. B. das Stipendium vom vierten Jahre als zinsloses Darlehen geben, das später zurückgezahlt werden müsste, dann würde sich von selbst der Fonds vergrößern. Diese Stipendienverteilung hätte den großen Vorteil, daß auch junge Leute von 20—25 Jahren, die Meistens schon Familie haben, ohne Risiko einen Beruf ergreifen könnten. Die Regelung der Verteilung müßte nach wie vor ein Vertrauensmann leiten. Aber die Kontrolle über die Chälukahnehmer fiele weg, die Kontrolle über die Stipendiaten geschähe durch Zeugnisse. Der Vertrauensmann könnte ,wohl ein dort ansässiger, vertrauenswürdiger Mann sein, der gegen eine kleine Entschädigung dieses Amt im Nebenberuf ausübte. Tie Reorganisation würde wohl klein ansangen, aber allmählich würde sie weitere -Kreise ziehen. Man könnte vielleicht schließlich die anderen Landsmannschaften dazu gewinnen, einen gemeinsamen Ausschuß zu bilden, .uni die ganze Chalükah einheitlich nach diesen Gesichtspunkten zu regeln. Dann könnte man Höffen, einen Abfluss von den Chalukahnehmern zu den produzierenden Berufen zu bekommen. Ein bestimmter Teil mag beim Thorastudium bleiben. Dies muß dann aber als Beruf angesehen werden, der auch ehrenvoll bezahlt wird, und dann dürfen auch nur diejenigen das Gehalt bekommen, die etwa von einem Gemeindeausschuss dazu gewählt sind. Doch das wird erst eine Sache der Zukunft sein. Wir müssen aber jetzt unsere Pflicht tun, uni die Ausblicke in die Zukunft tröstlich gestalten zu können. Jfch Zioni. Aus der Welt der Gedanke». (B e t r a ch t u n g cn u n d B e sp r e ch u n g e ».) DonBen-Koheleth. XII. Lazarus' Ethik des Judentums".*) Eins steht fest: Die Ethik des Judentums ist bis heute noch ungeschrieben. Das Werk des großen Lazarus bedeutet nur einen Versuch, einen mißlungenen Versuch, lindes ist sehr schade, daß er Mißlungen ist, mißlingen musste. Selten hat jemand in solcher Hckrmonie all die Fähigkeiten vereinigt, die nötig sind, um sich an eine so schwierige Aufgabe, wie es die systematische Darstellung der jüdischen Ethik bedeutet, heranwagen zn dürfen: das umfassende Wissen, das feine, tiefgründige psychologische Verständnis, die Kraft systematischer Dar-, stellung, die ausdrucksreiche, nuancierte Sprache; aber ihm fehlte zweierlei: das Wichtigste, die Voraussetzung, die Grundlage: einmal die wahrhafte Kenntnis des Judentums und sodann die innere Freiheit seinem Stoffe gegenüber. Die K enn tnis des I ude n t u ms, nicht das Wissen fehlte ihm. Kenntnis ist mehr als Wissen; Wissen ist nur eine ihrer Voraussetzungen, nur das Rohmaterial, das erst der Verarbeitung durch die Intelligenz des Gefühls bedarf, um Kenntnis zu werden. Durch das Gefühl, darauf kommt es an. Gefühlsmäßiges Verständnis, Anempfindung, wo dieses fehlt, bleibt alle Kenntnis flachwurzlig, erkennt nur die äußeren, hervorstechenden Konturen, zur Tiefe gelangt sie nie, vor dem letzten Schleier muß sie halt machen. Dieses gefühlsmäßige Verständnis ist es, das Lazarus fehlte, und das ihnr trotz aller anderen Eigenschaften die Fähigkeit nahm, die Ethik des Judentums wirklich zn erfassen und darznstcllen. Er war eben in anderen Welt ausgewachsen; er bildete sich seine Weltanschauung an Hand der deutschen Philosophie; die Luft, die er atmete, war keine jüdische, lind so auch seine Ethik. Sie rv i l l jüdisch sein und ist es nicht. Der Satz des ftanzösischen Kritikers über den ersten Band des Werkes, dem Lazarus in der Vorrede seines zweiten lviderspricht: „Ich glaube wohl, daß, wenn Herr Lazarus nicht Kant gelesen hätte, diese Erklärungen nicht dieselben gewesen wären", gilt in einem noch größeren Maßstabe, als er es *) Die Ethik des Judentums, dargestellt von Prof. M. Lazarus. II. Baud. Aus dem Nachlaß herausgegeben von I. Winter und Aug. Wünsche. Frankfurt a. M. Verlag 7. Kaufmann 1911. -104 Seiten.