Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1912-01-19 · Heft 3 (19.1.1912) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2692768-2692771--06698-2701726
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 das kannst Du mir nicht zumuten! Ich sollte Geld von Dir nehmen?" „Du würdest mir dadurch eine große Freude bereiten und überdies, ich habe Dein Wort, daß Tu meine Bitte erfüllen wirst. Also. —" „Ich habe mich übereilt und hoffe auf Deine Großmut, daß Du mir mein unüberlegtes Wort zurüikgeben wirst." Sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Im Gegenteil, ich bestehe darauf, daß, Du Dein Wort hältst und meine Bitte erfüllst. Ucbrigens bestehe ich nicht darauf, daß Du das Geld als Geschenk annehnen sollst, betrach e es als Darlehen, das Tu mir zurückgeben kannst, wann es Dir paßt." Er schüttelte abwchrend de» Kopf. „Das kann ich nicht, denn ich! weiß nicht, ob ich je in der Lage sein werde, es Dir zurückzugeben, weiß nicht einmal, ob ich Dir auch nur die Zinsen zahlen könnte." „Zinsen!" schrie sie auf, „wie kannst Du so reden! weißt Du nicht, daß man unter Juten weder Zinsen nehmen noch Zinsen geben darf?" „Das darf man nicht?" fragte er staunend, „nein, das habe ich nicht gewußt. Warum eigent.ich nicht?" „Weil das Gotteszesetz es ausdrüulich vwbietet." „Wirklich?" Er fuhr sich mit der - Hand über die Stirn. „Du weißt es doch, ich bin ein Unwcss wer." „Das bist Tu allerdings. Aber Du wirst cs nicht lange mehr sein, ich habe Dein Wort." „Ich werde mein Wort hallen," verlebte er. sich stramm aufrichtend und seine flammenden Blicke in ihr liebliches Angesicht versenkend, „ich wer.« mich dem Gesetzesstudium widmen, wie ich es Dir gelobt habe." . „Das weiß ich, Du wirst in dem Gesetze forschen Tag und Nacht. Aber Du wirst, um für Deinen Unter- Hall zu sorgen, täglich mehrere Stunden des Studiums opfern müssen. Darum wiederhole ich meine Bitte, nimm diese Kleinigk.it von mir, mll der ich sonst doch nichts anzufangen wüßte. Wenn Du aber dadurch Deinem Studium noch fleißiger obliegen lönntcst, dann hätte ich gewissermaßen Tell an ihm und könnte auf den dafür verheißenen Lohn hoffen." „Wenn Lohn für das Studium des Gesetzes zu erwarten ist, so ist solcher Dir ohnehin gewiß, denn ohne Dich wäre es mir nie in den Sinn gekommen, mich chm widmen zu wollen. Aber Du brauchst auch nicht zu fürchten, daß es mich allzuoiele Zeit kosten wird, meinen Lebensunte hall zu gewinnen, ich bin bekannt als tüchtiger Gartenpfleger und werde schon leicht jemanden finden, der auf den Vorschlag, den ich Deinem Vater vergebens machte, cingehen wird. Ich brauche nur einige Stunden fr'her aufzustehen und wäre versorgt, ohne mein Studium zu schädigen." „Wie? Du wolltest die P'lege eines anderen Gartens übernehmen, der dann vielleicht den unseren an Schönheit übertreffen würde! Das darfst Tu nicht! ' Dos würde mein Vater nie rerz eisen." „Aber ich bitte Dich, Kalbo Sobua hat mir den Dienst geküvd'.gt! Er kann doch nicht verlangen, daß ich die Hände in den Schoß legen und ve.hungern solle!" „Mein Vater würde es Dir trotzdem nie verzechen, wenn Du — —" „Aber wenn Kalba Sabua sehen würde, daß meine nächtliche Arbell den gleichen Erfolg haben w'r'ee wie die Tagesarbeit, — es würde ihn nur ein Wort kosten, und ich würde zu chm zurückkehren." „Mein Vater würde di.ses eine Wert nie aussprechcn; er würde Dich als seinen Todfeind betrachten, und der Bruch zwischen Dir und chai wäre unhrilbar für alle Zeiten. Darum Lite ich Dich, Akiba, nimm das wenige, das ich Dir bieten kann; einige Zell wirst Du davon leben können, — dann wirft Gott weiter helfen." __ Kalmon. . Don Jacob Len Elieser, Offenbach. (Schluß.) Und eine lur'e Weile häll auch Chaykele Wort und schweigt. Dann aber hebt er wieder vorsichtig das Köpfchen in die Höhe. „Mama!" ruft er schüchtern. „Nur noch ein Wort! Ein Wort nur, liebe Mama: Jst's wirllich wahr, daß der liebe Gott alles machen kann?!" ' „Ja, liebes Kind. Der liebe Gott kann alles, alles' machen." „Und kann er auch machen, daß wir reich werden?" Frankfurter JsraÄtischÄ FamMenblaü. Nr. 3 „D gewiß kann er das! Wenn «fS nur wollte. „Und warum wlll er das nicht?" . ,/O, er will es schon. Wir müssen nur fromm sein und zu chm fromm beten!" ,/O, Mama! ich will fromm sein! Sehr, sehr fromm sein will ich,! Gerade wie der Papa! Und bete» will ich . . . Den ganzen Tag und die ganze Nacht beten! Ich will gleich anfangen: Lieber Gott im Himmel . . . ." Ta — in diesem Moment wurde die Tür des armseligen Stübchens stürmisch anfgerissen, und ein schallendes „Guten Chanukah!!" durchschmetterte den dunklen Raum. Es war dies die Sümme Kalmons, der eben in das Stübchen trat. Er machte schnell Licht und lud dann noch jemand ein, hereinzukommen. Es war dies ein mittelgroßer, wohlgenährter Mann mll etwas blassem, verlebtem Gesicht. Dieser folgte zögernd Kalmons Einladung und ttat ins Zimmer. Und nun' erscholl Kalmons Sttmme von neuem durch den Raum, „Güten Chanukah, mein Weib, meine Liebele! Guten Chanukah auch meinen lieben, teuren Kinderle! . . . Hier — Chaykele! Berele! Gitele! Jankele! — hier! Brot! und Salz! ünft Hering! und Zucker! und Tee' und — sogar Kartoffeln! Und Kohlen und Holz! alles, alles Hab' ich gebracht! . . ." JD, Liebele, ein Wunder ... ein Wunder Gottes ist mir, ist uns heute geschehen ... Da stehe ich . . . stehe den ganzen Tag und stiere . . . und Hab' nicht mchr als 25 Kopeken . . . Und ich zerbrech' mir den Kopf . . . unv weiß nicht, was damll zu beginnen . . . Und — und — und die Perele, die arme Aepfelhändlerin, weint und klagt und zerreißt mir das Herz. Und — ich kann mir nicht, ihr nicht helfen , . . kann nicht helfen . . . Da . . . sieh' ... der liebe Gott verläßt uns nicht, verläßt niemand , . Was tut er aber? ein Wunder tut er! So ein großes, so ein göttliches wie das Neß-Chanukah selber . . . Da ... wie ich so stehe . . . uiü> schier weine. . da ... da kommt er — herbeigefahren . . . Er, dieser Engel da! dieser vornehme Mann (Er deutete auf den Fremden.) ... Du erinnerst Dich doch noch seiner, Liebele. Er ist ja Cheimel, Fischel-Schneiders Sohn, der vor zehn Jahren fort ist nach dem Ausland . . . Wie heißt es? . . .ja, nach Afrika . . . fort ist . . . Da schau ihn doch an . . Tu kennst ihn wohl nicht mehr ... Er ist ein reicher Mann geworden . . . Da ... da kommt er nun . . . gerade heute ... aus Astika . . Und sich' da! Er erkennt mich . , . er springt aus der Droschke , . . und ruft mir zu: „Kalmon, Kalmon! Bist noch immer Träger!" Als wäre es so schlecht, Träger zu sein! . . . Kalmon," sagt er nun, „nimm das Gepäck, besorg's ins Hotel . . . Du bekommst einen Rubel!" . . . Denk, Liebele — etnen Rubel , . . einen ganzen Rubel .... 100 Kopeken! . . . Und ich ... na ... ich bin gewiß nicht faul ... ich nchm' das Gepäck, besorg' es — Mer ihn, meinen Wohltäter, den Engel Gottes . . . ihn, den Cheimel, den Sohn Fischel- Schr.eders, meines alten Freundes z.. ihn . . . chn lasse ich aber nicht fort ... Er muß mitgchen . . . mit mir. . . . hierher . . , in unsere Wohnung ,, . ." V, Nach ungefähr einer halben Stunde lachte und leuchtete es aus jedem Winkelchen des armseligen Dachstübchens. Am kleinen, verstorenen Fensterchen glitzerten die freundlichen Chanukah-Lichtlein und flüsterten verttaulich miteinander und erzähtten sich gar wunderschöne, geheimnisvolle Dinge . . Und um das alte, schwache Tischchen saß ein Kreis „beglückter Menschen" und aß mit dem besten Appetit „von allem Guten, was der liebe Gott geschaffen hat"! Kalmon war wieder der alte, ja uralte Kalmon. Er sang und sang die schönsten und lustigsten „Chanukah-Lieder". Die „süße Liebele" weinte nicht mehr, und der kleine Chaykele hatte auch wirllich nichts mehr zu fragen und war mit dem lieben Gott gach zufrieden. Auch Perele, die „Heißäpselhändle.in", hat« sich eingefunden. Kalmon hatte ihr zwar gleich, nachdem er von dem „Afrikaner" den Rubel erhielt, seine 25 Kopeken voll um» ganz gegeben. Mer er bestand dennoch darauf, daß sie an seinem „Chanukah-Ball" teilnehme. Die verhungerte Frau. ließ sich das nicht erst zweimal sagen und folgte der Einladung. Nun saß auch sie da und freute sich/ recht von Kerzen^ Nur einer saß da, ernst, tief in Gckanken versunken und — kämpfte mll Tränen. Cheimel, der Sohn des Fischel-Schneiders, blickte abwechselnd bald auf den armen, in Lumpen gehüllten und doch st lustigen Kalmon, bald auf dessen hagere, aber immer noch schöne jmrge Frau, bald auf die lieblichen lleine» „Schreier", die verwitwete und verwitterte Perele um bald .auf die stillen Chanukah-Lichtlein und dann — wicker zu Boden , . . Was war ihm? War es das „Glück", diese rührende Famllienszene, die er mll seinem Rubel unwillkürlich veranlaßt' hatte, die ihn so ergriffen? Oder waren es alle, herrliche Erinnerungen, die die Channkah-Lichtlein, die Chanukah-Lieder und die ganze Chanukah-Sttmmung wachgerufen? Oder waren es beide zusammen? Es war beides. Tausend! Erinnerungen aus frühcren Jahren wirbelten in seinem Hirn und' bestürmten ihn förmlich. Und ein unendlich ttefes, unendlich weiches Gefühl von Milde und Liebe durchglühte sein Inneres. Er hatte bis jetzt einsam und allein gelebt, getrennt von seinem Gotte, seinem Volke und — feinet Familie. Er hatte sie alle mll wohlüberlegter Absicht verlassen, um dem Lockruf des Mammons nach Afrika zu folgen. Tort hatte, er an nichts gedacht als an Gest und noch einmal Geld. Zehn Jahre lang hak er die fteuudlich leuchtenden .Chanukah-Lichtlein nicht angezündet, nicht einmal anzünden sehen, da ec sich nicht nur von dem Judentum, sondern auch von den Juden fcrnhielt. Erj heute waren in ihm die nicht toten, sondern um schlummernden besseren Gefühle erwacht. Dieser unglückliche und dennoch so zuftiedene und lustige, weil glaubensstarke und aus Gott vertrauende Kalmon lich ihn, den reichen, aber einsamen und Nimmersatte», unzuftiÄenen Cheimel in seinen eigenen Augen erbärmlich klein erscheinen. In diesem armen, aber hoffnungsvollen und am! Leben sesthaltenden Kalmon-Träger glaubte er die mutige, lebensfähige und lebensstarke Seele seines ganzen Volkes, die immer noch von dem unerschütterlichen Heldenmut jener Makkabäer beseelt ist, verkörpert zu sehen. — Und — er, der reiche Mann, beneidete ihn! Lange saß so Cheimel der Aftikaner geistesabwestni urä> in Gedanken verloren. Plötzliche aber weckte ih» ein merklvürdiger Lärm aus seinen Träumen: Kalmon- Träger war aufgesprungen, schob das lleine Tischchen hei Seite und rief, lustig und händeklatschend, in lautem, singendem Tone: Heute ist Chanukah über die Welt! Heute haben die Juden gesiegt! Die Mtrünnigen, die Feiglinge, alle, alle sind zum Judentum zurückgekehrt! Darum Liebele, Perele, Gitele, Chaykele. , laßt uns singen, tanzen, springen!!tzurra! . . . Und — im Nn begann auch ein ftöhlicher, lustiger Tanz. Kalmon, sein Weib, die arme Aepfelhändlerin und die lleine» „Schreier", — alles sang und spranz und tanzte und jauchzte aus vollem Herzen, daß das arme Dachstübchen bebte. Zerstreut und tiefgerührt sah Cheimel der Akrikaner diesem lustigen Treiben zu. Und plötzlich! de fühlte er selber ein mächtiges, brennendes Verlange» zu tanzen. Und mit ihnen, diesen armen, aber unschuldigen, tteuherzigcn Menschen zu tanzen! Aber feint Befangenheit ließ ihn doch nicht seinem glühende» Wunsche folgen. Da fühltq er mit einem Male die lest! Hand Kalmons auf seinen Schultern, und dann hört! er seine Sttmme: „hört, Reb Cheimel," rief Kalmon, „Ihr seid zwar ein reicher Mann und ich nur ein Kalmon-Träger! Aber heute ist Chanukah' und an Chanukah ist auch Kalmon-Träger reich! Und darin» braucht Ihr Euch nicht zu schämen, mll uns z» tanzen. Auf, Reb Cheimel! Tanzen! Tanzen! , . •“ Ta — Cheimel wußte nicht recht, wie es ihr« geschah! Er umschlang Plötzlich den breitschultrige», treuherzigen Kalmon und küßte ihn inbrünstig. Dam tanzte er mll der armen Familie und jauchzte wie ei» kleines Kind. Unddabei fühlte er, wie die Eismauer, die bis jetzt seine Seele umgeben hatte, sich löst! und löste, bis sie ganz zerschmolz ... flBTIH J. W. M. lob. P. Valn M r I I II EckeNuellalnieretruWelssfrauenstr.il. Elektr. KI*inb«lrucMung Taicherlampt» Plattfuss ÜLe Fussschmerzen vereoh winden In nnseren patentamtl. gesell. -AugpalusstLefel (individuelle Anfertigung). - ÜM —.»I— 7"' "

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.