Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2 Seite 3 das Ghetto oder, wenn man sich entschlossen habe, moderne Kultur ausznnehmen, dann müsse man, die Konsequenzen ziehend, das Judentum aufgeben. Diesem.Gedanken habe er in der „Zukunft" Ausdruck gegeben. Er sei Jude und innerlich mit Leib und Seele für das Judentum eingenommen. Den Artikel habe er geschrieben, um sich von einem inneren Drange zu befreien. Die Unterstellung, daß er gewissermaßen im Dienste der Judenmission gehandelt habe, mußte ihn daher schwer beleidigen. Der Gerichtshof billigte dem Angeklagten den Schrch des Päragr. 193 zu und verurteilte ihn zu 150' ,4. Geldstrafe, event. 30 Tagen Gefängnis. — Das Reinwaschen ist dem Dr. Fromer rächt gelungen. Nichtseine Anschauungen, sondern der Umstand, daß er diese Anschauungen in der Zeitschrift des Apostaten Harden vor nichtjüdischen Lesen, niedergeschricben hat, haben ihn für alle Zeit vor der jüdischen Oeffentlichkeit gerichtet. Leipzig. Das Kultusministerium hat beschlossen, an der Universität eine Lektorstellc für s p ä t h'c b r ä i f che, jüdischaramäische und talmudisch e Wissenschaften zu errichten. Sic wird vom 1. April ab dem Privatgelehrten Israel I s s a r K a h a n - München übertragen. Die Leipziger Universität ist die erste, die endlich die Bedeutung der talinndischr» Wissenschaft durch die Schassnng dieses Lektorats anerkennt. Gladenbach. Die in '"großer Zahl hier wobnhaften jüdischen Viehhändler sind, so schreibt der „Nassauer Anzeiger a. d. Lahn," durch das Auftreten der M a n l - und K l a n e n s e n ch e in eine bedrängte Geschäftslage geraten. Ihr Handelsbetrieb, der sich einesteils auf den Zwischenhandel in den Dörfern des südlichen und mittleren Hinterlandes erstreckt und zum anderen seinen Hauptstützpnnkt in den aufgehobenen großen Viehmärkteu zu Gießen fand, ist fast lahmgclegt. Während man sonst frühmorgens, besonders in den erste» Wochentagen, viele Dutzende von Handelsleuten nach allen Richtungen der Windrose ans unserem Städtchen hinausziehen sah, ist diese Zahl bis auf einige Vieh,„aller zusaminengeschrninpft, deren Tätigkeit sich lediglich auf Verkaufsvermittelung innerhalb der nicht ins Sperrgebiet fallenden Ortschaften beschränkt. Gleiwitz. Zu einer erhabenen Feier gestaltete sich der F e st g o t t c s d i c n st in der anläßlich ihres 50 jährigen Bestehens neu hergerichteten Synagoge, die in ihrem neuen Gewände einen imposanten Eindruck macht. 'Nach den üblichen Gebeten und Einweihungsgesängen — ein Textbuch war den Erschienenen gewidmet — bestieg Rabb. Dr. Münz ' d ie Kanzel, um in beredten Worten auf die Bedeutung des Tages für die hiesige Gemeinde hinzui weisen und die Mitglieder zu ermahne,», festzuhalten I an den jüdischen Idealen, die da sind: Bruderliebe, Gerechtigkeit und Wohltnn. Den Schluß der ernsten Feier bildeten Gesänge, die von Oberkantor D a v i d s o h n stimmungsvoll zu Gehör gebracht wurden. Das Gleiwitzer Gotteshaus — 1000 Sitzplätze sassend — repräsentiert sich in seiner heutigen Gestalt als ein Bamverk, das weit über Schlesiens Grenzen hinaus als eine Sehenslvürdigkeit gelten wird. Die Renovation, die mit einem Kostenaufwand von 70 000 vom Architekten Dr. Karpeles-Wien und dem Baumeister Draup-Gleiwitz ansgeführt wurde, lag bei genannten I Herren in besten Händen. Dem Synagogen-Borstand gebührt ein besonderes Verdienst, daß er bei der Wahl von 'Architekt und Baumeister ein großes Verständnis an den Tag gelegt hat. Sicht man doch heutzutage gar zu oft Gotteshäuser entstehen, die sich wohl nach außen hin ornamental repräsentiere», im Innern aber viel zu wünschen übrig lassen. (I-) Posen. Das vor 26 Jahren mit einer Stiftung von 600000 Mark von Moritz Rohr s. A. begründete - R v h r' s ch e K r a n k e n - und S i c ch c n h a u §, j verpflegte in seinem letzten Berichtsjahre 513 Patienten (112 Jlwen nnd 71 Christen) an i. Sa. 16 567 Tagen »ich 8 Sieche an i. Sa. 2920 Tagen. Seine Ausgaben I betrugen 120153 ,/£, seine Einnahmen 117 615 ,1L, sv- I daß die jüdische Gemeinde 2808 Jk zuschießen mußte. | Ein Emanatorium wurde ausgestellt und der Bau eines I Pavillons für Jnscktionskranke begonnen. Ein kostbares I Geschenk, bestehend in modernen Apparaten, erhielt die I Anstalt von Moritz Goldring-Breslau, früher Posen. I Großbritannien. I London. "Ihre letzte Nummer brachte als Leitartikel » ejnige Mitteilungen über die Chief Rabbi-Frage in I England sowie andere die englischen Juden bell treffende Angelegenheiten. Mindestens ebenso ia- I teressant als die gemachten Mitteilungen sind' die > von der jüngst stattgehäbten Versammlung der R a b - I binar und Prediger der U n k t e d - S y n a g o g c I gefaßten Beschlüsse zur Regelung der » Obliegenheiten des zu w ä h l e » d e n Chief > Rabbi. > Am 3. Januar fand diese Versammlung statt, in der > die Stellung des zukünftigen Chief Rabbi nach einem I festen Plan vorgezeichnet wurde. Mit diesem Plan wird, > falls er Tatsache wird, die bisher so bedeutende Stelle > des Chief Rabbi zu einer Puppenfigur, der Chics Rabbi > weiter nichts als ein Präsident der United - Synagoge, W ausgestattet mit den Rechten eines Inspektors und > Wanderredners, der nur nach erhaltenen Instruktionen W handeln und reden kann. Ihm zur «eite steht ein W ikonsistoriunl, bestehend aus mehreren Rabbinrn der ■ United- Synagoge, nnd zur weiteren Hilfe soll eventl. W »och ein Hiilfsrabbiner ernannt werden. W Man könnte sich in die katholische .Kirche versetzt ■ glauben, die ja auch eii, Konsistorium in Rom, bestehend Frankfurter Israelitisches Familienblatt. aus Kardinälen, hat. Das Konsistorium würde in allen Fragen das Hmchttvort zu führen haben, nnd Aufgabe des Chief Rabbi wäre es, die Beschlüsse des Konsistoriums bekannt zu geben. Das heißt mit anderen Worten: Es steht dem Chief Rabbi ferner nicht mehr zu, Rabbiner, Prediger und Chasonim zu ernennen, es sei denn mit Einwilligung des Konsistoriums. Des ivesteren bedarf er in allen internen Angelegenheiten sowie Bestimmungen von Dinim der Zustimmung des Konsistoriums. Ich sprach vom Chief Rabbi als Inspektor und Wailderredner, denn nach dem Plane soll er verpflichtet sein, die Synagogen in London und die in der Provinz jährlich der Reihe nach zu besuchen nnd wohl auch zu predigen nnd ferner den Reden der Rabbinatsstudenten bcizuwohnen. Daß er hierbei wohl auch nach besonder» Instruktionen zu handeln haben wird, scheint klar. Kurz und gut, es wird ihm dann unmöglich sei», seine eigenen 'Anschauungen zur Geltung zu bringen. Es würde zu weit führen, wollte ich all die abstrakten Ideen der Minister wiedergeben, eins jedoch ist sicher: wird der gefaßte Entschluß Tatsache, dann hat der Chief Rabbi in England abgespielt, und Zwiespalt oder gar Zusannnenbruch der United - Synagoge wird die Folge davon sein. Jetzt, schon werde» über die Art und Weise, wie die Chief Rabbi-Frage behandelt wird, Proteste aus der Provinz laut; es ist zu wünschen, daß diese Proteste nicht »«gehört verhallen. „Jewish Chronicle" berichtete, daß Dajan H y a m s o n, der die erivähnte Versammlung leitete, den Vorsitz niedergelegt habe, was jedoch noch nicht bestätigt ist. M. Sch. Oesterreich-Ungar«. Budapest. G. Gabel, der Herausgeber der jüdischen Zeitschrist „Ungar. Wochenschrift", hatte ein Interview mit G c z a P o l o n y i, .dem gewesenen Jnstizminister nnd jetzigen Abgeordneten. Polonyi bestritt, auch nur das Geringste aus Judenhaß zu tun. Wenn von religiösen Bedürfnissen und Interessen der Juden die Rede war, habe er am stärksten für sie Partei ergrifsen. Er trete nur gegen die Noch- Juden, die Speck-Jude» mit ihrem agressiven Freimanrertum ans; das tue er ebenso, wie er z. B. das angreisendc Auftreten einzelner Lehrervereine gegen die Religion bekämpfe. Frankreich. Paris. Baron Robert de Rothschild bot zum Andenken an seinen Vater Baron Gustave de Roths ch i l d für jüdische Zwecke folgende Summen gestiftet: 50000 FrcS. für die Pariser Synagogen, 100000 Frcs. für das Rothschild-Spital, 200000 Frcs. für das Wohltätigkeitsamt der jüd. Gemeinde und 20000 Frcs. für Schnlzwecke. Rußland. Odessa. Mebr als Tausend Menschen hatten sich in der Versammlung der Jüd. G e s e lls chaf t . z ur Verbreitung von Bildung eiiigesnnden, da auf ihr der Antrag der Zionisten, in den Schulen der Ge.sellschaft 2/5 auf jüd i s ch e Fächer zu verlvenden, auf der Tagesordnung stand. 60 Redner hatten sich zum Worte gemeldet, aus denen 9 Generalredner gewählt wurden. Als erster Redner sprach der Schriftsteller L a s a r o w i t s ch gegen den Antrag. Die Jude» seien vor allem Ätttgtieder der allgemein - menschlichen Familie, und man dürfe daher das jüdische Programm der Schute nicht vergrößern. Von der Opposition sprach als bedeutendster Redner W. S z a b o t i n s k i. Außerdem seien genannt M. M a r - gnlics, Tr. I. Klausner und Dr. Bradowski. Um 1 Uhr morgens wurde die Versammlung geschlossen und die Abstimmung vertagt. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Berlin. Prof. Dr. Max Perlbach Abteilungsdircktor der Königl. Bibliothek, erhielt den Titel Geh. Re g i c r un g s r a t, die Sanitätsräte Dr. M a x Joseph und Dr. Julius W o h l g e m u t h den Titel P r o f e s s o r und der Kaufmann Albert D z i a l o s - z y n s k i den Titel K o m merzte n r a t. Berlin. Maximilian Stern. VorstondsmsigUed der Bank für Branindustrie und der Aktiengesellschaft für Bicrvertrieb, erhielt vom Prinzregente» von Bayern den Titel 5k o m mcrzienrat- Stein hat ein lebhaftes jüdisches Interesse. Er gehört dem geschäftsführenden Ausschuß der Großloge des Ordens Bnei-Briß an, ist Vorsitzender der Toynbrehalle, Kurator des Jaffaschen Fürsorgennd Waisenheims und sitzt als Vertreter der Großloge in der Leitung des Verbandes der jüdischen Jngendver-ine. Mannheim. Großkausmann und Handelsrichter- Moritz Wolfs- Lndwigshafen ist zum K o m in e r z i e n - rat, Rechtsanwalt n. Stadtrat Alb err Mayer-Ludwigshafeu zum Jnstizrat ernarmt und Kommerzienrat Hein r. Zimmer n mit dem Verdienstorden v o in heiligen Michael ausgezeichnet worden. München. Die Rechtsanwälte Eugen Beer und Leo Oppenheimer erhielten den Titel Jnstizrat, der Pferdehändler Jakob Stein lein -Nürnberg den Titel Kommerzienrat. Norden. H. von der Wall blickte am l. dS. Mts. auf seine 25 j ä h r i g e Amtstätigkeit als 2 ii n ag o ge n v o rste h er zurück. Der Vorstand gratulierte unter Ueberreichnng eines Ehrengeschenks, der Synagogen-Gesangverein brachte ein Ständchen, Landrabbiner Dr. Lewinsky verlieh den Choloer- Titel, .der Magistrat sprach, in einem besonderen. Schreiben seine Anerkennung nnd Glückwünsche aus, ebenso der Deutsch-Israelitische Gemeindebund. Kitztngen. Benjamin Stern war am 1. Januar 25 Jahre Vorstand der Kultnsgemeinde. Die Gemeinde ehrte ihn durch eine künstlerische Adresse und ' übergab dem Jubilar eine ansehnliche Summe zur Grün- ' ( düng einer „Benjamin Stern-Stiftung." München. Handelsrichter Sigmund Frankel, Präsidcnt der hiesigen Israel. Religionsgesellschaft „Ohel Jakob", erhielt den Titel 5k o m m e r z i e n r a t. Professor Bein in Pas s a n erhielt den Titel S t u d i e n r a t. —? Mit der dieser Tage in Obernzenn im ä00. Lebensjahre verstorbene» R o s a W o r m s e r. ist der letzte jüdische Bewohner Obernzenns, das einst 12 jüdische ) Familien zählte, dahingegangen. München. Am I Januar st a r ü hier der Kaufmann Jakob Wein schenk, früher in A rabctg wohnhaft. Seinen Bemühungen ist es gelungen, daß die dortige Gemeinde über eine schöne Synagoge verfügt. Ex war auch längere Zeit Vorstand der isr. Knltusgemeindc Amberg. . - Hamburg. Bei Co mm et er trt gegenwärtig ein Ausstellung der Werke des genialen Bildhauers Henry Glycen st e i n, dessen Kolossalstatue „der Messias" bekanntlich im Bezalelmuseum in Jerusalem steht. Wachenbuche«. Die politische Gemeinde bewilligte der jüdischen Geineinde 500 .U. zur Anlegung eines Friedhofs. Die jüdische Gemeinde plant ferner die Vergrößerung d e r S Y n a g o g e. Brüssel. Betty Lamvert, Tochter des Barons Leon Lambert und seiner Frau Lücie gebvon Rothschild, vermählte sich mit dem Maler Rudolf von Goldschmidt-Rothschild, dem zweiten Sohne des Freiherrn Maximilian von Goldschmidt-Rothschild in Frankfurt a. M. und dessen 1902 verstorbenen Gemahlin Minna geb. von Rothschild. Paris Der diesige Universitätsrat bat den berühmten Philosophen Professor B e r g s o n damit beehrt, an der Columbia-Universität eine Serie von Borlesnngen zu halten. — Die wissenschaftliche A k a d e m i e wählte den berühmten Chemiker Lippmann zum Präsidenten. G fetiillefon. © «Utta. Histarische Erzählung von Friedrich Rott. ,Fortsetzung)... 'Acht Tage waren vergangen. Es hatte sich bereits gezeigt, daß Akiba seinen Herrn richtig beurteilt hatte, ganz richtig allerdings nicht, denn das hätte er nicht für möglich' gehalten, daß Katba Sabna in seinem sinnlosen Grimnt sein eigenes Interesse aus den Augen verlieren ivürde. Gestern hatte er seinem bisherigen Brotgeber die Mitteilung gemacht, daß er sich entschlossen habe, fortan die Tageszeit dem Gesetzesstudium zu widmen; doch lväre er bereit, die Pflege des Gartens in den nächtlichen Stunden zu versehen. Kalba Sabuas Hohngelächtcr, obgleich vorausgesehcn, hatte ihm dennoch die Schamröte in's Angesicht getrieben; im übrigen hatte es jedoch seine Haltung noch stolzer gemacht, ' seinen .Blick noch feuriger. Doch trotz der Erregung, die man ihm allerdings anschen konnte, trotz der Beleidigungen, mit denen ihn der reiche Mann schließlich überhäufte, hakte er seine Selbstbeherrschung keinen Moment verloren, hatte keinen Augenblick vergessen, daß er Rahcls Batcr gegenüberstand, von dem er dereinst dessen höchsten Schatz erbitten werde. Rahel hatte ii» Nebenzimmer jedes Wort der Unterredung vernommen, und obgleich auch sie sich der Täuschung nicht mehr hingab, daß der vollständige Bruch vermieden werden könnte, so saß sie doch hoffnmigssrcudig mit freudig strahlenden! Angesicht da und lauschte den Worten, die im Nebenzimmer gesprochen wurden. Sie hörte cie Stimme ihres Va'ers schreiend fragen, ob Akiba glaube, einen Narren vor sich zu haben, daß er ihm mit einem solchen Vorschlag zu kommen wage. Uno kann hörte sie die ruhige, klangvolle Stimme des von ihr so heißgeliebten Mannes erwidern, daß er im Gegenteil von oee Einsicht und Güte seines Herrn überzeugt wäre und nur deshalb sich erlaubt habe, ihm den Vorschlag zu machen. Und dann hörte sie ihn klar und deutlich auseinandersetzen, wie er sich die Arbeit einteilen würde. Was sie jedoch am meisten beglückte, das war die Art und Weise, wie sie ihn über das Studium des Gesetzes und über seinen Entschluß, sich demselben widmen zu wollen, sprechen hörte. Und in ihrem Herzen dankte. r sie Gott, der es ihr harte gelingen lassen, diesen Entschluß in ihm, zu erwecken. 'Als Kalba Sabna am Abend den Seinen van der Verhandlung erzählte, die er, wie, er sich ausdrückte, mir dem. verrückten Gartenpfleger gehabt habe.