Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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. Seiv 2. Kur uns und alle Einsichtigen steht es schon seit Langem fest, Laß' das Hebräische Gymnasium in . ^affa keine auf traditionellem Boden befindliche st Schule ist und für traditionelle Kreise nicht in betracht kommen darf und soll. Und kaum weiß ijtuxn dies, dann ist es eigentlich recht nebensächlich, ob im Gymnasium ein wenig mehr oder wcni- Mer „Apikorsus" verzapft 'wird. Für uns und Heden traditionell gesinnten Juden ist das Gymnasium aLzulchnen, und cs interessiert uns . 4rann auch recht wenig, wie weit es auch tradrtio- . Mett ist. Darum sollte unserer Ansicht nach das religi- .! äse Moment, der traditionelle Standpunkt aus der ' Diskussion Wer das Hebräische Gymnasium völlig ausgeschaltet werden. Maßgebend dürfen nur nationale und pädagogische und auch tak-' "tische Gesichtspunkte sein. Nur dmur kann die Diskussion einigen Wert und einigen Nutzen haben, 'Mir dann ist es mich möglich, zu positiven Resul- . baten, zu einem gewissen Kompromiß mit den Leitern des Gymnasiums zu gelangen. Nach den Darlegungen Achad-Haams ist aber . -die Frage berechtigt, ob es vom nativnalenj . Standpunkte zu rechtfertigen ist, willkürliche Acnderungen im Texte der Propheten vorzunehmen, -so weit, daß ein Schüler auf Achad-Haams Aufforderung, ein Kapitel der Propheten zu Überseen, dies nicht vermochte, weil, wie er sagte, der Text zu wirr und unklar sei. Es wäre verständlich, wenn die Lehrer des Gymnasiums, da sie nun einmal nicht auf religiösem Boden stehen und auch nicht im traditionellen Sinne unterrichten wollen, ijfc und da an besonders schwer verftändlichen Stellen ein oder zwei Worte ändern; vom traditionelle» Standpunkt aus wäre es natürlich zu verwerfen, aber dieser kommt ja hier — wie gesagt — nicht in Betracht; und dom nationalen ließe cs sich schon verstehen. Aber Satz für Satz in den Propheten zu ändern, ganze Stücke auszwlassen oder .umzustellen, mit einem Worte die Mechode der modernen Bibelkritik anzuwenden, wir glauben, es wird keinen vernünftigen Nationalisten geben — auf welchem religiösen Boden er auch stehen mag —, der dies tut, der dies balligen und entschuldigen wird. ■ Aber nicht nur vom nationalen, auch vom rein pädagogischen Standpunkt ist diese Methode zu verwerfen. Es ist. hier nicht der Platz, auf die Mdagogische Seite der Frage näher einzugehen; aber man braucht kein beruflicher Pädagoge zu sein, sondern muß nur ein wenig gesunden Menschenverstand haben, um zu erkennen, daß es im höch- ' Ken Grade verkehrt und verwerflich ist, lleinen ' Schuljungen mit Forderungen moderner Bibelkritik -$u kommen und in die Klarheit und Geschlossen- Hät der prophetischen Werke die verwirrende Text- -mtif pedantischer und tendenziöser bibelkritischer Stubengelchrten hineinzutragen. Und man dürste doch wirllich verlangen, daß die Leiter des Hebräischen Gymnasiums wenigstens einigermaßen ver- ~ Künftige Pädago gen seien; man ist doch «och nicht befähigt, Lehrer zu sein, wenn man Orientalin oder Philosophie studiert hat und die Weisheiten Wellhausens und anderer aufgesogen - ft*-. :! ' '!'• Endlich aber ist diese Methode taktisch, politisch und praktisch als im höchsten Grade unklug zu b^eichnen. Wir wollen nicht fordern, daß bas politische Moment, die Rücksichtnahme auf die Außenwelt, der einzige oder auch nur herrschende Gesichtspunkt für die Leiterdes Gymnasiums fein .soll. Dies wäre gefährlich und würde alle Arbeit -unmöglich machen. Aber ein wenig politisches und Mktisches Verständnis darf man doch auch vonAkademikern und Lehrern verlangen, besonders von solchen, die auf einer so exponierten Stellung sich befinden, wie die Lehrer des Gymnasiums. Es ist doch müht nötig, ewig alle Welt aufzuregen; es ist . Ebenso unästhetisch wie unllug. Schon im Interesse . Äer Sache, die sie vertreten, solllen die Leiter des " Gymnasiums mehr Rücksicht auf die Anschauungen mü» Empfindungen der überwiegenden Majorität des jüdischen Volkes und der zionistischen Bewegung uMnen und nicht durch unnötige Unvorsichf figkeiten und Uicklugheiten 'Empörung und Zorn er- "regen nick» so sich und dem Zionismus aufs höchste schaden. Wir meinen: abgesehen von allen natiomcken und pädagogischen Rücksichten, schon rein aus Ätzüneinen Dernunftgründen müßte der Prophe- Frantfurter Israelitisches Familienblatt. tenunterricht im Gynlnasium anders vor sich gehen; wenn die Leiter des Gymnasiums nur vernünftige Menschen sind, müssen sic hierin Wandelschaffen. Und hier liegt der Hase eigentlich begraben. Offen gesagt: Es berührt uns manchmal komisch, die Frage des Hebräischen Gymnasiums mit tiefsinnigen Theorien und wissenschaftlichen Doktrinen behandelt zu sehen. Es ist garnicht nötig, daß die Lehrer des Gymnasiums ilyrc Anschauungen über den jüdischen Nationalismus und über die Pädagogik ändern, um Zugeständnisse zn machen. Ein wenig mehr Vernunft, ein bischen mehr Klugheit, und alles wäre gut. Die Fehler, die gemacht wurden und werden, sind einfach auf das Konto doktrinärer Unklugheit und unreifer Unvernunft zu schreiben. Drum ist dies auch alles', was wir fordern und wünschen: Ein wenig mehr praktische Klugheit in der Leitung des Gymnasiums, und der ewige Zank hat sein Ende. Eine antitradionclle Schule wird das Gymnasium fteilich dann immer noch sein. Mer dies ist nicht zu ändern. Was geändert werden kann und was zu fordern ist, das ist, daß 'sie wenigstens eine vernünfige irreligiöse Schule sei. Auch in der Jrreligion gibt es Vernunft und Unvernunft. Vernünftige Apikorsus oder wie Professor Friedländer sagt, „jüdische Apikorsus" läßt sich zur Not noch ertragen; man kann da wenigstens auf Besserung hoffen. Das Schlimmste ist: die Jrreligion der Dummheit. Von dieser müssen sich die Leiter des Gymnasiums vor allem freizumachen suchen. 2. Ludwig P-Uippso». Zu der 100. Wiederkehr seines Geburtstages. Vor kurzer Zeit sind es 100 Jahre geworden, seitdem Ludwig Philippson das Licht der Welt erblickte. Die.slOOjährige Wiederkehr dieses Tages wurde in vielen jüdischen Gemeinden Deutschlands festlich gefeiert, und die gesamte jüdische Presse brachte Festartikel aus diesem Anlaß. Es ist heute sehr schwer, ein völlig abschließendes Urteil über die Bedeutung und den Wert der Persönlichkeit Ludwig P hj li p p s o n s für das innere Leben der deutschen Judenheit zu fällen. Denn zu kurze Zeit trennt uns von dem Hinscheiden dieses Mannes. Und doch kommt cs bei der Beurteilung Ludwig PWippsons in allererster Reihe auf die Beurteilung seiner Bedeutung und seiner Wirkung an. Es gibt Menschen, bei denen eine solche Beurtellungsweise unangebracht, ja unmöglich ist, Menschen, deren Wert eben nur in ihrer Persönlichkeit beruht, die in keine Beziehung zur Mit- und Außenwelt treten, sondern, ihr abgewandt, leben und schaffen, also große Forscher, Gelehrte, auch Helden und unschöpferische große Charaktere. Zu diesen Männern, bei deren Beurteilung es nebensächlich ist, ihre Wirkung zu kennen, die man vielmehr einzig und allein aus der Erfassung und Erkenntnis ihrer Natur und ihres Wesens einschätzen kann, gehört Ludwig Philippson nicht. Er muß vielmehr in die andere Kategorie von Persönlichkeiten. eingereiht werden, deren Ziel und Streben auf öffentliche Wirksamkeit und Beeinflussung ihrer Mitwelt hinausgeht, die ständig zu ihren Mitmenschen, zu der Gemeinschaft, der sie angehören, in Beziehung treten, die nicht auf sich allein basieren, sondern zu den „anderen" in engem Konnex stehen. Diese Persönlichkeiten kann man nur einschätzen, wenn man ihre Wirkung kennt, sie haben nur darum und nur in dem Maße Wert, als sie ihre Zeit günstig oder ungünstig, nachhaltig oder vorübergehend beeinflußt haben. Kürzer ausgedrückt: Die Bedeutung Ludwig Philippsons beruht nicht in seiner Eigenschaft als Gelehrter, Forscher und Denker, sondern in d.er als Tagesschriftsteller, als Politiker, als Mann der Tat und der öffentlichen Wirksamkeit. Zweifach ist seine Bedeutung: eineteils gün stige, teils ungünstige. Und wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir behaupten, daß die Schöpfungen und Taten, die auf Ludwig Philippsons persönliche Natur zurücktzehen, im großen Ganzen segensreich waren, diejenigen aber, die er als Kind Nr 2 s e i n e r Z e i t g e l e i st e t h a t,' v o n n a ch t e i l iger Wirkung waren. Anders gesagt: Was Ludwig Philippson als Reformer, als Neuerer geleistet hat und was zweifelsohne von höchst ungünstiger Wirkung war, darf man ruhig auf das Konto der Zeit schreiben, die ja fast durchwegs nach Reform dürstete und teilweise die hervorragendsten und gediegensten jüdischen Köpfe der Reform in die Arme trieb. Wer Auch hier, bei aller Betonung des Schadens dieser Reform, soll nian nicht vergessen, daß Ludwig Philippson zeitlebens ein Gegner der extremen Geiger'schen Richtung und nur Vertreter einer gemäßigten Reform war, und was noch wesentlicher «ist: ihm war die Reform nicht, wie den ineisten anderen, nur ein Mittel zur Assimilation, zur Angleichung an die anderen, er forderte sie auch im Interesse des inneren jüdischen Leobens, um die westeuropäischen Juden ihrer Religion wiederzugewinnen; er wollte nicht die Reform im Interesse der Assimilation, sondern in dem des Judentums. Dies ist ein beträchtlicher Unterschied, der ihn von den anderen Reformern trennt und auch diese seine Wirksanikeit wesentlich milder beurteilen läßt. Diese Bedeutung als Reformer aber tritt weit zurück hinter die als Publizist, als Beeinflusster, als Anreger und Führer des jüd. öffentlichen Lebens in Deutschland Er hat die „Allg. Zeitung des Judentums" begründet, deren Wert und Geist man nicht aus ihren: heutigen Zustand beurteilen darf; er hat die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" begründet, die sehr viel zur Verbreitung jüdischer Literatur und jüdischen Wesens innerhalb der deutschen Judenheit beigetragen hat; er hat sich zeitlebens für-die jüd. Interessen eingesetzt, und all diese seine Wirksamkeit — und das ist die Hauptsache — wargetragen von tiefen jüdischen Gefühlen, von warmer Liebe zu allem. Jüdischen,, ja von einem unbewußt nationalen Zuge — lebte er in unseren Tagen, er wäre sicher« ■ lich Nationaljude gewesen —, kurz, von einem Geiste, der sich himnielweit von dem unterscheidet, der die vieler: Assimilatoren seiner Zeit beeinflußt und beherrscht hat. Dieses warme jüdische Empfinden ist auf sein persönliches Konto zu schreiben; nicht nur hat er es nicht der Zeit zu verdanken, sondern er hat es sogar im Gegensatz I zu dem Geiste seiner Zeit vertreten und oerfoch-! ten. Nur insofern, als er eben nicht die titanische | Persönlichkeit war, die in allem aus sich selbst! schöpft und über ihrer Zeit steht, ließ er sich in! seiner Stellung zur Reform von ihr beeinflussen;! . deswegen darf man ihn aber nicht ganz verwer-1 fen; es ist ein trauriger Irrtum, man kann sagen,! es liegt eine gewisse Tragik darin, daß 'auch Lud-1 wig Philippson Reformer gewesen war. '! Wenn wir aber heute seinen 100jährigen Ge-I burtstag feiern, so feiern wir in ihm nicht das! Zeitliche, von außen her ihm Aufgedrückte, fon-I der» das Eigene, Persönliche in ihm; nicht deal Reformer, sondern den guten, glühen-I den Juden Ludwig Philippson. I Aus aller Welt. I Deutsches Reich. I Berlin. B:8 vor einem tzalb-n Jahre erschien hlol ein „Generalanzeiger für die gesamten Interessen dei I Judentums". Dr. Julius Moses, der Herausgebnl dieser Zeitschrift, brachte einen Artikel I Ein Märtyrer von Hardens Gnaden, I welcher Artikel sich mit Dr. Jakob Fromer, des» entlassenen Bibliothekar der jüdrschen Genieinde, beschäsfl tigte. Dieser Artikel nun enthielt Behauptungen und AuSfl drücke, wegen derer Fromer die Beleidigungsklagifl anstrengte. fl Die Verhandlung dieser Beleidigungsklage fand di»> ser Tage statt. Fromer beschäftigte sich in seinen AuM Führungen vor Gericht zuerst mit dem Borwurfe, dqfl er sich auch an Hofprediger Stöcker gewandW habe. Als er von der jüdischen Gemeinde brotlos g«fl macht worden sei, Hab er sich wegen der ErteiluW hebräischen Unterrichts an verschiedene Geistliche gewandW Daraufhin sei ihm auch ein Brief des HofpredigeW Stöcker zugegangen, doch habe er diesen Brief unerössuW znrückgeschickt. Weiter erklärte der Privatkläger, er W in Lodz geboren» habe bis zum?0. Lebensjahre TalmiW studiert und sich dann weitergebildet. In DeutschlaM sei ihm immer mehr die Erkenntnis gekommen, dW das Judentum in seiner heutigen GestaM unhaltbar sei, da es sich innerlich mit einer to> modischen Kruste umgeben habe und äußerlich der deinen Kultur huldige. Entweder inan gehe-zurück >