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Neue jüdische Presse · 1912-01-12 · Heft 2 (12.1.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jnschriftliche Beleuchtung des altisraelitischen Kottesglaubens. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Achad saam über das Hebräische Gymnasium; 2. Ludwig Philippson. - Aus aller Welt. — Feuilleton: Akiba. — Eingesandt. — W ochen-Kalend er. — Famil i en- > a ch r i ch t e n Jnschriftliche Beleuchtung des altlsraelitischeu Gortesglaubens. Bon Rabbiner Dr. Sigmund Jampel, S ch werbt a. O. Die unschätzbaren jüdisch-aramäischen Jnschrifen-Funde aus Oberägypten — welche, wie ivir aus mseren bisherigen Darlegungen ersehen, nicht nur ch die spätbiblische Zeit gehören, sondernauch über Sie vergangenen Jahrhunderte der israelitischen chnigsperiode Helles Licht verbreiten — bieten uns ine ungeahnte Aufklärung Wer das älteste-und chwerwiegendste Problem der ganzen biblischen R e l i g i o n s g eschi ch t e. Es ist dies ine klare Illustration biblischer Zcitverh'ältnisse, >vie vir sie nur durch zeitgenössische Urkunden erhalten onnten. Alle bisherige Vertiefung in die Denkveise der Israeliten der biblischen Zeit icrmochte uns keine richtige Vorstellung von der öottesanschauung der großen Volksmassen jener Jahrtausende zu verschaffen. In allen Perio- > e n d e s v o r e x i l i sch e n I s r a e l s, unter Moses vke unter Esra, sehen wir den intensiven öottesglaub en stets neben der Berthrchng anderer, fremder Gottheiten. Me in der Richterperiode der Baal allenthalben Mit Gotte Israels an die Seite gestellt wird — frrtb zwar nicht nur bei den Abtrünnigen oder Unassenden sondern auch bei den führenden Geistern so finden mir später die Terafim im Hause ^ävids. Salomo, der weiseste aller Menschen, der >er göttlichen ^Erscheinung mehrfach gewürdigt wurde, ßt sich im hohen Alter zur Verehrung und Anbetung fremder, ausländischer Gottheiten verleitend lirremias, der letzte Prophet Jerusalems, klagt .benso „Die Zahl deiner Götter entspricht der deiner Städte, o Juda", wie die Propheten der ältesten Ächherpcriode. Wir kennen in der gesamten Relifionsgeschichtc aller Völker kein solch rätselhaftes md religions-Psychiologisch undefinierbares Phälomen wie diese in der Bibel überall bemerkbare Erscheinung. Gelehrte und Prophetenschüler, welche ne reinste Gotteserkenntnis aus dem heiligsten Born chöpften, konnten den polytheistische» Trieben nicht oidersteheu. Schon unsere alten Weisen der taluudischen Zeit glaubten, diese unheimliche Erscheilung nur durch die besonderen religiösen Verhältüsse jener Zeit sich erklären zu können. Bis zum 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Zibelkritik, hatte man es hier lediglich mit einem mlösbären psychiologischen Rätsel zu tun, ohne aß hieraus irgendwelche Schwierigkeit für die Aufechterhaltung der biblischen Tradition sich ergeben ätte. Ganz anders aber seit der Entstehung der ritischen Bibelforschung. Ja, wir dürfen .sogar ligen, daß diese unerklärliche Erscheinung die kriyche, zerstörende Bibelforschung eigentlich erst gehaffen hat. Denn die von der Traditon losge- »ste freie Religionswissenschaft sucht das Phänomen .infach dadurch aus der Welt zu schaffen, daß sie sei ganze biblische Religionsgeschichte auf den Kopf ellh und aus der scheinbaren Unmöglichkeit auf as Nichtvorhandensein schließt. Die Kritik fordert mz einfach aus dem Umstände, daß ein Volk ihMsitze eines biblischen Gesetzes nicht dermaßen em krassen Polytheismus huldigen kann, die Annahme der späteren Entstehung des biblischen, beziehungsweise pentateuchischen Gesetzes. Mit anderen Worten: Solange das biblische Gesetz in Israel als unbekannt erscheint, kann es in Wirklichkeit auch nicht existiert haben, da es undenkbar ist, daß die alten Israeliten — im Besitze der heil. 10 Geböte — diesen auf Schritt und Tritt zuividergehandelt halten. Das ist die elementarste Grundlage der ganzen modernen kritischen Theorie, welche die gesamte Exegese und Religionswissenschaft der.Gegenwart beherrscht. Die neuesten inschriftlichen Funde haben nun zum ersten Male seit Jahrtausenden auf diese religiösen Verhältnisse der biblischen Israeliten einen Hellen Lichtstreifen geworfen und so der garrzen kritischen Methode den Boden entzogen. Die unschätzbare jüdisch-aranmische Passrh-Urkunde, ivelche wir in Nr. 45 dieses gesch. Blattes wiedergegeben haben, löst mit einem einzigen Worte jenes uralte Problem. Die erste Zeile jener Urkunde, welche wir in der genannten Abhandlung nicht komplett wiedergegeben haben, weil tvir dort auf dieses hochbedeutsame Wort nicht näher cingehen konnten, lautet in Wirklichkeit folgendermaßen: „An Jedonja und seine Genossen, die judäische Militürkolönie. Euer Bruder Chauanjah. Das Heil meiner Brüder mögen die Götter . . ." Wir würden uns nicht erlauben, aus dieseni einzelnen Worte religionsgcschichtliche Schlüsse zu folgern, wenn die gleiche Grußformel sich in dieser Jnschriftensammlung nicht dutzendfach wiederholte. Tatsächlich ist diese Phrase bei jenen Inden so geläufig, daß wir auch die letzleu fehlenden Worte dieser Zeile mit Bestimmtheit ergänzen können. Die Grußformel lautet allgemein: „Das Heil usw. mögen die Götter erfragen." „Elehäja jischalu." Außerdem iverdcn am Schluffe der in dieser Jnschrifteilsanunlung gefundenen Kultussteuer-Liste der Judeiigemeinde zu Elephantine, welche ebenfalls aus der Zeit Esras und dtchemias stammt, ausdrücklich mehrere frenide Götter, für deren Kultus ein Teil dieser Steirern bestimmt war, deutlich genannt. Die Namen dieser Götter wiederholen sich unzählige Male in den Personennamen. Auch ist an manchen Stellen von Eidesleistung bei solchen Göttern die Rede. Die Benennung dieser Götter, tvie z. B. Ascham-Bethel, Charam-Bethel, Anath- Bethel u. a., läßt sogar mit Bestimmtheit den palästinensischen, nichtägyptischen Ursprung dieser Götter klar erkennen, ivelchcs mit unserem anderweitigen in dieser Zeitschrift geführten Nachweis, daß diese oberägyptischen Juden schon im 8. vorchristlichen Jahrhundert dorthin gekonnnen seien, sehr gut übereinstimmt, da diese Gottheiten deutlich einen nordpalästinensischcn Charakter zeigen. Der Polytheismus dieser ägyptischen Juden liegt also klar zutage und kann durch keine sophistische Spekulation bestritten werden. Ja, wenn wir Jerenrias Strafreden (Kap. 44) an die Eltern und Großeltern jener oberägyptischen Kolonisten lesen, so entspricht dieser hier wiedercrkannte Polytheismus eigentlich ganz der Erwartung. Denn tvie sollte die von Jeremias so scharf getadelte Göttervcrehrnng jener Juden in ein bis zwei Generationen schon verschwunden gewesen sein. Erscheinen somit jene jüdischen Kolonisten der biblischen Zeit im allgemeinen als Verehrer fremder Gottheiten, trotzdem sie überall eine ganz intensive Hingebung an Jeho, den Gott ihrer Väter, zeigen, so ist doch keine ihrer Urkunden für uns so lehrreich wie das genannte Passah-Dokument, in welchem derselbe gelährte Chananja neben dem Diktate eines biblischen Gesetzes, bei welchem er sogar biblische Stellen wörtlich zitiert, die Adressaten im Namen der „Götte r" begrüßt. Hier haben wir den Inbhaftigen biblischen Israeliten vor uns, der von der Verehrung fremder Gottheiten nicht lassen will, trotz' seiner genauen Vertrautheit nrit der biblischen Gotteslehre. Deutlicher noch als in der Bibel sehen wir hier, daß der Gott Israels, der Gott ihrer Väter, als der höchste und erhabenste Gott ihnen gegolten hat. Die anderen Gottheiten roerden demnach von ihnen nur als Untergötter, welche über bestimmte Naturkräfte herrschten, verehrt worden sein. Allein, wie immer sie sich dieses Verhältnis gedacht höben mögen, das eine geht mit aller Deutlichkeit und Klarheit daraus hervor, daß die biblischen Israeliten trotz ihrer Bekanntschaft mit "den monotheistischen Lehren Moses und der Propheten in ihren polytheistischen Anschauungen beharrt höben. Somit erweist sich die Grundlage der kritischen Bibelwissenschaft, welche aus der Nichtbeachtung biblischer Lehren auf das Nichtvorhandensein derselben schließen zu müssen glaubt, von den zeitgenössischen Urkunden widerlegt. Aus den Ereignissen des Tages. 1. Achad Haam über das Hebräische Aymnasinm. Die Diskussion über das Hebräische Gymnasium scheint nicht zur Rühe kommen zu wollen. Sie hat immer mehr den Charakter einer unschönen Parteipolemik angenommen und ist von den großen prinzipiellen Gesichtspunkten, die sie zu Beginn beherrscht haben, fast ganz abgekommen. Zudem operierte sie so sehr mit Nachrichten vom Hörensagen, niit Uebertreibungen und Entstellungen ans beiden Seiten, daß es nachgerade zu einem unerquicklichen Schauspiel geworden ist. Wir haben! daher geglaubt, füglich über diese Polemik hinweg» gehen zu können. Nun aber ist ein neuer Streiter auf dch'Arena getreten, dessen Name und degen Ausführungen es nötig machen, seine Worte zu beachten, A ch a d - H a a m. Bekanntlich hat er nach dem 10. Kongreß eine längere Reise nach Palästina unternommen,, hatte Gelegenheit und Zeit gehabt, die Verhältnisse und Unterrichtsmethoden im Gymk» nasium zu Jaffa persönlich zu studieren und veröffentlicht nun das Ergebnis seiner Wahrnehmungen und seine Anschauung über das Gymnasium in der soeben erschienenen reichhaltigen Jubirläumsnummer der „Haschiloach". Achad-Haam hat durch seine bisherige langjährige Tätigkeit auf publizistischem Gebiete den Beweis erbracht, daß er keinen Vorwurf erhebt und keine Behauptungen ausstellt, für die er nicht den. Beweis erbringen kann oder erbringen zu können glaubt. Es kommt noch hinzu, daß er seine Angaben durch das sicherste Beweismaterial aus Heften von Schülern des Gymnasiums und aus Gesprächen, die er mit ihnen geführt hat, belegt. Und so darf es denn jetzt als sicher angesehen werden, daß im Gymnasium die Bücher der No-I wiim nicht in ihrer gewöhnlichen Form unterrWtet werden, sondern daß zahlreiche Aenderungen im Texte vorgenommen werden, zumeist nach Angaben moderner Bibelkritiker. Es ist wesentlich, daß dieses feststeht, denn! man hat dann wenigstens einen sicheren Stützpunkt in der verwirrenden Unmenge der Nachrichten, Berichte, Gerüchte und Uebertreibungen, die man tagtäglich Horen und lesen kann. Am Urteil über das Gymnasium vom relT-, giösen Standpunkt aus wird allerdings auch durch Achad-Haams Ausführungen nicht viel geändert.

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