Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 i! |€>eite 4 „Kannst Du daran zweifelnwenn ein solcher hn «mir winkt?" ' Sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, Las tue -nicht; — habe ich doch schon vorhin gesagt, daß Hei nur halbwegs richtigem Standpunkt, Dich ort bereit erklären würdest, meinen Wunsch zu erlen. — Aber int Grunde weißt Du noch nicht cinll, .was Du eigentlich versprochen hast. Denn darin gst Du recht haben, das Studium wird Dir vielschwerer werden als eucheren, weil.Du es erst Mannesalter beginnst," „Fürchte nichts, Geliebte, je schwerer cs mir werwird, mit desto größerem Eifer werde ich's beben. Doch glaube nicht, daß ich nicht nach Ernis gestrebt habe. Das Gegenteil ist der Fall, wenn ich auch in den Worten des Schöpfers ht - geforscht habe, in seinen Werken habe ich gckscht urür darin gar manches Naturgesetz ergründet, dem die Schriftgclchrtcn vielleicht keine Ahnung den." , ' Sie schüttelte mißbilligend den Kopf. „Das glaube .nicht; von meinem Oheim, meines Vaters Bruder, bekanntlich, zu den bedeutendsten der Gesetzcskunim gezählt wird, weiß ich; daß gar Manche Gesetze, Pnentlich der müMichen Lehre, in Naturgesetzen ihre ßgründung haben, deshalb müssen die Schriftgelchrauch in den Gesetzen der Natur bewandert sein." „Um so besser' Dann! werde ich mich schon hineinb eiten." . „Das hoffe ich auch; wie ich' auch hoffe, daß das Studium des Gesees, das Du um meinetwillen reu wirst, sehr bald' um seiner selbst willen forthen wirst." Er erwiderte nichts, aber seine Lippen umspielte, ungläubiges Lächeln. „Wovon wirst Du leben während' Deines Stupms? Wirst Du mit Meinem Batep darüber sprechen?" ..Zunächst allerdings, wenn auch' —" „Aber Tu darfst es meinem Vater nicht sagen, pß ich Dich zu dem Studium veranlaßt habe," fiel : Hastig ein, indem dunkle Glut chr Angesicht überte, „das darfst Du überhaupt keinem Menschen kien!" Das ist doch selbstverständlich, kleine Herrin —" „Aber was wirst Du dem Bater sagen?" „Ich werde ihm sagen, daß, nachdem ich den chöpser in seinen Werken erkannt zu haben glaube, ihn nun auch in der seinem Volke übergebenen Lehre lernen möchte." Sie blickte glücklich lächelnd zu chm auf. „Wie hön Du das sagst, und wie Du so weise bist! Erst br einem Augenblick hast Du den Entschluß gefaßt, schon jetzt sprichst Du davon, als hättest Du ihn At Monaten vorbereitet. — Was wirst Du meinem?ater noch sagdn?" „Daß er mir gestatte, während der Tagesstunden Schule zu besuchen uns den Vorttägcn der Schriftdigeu beizuwohuen; dafür würde ich einen Teil : Macht.der Pflege des Gartens zuwenden, der so men' Schaden leiden würde." „Ich bin neugierig, was mein Vater sagen wird." -/Ich nicht. — Ich kenne Kalba Sabua; was sagen wird, das habe ich Dir schon gestern gesagt." „Und wenn er nein! sagt?" fragte sic, ängstlich zu hm' aufblickend. „Was ich dann tun werde, vermag ich' im Augenlick nicht zu sagen! — Doch mache nun kein solch ügstlichcs Gesicht, kleine Herrin; was ich versprochen abe, halte ich. Am ersten des nächsten Monats beamt ich mein Studium — und wenn Dein Vater?d Deine Mutter und wenn die ganze Welt es mir Lehren würde/" i|' „Aber wovon willst Die leben?" SS „Vielleicht werde ich Holzhacker, Wasserträger, htwächter oder sonst irgend etwas, das ist im Grunde sicrlci und Nebensache. Hauptsache ist Dir und mir, daß ich das SMdium begimee, 'denn Du weißt doch: ~ ich begonnen hake, das führe ich durch, und äßte ich mir dazu den Libanon aus dem Wege annen." Hochaufgerichtcl stand ier vor ihr, seine kraftvolle eftalt schien noch höher, sein feuriges Auge funkte, noch lebhafter, und wie zum Kampfe sich rüstend ob er die -Arme mit geballten Händen. Bewundernd und mit dem Ausdruck unendlicher Aebc blickte Rahrl zu ahm empor. Wie fühlte sic so .glücklich, so überaus glücklich! Sie sah ihres erzens heißesten Wunsch verivirklicht^ wenn auch, erst N, weiter Ferne. — Was kümmerte, sie die Ferne! — ljhifMkibäs Wort konnte De bauen, ihr mußte die Fvanffurter JsraÄitisches FanMeMatk. Welt danken, weit» cp dereinst als eilt Großer iit Israel erstehen werde, sic war schon im voraus stolz auf ihn. ' „Herrin," sagte Akiba, indem! er sich zu ihr neigte, „ich sehe Kälba Sabua soeben die Stufen hinabschreiten. Wäre es nicht besser, Du gingest ihm entgegen, als daß er Dich hier bei mir träfe?" Sic nickte zustimmend, sprang auf und eilte davon wie ein gescheuchtes Reh'. Aber nicht ihrem Bater entgegen, dem wollte sie jetzt nicht begegnen, das Herz war ihr zu voll. Einen Seitenweg einschlagend, erreichte sie das Wohnhaus, ohne von ihm gesehen zu werden. * Cs war am folgenden Tage, im Hause Kalba Sabuas herrschte Festesstimmung, denn die einzige Tochter, der verhätschelte Liebling des reichen Mannes, hatte das zwölfte Lebensjahr vollendet. Die Eltern hatten sic reich beschenkt, und Rahel ward nicht müde, alle die Kostbarkeiten zu bewundern.' Die Eltern weideten sich an der Freude ihres Lieblings, gewahrten jedoch, nicht, daß ihr Auge wieder und immer wieder den prächtigen Blumenstrauß streifte, der in der Mitte aller der Herrlichkeiten prangte, prachtvolle Rosen und Lilien, von Myrtcnzweigen umschlungen. Jetzt neigte sie sich über die Blumen und atmete in tiefen Zügen den süßen Wohlgeruch ein. „Solch herrlichen Strauß wirst Du in ganz Jerusalem nicht noch 'mal finden, den hat. unser ivackcrer Akiba ans meinen Befehl für Dichzusammengestellt/" „Dank' Dir auch dafür, lieber Vater. — Aber was ist denn das?" ftagte sie, indem sie ein mit Silbermünzen gefülltes Säckchen von dem Tische nahm, „gehört das auch mir?" ' „Gewiß, alles, was hier liegt." „Aber sage Mir, Väterchen, mit dem Gelbe kann ich also machen, was ich will, ohne Dich zuvor zu ftagen?" „Jawohl, ohne mich zu fragen," versetzte er lachend. „Und später brauch' ich Dir auch nicht zu sagen, was ich damit getan habe?" „Ho, ho, das klingt ja ganz absonderlich, aber ich weiß doch nicht —" „Wie, Du weißt nicht, daß ich' nichts Unrechtes damit tun werde? und Du weißt nicht, daß, wenn ich Unrechtes damit tun ivollte, ich. dieses nicht in dieser Weise Dir zuvor ankündigen würde? Dann würde ich es doch einfach heimlich tun." „Also sei's, — Du kannst damit machen, was Du willst, ohne mir, sei es vorher oder nachher, Rechen-i schüft zu geben." Da sprang das liebliche Mädchen ihm an den Hals und uMarmte und küßte ihn. „Dank' Dir, Du liebes Väterchen, für diesen Beweis Deines Vertrauens." (Fortsetzung folgt.) Kalmou. Bon Jacob ben Eliescr, Ossenbach. (Fortsetzung.) Kalmons Freude und Begeisterung kannten keine Grenzen! Er jauchzte und jubelte förmlich auf. Und dankerfüllt tat er dem lieben Gott ein Gelübde, heute Abend einen großen Chanukahball zu macheu, cineu Chanukahball, an dem es nicht nur Brot, sondern sogar Tee und Hering und Nutzer geben soll! Und dann stellte sich Kalmon auf seinen. Posten — und wartete ruhig und hoffnungsvoll das sicher bald wiederkommende „Glück" ab. Dieses aber schrien heute in der großen Stadt, wo ja zahlreiche arme Familien ungeduldig seiner harrten, recht viel zu tun zu haben — uitü konnte wohl daher nicht so schnell psteder an Kalmon-Träger denken. ■ So kam es denn, daß Minuten und Stunden verstrichen, und — das „Glück" — cs blieb immer noch aus . . Und cs wurde spät und später. Der Himmel machte bereits Abendtoilette! Bald hüllte er sich auch in seinen tteffchwarzen Nachtmantcl, und -- Nacht wurde es ans Erben. Aus dem weiten Handelsplatz ward cs nun Ml und stiller . . Die armen Krämer und Kleinhändler hatten sich! bereits sämtlich mit ihren Buden und Waren auf und davon gemacht. Auch sämtliche Träger hatten bereits den Platz verlassen. Nur Kalmon und ein junges, 'aber gebrochenes und in sich zusammengekauertes Weib zögerten noch fortzugehen. Dieses Weib, das, tagein, tagaus „Heiß-Aepfele, Heiß- Aepscle" kläglich rufend, geröstete Aepfel feilbot, ist Kalmons Nachbarin und seine Leidensgenossin. Sowohl Kalmon als auch Perele, diese uuglück-- . liche Witwe, warte» hartnäckig immer noch auf das ausbleibenoe „Glück". Eben hat Kalmon die Arme verschränkt, bie- Augen gen oben emporgeschlagen und blickt unverwandt den mürrischen Dezemberhimmel an. Was geht in ihm vor? Betet er um das „Glück"? ■ Oder grollt er dem lieben Gott, weil Er ihm dasselbe vorcnthält? Nein! — weder das eine noch das andcre ist es. Das „Glück" hat Kalman nämlich endgültig aufgegcbcn . . . „Und — dem lieben Gott zürnen! wie könnte er dies nur?!" Hat er doch immerhin 25 Kopeken verdient! Geld genug! ... .Aber! etwas Anderes, Wichtigeres ist's, auf das Kalmons ganzes Sinnen und Denken sich jetzt konzentriert: Was soll er nämlich mit den 25 Kopeken anfangen? Er rechnet: Fünfzehn Kopeken Brot, fünf Kopeken Kohlen und fünf Kopeken Holz und Petroleum. Soweit stimmt's wohl. Wo aber bleibt nun die Hauptsache: die Channkah-Lichtlein?!! — — Was nützt ihm das Brot, die Kohlen und das Petroleum, wenn bei ihm kein Chanukah ist! Nein! Bon den Ausgaben muß etwas gestrichen werden, und für das Geld müssen Channkah-Lichtlein gekauft werden! — Doch, was soll er streichen! Was kann er entbehren? — Er sinnt und sinnt./ O, nichts kann er entbehren, nichts, nichts! Die arme Liebele und die kleinen unschuldigen „Herzchen" frieren und hungern, daß sich der liebe Gott erbarme! — Aber!! Kalmon-Träger ist doch auch ein Jude! muß nun änchs Channkah-Lichtlein haben! Er muß, muß! Um jeden Preis muß er! es! —? Ja, ja! er wird Channkah- Lichtlein kaufen, mag kommen, was es will! . . . Nein, nein! er wird nicht kaufen! er darf nicht kaufen! Er darf nicht! Nein, nein!! . , . Ja, ja!! er darf ja! er muß! muß kaufen! ... Lange 'kämpfte so Kalmon einen bitteren, verzweifelten Kampf. Endlich blitzte ein rettender Gedanke durch sein Hirn. Er hat einen Ausweg ans diesem verworrenen Labyrinth gefunden!! Er selbst wird heute nichts essen, und für seine Portton Brot wird er Channkah- Lichtlein kaufen! Wahrlich! der liebe Gott hat es schon verdient, daß ihm Kalmon dieses kleine Opfer bringe! Und — gelobt sei Er! — tausend ' 'Mal gelobt! — daß er ihm, dem hilflosen Kalinon, diesen wünderbaren Gedanken in den Sinn gab! Und Kalmon atmet erleichtert auf und schickt sich an, den Weg nach Hause cinzuschlagen und seine Einkäufe zu machen. Da — plötzlich dringt ein erschütterndes Weinen in seine Ohren. Er wendet sich jäh erschrocken um. Und siehe: Die arme, junge Witwe, die „Heiß-.Aepfele- Händlcrin", weint bitterlich. «Ihr geht!" ruft sie Kalmon schluchzend zu, „Ihr geht schon fort! und ich — ich muß noch bleiben! . . wer iveiß wie lange noch bleiben! . . . O, ich Hab' noch nichts, gar nichts heut' verdieitt , > . O, Reb Kalmoit! Reb Kalmon! . . . Habt Erbarmen und leiht mir fünf . Kopeken . . . für Brot! . . . Bei Gott! Morgen . . . wenn ich nur verdiene, so werde ich sie Euch wieder erstatten! . > O, Reb Kalmon . . .!" Wie gelähmt blieb nun Kalmon stehen. Das war .für ihn ein' neuer, harter Schlag . .. Und sein eben beendeter innerer Kampf begann mit gesteigctter Wucht von neuem'. Was soll er tun? Soll er mit den dlirch sein „Nichtessen" ersparten fünf Kopeken der armen, unglücklichen Pcrele helfen, oder — Chanukatz-Lichtlein, um derenttvillen er doch zu darben beschloß, kaufen?! — Und' — jetzt war es finster und öde vor Kalmons Augen. Keinen Ausweg! g . . Da — in diesem! Moment, in Kalmons höchster Not und' Verzweiflung — da kam! endlich unerwartet das von ihm bereits ansgegebene „Glück"! Und welch eiü Glück! ' . IV. In allen jüdischen Fenstern leuchten sie schon die kleinen, schlichten Channkah-Lichtlein. Und aus allen jüdischen Häusern dringt bereits das alte, Herr-, liche Chanukah-.Lied. Ja, allenthalben ist cs schon Chanukah! Nur in Kalmons armseligeni Dachstübchen nicht. Kalinon ist noch nicht heimgekehrt und mit ihm. bleibt auch der Chanukah seiner. Familie aus. Die armen Kleinen haben indessen, um. sich! vor der Kälte zu schützen, in „des Papas Bett" Zuflucht gesucht und liegen nun da, ganz in die Bettdecke vergraben. Die „süße Liebele" kauert auf einem Sessel neben dem Bette. . . .