Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 51 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Jfc. 51 Menschen negiert wird, so mag er sich bchauptcn und durchsetzen, soviel er will — sein innerer Bestand wir durch diese Negierung gefährdet. Ties ist der Kern des großen Gedankens, der in den schlichten und naiven Sätzen der Bibel unbewußterweise enthalten ist. Tenn die Unsicherheit des Ungerechten, von der die letztere spricht, ist offenkundig bloß symbolisch gemeint, es wird darunter bloß die innerlich zerrüttete GemütSversassung des ungerecht Handelnden gemeint, der von dem mißhandelten Ncbenmenschen stillschweigend verworfen wird. Unter mannigfachen Gestalten kehrt dieser Grundgedanke in der ganzen späteren Philosophie wieder. Tie Stoiker fassen die moralischen Nornrcn als Naturgesetze auf, weil die ethischen Maximen nach ihnen in der vernünftigen Natur.hes Menschen begründet liegen und jede Abweichung von diesen Vernunftgesetzen sich in ebender Weise rächt, wie jedes andere verletzte Naturgesetz überhaupt. Len letzten Lehrsatz der Ethik beginnt Spinoza mit den folgenden Worten: „Tie Glückseligkeit ist nicht Lohn der Tugend, sondern die Tugend selber," worin demselben Gedanken Ausdruck gegeben wird. Nach Schopenhauer tragen die Züge des bösen Menschen Spuren inneren Leidens an sich, weil der böse Mensch an seiner eigenen Bosheit krankt und die verletzte Gerechtigkeit ihm keine Ruhe läßt. Und T o l st o i nennt den ungerechten M cnscheir bedaucrnsivert und unglücklich, weil die mißhandelte Vernünftigkeit seiner Natur seinen inneren Seelenfrieden von Grund aus zerstört. Bern. Tr. R. Scligmann. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Debattelos und daher ungewöhnlich schnell verlief diesmal die Generalversammlung der Israelit. Religionsgesellschaft. Schuld daran war wohl der Umstand, daß Herr M. A. Locb, der Wortführer der Debatten, Frankfurt verlassen hat. Vielleicht aber ist cs auch als Anerlcnnungsausdruck für die Tätigkeit der Männer zu deuten, die in unermüdlicher, selbstloser Arbeit die große und komplizierte Maschinerie der Rcligionsgesellschaft leiten. Vcrwachscnsein init dem Wohl und Wehe der Gemeinde, Aufgehcn in deren Interessen, — wohl keine zweite jüdische Gemeinde hat einen nur annähernden Prozentsatz solcher Männer, wie er in der Rcligionsgesellschaft vorzufinden ist. So war denn auch der von dem Vorsitzenden, Moritz Baß, erstattete Bericht ein Ehrendokument für die Gemeinde. Ucber 62 000 Mark brachte allein die Synagoge ein. Imponierend war auch wieder die Zahl der Spenden und Stiftungen für die Gemeinde, bzw. deren Institutionen. Vorndran, wie stets, Kommerzienrat Feist mit i. Sa. ca. 10 000 Mark, dann Adolf Stern, Meier Selig Goldschmidt Meyer Stern, Alfred Schwarzschild, Heinemann Birnbaum, Nathan Sondheimcr, Theodor Fürth und Fritz Sondheimcr (4000 JL), Hermann Lehmann- Stiftung (12 000 JL), Marschak-Stiftung usw. - Trotz dieser Opfcrwilligkeit ist infolge einer Mehrbelastung von 25 000 JL durch die neue Lehrer- Gehaltsskala ein Appell an die Mitglieder notwendig, daß sie ihre freiwilligen 'Steuerbciträge nach Möglichkeit erhöhen. Nach Verlesung des Berichts fand die Wahl niit folgendem Resultate statt: Kommerzienrat Feist (Vorstand), Dr. R o o s und Dr. Bam berge r (Ausschuß). Berit«. Ein geradezu trostloses Bild gibt die Statistik von der I u d c n h c i t P r e u - ß e n s. Während noch vor 25 Jahren jede zehnte Eheschließung eine Mischehe bctras, ist heute bereits jede vicrte Eheschließun g eine M i s ch e h c. So wurde» im Jahre 1009 neben 2584 rein jüdischen Ehen 740 jüdisch-christliche Ehen geschlossen. Ferner hat bei den Juden Preußens die Zahl der Lebendgeburten ständig abgcnommen, von 11169 im Jahresdurchschnitt der Jahre 1876—80 auf 6724 iju Jahre 1909. So kommt cs,- daß in diesem Zeit raume der Ucberschus; der Geburten über die Sterbe fälle von 4938 auf 1014 gefallen ist. Oesterreich-Ungar». Wie«. Die Niederökterr. Handelskammer hat die Rußland besuchenden Firmen in einem Zirkular gewarnt, jüdische Reisende nach Rußland zu senden, da diese dort seitens der Behörden den größten chitanen ausgesetzt sind und sich die Interventionen der österr.-ungar. Konsulate i» der Regel als erfolglos erweisen. Es ist eigenartig, daß dieses Zirkular der Schwäche just zu einer Zeit erscheint, da in derselben Angelegenheit die Vereinigten Staaten von Amerika Rußland gegenüber ihre Stärke zeigen. Pretzburg. Samu Bettelhe-ms „Ungarländ. I üd. Z tg." nennt das Resultat der orthodoxen L a n d c s v c r s a m m l u u g ein Fiasko. „Das Präsidium fjat mit der Unfähigkeit, eine Versammlung von lauter Freunden und Anhängern zu leiten, seinen Anspruch auf die selbstständige Autonomie aä udsuräum geführt." „Jeder Zoll des Kongresses war zudem eine Illegalität. Das Wahlstatut schreibt vor, daß die Delegierten von der Versammlung aller Gemeindemitglicdcr gewählt werden müssen. Tatsächlich sind viele Delegierte bloß ernannt worden.Das Wahlresultat selbst ist anfechtbar, erstens, weil das Präsidium den Kandidationsausschuß als akklamiert erklärte, trotzdem sich dagegen Widerspruch erhob; zweitens, weil bei den 6<) Laien von der Kanzlei rote Wahlzettcl mit ihren Kandidaten ausgcgeben wurden, und drittens, weil bei der Wahl des Rabbinerkomitees von dem Kandidatjonskomitce statt 80 Namen bloß 40 vorgeschlagen wurden." Bettelheim schließt seine Ausführungen über diese Veranstaltung, die 80 000 Kronen Spesen verursachte, mit der Schilderung des .Katzenjammers der Hcimkehrenden. „Vier Tage wäret Ihr in der großen Juden stadt und habt kein Stückchen Thora hintcrlasscn, man hat Ench nicht begrüßt, nicht angchört, nicht geladen. Das ist darum, weil Ihr gekommen seid, Euere gute, ehrliche jüdische Absicht zu maskieren und hinter dem goldenen Wagen der Kanzlei die goldenen Nägclchcn zu suchen." „Nun, was wäre zu tun?" frugen sie da zerknirscht. „Die einheitliche Autonomie zu schassen," sagte der Schreckliche, und bewies ihnen haarscharf, daß nicht nur das politische Ansehen, die wirtschaftliche Kraft des Judentums, sondern auch die Thora dabei viel gewinnen würde. „Ja," geben sic zu, „Ihrer Darstellung nach würden die Thora und die Religion gewinnen, aber die — Orthodoxie wäre hin." Daß cs notwendig >var, nach ungesctzmäßigen Mitteln bei der Einberufung und Leitung der Versammlung zu greifen, beweist, daß in der ungarischen Orthodoxie einerseits viel Zündstoff vorhanden ist und andererseits die Neigung, mit den Nichtorthodoxen sich nach außen hin wieder zu vereinen, starkzugenommcn hat. Großbritannien. London. Anschließend an die in der vorigen Nummer berichteten Synagogcn-Einweihung in der Nord-London-Beth-Hamidrasch-Gemeindc, sei Näheres über diese Gemeinde, die sich jetzt „A daß I i s r o c l" - A e m e i n d e nennt, mitgeteilt. Sie entstand vor etwa 20 Jahren und besteht nur aus Anhängern des orthodoxen Judentums. Ihre Mitglieder stammen meist aus Deutschland und aus Ungarn. Seit einigen Jahren ist ein Rabbiner angestellt. Dieser, Rabbiner Schönbcrg, errichtete eine Religionsschulc — heute etwa 60 Kinder umfassend — und den Lcrnverein „Chcivra ben Sackai". Die jetzt errichtete Synagoge beanspruchte einen Kostenaufwand von 90 000 JL Diese kurzen Striche zeigen, daß sich die „Adas; Jisrocl"-Gemeindc in erfreulicher Entwicklung befindet. Wenn sie es zu dem gebracht hat, was sie heute ist, so verdankt sie das hauptsächlich ihrem Präsidenten Julius Lunzer, der auch zu dem Synagogenbau aus eigener Tasche einen erheblichen Beitrag ssiftcte. M. Sch. Frankreich. Paris. In der letzten Zeit findet man sehr häufig - antiscmitische Artikel in den Blättern der Linken. So in der von Gustav Herve redigierten Zeitschrift „La guerre sociale" und in der anarchistischen „Tcrre libre". Der bekannte Syndikatmann Victor M e r i c wetterte dieser Tage in Herve's Zeitschrift gegen die Beteiligung der Juden an der Kunst. „Die Dramaturgen, Kritiker, Journalisten und Roman schreiber vermehren sich von Tag zu Tag, und unter der falschen Maske von Pseudonymen wird uns jüdischer Geist serviert," ruft er warneich. In e anderen Artikel beschuldigt er die französischen Juden, in ihre Gewalt die Finanzen, die Presse, das Theater und die Literatur gebracht zu haben. Noch ganz anders aber ist die Tonart der „Terre libre", in welchem Blatte keine Nummer ohne einen antisemitischen Hetzartiiel erscheint.- des Knaben Kaleb Schalkowitsch, Verfassers des „Hasomir hakoton", ergriff Herr Nachum Goldmann das Wort zu einer groß angelegten, nach weiten, umfassenden Gesichtspunkten aufgebauten Festrede über „Kunst und Judentum". Der Gedankengang der Rede war folgender: Die welthistorische Bedeutung der Chanukatage bestehe nicht im physischen Kampfe der Makkabäer gegen Antiochus, sondern im geistigen Ringen zwischen Judentuni und Griechentum oder anders ausgedrückt, zwischen Ethik nnd Kunst. In jenem Kampfe hat das Judentum, das Prinzip der Ethik über das Griechentum, über das Prinzip der Kunst gesiegt. Es hat gesiegt und ist über die Kunst hinweggeschritten, hat sie bei Seite gelassen. Daraus ergaben sich zwei Folgen: Das Judentuni ivnrdc unkünstlerisch, unharmonisch, die Kunst unjüdisch, unethifch. Diese unglücklichen Folgen des Chanukahs der Vergangenheit zu beseisigcn ist die Aufgabe des Chanukahs der Zukunft. Wieder werden Judentum und Kunst ringe», lviedcr wird das Judentum siegen, aber dann nicht die Kunst von sich stoßen, sondern sich, mit ihr vermählen; die jüdische Kultur der Zukunft wird eine Synthese sein von K u n st und I u d e n t u m. Dieses Ziel ist auch letzten Endes das Ideal des Zionismus. Es will den k ü n st l e r i s ch c n I u d e n schaffen; dazu muß aber jeder erst voller, ganzer, eigenartiger Jude sein, um Künstler werden zu können. Hier wie überall wendet sich der Zionismus an die tiefsten Regungen der Judenseele, hier wie überall ist er etwas tief Individuelles, Persönliches, Seelisches. Dem Vortrag, der tiefen Eindruck machte, folgte ein ergreifender Gesangsvortrag des bekannten Sängers Kantor Fleisch m an n-Naumow, eine äußerst intelligente und wirkungsvolle Rezitation von Frl. Cilly Rapp, ein cmpfindungsrcicher Gcsangsvortrag von Herrn Eisende r g , ein sicherer, verständnisvoller Violin- 0 o 11 r a g des 9 jährigen Moritz Strnmpfeld. er erste Teil des Programmes schloß sodann mit einer mächtigen, ergreifenden Wiedergabe der.gerühmten Arie: „Es ist genug" aus Elias durch Herrn Kantor F l e i s ch m a n u - N a u m o w. Der zweite Teil wurde eröffnet durch einen prachtvollen Gcsangsvortrag von Frl. Jenny Rapp; cs folgte eine stimmungsvolle Rezitation von Frl. Irma Weinberg, ein gefälliger Gcsangsvortrag von Herrn Eiseuberg und endlich eine tief empfundene und ergreifende Rezitation des Gedichtes „Ein Traum" von Boruchowitsch durch Frl. Cilly Rapp. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Sonntag, den 21. Dezember veranstaltete die Z i v n. i'ft ischeJugendgruppe eine äußerst stimnunigSvoll verlaufene Mokka b ä e r - F c i c r. Nach einer warmcmpfundeuen Begrüßungsansprache des Herrn Martin Feist und einem wirkungsvoll vorgetragcnen Bialisischen Prolog Akiba. Historische Erzählung von Friedrich Rott. <Fortsetzung>. Später als gewöhnlich erwachte Akiba. Rasch sprang er auf, badete Kopf und Hals und Arme in kaltem Wasser und vollendete seine einfache Toilette. Dann eilte er hinunter in den Garten, wo sein Herr um diese Zeit mit ihm zusammenzutreffen pflegte. Er kam noch gerade recht, um vorher die durstenden Pflanzen mit frischem Wasser zu laben. Kalba-Sabua unterhielt sich wie inuner freundlich mit seinem Lieblingsdiencr, aber Akiba war heute einsilbiger als sonst. Er inußte beständig an den Abstand denken, der den Diener von dem Herrn trennt. Gab's denn kein Mittel, diesen Abstand zu überbrücken? Mit freundlichem Kopfnicken begab sich Kalba- Sabua wieder in sein Haus, und Akiba machte sich an seine Arbeit, vor allem sich umzuschauen, ob er der holden Rahcl nicht wieder eine Freude bereiten könne. Doch da kam sic schon, frisch und rosig wie der junge Tag und rief ihm schon von weitem den Morgengruß zu, den er achtungsvoll erwiderte. Unwillkürlich mußte er seines Traumes der verwichenen Nacht gedenken. Ob sie wohl wieder anfangen würde von dem, was sie wünschte? „Grüß' Dich Gott, Akiba! Hast Dü mir wieder neues Schönes zu zeigen?" „Gewiß, kleine Herrin, schau nur dort die prachtvollen Lilien! Für Dich haben sie über Nacht ihre dustenden Kelche geössnet, und auch einige Rosen haben sich vollends entfaltet." „Wie schön! Unter Deiner Pflege sproßt und erblüht alles dreifach so reich und so schön, wie unter der Pflege anderer. Und ich weiß, wenn Du ineinen Wunsch erfüllen und Dich dem Studium des Gesetzes widmen würdest, daun — aber warum lächelst Tu?" „Weil Du schon wieder davon anfüngst." „Wie sollte ich cs nicht? — Ich habe seit unserer gestrigen Unterredung an nichts anderes gedacht. — Du freilich scheinst gar nicht wieder daran gedacht zu haben." „Du irrst, liebe Herrin, was Dü mir als Deinen sehnlichsten Wunsch bezeichnet hast, daran hätte ich nicht denken sollen? — Doch je mehr