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Neue jüdische Presse · 1911-12-29 · Heft 51 (29.12.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 51 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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51. Seite 3.;:*tt V' ich darüber gedacht Und gegrübelt habe, desto mehr hat sich meine Ueberzeugung gefestigt, daß Du Unmögliches verlangst, denn ich bin zu alt, viel zu alt!" Sie schüttelte den Kops. „Glaube.mir, Wba, ich kenne Dich besser, als Du Dich kennst. Dein Geist hat durch Dein Alter nichts von seiner Frische verloren; ich glaube vielmehr, daß Du von Jahr zu Jahr mehr wirst. — Wenigstens kommt es mir so vor," fügte sie errötend hinzu, „von Jahr zu Jahr erscheinst Du mir größer, herrlicher —" Er erwiderte nichts. Mt einem kaum merklichen Lächeln ans den Lippen, blickte er sinnend vor sich nieder. „Wenn Du es wenigstens versuchen wolltest — mir zu Liebe.-. ." „Dir zu Liebe — was möchte ich nicht Dir zu Liebe tun! — Aber, liebe kleine Herrin, ein armer Kerl wie ich muß arbeiten, sonst kann er verhungern." „Akiba, Du bist sehr stark, sehr geschickt und sehr anspruchslos. Selbst wenn Du den größten Teil Deiner Zeit dem Gcsetzesstudium widmen würdest, könntest Du so vielverdienen, wie Dil znm Leben gebrauchst." Er wiegte überlegend den Kopf. „Darin magst Du recht haben! Aber glaubst Du, daß Dein Vater auf diesen Vorschlag eingehen würde? — Auslachen würde er mich, würde mich einen Narren schelten. — Und hätte er nicht recht? In meinem Alter ohne jegliche Vorkenntnis ein solch schwieriges Studinm beginnen, — wer es hören würde, würde lachen." _ y „Das mag ja sein," versetzte sie nachsinnend, „die Menschen glauben, sie könnten jeden nach dem gleichen Maßstab benrteilen. — Aber Du, — wie Du die meisten an Körperlänge überragst, ebenso überragst Du alle an Geistesgröße. Und wenn Du auch noch so lange leben wirst, alt wirst Du nie werden. Dein Geist wird nur noch frischer, noch schärfer werden." . „Was Du nicht alles weißt!" entgegnete er lächelnd. Sie atmete schwer aus. Was nützt es, daß ich es weiß, wenn Du nichts davon wissen willst? — O, mein Gott, inein Gott, hilf du!" Sie warf sich auf eine Nasenbank, stützte die Arme auf die Knie und ließ ' das liebliche Köpfchen auf die Hände sinken. Schwere Seufzer entrangen sich ihrer Brust. Kopfschüttelnd blickte er auf sie nieder. „Wie kannst Du Dich deshalb so erregen! — Dir zu Gefallen möchte ich doch den Versuch machen, — aber Du siehst es selbst ein, es geht nicht." „Nichts sehe ich ein! — Du willst cs nicht, das ist's." „Du irrst, Herrin,' ich schwöre cs Dir! — Zeige mir nur einen Ausweg, und ich tue sofort, was Du wünschst." „Ich Dir einen Ausweg zeigen! — Du mußt nur wollen, so findest Du den Ausweg sofort. — Und Du würdest wollen, wenn Du die Sache auch nur halbwegs vonr richtigen Standpunkt aus betrachten würdest." „Du sprichst in Rätseln." „Es läßt sich nicht alles in einfachen Worten sagen. Mer, siehe, der richtige Standpunkt wäre, daß Du den Entschluß fassest. Dich dem Gesetzesstudium zu widmen, weil es jedem israelitischen Manne geboten ist, in dem Gottesgesetz zu forschen." „Herrin, Du weißt —" „Ich weiß, was Du sagen willst, daß ich nämlich diesen. einzig richtigen Standpunkt nicht von Dir erwarten darf, darum sprach ich auch nur von dem nur halbwegs richtigen Standpunkt." (Fortsetzung folgt.) Kalmou. Von Jacob ben Elieser, Offenbach. (Fortsetzung.) Diese Szene spielt sich in dem armseligen Dachstübchen fast jeden Morgen undjeden Abend ab. Kalinon ist nämlich in der Regel schon in aller Gottesfrühe auf den Beinen. Denn von seiner Kindheit au hat er cs sich zur Pflicht gemacht, pünktlich um 5 Uhr morgens sich' in der großen Synagoge einzusinden, um dort seine „Tehillim" zu lesen und das Gebet zu verrichten. Unmittelbar darauf begibt er sich in irgend eine buntbewegte Handelsgegend, wo er den ganzen Tag verbringt. Pie „süße Liebele und' die guten Engelchen" sind aber — vom Hunger geweckt — gleichfalls in aller Frühe in Bewegung. Und da läßt es sich keine dieser guten Seelen nehmen, dem für den ganzen Tag Scheidenden ein „Gut Glück" auf seinen Weg mitzugeben. Da — muß denn auch Kalmon die großen braunen Augen weit auftun und einmal tiefer in die traurig lächelnden, hageren und eingefallenen Gesichter blicken. Und — da ist cs um ihn geschehen! Da kann er der sich seiner bemächtigenden glühenden Gefühle nicht mehr Herr werden. Weit schlimmer ergeht es Kalmon am Wend, wenn er nach der oft vergeblichen Tagesmühc mit leeren Händen in das niedrige Dachstübchen eintritt. Seine „süße Liebele" kommt ihm dann Frankfurter Israelitisches FamilieMatl. mit feuchten Augen entgegen und schaut ihn ängstlich fragend an. Die „goldenen Kleinen" aber umringen ihn und greifen in seine Taschen und suchen hastig. Dabei rufen sie mit ihren dünnen Stimmchen ängstlich: „Papa, hast Du Brot gebracht? — Ja, ja der Papa hat Brot gebracht. Brot! . . . Brot! . . . Brot . . . Gib mir ein großes Stück Papa! ... — Mir das größte, Papa! ich bin sehr . . . sehr hungrig! ...-- O, o! . . . nein, nein! . . . Der Papa hat kein Brot gebracht. Gar Nichts hat er gebracht . . . nichts . . . nichts." Da — da steht Kalmon - Träger, der starke, heldenmütige Kalmon, „den: der liebe Gott die Kraft verliehen, Hunger und Not zu tragen," — da steht er nun völlig niedergeschlagen und weint und schluchzt wie ein kleines hilfloses und verzweifeltes Kind. — Und doch gibt cs Tage ini Jahre, an denen Kalmon - Träger selbst in seinem elenden Heim froh, sorglos und stolz getragenen Hauptes auftritt. Ganz wie einst — wie damals! Diese Tage sind nämlich die Sabbat- und Feiertage. An ihnen ziehen in das von Armut erschütterte Dachstübchen Licht und Freude, Sonne und Wärme ein und verscheuchen und verwischen jede Spur alltäglichen Elends. Denn Kalmon setzt alles daran, seinen Lieben an diesen Tagen „ein wahres Fest" zu machen: „Mag's donnern, mag's blitzen, mag's stürmen, mag's krachen!" sagt er, „ja, mag da kommen, was es will: das Nötige für Schabbos und Jomtvw — das muß Kalmvn- Träger haben! Um jeden Preis muß er's haben! Und wenn ich mich auch deswegen zum Knecht würde verkaufen müssen! — Am Schabbos und Jomtow müssen es die Meinigen gut haben!" Und — sie haben es auch an diesem Tage gut: Sie haben Brot zur Genüge und manchmal sogar noch etwas, wie Hering oder Rettich, dazu. Und daher läßt cs sich auch Kalmon an diesen Tagen recht wohl ergehen. III. Heute ist Chanukah. Und Chanukah ist — wie Kalmon weiß — auch ein Jointow! „Ja, ein großer, erhabener Jomtow!" Und Kalmon - Träger liebt und respektiert ihn, diesen „Chanukah - Jomtow!" Sein Herz schmilzt vor Freude, wenn er im Geiste die ganze schöne Chanukah-Geschichte durchlebt und sich die mutigen Feldzüge der Juden, die imgeheuren Heldentaten der Makkabäer in allen Einzelheiten vor Augen führt. Und mit Entzücken und Exstase ruft er dann ein über das andere Mal aus: „Bei Gott! Es ist eine Lust, eine Ehre, ein Jude zu sein! Und — Chanukah — oh —, das ist ein wunderherrlicher, ja der herrlichste Jomtow!!" Aber — Chanukah ist im Monat Kislew. Der Monat Kislew ist wiederum .im Winter. Und — im Winter ist cs kalt. . . Und in Rußland, wo Kalmou - Träger lebt, ist cs sehr, sehr kalt. Und daher bereitet das liebe Chanukahfest unserem armen Kalmon gar schwere Sorgen. Denn — wenn es kalt ist, mutz einer wohl Kohlen und Holz und Petroleum und einen ganzen Rock und ganze Hosen und ganze Schuhe haben. Und das für sich, für sein Weib und für jedes seiner Kinder. Und Kalmon? Kalmon hat fast nichts von alledem. Und daher kommt es auch, datz seine „süße Liebele" und die „teuren Engelchen" den ganzen Winter hindurch husten und kränkeln. Kalmon muß nun halbe, ja oft auch ganze Tage an dem Krankenlager seiner Liebsten verbringen, unk sie zu pflegen, d. h. ihnen — da er sonst ihnen nichts zu geben hat — unzählige Male im Namen des lieben Gottes Linderung und bessere Zeiten zu versprechen. — Ta kann Kalmon nur sehr wenig arbeiten, und seine Einnahmen sind daher im Winter erbärmlich klein und seine Not — wie das Meer groß. . . In den Werktagen jedoch merkt es Kalmon kaum. In diesen einfachen Tagen ist es ja auch im Sommer nicht besser ... In diesen muß man einmal hungern!! Aber am Sabbat?! Und — erst am Chanukah?! Au diesem „schönen, herrlichen Jonitow?!" Kalmons Herz Ivill zerspringen beim Gedanken, daß es ihm je unmöglich sein sollte, seinen Lieben an diesem schönen Fest einen „guten Tag zu machen." — Heute jedoch war das Schicksal unserem Kalmon ungewöhnlich hold: Kaum daß er das Bethaus verlassen — und die Straße betrat, da kam ihm plötzlich — wie aus dem Himmel! — ein unbekannter Mann — yhne Zweifel „Eliahu-hanowie! entgegen und bereitete ihm einen ungeheuren Verdienst: Fünfundzwanzig Kopeken! _(Fortsetzung folgt.)_ flDTIKJ- *• Ml. Inh. P. tlaiitoej, J J Ecke N-ua Malnzerstr.u. Welssfrauenslr. 11. Elektr. Kleinbaleuchtung. Taschenlampen. Schlafzimmer-Einrichtungen tettenfabrikation, Bett-W äsche, Bleidenstrasse 10. PlattfUSS andereif 5ll8880tlM8I'2SN verschwinden in unseren patentanitl. gesell. Angül-usstiefel:_: (individuelle Anfertigung). Eberhard Müller 8 Söhne, Bet^0""^48 Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem I-osob.) Samstag» den 30. Dezember (—9. Tewes): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 25 Min. in Berlin 4 Uhr 50 Min. Wochenabschnitt: Wajigasch. — Juda bietet sich für Binjanrin als Sklave an. Nun kann Josef sich nicht mehr enthalten, er gibt sich zu erkennen. Bestürzung, Weinen, Umarmung und Küssen. — Mit reichen Geschenken ziehen die Brüder heim, dem bekümmerten Vater die glückliche Botschaft zu bringen. Sie sollten ihn mit nach Aegypten nehmen. Jakob bleibt erst kalt und sprachlos. Die Erzählung der Brüder, der Anblick der königlichen Wagen wirken jedoch überzeugend. Jakob zieht nach Aegypten, opfert an der Landesgrenze und bekommt die göttliche Zusicherung, dereinst wieder nach Kanaan gebracht und dort begraben zu werden. — Josef fährt entgegen. Unterwegs trifft er den Vater. Lange umarmen sie sich und weinen. Die ganze Familie wohnt nun im Lande Gosen. Fünf Brüder stellt Josef dem Könige vor. Als Hirten dürfen sie im Lande wohnen. Auch Jakob hat eine Audienz bei Pharao. Er wird nach seinem Alter gefragt imd nennt sein Leben ein kurzes, leiderfülltes. Er segnet Pharao. — Die Hungersnot dauert fort. Josef versorgt die Seinigen mit Brot. Die Aegypter verbrauchen ihr Geld zum Getreidekauf, dann ihre Herden, endlich ihren Bodenbesitz. Sie vermieteten sich schließlich selbst, um nur Nahrung zu erhalten. Josef bringt alles in Pharaos Besitz. — Die Sidra bringt auch einen Stammbaum der Jakobsfamilie. Sonntag ist Assoro-betewes — 10. Tewes. An diesem Tage — ungefähr 600 Jahre vor 1 — begann die Belagerung Jerusalems durch den babylonischen König Nebuchadnezar. Damit fing unser Fall an! — Es werden Selichaus gebetet, in der Schemauno-Esrei Aneinu eingeschaltet, endlich Wajechal aus der Thora vorgelesen. Wo zu Mincho 10 Fastende anwesend, wird selbstrendend auch zu Mincho dieser Wschnitt verlesen. ' Offenbacbtr Druckluft-Anlage Telefon 123. Offenbash a. H. Telefon 133. Unübertroffene bewährteste Tappichrstlll(|ail0. Damen-Taghemden u. Beinkleider Nachthemden, Nachtjachen Unterröche — Solide erstklassige Fabrikate Heuer cfc Solioen Rossmarkt 1. Kunst «uv Literatur. Im Neuen Theater, Frankfurts vornehmer Westendbühne, gingen Samstag Wend drei Einakter über die Bretter, von denen der eine jüdisches Interesse beansprucht. Es ist das des genialen englischen Dichters Oskar Wilde „Eine florentinische Tragödie". Hier hat Wilde in Sprache und Gedankenwerk Shakespeare nachempfinden und in seinem Simone einen zweiten Shylock schaffen wollen. Ein Jude, der seine große Intelligenz notgedrungen auf den Gelderwerb konzentriert und dem dennoch das Geld nur solange das Höchste ist, als es nicht seine Menschenwürde nnd das Recht gilt. Baute Chronik. Morgan Schuster. Der persische Finanzminister, Morgan Schuster, dessen Wsetzung Rußland jetzt erreicht hat, ist erst 34 Jahre alt. Er begann seine Laufbahn als Stenograph bei dem Kriegsdepartement in Washington und wurde infolge seiner hervorragenden Fähigkeiten bereits im Alter von 21 Jahren der Cuba-Kommission zugeteilt. Nachdem diese die Räumung Cubas von den Spaniern bewerkstelligt hatte, blieb er als oberster Zollbeamter zurück. Nach drei Jahren erfolgte seine Ernennung zum obersten Beamten für das Hasenwesen der Philippinen. Auf den Philippinen, wo er fünf Jahre blieb, übernahm er auch das Unterrichtswesen. Dann ließ er sich als Advokat in Washington nieder, bis ihn die persische Regierung als ihren Finanzminister berief. Gleich bei seiner Ankunft in Persien stieß er mit Iren Russen zusammen. Er verbot der Bank der Regierung, irgend einen Regierungsscheck auszuzahlen, der seine Unterschrift nicht trüge. Rußland wollte sich dies, nicht gefallen lassen, aber Schuster blieb Siegers

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