Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 51 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Isrartkfrtrter ffroclitifdirs fanilirnlilatl. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis vro Vierteljahr: In Frank« furt a. M. Mk. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Frankfurt a. m.. %ettfou 10507. ^sr<msgeber: Haltz ^eis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.... . 25 9fg. Die Reklamrzeile. . 100 .. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4884. 8. ...... ■ Freitag, den 8. Tewes 5673 <29. Dezember JAUl) Xr. 51. 9. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Bom philosophischen Gehalte der Bibel. — Aus aller Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Akiba; Kalmon. — Kunst und Literatur. - Bunte Chronik. — Familiennachrichten. Bom philosophischen Gehalte der Bibel. Wenn vom philosophischen Gehalte der Bibel in diesen! Zusammenhänge gesprochen werden soll, so kann keineswegs darunter ein systematisches Gefüge von Vorstellungen verstanden werden, die sich auf wenige sestgclegte Grundelementc zurückfiihren ließen, sondern wir meinen darunter eine gewisse philosophische Unterst römung, die die im Unbewußten steckenden? Wurzeln einer Lebensanschauung mit ihren Säften nähren; und daß die Gedankengänge der jüdischen Weisen von einer derartigen Unterströniung getragen tvurden, davon legen zahlreiche Aeußerungen in den vorzugsweise didaktischen Teilen der Bibel ein deutliches Zeugnis ab. Bedenkt man, daß dem jüdischen Denken die ganze Problematik 'des Daseins sich aus einen ausschließlich moralischen Ausdruck znspitzte, daß Sinn und Bedeutung des universellen Geschehens sich ihm in einer ethischen Rechtfertigung des Menschendaseins konzentrierte, daß die Diskrepanz zivischen der göttlichen Gerechtigkeit und der irdischen Unvollkommenheit, das jüdische Fühlen beherrschend, nach einer innerlichen Lösung drängte, so wird man ohne Mühe begreifen können, daß eine Art philosophischer Zurechtlegung der Frage ihm zu einer dringenden Angelegenheit werden mußte. Sehen wir vorläufig von den tiefgreifenden Disserenzen ab, die zwischen dem jüdischen Denken nnd dem der heidnischen Umgebung eine wahrhaft unüberbrückbare Kluft legen, so werden wir doch nicht umhin können, zu konstatieren, daß die Anschauungen des biblischen Judentums mit denen der heidnischen Antike sich doch in einem einzigen wesentlichen Punkte enge berühren, und das ist die durchgängig aus das Immanente gerichtete Gemütsveranlagung, die alle denkbaren Potenzierungen und Steigerungen des Lebens iviederum in erster Linie in diesem Leben zu vergipfeln vermag. Die Betonung der eigentlichen transcedenten Welt ist die Eigenart des tieferen Orient; der vordere Orient dagegen, und besonders die Küsten des Mittelmeers, verlegen den Schwerpunkt ihrer Weltbetrachtnng aus die Realität des irdisch en D aseins. Was den Gedanken der T r a n s c e d e n z anbetrifft, so bleibt es freilich eine offene Frage, ob er ganz unabhängig von ethischen Nebenwirkungen einer selbständigen Einsicht entsprungen ist, oder ob nicht vielmehr gewisse Forderungen des Gemüts chn ins geistige Leben gerufen haben. Daß die letztere Annahme nicht ganz unwahrscheinlich ist, das können wir noch an Kant beobachten, der bei all der Rigorosität und Aussichgestelltheit seiner ethischen Maximen es doch schließlich nicht unterlassen konnte, die linsterblichkeit zu postulieren, uM der im Diesseits verletzten Tugend einen Lohn im Jenseits zu sichern. Danach tväre also die Transcedenz eine Hypothese mehr, die der menschliche Geist naturgemäß aus seinem Inneren erzeugt, um die sich ihm darbietenden Widersprüche der Erfahrung lcs zu werden: wenn ihm seine innere Erfahrung von einen! höchsten und allgerechten Wesen spricht, die äußere dagegen auf Schritt und Tritt Ungerechtigkeiten aufweist, so bleibt ihm wahrlich kein anderer Ausweg übrig, als ein anderes Leben anzunehmen, wo das gekrümmte Recht wieder hergestellt würde. Wie stellt sich aber das jüdische Denken der biblischen Epoche zu dieser Frage, dieses ganz im Immanenten sich beivegende Denken, das doch dabei von moralischen Tendenzen durchtränkt ist'? Machen wir aber zunächst eine kleine Schwenkung nach Griechenland. Eine Parallele mit Hellas wärej hier geraoe am Platze. Tie Periode, wo die jüdischen Propheten ihre geistige Tätigkeit entfalteten, fällt ungefähr in diejenige Epoche hinein, wo das griechische Denken bereits von der Befangenheit in -er Betrachtung der äußeren Natur sich völlig emanzipierte und sein philosophischer Blick sich dem menschlichen Innenleben zuwendete. S o c r a t e s, der ungefähr um 500 v. Ehr. lebte und wirkte, stellt bereits den Typus eines vollendeten Weisen dar, dem' der Sinn des Menschenlebens mehr als die Erkenntnis seiner natürlichen ilingebung gilt; in der Erforschung der menschlichen Vorstellungen sah er lediglich die Mittel und Wege, wie man zu einer allgemeinen Lebenslehre gelangen könnte, und indem er Tugend und Wissen identifizierte, verankerte er in dieser Lebenslehre allen Sinn nnd alle Bedeutung jeder richtigen menschlichen Erkenntnis. Danach ivürde also ein tugendhafter Lebenswandel aus einer richtigen Einsicht in die menschliche Natur mit Notwendigkeit folgen, nnd wäre somit ein schlechtes Handeln ausschließlich in einer Verkennung dieser selben Narur begründet. Aber näher als So erat es interessiert uns hier sein Nachfolger Eukleidos, der Begründer der m eg arischen Schule, der ungefähr um 300 v. Ehr. lebte, und der die eleatische Metaphysik mit der socratischen Tugendlehre zu einem einheitlichen Ganzen zu verschmelzen suchte. Sein Gedankengang könnte annähern- Üermaßen folgender Weise charakterisiert werden: alles richtige Wissen, wie Socrates bereits lehrte, schließe notwendig die Tugend in sich ein; alle Untugend gehe somit aus einem Nichtwissen hervor; jedes Nichtwissen stelle aber anderseits nicht etwas Positives, sondern lediglich einen Mangel an etwas, also eigentlich ein Nichtseiendes dar, und somit wäre die Nicht-Tugend mit einem Nichtsein gleichbedeutend. Da jede Untugend diesermaßen sich als ein Nichtseiendes herausstellt, so kann sie auch keine wahre Beftiedigung dem menschlichen Gemüte gewähren, und das Glück, das sich ein Mensch von einer schlechten Handlung verspricht, muß, bei näherem Zusehen, wie eine Seifenblase zerrinnen. Behalten rvir für einen Moment dieses merkwürdige Ergebnis der griechischen Spekulation, und kehren wir zu unseren biblischen Schriften zurück. Es sind vorzugsweise die didaktischen Schriften der Bibel, die wir hier im Auge haben, vor allem aber das 'Buch Hiob, zu dem sich die Sprüche Salomons uno manche der Pfalmen gesellen. Das Buch Hiob beüeutet, im Grunde genommen, eine rein philosophische Problemstellung. Es wird hierin von einem Jndividuuni erzählt, das vom höchsten Gipfel des einen! Menschenkinde zugänglichen Glückes in den düstersten 'Abgrund des irdischen Elends gestürzt wird, und es ftagt sich dabei, wie würde sich ein derartig heimgesuchtes Individuum benehmen, und was man ans seine Anklagen antworten könne. Diese möglichen 'Antworten iverden durch die Gespräche der drei Freunde repräsentiert. Es wäre überflüssig, ihre Reden hier anzuführen; für uns kommt es hier vielmehr auf die Ergebnisse ihrer Betrachtungen an, und diese können sämtlich zu einem einzigen Satze zugespitzt werden: Das Glück des Ungerechten sei eitel Trug und Schein, die einzige Glückseligkeit, die Bestand haben könne, sei die des Gerechten. Stellen wir mit dieser Behauptung die in den 2 p r ü - ch e n niedergelegten Geoantengänge in Vergleich, so finden wir zwischen den beiden Anschanungsweisen eine vollständige Harmonie. Tenn in all den Sprüchen Salomons zieht sich der eine Gedanke hindurch, der Gedanke von der Unbeständigkeit des ungerechten Glückes und der Festigkeit und Sicherheit der Gerechten. Aehnliches bezeugen manche von oen Psalmen, in denen das Problem gestreift wird. Und überhaupt, überall da, wo in der Bibel die Frage von Gut und Böse berührt wird, tritt uns dieser Gedanke entgegen. Vergegenwärtigen wir uns nun die obigen Aussagen der griechischen Denker, so loird sich eine merkwürdige Uebereinstimmung unserer Aufmerksamkeit unmöglich entziehen können. Was ist es für ein Gedanke nnd worin besteht seine Kraft? Er ist viel tiefer, als es auf den ersten Blick scheinen mag, und wenn man chn auf einen etwas moderneren Ausdruck bringen soll, so wird er sich uns als die Einheit der psychischen Substanz darstcllen, als deren Ausgestaltungen sich die einzelnen individuellen Psychen erweisen: Weil die einzelnen menschlichen Psychen in einer allgemeinen psychischen Substanz wurzeln, weil jeder einzelne persönliche Wille in einem allgemeinen menschlichen Willen verankert ist, kann die persönliche Seelenruhe eines jeden Einzelnen nur durch die stillschweigende Bestätigung seiner Nebenmenschen verbürgt und gesichert werden. Sobald aber der Individualwflle einer Einzelperson durch, den seines Neben-