Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 50 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches FannlieMatt. Nr. 50. aus moralischer Einsicht irnd sittlicher Pjticht. Davon zeugt dieses letzte Kapitel, zeuge» die warmen Worte, die er zur Verurteilung des Antisemitismus findet, den er als „eine Sünde, als eine faulende Mistjauchc, als den «ekligsten und giftigsten Schmutz" bezeichnet, „der die Galle des Hasses, den Speichel der Äbsucht, das Lächeln des Verräters, der Trunkenheit, der Vergewaltigung, der Brandstiftung und alles, was nur die dunklen Tiefen einer menschlichen Leidenschaft bergen konnte, enthält. — Die ganze Wärme Tolstoischer Menschenliebe, die ganze Kraft seines Pathos, die ganze Wucht seiner Leidenschaftlichkeit liegt in diesem Kapitel über den Antisemitismus: Das Urteil Wer die Stellung Tolstois zu uns Juden ist das gleiche wie Wer Tolstoi überhaupt; ein Mensch, der das größte unbewußt gewollt, aber in den Mitteln viel Falsches gepredigt hat, der in seinem Fühlen edel wie kein anderer war, aber in seinem Denken vieles unverstanden hat, der in vielem zu kritisieren, in verschiedenem abzulehnen, in manchem anzugreifen ist, im ganzen aber als Dichter zu bewundern, als Philosoph zu achten, als Mensch — und das ist das Wichtigste — zu lieben ist. Er hat vieles in der Judenfrage falsch! pufgefaßt, vieles unverstanden, den großen Willen, sie zu lösen, den Leiden unseres Volkes ein Ende zu bereiten, ,'hat er besessen. Dies kann man nicht von vielen seiner Zeit sagen. Ehren und lieben wir ihn darum ganz besonders! Dr. N. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. W'e wenig ein segensreiches Wirken, ein vollwertiges Leben von irdischen Glücksgütern abhängig ist, bewies ein Mann, der dieser Tage hier im Alter von 72 Jahren ins Jenseits abberufen wurde. Jakob Gandersheim, seit 57 Jahren^ ein Angestellter des Bankhauses I. I. Weiller Sohne, wußte seine berufliche Tätigkeit mit Thoralernen und wahrhaft frommem Wirken zu einem harmonischen Ganzen zu vereinigen. Wenn es galt, eine Mizwah auszuWen, einem Acincn zu helfen, tat er es trotz seiner bescheidenen Mttel stets mit Freude, — und so erwarb er sich denn bei allen, die ihn kannten, den Ruf eines Zaddiks. M. P a p p e u h c i m. Berlin. Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee wurde nach einem glänzenden Vortrage im Luisenstädtischeu Bezirksvereine die Kandidatur im 3. Berliner Reichstagswahlkrcisc angetragen, er lehnte je doch ab. Berlin. Im 65. Lebensjahre verschied der Lustspieldichter und Romanschriftsteller Hugo Lubliner. Breslau. Nach kurzer Krankheit verschied im Alter von 55 Jahren Justizrat Isidor Ollen d o r f, Repräsendant der jüdischen Gemeinde. WoUeudüttel. Professor Dr. Tach au erhielt das braunschweigische Ritterkreuz 2. Klasse Würzburg Das Luitpoldmuseum hat die Synagoge in Kirchheim für 3500 ,M. angetanst. Vorläufig werden die Fenster der Synagoge nach hier gebracht. Breslau. Stadtverordneter Maurermeister Louis Ehrlich feierte den 80. - G e b n r t s t a g. Darwftadt. In der vorigen Woche starb Frau Rebecka Strauß, die Witwe des vor einigen Jahren verschiedenen Herrn Samuel Strauß s. A In der Verblichenen betrauert die hiesige Jsr Religronsgesellschast nicht nur ihr ältestes weibliches Mitglied, sondern auch eine durch reiche Herzenstugenden ausgezeichnete Frau. Im Verein mit ihrem gleichgesinnten Gatten gründete sie ein Familienleben, das, getragen von der innigsten Liebe aller Glieder, eine Stätte lauterster Frömmigkeit, reichlich geübter Wohltätigkeit und eisernen Fleißes bildete. Maiuz. Mit dem im 52. Lebensjahre verschiedenen Justizrat Dr. Max Lob verliert die jüdische Gemeinde eines ihrer besten Mitglieder. L. hatte ein lebhaftes jWisches Interesse, gehörte dem Vorstande der Gemeinde an und betätigte sich in verschiedenen jüdischen Organisationen. Er war nicht nur infolge seiner Tätigkeit als Anwalt, sondern auch infolge seines regen Wohltätigkeitssinnes 'in der gesamten Bevölkerung sehr geschätzt. Stuttgart- Geh Kommerzienrat Alexander von Pflaum, Mitglied der Israel. Obcrkirchenbehördc, ist verschieden. .-t München. Dr. ing. Max Schob! wurde zum Leutnant d e.r Reserve befördert. ' Nürnberg. Bei den in den letzten Wochen überall in Bayern stattgehabten Gemeinde- Wahlen sind auch zahlreiche Juden gewählt worden. Wir verzeichnen u. a. Max Hopfenmei^-»-in Erlangen — Arnold Ullmann und Benno Jsner' in Burghaslach — Gustav Sämann in U l l st a d t — Max Landecker in Neumarkt (Oberpfalz) — isräel. Gemeindevorsteher Weinberg in Marktbreit. . (L> Posea. In Berlin verschied nn «0. Lebensjahre der aus Schrimm gebürtige Rabbiner B. Fr red mann und in Neustadl (Pinne) der Kaufmann Max Cohn, Borsteher der jüdischen Gemeinde. Weilburg. Holrat Hermann Herz, Bankier des fürstlichen Hauses Solms-Braunsels, erhielt den Roten Adlerordcn 4. Klasse. . Wie«. Am 19. d. Mts. veaing Abraham Epstein, ein hervorragender Bibliophile auf dem Gebiete der jüdischeil Literatur, seinen 70. Geburtstag. Budapest. Dr. Dcslderius Markus ist zum Richter an der tünigl. Kurie, dem höchsten Gerichtshöfe, ernannt worden. zZj"-Krakau «Gulizienj. Die jüdische Bevölkerung Galiziens betrug 1890: 11,60°/ö, 1900: ll,Oo/o und 1910: 10,90 °/o der Gesamtbcvölkcrung. Loudou. Die Nord-London-Betv-Hamid r a s ch - G e m e i n b c — Rabbiner: Schönfeld, Präsident: Julius Lunzer — hat ihre in der Green Lancs 176 errichtete Synagoge ein geweiht. Philadelphia (Amerika). Vom 12. bis 19 Dez. tagt hier die sechste der dreijährlich stattfindendc» Hauptversammlungen der Organisation jüdischer F r a n c n (Tonncil os Jewish Womcn). Aus de« Vereine«. Frankfurt a. M. Die Chanukakeier des „Mo nt es io re" -Vereins hatte 1600 Menschen nach dem Kaufniännischen Vereinshause geführt. Das Programm war wie stets ein in künstlerischer Hinsicht erstklassiges. Die Festrede hielt der warme Freund und Förderer des „Montefiore", Professor Dr. I. Hülsen, der. als Künstler besonders der Kunst seine Worte weihte; dabei betonend, das; die Kunst nicht alles ersetzen könne, das Höchste vielmehr die Religion sei. Nun 'setzte Frl.. Lotte Hcgyesi mit einem wundervollen Cello-Vortrag ein, ihr folgte Fräulein Frieda Cornelius vom Opernhaus mit ihrer klangvollen, sympathischen, durch außergewöhnliche Höhe auffallenden Altstimme, Oberregisseur Dr. .Max Alberty vom Neuen Theater als Rezitator und Robert Hntt vom Opernhaus, dem — nicht mit Unrecht — nachgcrnhmt wird, Caruso nahe zu kommen. Sämtliche Künstler traten mehrere Male auf und ernteten stürmischen Beifall. Die Klavierbegleitung lag bei Fräulein Ella Cah» und Frau Erncsta Hutt-Del sarta in besten Händen. Nach einer halbstündigen Pause begann der zweite Teil, den das vom „Montcfiore"-Verein preisgekrönte Festspiel „Alexander der Große vor Jerusalem" ausfüllte. Das Ensemble des Neuen Theaters spielte. Der Autor des Stückes — ein Pseudonym — hat cs nicht vermocht, etwas Einheitliches zu schaffen, die Personen der beiden Äegyptcr stören, auch müßte der Hohepriester imponierender sein, —„trotzdem ist das Stück auf dem so armen Gebiete von Einaktern mit jüdischem Stof; eine erfreuliche Neuerscheinung. Mit einem Ball fand die Chauukafeicr des Montefiore, als der Morgen nahte, ihren Abschluß Frankfurt a. M. Im „Montefiore"- Wcrcin finden seit 3 Wochen jeweils am Dienstag Abend um 9 Uhr Besprechnn gen über jüdische Weltanschauungs Probleme statt, die regelmäßig durch, ein Referat des Herrn Dr. B. M a y eingeleitet und in den Richtlinien festgelegt werden. Ein lebhaft interessierter Kreis von jungen Damen und Herren hat sich zu diesen Abenden zusammengesunden, der aber bedauerlicherweise verhältnismäßig klein geblieben ist. Kommt dieser Umstand auch der Ungezwungenheit und ■ Ergiebigkeit der Aussprache zugute, so gibt es doch andererseits dem Pädagogen und zumal dem Freunde einer ernsten, reifen jüdischen Jungmannschaft zu trüben Gedarrten Anlaß. Scheint doch die mangelhafte Beteiligung der reiferen jüdischen Jugend an folchcn gründlichen, ln die Tiefe gehenden Besprechungen denen Recht zu geben, die der heutigen Jugend nur Freude an sensationellen Fragen des Tages und der Mode und so eine gewisse Oberflächlichkeit zusprechen und sic der Lustlosigkeit zu ticfergriindenden Erwägungcii zeihen. Die Teilnehmer an dem Cyklus im „Montefiore werden jedenfalls reichen Gewinn für ihre Persönlich keit davontragen, ihr Gesichtsfeld weiien, ihre Kenntnis von der Mischen Gedankenwelt mehren. Herr Dr. May versteht es, in fesselnder Form, jedem verständlich und doch streng wissenschaftlich zu zeigen, wie sich die Weltordnung in den Köpfen der führenden Geister der Kulturgeschichte malte, wie große Denker, insbesondere Wer den Begriff des Moralischen, von „gut und böse" in der Welt philosophierten. Nachdem zunächst Spencers Nützlichkeits-Prinzip als Maßstab für das Guü oder Böse dargelegt und kritisiert worden, drehte sich an den beiden verflossenen Abenden'die.sehr rege Aussprache um Nietzsches Umwertung t>e'r-herkömmlichen Moral, seinen Kampf gegen den von den Juden in Szene gesetzten.„xSklavenanfstand in der Moral", um seiye» hohe Wertung des Aesthetischen als adelndM Moment. Hierbei wurde auch das interessante Problem erörtert, ob die Er ziehung nur anf der Basis der Aestheti (der Kunst)) möglich sei, ob eine souhe nicht schwdrc^Konflikte des Einzelmenschen mit der , amtheit zeitigen müsse. Im Zusammenhänge mit - liefen Fragen soll nächstes Mal ein Aussatz Schillers besprochen werden und hierdurch logisch der Uebergang zur Betrachtung der idealistischen Weltanchauung eines Schiller, Kant und — des Jndentnms geschaffen werden. Wer Lust zu einem beglückenden Fluge in erhabene Geistes-Sphären hat, wird auch an den nächsten Abenden des Cyklus noch willkommen sein. Die nächste Besprechung findet ausnahmsweise nicht am Dienstag, sondern erst Donnerstag 28. ' Dezember statt-' Frankfurt a. M. Der Verein „Nachlaß Z w i" hatte seine Freunde und Freundinnen, wie alljährlich, zu einer Chanukafeier geladen. Den Mittelpunkt der Veranstaltung bildete der von Begeisterung sür das orthodoxe Judentum getragene Fe st v o r t r a g des Herrn Leo M n n k - Cöln. Der Redner baute seinen Vortrag auf einen Midrasch zu Bercischis Kap 2, Vers 10—14 auf, welcher Midrasch von vier Golus-Perioden spricht, der babylonischen, der persischen, der griechischen und der edomitischen. Musikalische Borträge (Mathilde Oppenheimer, Sitta Goitein, Bella Mayer) gingen voraus und solgtcn. Außerdem wurde in Lichtbildern Szenen aus dem jüdischen Familienleben gezeigt, die von Versen der Dichterin Rosa Meyer (gesprochen von Tilly Frankcnthal und Johanna R o s e n b a u m) und auf dem Klavier begleitet wurde». Frankfurt a. M. Der soeben erschienene 29. Jahresbericht des Israelitischen Hülfsv er eins (Vorsitzender: Lucien Picard) konstatiert, daß die Verarmung der Juden auf dem Lande ständig znnimmt — Ein- und Verkaufsgcnossenschaften, Viehseuchen, Antisemitismus eien zum großen Teil schuld daran —, und das; damit die Aufgaben des Hilfsvereins ständig wachsen. Trotzdem beträgt die Zahl der Mitglieder des Hilssvereins nur 750 bei 8000 jüdischen Steuerzahlern in Frankfurt und hat sich der Betrag der Spende» im letzten Jahre um 5000 JL vermindert. Die Zahl der Durchreisenden ist infolge der Zentralisation der Wanderarmenfürsorge wieder stark zurückgegangen; der Hilfsverein verabfolgte 1924 Personen i. Sa. 7052 Jk, während er in seinem 27. Geschäftsjahre für 3132 Personen 11380 Jf. ausgewendet hat. Berlin. Das Mädchenhaus Pankow hatte in seinem letzten Berichtsjahre durchschnittlich 40 Zöglinge, die einen Aufwand von 429 Mark pro Kopf und Jahr erforderten. Die Zöglinge werden in allen Dieiiftleistungen des Haushaltes unterrichtet, müssen ihre Kleidung selbst anfertigen und in Ordnung halten und — int geringen Umfange — für fremde Haushalte waschen und plätten. — Die jüngste Generalversammlung des Vereins, der das Mädchenhaus unterhält, wählte wiederum Frau Landgcrichtsrat Löwe zur Vorsitzenden und Kommerzienrat E i s n e r, Direktor Grnnwald und Direktor May zu weiteren Mitgliedern des Vorstandes. Berlin. Neuer Jüdischer Gemeindeverein (Bezirk „Rosenihaler Vorstadt-Gesundbrunnen"). — Wir hatten am Montag einen wunderschöne» Unterhaltungsabend. Frl. Sega l l' s Geigenspiel,' die Rezitationen Friedländer's und Amolski, Joses Rosenb l ü t h 'S humoristische Vorträge, die wundervollen Gcsangsvorträge Kantors C a n t e r und Frau D o - risFriedländer nstv. hielten die Teilnehmer biS in die frühen Morgenstunden zusannnen. Der Abend wurde mit einem prächtigen Vortrage Rabbiners Höxter über „Soziale Gleichheit in Bibel und Talmud" eröffnet und 'mit einer zündenden Ansprache Rechtsanwalts Dr. Klee, des Vorsitzenden des R. I. G.-V., geschlossen. (L.i Posen. Das vor 7 Jahren errichtete Israel. Mädchen hei m steht vor der Frage einer wesentlichen Erweiterung. Da das Vereinsvermögen aus 47 000 JL angewachsen ist, so dürfte diese Frage in Bälde ihre Erledigung finden. Rabb. Pros. Dr. Bloch beendigte seinen erste» Vortragszyklus aus der jüdischen Geschichte (Die Zeit der letzten Propheten). Auf zuru«‘lcgesetzta Briefpapiere in Cassetten gewähre bis Weihnachten 20°!o Rabatt. Papeterie H. Oppenheim ....Frankfurt am Hain 1 Börsenplatz ly Ecke Schillerstrasse vis-a-vis der Börse. Telephon Amif I, No. 2005. Gegr. 1864.