Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 50 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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zu Nr. 50 des Frankfurter IsraekMeu Famikeuksullks. Aemter verpflichten. Ilosigkeit schuldig! Ihnen gilt der Mahnruf, als , . „ I ehrliche Männer mit ihren Aemtern auch deren „Rentier Müller wurde M» Gymnasial-) Verpflichtungen zu übernehmen. .l direktor ernannt." — haben -oie schon einmal , i eine derartige Zeitungsnotiz gelesen? Ich glaube, — nicht einmal zur Kreppelzeit. Und warum nicht? Nun eben, weil niemand in Staat und Gemeinde so wahnwitzig sein wird, den sehr ehrenwerten Rentier Müller, der seit seinen: Einjährigen-Examen sich nur mit der Wissenschaft des Kaufmannsberufes befaßt hat, zu einem Amte zu berufen, zu dem es ihm an allen Voraussetzungen mangelt. Und trotzdem ist das Unmögliche möglich und zwar im Deutschen Reiche. Doch nicht bei der mecklenburgischen Regierung; auch nicht dort, wo der ostelbische Junker noch unumschränkter Herrscher ist, — sondern im Bereiche der gemeinhin als intelligenteste Bürger Geltende::, im Bereiche der Judenheit. So nämlich der Rentier Müller zufälligerweise als Jude geboren ist, genügen die zwei Religionsstunden wöchentlich! während seiner Schulzeit, damit er fähig sei, an. die Spitze ocr größten jüdischen Gemeinwesen zu treten und so zum Entscheide! jüdischer Fragen der verschiedensten Art und oft der schwierigsten Lösung zu werden. Was aber das Eigentümlichste ist: der aus solcher Grundlage zum Amte Erkorene einpsindet das Widersinnige seiner Stellung nicht einmal; er nimmt sich daher auch nicht die ge ringste Mühe, seine Unwissenheit in Sachen Judentum nur einigermaßen auszubessern. Wer die Borträge in den jüdischen Vereinen besucht, der wird dort gerade die vermissen, die sich berufen fühlen, die Geschicke kleinerer oder größerer Teile der Judenheit zu lenken. Und wenn ihm zufällig ein Blick in den Bücherschrank dieser Herren vergönnt ist, dann wird er :mtcr all' den Neuerscheinungen der Literatur, für die ja die Juden die ersten Käufer sind; von den zahlreiche» wertvollen Gaben der jüdischen Lite ratur meist nichts, aber auch nichts entdecken. Und da wird — bei einer solchen Auffas sung der führenden Persönlichkeiten von ihren jüdischen Pflichten — geklagt, daß Mischehen und Taufen fortgesetzt weiter wuchern. Würden die Herren sich nur einnral dessen klar werden, daß diese Abfallserscheinungcn sich in gleichem Maße in den Kreisen zeigen, auf die sic familiären oder gesellschaftlichen Einfluß haben, — dann würde sich ihr Blick der eigenen Wirksamkeit kritisch zuwenden. Unabhängig von ihrer besonderen religiösen Anschauung sollten doch alle irgendwie auf jü bischen Interessengebieten führenden Persönlich leiten von einem gemeinsamen Willen getragen werden, von dem Willen, ihr — mit seltenen Ausnahmen! — höchst oberflächliches jüdisches Wissen ständig zu vertiefen, um so der selbstverständlichen Voraussetzung zu ihrer Stellung allmählich gerecht zu werden. Daß das nicht geschieht, daran hat nur. ein kleines Mißverständnis schuld. Tie Herren fassen ihre Stellung als Finanz- und nicht als Kultusminister auf. Als Finanzministeriun: carf wohl die Vorstandschaft philanthropischer Institutionen betrachtet werden, nicht aber die Leitung der Gemeinde mit ihren Synagoge::, Schulen und Vereinen oder die Leitung kulturell bedeutungsvoller Vereine und Orgamsationen. Selbst die weitgehendste Nichtbeobachtung jüd. Gesetzes und jüdischer Sitte läßt sich aus Erziehung und Milieu verstehen. Jntereffelosigkeit dem Judentum und den Schöpfungen seines Geisteslebens gegenüber ist jedoch nur dort verständlich, wo man den Untergang des Judentums nicht ungern sieht, wenn man auch nicht den Mut hat, für sich selber die Konsequenzen zu ziehen. Bei Männern, die sich in jüdische Gremien wählen lassen, wäre aber ein solcher Standpunkt geradezu verwerflich.. Und doch machen sich Hunderte ehrenwerte Männer aus einer unbegreiflichen Gckankenlosigkeit heraus dieser Charakter- Aus alte« Akte«. Eine Blutbeschuldigung deutscher Juden am Anfang des 18. Jahrhunderts von I. L e b e r m a n n, Darmstadt. Bon einem aufregenden Vorgänge, der in seinem Verlauf den Juden in Oestringcn*) :md wahrscheinlich mich in weiteren Kreisen hätte verhängnisvoll werden können, und bei dessen Schilderung wie mit Flammenzeichen die Erinnerungen an die betrübenden .Ereignisse späterer Zeit (Tisza Eszlar, Affaire Hilsner, Taten des russischen Verbandes) vor uns aussteigen, berichtet uns ein am 26. August 1725 in Bensheim an der Bergstraße vor dem dortigen Rat aufgxnommenes Protokoll. Dasselbe liefert aufs neue den Beweis, auf welche Weise die wahnwitzigen Blutbeschuldigungen entstanden sind und noch entstehen. Aus den im trockenen Amts stil abgefaßten Daten ist ersichtlich, baß ein 21jähriger Kessel- und Pfannenflicker Hans Michael Essig von Oestringcn im Zorn ein 4 jähriges Kind erschlagen und die Leiche verschleppt hatte. Durch die Flucht des Mörders war Hessen Entdeckung erschwert, und so hatte sich, wahrscheinlich durch Einflüsse demagogischer und judenfeindlicher Kreise aufgestachelt, die Ortsbevölkerung gegen die dortigen Juden gewandt und dieselben des Ritualmordes verdächtigt. Einige derselben waren bereits verhaftet und gesangen gesetzt worden. Nach längerem Umhervagieren durch die verschiedenen Gegenden Deutschlands, hatte der fluchtige Mörder in Walldürn in Baden, von Gewissensbissen getrieben, seine Tat gebeichtet und war dann in Bensheim an der Bergstraße, wo er sich bei dem Bäckermeister Wendel Grün als Knecht verdungen hatte, entdeckt worden. In Gegenwart zweier Mitglieder des dortigen Rats, sowie des Stadtschreibers wurde der Mörder vernommen und darüber nachstehendes Protokoll ausgefertigt, welches als Dokument des _ folgenschweren, mit Gottes Hilse noch rechtzeitig aufgeklärten Vorgangs einiges Interesse beanspruchen darf: „Extractus Protocolli Sub dato Benßheim» d. 26. August 1725. Actum in praesentia Herrn Johann Kollerer und H. Friedrich Hohmann^ beide des Raths, dann meiner Stephani Faber L-tattschreibers. Wurde ad instantiam hiesigen Schntzverwandten Jtzig Liebmann, daiu: zweher Juden Joseph Möyses und Möyses Jsaac, eines 14 jährigen Bübens, beide von Michaelfeld, Wendel Grünens hiesigen Bürger und Beckcrmeisiers Knecht Hantz Michael Essig zu Qestringen vorbeschrieben, und ans nachgesctzte interrogatoria examiniert: 1 >no Wie er heiße? resp. ad Innuu: Hanß Michael Essig. 2 do Wo her er sehe? ad 2 dum: Bon Oestringcn. 3 tio Wie alt er sehe? ad 3 timn: 24 Jahr. 4 t» Wo er sich aufhalte und wie lang er hier sehe? ad 4 tum: beh Wendel Grün und dienete er bey die 7 Wochen als Knecht. 5 to Warum er von Hauß hinweggegangen? ad 5 tum: Habe ein 4 jähriges Kind Jacob Huberts Töchterlein mit einem eitzernen Hammer ohngefehr todt geschlagen. 6 t» Warum er solches gethan? resp. ad 6 tum: Das Kind seye in seiner Mutter Anne Marie Essigs Hauß bei ihnen gewesen, und als er im Kesselnnd Pfannen-Flicken auf seinem Handwerk geschaffet, habe es ihm sein Werkzeug verschleppet, und hier und dar im Zimmer verlegt, dahero habe er im Zorn den Hammer ergriffen und ihm einen Streich auf den Kopf versezet, daß selbiges sogleich für todt zu Boden gesunken. 7 mo Ob er sonsten nichts weiteres nach dem Hammerschlag mit dem Kind verübet? ad 7ümum: So balden das Kind sich in etwas erholet und zn schreyen angefangen, habe er aus Aengpen selbiges genommen,, in die Küche getragen und eine Mt ergriffen, so fort demselben die Gurgel entzwey gehauen. 8 v» Wo er alsdann das Kind hingcthan? ' ad 8vum: Habe cs sogleich aus dem Hauß getragen und zwischen zweyen Schenren nehmnch des Michael Meyers und Hans Jakob Schwarzen Scheuer nieder gelegt. 9 na: Wer dann zugegen gewesen, als er diese Mordthat begangen? ad 9num: Niemand und sehe bereits. Nacht gewesen. *) Wahrscheinlich Qestringen in Baden. 10 m»: Wo er nach diesem begangenen Todtschlag hingangen und wer ihm das Zehr Geld mtt gegeben? a:l lOmum: Nach Hailbronn in Meynung sich aldar unterhcüten zn lassen, es seye aber derselbe nicht angenommen worden, sofort wäre er weiteres über Kirchen am Neckar, Lauterburg, Philippsburg nachen Landau gerathen, an welchem letzteren Ort er abermale Kriegsdienste gesucht, aus Mangel der Jahren und Statur aber habe man ihn nicht annehmen wollen, von dannen seye er über Franksnrth nach Bamberg und endlichen wieder zurückgegangen, weil er nirgends Unterkommen können, letzlicher seye er zn Waltthüren gewesen, allwo er seine Missethat gebeichtet uub seine Andacht verrichtet, und als er in seinem Herum Vagrren bey Wachhäußel einen bekannten Hirten mit Nahmen Andreas Koch angetrofsen, habe er ihn gewarnt, sollte sich aus dem Staube machen» sonsten es ihm übel ergehen würde, worauf er anher» zu Wendel Grün gekommen, welcher ihn als einen Knecht gedinget, auch habe ihm feine Mutter, als er hinweggegangen Sechs Kreuzer auf die Reyße mttgegeben, endigte damit seine Aussage und wurde sogleich in das Gefängnis gebracht." Der Pfälzische Judenvorsteher Mordechai Mayer von Weinheim halte am darauffolgenden Tage in Darmstadt durch Ellboten die Nachricht von der Ergreisimg des Mörders erhalten und begab sich sosort mit dem damalige:: Judenvorsteher der Obergrafschaft Catzenelnbogen Samuel Heyum von Darmstadt nach Bensheim, wo sie gegen entsprechende Gebühr die Aushändigung des Protokollauszugs erlangten. Im Besitze der amtlichen Auftkäruug des Tatbestandes trafen sie dann die erforderlichen Maßnahmen zur schleunigen. Befreiung der unschuldig im Gefängnis schmachtenden Juden. Tolstoi rmd die Indens Nach dem Tode des großen Dichters von Jas» naja Polja kommen diese Gespräche besonders willkommen. Denn mehr als Lichtungen und philosophische Werke können »ft gerade kurze Gespräche mit vertrauten Freunden Mer die innersten Anschauungen eines Mannes Ausschluß geben, und über so manche Meinungen Tolstois belehrt uns dieses Buch. Beso:chers interessant fitr Ms^ sind die 3 Kapitel, in denen Tolstoi Mer jüdische. Fragen spricht; es sind drei:„Jüdische Kolo nis ation", „Der Zionismus" und,ß>erAntisemitismns" Im ersten handelt es sich um den längst ausgegebenen Plan des Baron Hirsch, in Rußland eine große jM. Kolonisatton einzuleiten, einen Plan, den Tolstoi fteudig begrüßt hat, da auch er schon die Bedeutung erkannt hat, die die teilweise Zurückführung des jüd. Dol^s zur Landwirtschaft hat. Weitaus interessanter aber als die Stellungnahme Tolstois zu diesem unausführbaren und unfruchtbaren Plan ift sein Urteil über den Zionismus, interessant, sage ich, nicht well es etwa maßgebend und entscheidend wäre, sondern well es über die Mißverständnisse belehrt, denen der Zionismus selbst oder vielleicht gerade bei einem Geiste wie Tolstoi begegnet. Es ist merkwürdig, wie oft' und wie verschiedenarttg man schon den Zionismus mißverstanden hat. Für Tolstoi will der Zionismus die Errichtung einer Art jüd. Ranbffaates mit Krieg und Kämmen, und als Friedensfreund und Kriegsgegner beurteilt er natürlich den Zionismus abfällig und wegwerfend. Es ist bedauerlich, daß Tolstoi nicht die wahren Absichten des Zionismus verstehen konnte oder wollte, er hätte sonst gerade die große Bedeutung desselben für die Kultur, überhaupt für die Förderung des Friedens msb sonde,e erkannt. Oder aber, Tolstoi als der große Prediger der Passivität, des Leidens, des sich Geduldens. mußte überhaupt ein Gegner des Zionismus sein, als des deutlichsten Ansdrucks der Aktivttät und der schöpferischen Kraft unseres Volkes. In diesem Fall bedeutet seine Verurteilung des Zionismus in Wahrheit eine Anerkennung für diesen. Aus welchen Grürchen. aber auch Tolstoi den Zionismus äbgelehnt hat, daß er dies nicht aus einer Abneigung zum jM. Volke heraus tat, davon zeugt das letzte Kapitel: Tolstoi über den Antisemitismus. Es ist nach Tolstois Tod mannigfach behauptet worden, Tolstoi habe^' «ine innere Aversion den Juden gegenüber besessen. Mag sein. Dann ist es nur ein neuer Beweis von der inneren Abneigung, die zwischen Juden und Ariern so oft besteht, aber sicher äst, das Tolstoi ehrlich bemüht war, diese Abneigung für die er nicht verantwortlich gemacht werden kann, zn überwinden *)■ Gespräche mit Tolstoi von I. Tenervmo. Berlin. Verlag Erichs Reiß: 1911. 169 S. 4788