Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 50 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FamAienblatk. und durch Ansiedelung neuer jüdischer Landwirte alsinählich eine größere Konzentration der jüdischen Siedelungen herbeizuführen. Palästina. Jerusalem. Landmesser B. Fabrikant, der vor kurzem seine Studien in der Schweiz beendet hat und sich in Palästina niederlassen will, hat der Kunstgewerbeschule „Bezalel" seine Kunstsammlung zum Geschenk gemacht. Die Sammlung, die einen Wert von über 10000 Franken repräsentiert, wird als besondere Abteilung im Museum des Bezalel Aufstellung finden und den Namen des Spenders tragen. — Oberrabbiner Kuk in Jaffa macht die jüdische Oeffentlichkeit in einem Aufrufe darauf aufmerksam, . daß ein in unmittelbarer Nähe des Grabmals Rahels bei Bethlehem befindliches Grundstück seit einiger Zeit zum Verkauf steht. Rabbiner Kuk regt an, das Terrain von jüdischer Seite zu erwerben, um darauf eine Thora-Lehranstalt zu errichten. Späterhin könnte dort durch Zukauf geeigneter Ländereien eine neue jüdische Kolonie gegründet werden. Akiba. Historische Erzählung von Friedrich Rott. Wir befinden uns in dem prächtigen Garten des Kalba-Sabua, eines der reichsten Bewohner der heiligen Stadt. Es ist die Rosenzeit, zahllose dieser herrlichen Blumen prangen in voller Blüte und hauchen ihre Düfte in die milde Luft. Aber die liebliche Rahel, das einzige Kind des Besitzers, ist seit ihrer frühesten Kindheit an diesen Wohlgeruch gewöhnt, und sie atmet ihn achtlos ein, während sie, ein Liedchen trällernd, nach allen Seiten späht, ob sie des Dieners nicht ansichtig wird, dem die Pflege des Gartens anvertraut ist. Gestern hatte er ihr versprochen, daß er ihr heute eine ganz neue Art wunderbar schöner Rosen zeigen werde. Wo mag er sein? Sie erhebt ihre silberhelle Stimme und ruft laut seinen Namen: „Akiba! Akiba! wo bist Du?" . bin ich," erwiderte die volltönende, aber doch jugendliche Stimme eines hochgewachseneu Mannes, der aus dem dichten Gebüsch in ihrer unmittelbaren Nähe austauchtc. „Was befiehlt meine kleine Herrin?" Rahel zog die Stirn in Falten. „Du spottest meiner, das ist nicht schön von Dir. — Ich bin nicht Deine Herrin und habe Dir nichts zu befehlen." „Die Tochter meines Herrn hat mir zu be fehlen!" „Ach Unsinn! Dir befiehlt kein Mensch, nicht einmal der Vater, denn er sagt. Du verständest alles besser als er." Ter Diener lächelte. „Dein Vater ist ein gütiger, einsichtsvoller Herr. — Doch, weshalb hast Du mich gerufen?" „Ach richtig, daran hätte ich beinahe vergessen. Ich wollte Dich nur fragen, ob die Rosen bereits aufgeblüht sind, die Du mir zu zeigen versprachst. „Gewiß! Dort drüben stehen sie in voller Pracht und warten darauf, von Dir bewundert zu werden." Er ging voraus, sic folgte ihm, — und ein Laut des Staunens entfuhr ihren Lippen, als sie die herrlichen Pflanzen erblickte. Er weidete sich an ihrem Entzücken. „Spotte ich zu viel versprochen?" „Nein, Akiba, nein! — Obgleich ich Schönes erwartet habe, von solch Wunderbaren! hatte ich , keine Ahnung. — Hat der Vater schon die Pracht geschaut?" „Gewiß, Kalba-Sabua kommt jeden Morgen bald nach Sonnenaufgang in den Garten, nach dem Wohlsein seiner duftenden Lieblinge sich zu erkundigen." „SBoS hat.er gesagt?" ,I)as er immer sagt: daß cs in ganz Palästina keinen solch tüchtigen Gartenpfleger gäbe wie seinen Diener Akiba." „Das ist richtig; wenigstens gibt es in Jeru- : salem nicht einen einzigen Garten, der dem unfern an Schönheit gleich käme." „Die Leute verstehen eben die Pflege der Pflanzen nicht." „Wer Du verstehst sic, Akiba!" Er zuckte die Achseln. „Warum läßt mir denn .Dein Vater nicht freie.Hand?" „Ich verstehe Dich nicht!" „Sieh' da drüben den Aprikosenbaum! Vor zwei Jahren hat er in einem Jahre gegen achthundert Früchte getragen, da scheint er seine Kraft erschöpft zu haben, denn seitdem hat er nicht eine einzige Blüte wieder getragen. Wer wenn ich ' zur richtigen Zeit einen Zweig vom Kirschbaum oder vom Apfelbaum .aus den - Aprikosenbaum ge» pfropft hätte, er wäre wieder ertragsfähig geworden. Wer das hat Kalba-Sabua nicht zugeben wollen, um keinen Preis —" ,Das hat mein Vater doch nicht zugeben können," eiferte Rahel, „das wäre ja Vermischung der Arten!" „Nun ja, — man hebt die eine Art durch die andere und verbessert dadurch beide." Sie schüttelte den Kopf. „Wer ich sage Dir doch, das darf man nicht." „Warum nicht? Wen kümmert das?" ,Men das kümmert? Wie kannst Du nur so häßlich reden! Die Vermischung der Arten verbietet das Gesetz, das wird jeder ßiesetzeskundige Dir sagen." „Jeder Gesetzeskundige? Die Gesetzeskundigen, das sind mir die Rechten! Wenn Du wüßtest, wie ich die hasse!" — „Akiba!" rief sie voll Schrecken, „wie kannst Du nur so reden! Du weist nicht, was Du sprichst!" Er lachte auf. „Das mag seine Richtigkeit haben; ich kenne das Gesetz nicht und die Gesetzeskundigen ebensowenig. Wer sie scheinen mir sehr überflüssige, anmaßende Persönlichkeiten, da sie glauben, daß die ganze Welt sich nach ihrem Kopse drehen müßte, — und das ist mir zuwider!" Sie schüttelte den Kopf. „Wie Du nur so reden kannst! — Wenn Du wüßtest, wie mich das schmerzt." „Es schmerzt Dich? Dann sei versichert, mich nie wieder so sprechen zu hören." „Du sollst aber auch nie wieder jo denken." „Das kann ich nicht versprechen; — Gedanken kommen einem oft unbewußt." „Das mag sein. — Wer hast Dü denn nie etwas gelernt?" „Gewiß! Dein Vater ist zuftieden mit meinen Leistungen, also wird er auch zufrieden mit dem sein, was ich gelernt habe." „Ich meinte, ob Dich denn Dein Vater nicht im Gesetz unterrichtet hat?" Er zuckte lvegwerfend die Achseln. „Mein Vater dürfte von dem Gesetz nicht viel mehr gewußt haben — als ich weiß. Du mußt nämlich wissen, kleine Herrin, daß ich nicht als Jude geboren bin; ich war schon sechs Jahre alt, als mein Vater Jude geworden ist. Wir entstammen sogar einer bekannten kananitischen Familie, der des Feldherr» Sissera, der durch die tückische List eines Weibes getötet worden ist. „Wer wenn Dein Vater zu dem Judentum übergetrcten ist, so muß er das jüdische Gesetz doch gekannt haben. Weshalb sollte er sonst übergetreten sein?" „Das ist mehr, als ich Dir sagen kann. Vielleicht ist er übergetrcten, tvcil es ihm schwer geworden ist, seine zahlreiche Familie zu ernähren, und er gesehen hat, daß die Juden für ihre Armen sorgen." „Deshalb sollte er übergetreten sein?" „Ich weiß es nicht." „Nachdem. Dein Vater nun eininal Jude geworden war, hätte er darauf bedacht sein müssen, daß seine Kinder das Gesetz kennen lernen." „Du hast gut reden, kleine Herrin; mein Vater war ein armer Mann." „Das ist keine Entschuldigung. Ueberall, wo es Juden gibt, gibt es auch Schulen, wo sowohl die Kinder der Reichen als die der Armen im Gesetz unterrichtet werden." „Kennst Du denn selbst das ganze jüdische Gesetz? Es soll doch sehr groß, sehr schwer, sehr drückend sein, soll jede Freude ersticken, den frohen Mut lähmen, den —" „Genug, genug Akiba!" unterbrach sic ihn, „was Du nicht alles weißt! — Aber fteilich kenne ich das jüdische Gesetz, sonst könnte ich es nicht befolgen; zum Forschen in demselben sind allerdings nur die Männer verpflichtet. Wer daß es schwer, drückend sein sollte, jede Freude erstickend, den ftohen Mut lähmend — nimm von alle diesem das Gegenteil, dann weißt Du, wie das Gesetz ist. So klar, so einfach, das Herz erquickend, den ftohen Mut hebend. Wenn ich ein Mann wäre, ich würde iu dem Gesetze forschen Tag und Nacht! — Wirklich, Akiba, Du solltest das Gesetz kennen lernen. Wer nicht nur oberflächlich! Du solltest in dem Gesetz forschen, wie es die Vorschrift heischt, solltest ein Gesetzeskundiger werden." „Ich — ein Gesetzeskundiger!" Er lachte laut auf. „Ich habe immer geglaubt. Du wärest mir ein wenig gut, da solltest Du mir doch etwas Besseres wünschen." „Besseres könnte ich Dir nicht Ivünschen," erwiderte sie mit ticfeni Ernst. „Ich glaube wahrhaftig, es ist Dir ernst mit Deinem seltsamen Wünsche!" „Wieso berührt Dich mein Wunsch seltsam?" Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, während sein Auge wie forschend an dein Lieblichen Angesicht des Mädchens haftete. „Ich sehe ja, daß es Dir ernst ist, — und wenn Du wüßtest, wie sehr ich das zu tun wünschte, was Du wünschest — „Wirklich?" rief sie freudig, „Du willst meinen Wunsch erfüllen? Gott sei Dank!" ,',Aber, Rahel, ich bitte Dich, Du Hast mich mißverstanden—." . Nr. 50 „Du willst meinen Wunsch also nicht erfüllen?" „Alle Deine Wünsche möchte ich erfüllen, aber dieser Wunsch liegt außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. Ich begreife nicht, was Dir so viel daran gelegen sein kann, daß ich ein Gesetzeskundiger werde?" Sie blickte ihm voll in das männlich schöne Angesicht, das sich unter ihrem Blicke mit einer leisen Röte überzog. „Das begreifst Du nicht? — Siehe, ich könnte sagen, daß ich das wünsche, weil ich Dir gut bin, und weil mir nur das beste gut genug für Dich erscheint. — Aber das ist's nicht allein —" Sie hielt einen Augenblick inne, während sie ihm noch immer fest ins Antlitz schaute. Dann fuhr sie mit etwas belegter, seltsam veränderter Stimme fort: „Nein, das ist es keineswegs allein, — aber ich weiß, wenn Du nur erst angefangen haben wirst, das Gottesgesetz kennen zu lernen, dann werden Dir die Augen aufgehen und Du wirst erkennen, daß Du bisher noch nichts erkannt hast. Dann erst wirst Du anfangen zu leben; und Dein reger, scharfer Geist wirb sich nicht mehr trennen können von dem Gottesgesetz; unaufhörlich wirst Du forschen. Tag und Nacht; und Du wirst ein Großer werden in Israel — ivirst zu den Größten gezählt werden!" Akiba wollte spöttelnd auflachen, aber schon das Lächeln erstarb ihm auf den Lippen, als er auf das zarte, liebreizende Mädchen blickte, das mit glühenden Wangen, mir Iveit geöffneten, wie ins Weite schauenden Augen, einer Seherin gleich, vor ihm stand. Seltsam überkam es ihn, 'seine zunr Reden geöffneten Lippen schlossen sich, und erst nach einer Pause sprach er halblaut flüsternd: „Herrin, liebe, kleine Herrin!" „Rahel! Rahel!" scholl cs vom Hause her. „Die Aknttcr ruft mich," sagte Rahel und eilte heinrwärts. Akiba blickte der Davoneilenden sinnend nach. Seltsam, seltsam, wie die Worte des jungen Mädchens, das doch noch mindestens ein halbes Kind war, ihn ergriffen hatten! — Daß sie zuweilen einen ganz eigentümlichen Einfluß auf ihn übte, dessen war er sich längst bewußt, aber noch nie hatte er es in diesem Maße empfunden. Tief aujatmcnd und mit den Achseln zuckend, ivandte er sich seiner Arbeit wieder zu, während nun doch ein Lächeln seine Lippen umspielte. — Sie war ja noch ein Kind, wenn auch ein liebes, gescheites Kind. — Aber ihm zuzumuten, sich mit dem Studium des Gesetzes zu befassen! — Er hätte laut auflachen mögen, und er wunderte sich ° jetzt über sich selbst, daß er vorhin nicht gelacht hatte. Zum Lachen! War es, ihm, dem gereiften Manne, der die Mitte der Dreißig bereits überschritten hatte, zuzumutcn, ein Studium zu beginnen, das, wie er gehört hatte, sonst bereits im Kindesalter begonnen wird. — Und dann sollte er sich einreden lassen, daß er darin noch Bedeutendes leisten würde — würde leisten können? — Nein, nein, so unvernünffig war er nicht. Wer er konnte diese seltscune Phantasie des Kindes nicht aus seinen 'Gedanken bannen. Während der Arbeit des ganzen Tages war qs ihm wiederholt vorgekommc», als ob Rahel hinter ihm stände und >vic am Morgen zu ihm spräche, — wenn er sich dann jedoch umgewandt hatte, fand er sich allein und ärgerte sich über sich selbst, daß er wieder und immer wieder dieselben Worte zu hören glaubte. Selbst spät ani Abend, als er bereits sein Lager ausgesucht hatte, lag er noch lange mit offenen Augen und starrte hinaus in die Sommernacht und gedachte des lieblichen Mädchens und der Worte, die sie zu ihm gesprochen hatte. — Die kurze Sommernacht war nahezu vorüber, im Osten dämincrtc es bereits, als ihm endlich die Augen zufielen. Doch gleich darauf, so schien es ihm wenigstens, gingen sic ihm wieder auf, und staunend blickte er um sich. — Was war mit ihm geschehen? Wo befand er sich? — Der große, weite Raum war ihm fremd und die vielen, vielen Männer und Jünglinge, die ihn füllten, gleichfalls. —. Und wer war denn der, der dort auf der Estrade saß? Eine Torarolle hielt er auf seinen Knieen, bald deutete er auf eine Stelle der Schrift, und dann sprach er mit lauter, weithin vernehmlicher Stimme. — Akiba vernahm wohl die Stimme, aber die Worte verstand er nicht. — Doch die Umstehenden, alle mutzten auch die Worte verstanden haben, denn aller Blicke hingen wie gebannt an den Lippen des Redenden. — Jetzt hob derselbe das Haupt, so daß Akiba ihm in das Antlitz schauen konnte. — Er schrie laut auf, das war er, er selbst, der dort saß und lehrte. Und alle die vielen, vielen Jünglinge und Männer ringsum, das waren seine Schüler, die er lehrte . . . (Fortsetzung folgt.) naiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Gegen Gicht and BhenmatiBmns bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Frledrioh Stahl( Frankfurt a. M., StaUbnrgstr. v. Tel 259 n. 714.