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Neue jüdische Presse · 1911-12-22 · Heft 50 (22.12.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 50 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Sk. 50. Frankfurter Israelitisches Fannlienblatk. Seite 3. fahrtsverträges einzutreten. Der alte Vertrag bleibt bis zum 19. Dczember 1912 in Kraft. Washington, 19. Dezbr. Der Senat nahm in seiner heutigen Sitzung ein st i in itt i g eine Resolution L o d g e an, in der die Kündigung des a in e r i kan i s chr n s si s ch e n H an - delsvertragcs durch den Präsidenten Taft gntgeheißen wird. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Ein ernstes würdiges Fest seierte gestern die israelitische Gemeinde, die Hundertjahrfeier des Tages, au dem .die Frankfurter Inden von langem Drucke befreit wurden. Die Aula des P h i l a n t h r o p i n. in der der Festakt vor sich ging, war von den Honoratioren der jüdischen Gemeinde, sowie der hiesigen Christenheit gefüllt. Man sah unter den Gästen Polizeipräsident Rieß von S ch e u r n s ch l o ß, Geh. Regierungsrat Dr. Darren trapp, Bürgermeister G r i m m, die Direktoren der hiesigen höheren Schulen, die Stadtverordneten Josef Fromm, Adolf I u ii g usw. Als Vorsitzender der israelitischen Gemeinde sprach znnächst Justizrat Dr. Blau. Redner betonte die Bedeutung dieser Feier für die Frankfurter Judenheit. Das befreiende Wort des Fürstprimas von Frankfurt brachte unseren Vorfahren vor 100 Jahren die äußere wie auch die innere Emanzipation; nicht nur wurden sie von hundertjähriger Bedrückung, sondern auch von hundertjährigen Vorurteilen befreit. Die einstigen verachteten Schutzjuden haben als freie Bürger für ihre Vaterstadt und Vaterland Hervorragendes geleistet. Gar manche werfen die Frage auf: Ob nicht diese Emanzipation dem Jndentume die Auslösung als,feine Erlösung brachte? Viel wahres ist dabei, allein auf den jüdischen Gefilden grünt cs rviedernm, die Rückkehr zum Judentum ist jm Wachsen begriffen, immer mehr greift im jüdischen Lager die Ansicht Platz, das; das Festhalten an dem uralten Glauben und den eigenen Kulturgütern nur von Segen für die Juden wie auch für das Vaterland - sein kann. Mit einem warmen Appell zur Treue an die eigene Religion schloß der Referent seine Ausführungen. Sodann ergriff der bekannte Frankfurter Historiker, Professor Dr. K r a c a n e r, das Wort Zn seiner formvollendeten und inhaltsreichen Festrede. In knappen, aber klar umschriebenen Zügen skizzierte Redner die Geschichte der Frankfurter Judenheit von ihrer Niederlassung im 12. Jahrhundert bis zur Emanzipation im Jahre 1811. Besonders verweilte er bei der Schilderung des 300 jährigen Ghettos. (Eswürde uns zu weit führen, hier auf Einzelheiten der interessanten Rede einzugehen, da wir dieselbe' noch ini Auszug bringen.) In klaren, trefflichen Worten entwarf der folgende Redner, Direktor Dr. Adler, ein Bild von dem geistigen und kulturellen Stand der Ghettojuden. Es wäre ein unverzeihlicher Irrtum, meinte der Redner, zu behaupten, das; der Ghettojude sich in einem kulturellen Tiefstand befand. Der Ghettojude stand kulturell weit höher als seine christlichen Mitbürger; der Talmud, der eine Fortsetzung der Bibel und der Propheten darstellt und dessen Studium in den Schulen des Ghetto in starkem Maße und mit Eifer betrieben wurde, bildete . eine kulturelle Fundgrube für seine Jünger; die Talmndschulen standen auf einem hohen Niveau und haben die Ideale erhalten! Gewiß haben die Bewohner des Ghettos den Jargon dem Deutsch vorgczogen, allein in einer Zeit, wo Schüler und Lehrer einer jüdischen Hochschule als Dienstboten auf den Magistrat geführt "wurden, konnte keine besondere Pflege des Deutschen bei den Inden Platz greifen. Allein, sobald die Tore deS Ghettos gefallen waren und den Juden die Erwerbung allgemeiner Bildung ermöglicht wurde, leisteten sie auch da Bedeutendes. Tluch die Begründer des Philanthropin erwarben sich um die Bildung der Frankfurter Judenheit hohe Verdienste. Bürgermeister G r i m m betonte als letzter Redner, das; die Emanzipation der Juden vor hundert Jahren von großem Segen für Stadt und Staat war. Es ist noch manches auf dem Gebiete ihrer völligen Emanzipation zu leisten und glaubt, daß die Betonung des Emigranten nur von Nutzen daher sein kann. Mit dem Chor „Es kennt der Herr die Seinen", fand die würdige Feier ihren Abschluß. Berlin. Die Bezirksgruppe „Schönhauser Vorstadt" des „Neuen jüdischen Gemeinde-Vereins" veranstaltete am 6. d. M. eine Versanimlung, in der Rechtsanwalt Dr. K l e e über das Thema: „Der Deutsch-Israelitische Gemeindeb n n d n n d de r jüdische Liberalis m n s" sprach. Ter Redner ging ans vom Judengesetz von 1847. Das Milien und die Zeitstimmung — cs war ein Jahr vor der Revolution — lassen die Entstehung des Gesetzes gerade in der vorhandenen. Art und Fassung gut verstehen. Aber die unheilvollen Folgen zeigten sich bald in der „Atomisierung der Inden", d. h. in der durch das Gesetz möglich gewordenen Sonderstellung jeder einzelnen Gemeinde; von dieser Freiheit der „splendid isolation" machte bald jede Gemeinde ohne Rücksicht auf die Gesamtinteressen den ausgiebigsten — z. T. recht schlechten — Gebrauch. Als häßliche Beilage kamen dazu die für die Juden entwürdigenden Vorschriften (Zurücksetzung der ausländischen, im Dienste inländischer stehenden Juden n. a. m.). Unbestreitbar hatte sich dieses Gesetz in unserer Zeit überlebt, und die Tendenzen des Verbands der deutsche» Juden, vor allem aber des D.-J. G.-B., es zu reformieren, waren verständlich und anerkennenswert. Nachdem vor Jahren der Rosin'sche Entwurf' abgelchnt, wurde jetzt ein neuer vorgelegt. Dieser entsprach aber nicht dem Geiste unserer Zeit. Man setzte au ihm mit Recht vor allem aus: 1. den völligen Mangel der demokratischen Idee in ihm (schlechtes Wahlrecht, Notaücln-Vertretung, ungenügende Oessentlichkeit), 2. die ungenügende (z. T. nicht der Standeswürde entsprechende) Stellung der Rabbiner, 3. der Mangel genügender Garantie für die religiöse absolute Autonomie der einzelnen Gemeinden. Dieser Entwurf wurde deshalb auf Veranlassung des Justizrats F r i e d m a nn -Glogau vom Gemeindetage auch abgelehnt. Da aber eine Aenderung des Judengesetzes der Genehmigung durch Parlament und Krone bedarf, die Aussicht 'auf eine solche Genehmigung aber nur dann vorhanden ist, wenn keine allzngrotze Minorität der Inden-Vertreter gegen die Aenderung ist, so versuchte m a», d. h. im wesentlichen die Vertreter der radikal-liberalen Großgemeinden, auf dem Umwege der Statutenänderung des C'einciiidebundeS, Einfluß auf die Reform zu bekommen. Man bestritt zwar diese Absicht, doch man merkte die Absicht, — und man ward verstimmt. Ein anderer vernünftiger Grund der Verschlechterung des Wahlrechts warZchlechthin nicht zu finden. Das passive Wahlrecht sollte durch viele Bestimmungen eingeschränkt werden, vor allem durch die eine, daß jede Gemeinde nur einen Delegierten aus ihrer Mitte wählen könne. Dieser völlig illiberale, ganz reaktionäre V v r s ch l ag k am einer E n t rech - t u n g der kleinen Ge in ein den gleich,"zunächst war eine solche ans pekuniären Gründen nicht immer in der Lage, einen Abgeordneten zum Gemeindetag zu senden, dann aber noch mehr: Fand denn sich immer in jeder kleinen Gemeinde ein Mann, der geeignet zur Vertretung der Interessen seiner Gemeinde, auch die Zeit dazu sich nahm? Ans alten diesen Gründen konnte die Statutenänderung, gegen welche die Konservativen, Zionisten und ein Teil der Liberalen (Gruppe Fricdmaiin- Glogan) waren, nicht aus -/■•, Majorität rechnen; diese gehörte aber statutarisch zur Ttariitcnänderuiig. Man suchte die Sache dilatorisch, durch Vertagung zu behandeln. Dafür war nur eine knappe Majorität. Da drohten mehrere liberale Groß-Gemeindcn mit dem Austritt aus dem D.-J. G.-B. Das ließ aber kalt, — von allen wertvollen Imponderabilien abgesehen, hätte die Deckung der nötigen Ausgaben auch nach dem Austritt kaum Schwierigkeiten gemacht. Eine iniiimehr gewählte Kommission hat auch noch kein Ergebnis erzielen können, und es ist noch nicht abzusehen, ivaS wird. Eins kann man aber mit Bestimmtheit fast Voraussagen: „Eine Aenderung des -Statuts im Sinne der Radikal-Liberalen wird kaum die nötige -,4 Majorität finden." . Nach dem mit großem Beifall aufgenommencn Vorträge sprachen in der Diskussion ». a. Dr. Baum über die Aufgaben des D.-J. G.-B. hinsichtlich des Religionsunterrichts und Dr. Zwirn über die Ausgaben, die der D.-J. G.-B. hinsichtlich der Verbesserung des Wahlrechtes in demokratischen! Linne zu den jüdischen Gemeinde-Körperschaften zu erfüllen habe. L . . . h. Bochum. Anfangs August wollte der Pferdehändler Louis Hertz verreisen. Da er frühzeitig zum hiesigen Bahnhof kam, ging er ins Bahnhofrestaurant und unterhielt sich dort mit einem ihm bekannten Glaubensgenossen. In der Nähe ihres Tisches saß mit mehreren christlichen Herren der Ingenieur B o r b e t. Dieser rief laut in den Wartcsaal: „5k e l l n e r, servieren Sie mich abseits der I u d e n l ü m nr e l, denn diese Juden sind doch nur S o z i a l d e m o k r a t e n." Hertz wollte den Borbet deswegen zur Rede stellen, woraus B. mit dem Stock auf Hertz losschlug. Es kam zu einem Handgemenge. — Dieser Tage hatte sich nun Borbet vor dem Schöffengericht wegen Ehrenbeleidigung und Körperverletzu n g zu verantworten. 'Der Amtsanwalt beantragte, da B. schon mehrm'ats "wegen derartiger Beleidigungen vorbestraft ist, eine Gefängnisstrafe von 3 Wochen. Borbet bat, nur ans eine Geldstrafe zu 'erkennen, da seine Laufbahn durch eine Freiheitsstraße ruiniert würde. Der Gerichtshof ließ nochmals Milde walten und verurteilte B. insgesamt zu 180 Jf. Geldstrafe. Speyer. Aur das vom „Israel. Kreis- Asyl-Berein für die Pfalz" ergangene Preisausschreiben.- ... zur Erlangung von Projektskizzen für die in Neustadt a. H. zu erbauende Heimstätte für alte oder alleinstehende Israeliten sind 58 Entwürfe e i n g e g a n g e n. Bei der am 1/. ds. Mts. stattgehabteu Prüfung wurde der zur Verfügung gestellte Betrag von Marc 2200.— ans: einen ersten Preis UL 1000.—) und zwei zweite Preise (je -IL 600.—) in folgender Weise verteilt: 1. Motto: „HanS und Garten" (Verfasser Herr Architekt H. Sens, Frankfurt a. M.). 2. Motto: „Abendsonne" (Verfasser Herr Architekt F. Rocckle, Frankfurt a. Ai.). 3. Aiotto: „Astern" (Verfasser Herr Architekt C. Lennartz, Frankfurt a. M.). Sämtliche 58 Entwürfe sind Gutendergstr. 20 in Speyer vom 2t. bis 26. ds. Mts., täglich von 1—3 Uhr, zur Besichtigung ausgestellt. Es besteht die Absicht, mit der Bauausführung schon im koinmenden Frühjahr zu beginnen, wenn es gelingt, bis dahin die noch fehlenden Mittel und namentlich auch die sog. Zimmerstiftungen zu beschaffen. Oesterreich-Ungar». Budapest. Die von dem Generalsekretär der hiesigen (neologen) israelit. Religionsgemeinde heransgegebene Monatsschrift schreibt: „Die Wahrheit ist auf dem Wege." Dieses geflügelte Wort kommt nnS beim Lesen des Protokolls der jüngst in Stuhlweißenburg abgchaltenen Sitzung des 11. Gemeindediftricts in den Sinn. Nicht mir ertönten nicht mehr die alten Phrasen von den „irregeführten orthodoxen Brüdern", von den „von Gehässigkeit, Parteileidenschaft und Machtstreben geblendeten orthodoxen Führern" usw., sondern es gelangte auch eine nüchterne, die Lage gründlich betrachtende Ansicht zum Worte. Ein Mitglied der Versammlung, s amn el B ernst ein, führte ans, daß die Organisationsfragen mit den religiösen Angelegenheiten eng Zusammenhängen und daher die Orthodoxen nur im Wege des Zwanges in die einheitliche Organisation einbezogen werden können: einen solchen Zwang aber könne man von der Regierung nicht erwarten. Das forischrittliche Judentum müsse sich daher separat organisieren und dann, durch die Organisation erstarkt, die Verbindung mit den Orthodoxen suchen . . . Ter „Ungar, israel. Landeskutturverein" eröffnete seine Lehrkurse mit einem Bortrage des Reichstagsabgeordiieieii Baron M ad ar assY-Beck über „Die R v l l e der Juden in der Volksw i r t s ch a f t". Unter den Anwesenden bemerkte man auch erste nichtjüdische Persönlichkeiten der Regierung. Lemberg. Der Kongreß der oolrrisch-fozialdemokratischen Partei hat die A n e r k e ii n n ii g der jüdischen Nationalität innerhalb der Sozialdemokratie beschlossen, wenn auch nach langer, erregter Debatte. Amerika. New-Nork. Nach dem Muster des Lembergcr Hebräertages veranstalteten die hiesigen Vereine „Mefitsei Sephath Eber", „Achicbcr", „Ehowcwc Jbrith" und „Ohvle Schein" am 7. Dezember einen hebräischen Fe st a b e u d, an dem ausschließlich hebräische Reden und Vorträge gehalten wurden. Das einleitende Referat hielt Dr. Sions ch von der Pariser Sorbonne über „Das Land der Hebräer". New-Aork. 50 Delegierte hatten sich hier zur dritte» I ahresversa m m t n n g der j ü d. F a r m e r in A m e r i k a eingefunden. Die Organisation umfaßt 41 Vereine und unterhält ein Zentralbnreau, das u. a. landwirtschaftliche Geräte und Maschinen den Mitgliedern zum Selbstkostenpreise abgibt. Der Umsatz des Zcntralbureaus belief sich im verflossenen Jahre aus 30 000 Dollar. Vor kurzem wurden innerhalb des Verbandes auch vier Leihgenossenschaften ins Lebe» gerufen. Die von den einzelnen Delegierten erstatteten Berichte boten ei» erfreuliches Bild von dem Aufschwung der jüdischen Landwirtschaft in Amerika. Die Farmer bellagen sich nur über die Schwierigkeiten, ihren 5k in de rn eine jüdische Erziehung angedeihen zu lassen. Sie sind in der Regel weil voneinander und von jeder jüdischen Gemeinde entfernt und haben daher nicht die Möglichkeit, gemeinsame jüdische Schule» einznrichten oder in sonstiger Weise für den jüdischen Religionsunterricht ihrer Kinder Sorge zu lragen. Man hat den Versuch unternommen, durch Herausgabe von Unterrichtsbriefen und ähnlichen Hilfsmitteln, durch die den Eltern die Möglichkeit geboten werden soll, ihre Kinder selbst zu unterweisen, diesem Uebel abzuhelsen, doch erscheint der Erfolg dieser Bemühungen sehr zweifelhaft. Es wurde darum in der Jahresversammlung der Farmer von verschiedenen Seiten der Wunsch ausgesprochen, der Verband sollte bestrebt sein, durch Zukauf von Grundstücken in der Nähe schon bestehender Farmen

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