Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 50 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50. Seite 5 Frankfurter UraMiWS AnnÄienblatk. Kalmon. Bon Jacob ben Elie-fer, Offenbach. l. Ein kleines Männchen, das den ganzen Tag lacht nnd scherzt. Wenn Dn einmal in sein joviales Gesicht geschaut hast, dann vergißt dn es nicht so bald. Es prägt sich dir rief ins Gedächtnis ein, und ein Hauch des ihm entströmenden reinen, natürlichen Optimismus weht Dich an, der wohl Adam und Eva, bevor sie von der süß-bitteren Frucht der Erkenntnis gekostet, eigen gewesen sein mag. Und in deiner Verstimmung oder wenn du dich in das düstere Reich der Frau Sorge verirrt hast ünd trüben, quälenden Gedanke» nachhängst, dann taucht bisweilen plötzlich ein kleines, fröhliches Männlein vor deinem Geiste aus nnd lacht dich so lange an, bis es mit deinem Grübeln auS ist, und du selber unwillkürlich leise lächeln mußt. Das ist Kalmon. Als ich ihn zum ersten Male sah (er trug damals gerade seine „feinen Jomtow - Kleider"), da glaubte ich nichts anders, als daß er ein von Fortuna verhätscheltes Kind sei, das sein Lebenlang auf Rosen gebettet, und dessen heiterer Horizont noch nie oder nur selten ein Wölkchen getrübt hatte. Bis ich ihn eines Tages auf seinem beruflichen Posten fand und meiner Täuschung inne ivard. Es war a» einem tropisch-heißen Julitage. Ich befand mich auf dem Wege nach dem „Sächsischen Garten", dessen hohe, schattige Bäninc inir milde Kühlung verhießen. Eben schritt ich an dem sogenannten „Eisernen Tor" vorbei. Da ertönte plötzlich ein Lachen hinter mir. Ich wandte mich unwillkürlich um. Inmitten einer Gruppe armer, zerlumpter Träger stand mein „glücklicher" Kalmon, selbst in alten, farblosen und zerrissenen Kleidern gehüllt, und eine zentnerschwere Last beugte seinen Nücke,, tief zur Erde, sodaß er unter ihr zusammenznbrechcn schien. Er war in Schweiß gebadet, sein Gesicht krebsrot und.verzerrt vor Anstrengung, — aber die Lippen umspielte das alte, inir bekannte Lächeln. Und als seine Berufsgenossen, die Träger, ihm Stütze leisten wollten, wehrte er cs ab und lachte dabei so laut auf, daß es dröhnte. Das ist Kalmon. Ich aber weiß scitdeni, daß er trotz seines unerschütterlichen Humors kein Glückspilz ist. In der Tat! Er hat auch gar keine Ursache, stets so in dulci jübilo einhcrzuschreiten. Im Gegenteil. Er hat vielen Grund, die Flügel hängen zu lassen und sich denr Gram hinzugeben. Denn sein Schicksal ist — weiß der Himmel — ein gar tragisches. Er ward sein Leben lang von zwei erbarmungslosen Gesellen auf das härteste verfolgt; es sind dies der Kummer und der Hunger. Seit jenem verhängnisvollen Tage, an dem der kleine korpulente Mann mit dem goldenen Kneifer auf den stahlgrauen Augen, der „Oberbefehlshaber" des Waisenhauses in D. ihn, den damals 14 Jahre alten Kalmon für reif und groß erklärt hatte, und er daher das Waisenhaus verlassen mußte, — seitdem ist er diesen Bedrängern, dem Kummer und dem Hunger, rettungslos verfallen. Ein anderer an Kalmons Stelle hätte ein gar trauriges, griesgrämiges Gesicht mit langer Nase und tiefgefurchter, finsterer Stirn zur Schau ge tragen, um so aller Welt zu sagen: „Seht! ich bin ein armer, unglücklicher Teufel! Helfet mir! Sonst — sterbe ich!" Kalmon - Träger jedoch tut so etwas nicht, aus drei Gründen: Erstens braucht kein Mensch in der Welt etwas von seinen internen Angelegenheiten zu erfahren. . . Zweitens: was ist denn im Grunde dabei, wenn man ein oder auch zwei Tage seinem Magen nichts zu .geben hat? .Und drittens: was geht das überhaupt Kalmon - Träger an, wenn sein. Magen Hunger leidet? Das .ist ausschließlich Sache des lieben Gottes, der ihn geschaffen hat! Gewiß! Wer Leben gibt, der muß auch geben, alles was zum Leben nötig ist! . . . Wenn doch der liebe Gott — wie es Kalmon schon so oft von Rebb Anschel-Maggid (Prediger) gehört hat — selbst dem geringsten und unbedeutendsten Würmchen auf' Erden sein Augenmerk zuwendet und es mit Speise und Nahrung in Milde und Barmherzigkeit versieht, warum soll er nun nicht erst dem Menschen, dem höchsten und edelsten aller Seiner Geschöpfe, den Lebensunterhalt besorgen?!" Und — Kalmon - Träger weiß es auch ganz bestimmt, jede Faser seines Herzens ist von dieser heiligen Ueberzeugnng durchglüht: der liebe Gott wird ihn nicht verlassen! ,Halt nurstill!" tröstet er seinen knurrenden Magen. „Stockung gibt's einmal überall im Leben. Selbst in der Natur! „Geduld und Ausdauer!" heißt nun die Parole allenthalben. Hab darum auch dn Geduld! Heute oder morgen hilft der liebe Gott doch dem armen Kalmon-Träger, d. h. er schickt ihm Arbeit zu. — Und dann — wahrlich — dann sollst du nicht mehr darben, dann sollst du dir einmal gütlich tun! . . " Und der Magen scheint auch Einsehen zu haben: er gehorcht,und schweigt, sofern die ihm von seinem Herrn in Aussicht gestellte Hilfe nicht allzulange aus . sich warten läßt. So lebt nun Kalmon-Träger, der Aermste der Armen, ganz ohne Sorgen munter und lustig wie ein Fisch im Wasser. Solange Kalmon - Träger nur für sich allein zu sorgen hatte, d. h. solange er ledig war, war er in der Tat genau so, >vie ich eben schilderte. Seitdem aber Kalmon die erste Mzwoh der Thora ausübte und sich die „Süße Liebele" zur Ehefrau nahm, und nun ihnen der liebe Gott nach einem Jahr ein „gar niedliches Büblein" schenkte und dann wieder nach einem Jahr ein „göttliches Töchterlein" und dann wieder nach einem Jahr noch ein „holdes Knäblein" und noch eins! — seit all dem Erwähnten hat Kalmons unerschütterlicher Optimismus nun doch ein klein wenig an Kraft eingebüßt. Draußen unter seinen Berufsgenosseu, den Trägern, merkt man die Wendung in Kalmons Wesen zwar sehr wenig, denn nach wie vor läßt er kein fremdes Auge in seine „geheimen Interessen" Hineinblicken. Er ist immer guter Dinge, lächelt gutmütig nnd zufrieden, und sein Herz ist voller Hoffnung und Zuversicht . . . Dann und wann huscht wohl ein ^düsterer Schatten über das breite Gesicht. Dies geschieht in der Regel in jenen Momenten, wenn Kalmon an die „süße Liebele" und die „holden, kleinen Engelchen" denken muß, die doch hungern und darben und einmal nicht die Kraft Kalmon-Trägers besitzen, Hunger und Not zu ertragen. — Aber! dies währt nur einen Augenblick! Und noch bevor jemand den wehniütigen Zug auf Kalmons Gesicht merken konnte, ist er wieder spurlos verschwunden. Dann ist er wieder der alte, lachende, lustige und sorglose Kalmon von einst. In dem kleinen, engen und feuchten Dachstübchen aber, das er seine Wohnung nennt, dort — dort tritt die Aenderung Kalmons doch deutlicher und krasser zu Tage. Zwar versucht er oft auch hier harmlos zu lächeln, ülbcr! In dem Moment, da er die roten Lippen zu einem Lächeln verzieht, empfindet er zugleich plötzlich einen schmerzlichen Druck an seinem Herzen. Und — bevor er sich versehen kann — da rieseln schon zwei große dicke Tränen langsam und bedächtig in den dichten Bart hinunter. Dann jedoch ist es Kalmon plötzlich, als sei er mit einem Male wieder in seine glückliche Junggesellenzeit versetzt worden. So leicht, — so wunderbar, ja bis zum Uebermut leicht wird es ihm da ums Herz. Und — er bricht unwillkürlich in ein ungewöhnliches, konvulsivisches Lachen aus. Und dieses Lachen währt solange und ist so laut, so ausgelassen, daß auch bald die „süße Liebele" und die „kleinen Englein", trotz ihres Hungers, davon angesteckt werden. (Fortsetzung folgt.) Ecke N II» Mainzers», u Welssfrauenstr. 11. Mellt- KI»ii>b>Iuchtunc Taschenlampen Plattfuss ander«» Fussschmerzen verschwinden ln unseren patentamtl. gesell. — — (individuelle Anfertigung). Bethmannstiv 48 i Telephon 7363. Kunst uuö vtterarur. Polirrsche Bibliothek. Bd. 3. Lloyd George: Bessere Zeiten. Bd. 4. Graham Wallas: Politik und menschlich» Natur. Jena, Eugen Diederichs. 1911. Pro Bd. 3 M Wir haben an dieser Stelle bereits, auf die bedeutsame neue „Politische Bibliothek", die der verdienstreiche Jenaer Verlag ins Leben gerufen hat, verwiesen. Es sind davon nun der dritte und vierte Band erschienen. Der dritte enthält eine Auswahl von Reden des großen englischen Demokraten und Finanzministers Lloyd George, in deren Mittelpunkt seine große Rede steht, die er im englischen Unterhaus am 29. April 1909 bei Einbringung seines berühmten Budgets hielt, das die Ursache des großeir Budgetkampfes werden sollte. Es ist lebhaft zu begrüßen, daß Lloyd George mit diesem Buche auch dem deutschen Publikum bekannt gemacht wird, denn gerade ihm hat er recht viel zu sagen. Der Geist, der diese Reden trägt, der Geist mutigen Kampfes gegen Not nnd Laster und sozialer Verantwortlichkeit, ist gerade etwas, was der heutigen Generation mehr nottut als je und in Deutschland vielleicht mehr als anderswo. In die verschiedensten Triebe des politischen, sozialen Lebens (Freihandel, Trusts und Monopole, Sozialreform, Grundeigentum und Volk, das Arbeitslosenproblem, Zölle und Ausland, Reichtum ünd Verschwendung u. a.) führen diese Reden in großzügiger und eingehender Form ein undzwar — und dies ist.vielleicht noch richtiger — begnügen sie sich nicht mit der Stellung der Probleme, sondern wollen stets auch den Weg zu ihrer Lösung weisen. Es wäre sehr zu wünschen, daß dieses Buch in den weitesten Kreisen von den niedersten bis zu den höchsten, große Verbreitung finde; es kann eine Mission erfüllen: den Geist sozialer Verantwortung zu steigern und zu beleben. Band 4 bietet das Buch des englischen politischen und sqzialen Schriftstellers Graham Wallas: Politik und menschliche Natur. Der Verfasser unternimmt hier die schwierige Aufgabe, die psychologischen Grundlagen der Politik zu untersuchen, lind zwar zuerst theoretisch, um sodann die praktischen Folgen daraus zu ziehen und die Fortschrittsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben, sestzustellen. Das Buch hat den Vorzug, der bei deutschen Schriftstellern noch selten ist und eine Eigenart der englischen politischen und wissenschaftlichen Literatur ist. sich von allzustarker 'Abstraktion fernzuhalten und die farblosen Theorien init dem warmen Hauche des realen Lebens zu ersüllcn. Und da der Verfasser selbst sich praktisch betätigt hat, so gelingt ihm diese Verbindung theöretischer Spekulation und praktischer Betrachtungsweise ganz vorzüglich. Gerade die psychologischen Grundlagen der Politik zu untersuchen, lvird heutzutage so oft über die Tagesfragen derselben vergessen. Daher ist cs gut, daß mit diesem Buche eine Untersuchung und Betrachtung der Politik geboten wird, die sich über das Alltägliche erhebt und tiefer und allgemeiner gehalten ist. Die Uebersetzung beider Bücher ist vortrefflich: die Ausstattung wie bei allen Erscheinungen dieses trefflichen Verlages, äußerst gediegen und geschmackvoll. Zur Geschichte der Wormser jüdischen Gemcinde.ihircrFriedhöfcundihres B e g r ä b n i s w e s e n s. Gedenkschrist zur Eröffnung des neuen Friedhofs. 4 Abbildungen in Lichtdruck. 52 Seiten. Worms, H. Kräuter'sche Buchhandlung (Julius Stern). Der älteste Stein auf dem bisherigen Friedhofe trägt die Jahreszahl 1044. Die Geschichte dieses Friedhofes, der jetzt geschlossen wird, ist also eng mit der Geschichte der uralten und einst an jüdischer Gelehrsamkeit und 'Ansehen so reichen jüdischen Gemeinde verknüpft. Das vorliegende Buch zeichnet in kurzen Strichen , die interessante Geschichte der Wormser Judenheit (Max Levy) und ihres Friedhoftvesens (S. Roth- - schild) und .gibt aus der Feder des Beigeordneten Gg. Metzler einen Neberblick über die neue Friedhossankaae. Wocheu-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 23. Dezember (—2. Tewesk Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 llhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 llhr 20 Min. in Berlin 4 Uhr 45 Min. Wochenabschnitt: Mikeiz. — Pharao sieht im Traum sieben fette und sieben magere Kühe, sieben volle und leere Aehren. Niemand kann dies deuten. Der Mundschenk erinnert sich an Josef. Dieser wird aus dein Gefängnisse geholt und deutet die Träume als aus sieben ftüchtbare und sieben unfruchtbare Jahre hinweisend. Er wird mit königlichen Ehren überhäuft, erhält einen goldenen Ring, goldene talskette, königliche Gewänder, fährt in königlicher arosse durchs Land und wird als Bizekönig bejubelt. — Joses sammelt Getreide für die Hnngerszeit. Diese kommt. Auch fremde Völker holen Getreide bei Josef, darunter seine eigenen Brüder. Er erkennt sie, sie ihn jedoch nicht. Josef stellt sie als Kundschafter hin. Zum Wahrheitsbeweis ihrer Unschuld sollen sie den jüngsten Bruder bringen. Drei Tage lang entschließt sich keiner von ihnen zu der schweren Mission. Schließlich ziehen sie alle heim. Simon bleibt als Geisel zurück. — Die Brüder denken an ihre frühere Sünde. Sie finden unterwegs das Getreidegeld in ihren Säcken wieder, die Ausregung steigert sich. Der Vater zu Hause ist bestürzt, will Binjamin nicht fortlassen. Endlich entschließt er sich dazu, weil kein Getreide mehr vorhanden. Juda verbürgt sich für Binjamin. Sie nehmen Geschenke mit. — Joses empfängt sie freundlich, läßt ihnen ein Mal bereiten, teilt Geschenke ans, am meisten dem Binjamin. Sie werden nochmals erprobt. Josef läßt seinen Silberbccher heimlich in Binjamins Sack legen. Sie ziehen ahnungslos ab. Der Hausverwalter eilt bald nach, untersucht die Säcke, Binjamin wird als Dieb verhaftet. Alle kommen bestürzt zu Josts zurück. Sie alle wollen Sklaven sein. Josef indes will nur Binjamin zurückbehalten. Zugleich ist der zweite SchabbosChannka. unenoacoer uruamm-Jtiiiagc Telefon 123. Qffanbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TMDDlChralnlaMng. Frankfurter FamMennachrichteu. G e b o r e n. E. Tochter, F. Wolf (Stein), Rechneistraße 12. — E. Tochter, Herz Levi (Schauenberg), Fahrgasse 87. — E. Sohn, Levi (Lorie). Homburgerstr. 23. — E. Tochter, Julius Mai (Drucker), Röderbergweg 17. — E. Sohn H. Leopold (Katzenstein), «chillerstr. 10. — E. Tochter, Hamburger (Spitzer), Windeckstr. 33. B armi-w o h. Frcmz Karpeles, Uhlandstr. 49 nnd Alfred Strauß, Zeit 37, in der Synagoge Börneplatz. -