Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 50 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 50. Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Am 17. Dezember Hat Kn Paris die Generalversammlung jder Alliance getagt und selbstverständlich die vom Pariser Zentralkomitee vorgcschlagcne Statutenänderung akzeptiert;*) so hat denn der Gewaltstreich der Pariser auch seine formelle, legale Sanktionierung erhalten; die Abschaffung der Wahlen ist perfekt, der demokratische Charakter der Alliance dahin und diese selbst damit vernichtet. Jawohl, ° vernichtet! Faktisch vielleicht nicht so bald. Es werden der Alliance sicherlich noch Mitglieder verbleiben, sic wird ihre Schulen wie bisher behalten, und alles wird äußerlich genau so bleiben wie bisher. Aber moralisch, geistig ist die Alliance vernichtet, sic ist nicht mehr die Vertretung der Gesamtjudenheit, sie hat sich dieses Recht selbst abgesprochen. Von nun an ist sie nulc noch ein Hilfskomitee eitriger „Notabeln", das zahlende Mitglieder auch hat, im übrigen aber von einigen Autokraten geleitet wird. Aus der Alliance Jsraelitc Universelle ist ein Pariser philanthropisches Hilfskomitee geworden. Also Finis Allianciae! Das Kapitel „Alliance" in der Geschichte des modernen Judentums ist geschlossen! Es ist ein beklagenswertes Ereignis, doppelt beklagenswert, ivenn man an die Größe der zugrunde liegenden Idee, an die großen Hoffnungen, die in die Alliance gesetzt wurden, an die großen Männer, die sie gegründet haben, denkt. Andererseits jedoch kann cs uns nur freuen, daß endlich das Mäskenspicl, mit dem solange die jüdische wie auch die allgemeine jOeffcntlichkeit getäuscht wurde, ausgehört hat, daß nnm die Verkleidung hat fallen lassen, -aß man endlich vor aller 8Mt dokumentiert hat, Laß cs keine Alliance mehr gibt, keine Alliance, die den Anspruch erhebt, Vertreterin der Gesamtjudenheit zu sein. Nur unter einer Bedingung wäre das volle Fortbestchcn der Alliance in ihrer bisherigen Form überhaupt ersprießlich gewesen, wenn nämlich ihre Leitung und ihr Wirken ra° dikal reformiert worden wären. Nachdem diese Hoffnung geschwunden ist, war es nur besser, daß inan auch öffentlich das zeigte, was mün in Wirklichkeit war, nämliche ein Klub einiger rücksichtsloser Pariser Autokraten. Wenn die Alliance wirklich in facto nur Salonwn Reinach und Jacques Bigart ist. dann dokumentiere man es auch nach äußert hin. Es ist ein unerfreuliches Schauspiel, das sich dem rülüvärtsschauenden Betrachter bietet, der die ganze Phase der Kämpfe inneichalb der Alliance überblickt; unerfreulich durch die vielen Jntriguen, Unwahrheiten und Rankespielc, die diese Kämpfe begleitet haben. Andererseits aber haben sie auch ihre erfreuliche Seite insofern, als sie doch zeigen, um wieviel das Selbstbewüßtscin und das jüdische Interesse innerhalb der deutschen Judenheit gestiegen sind. Und wären nicht die Outsider in Deutschland, die offen oder heimlich zu Paris hielten, wir würden um dieses Schöne an den Kämpfen alles Unerfreuliche vergessen können; so aber lehrt uns die Geschichte dieser Kämpfe, daß cs auch in Deutschland noch genug zu tun gibt zur Hebung des jüdischen Stolzes und der Liebe zum Judentum. Wir wissen nicht, ob alle oder ivcnigstens die Mehrzahl der deutschen Mitglieder nun aus der Alliance austreten iverden. Wir wissen auch nicht, was nun das Berliner Präsidimn der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft zu tun gedenkt. Aber was nun auch folgen möge, die Erkenntnis muß sich innerhalb der deutschen Mitglieder der Alliance durchsetzen. Laß cs eine Alliance iM bisherigen schönen Sinne dieses Wortes nicht mehr gibt, und wir hoffen, daß sie mit der Zeit auch die Konsequenzen daraus ziehen und sich nicht zu Helfershelfern und Mitläufern von SaloNwn Reinach und Jacques Bigart degradieren lassen werden. *) Infolge des diplomatischen Bertuschungslvstem der Pariser Leitung sind der Oeffentlichkeit die Beschlüffe der Generalversammlung noch vorenthalten; es ist aber selbstverständlich, daß die Statutenänderung zur Annahme gelangte. - Uns selbst kann das moralische Ende der Alliance nicht allzusehr beunruhigen; wir können den Verlust leicht verschmerzen. Wir, denen es ja eigentlich nur eine einzige wirkliche Gesamtorganisation des ganzen jüdischen Volkes, nur eine Vertreterin Gesamt-Israels geb>en kann, können im geioissen Sinne von diesem Standpunkte aus das Ende der Alliance begrüßen, denn es hat Klarheit geschaffen; von nun weiß alle Welt, daß cs nur eine Vertreterin des jüdischen Volkes gibt und geben kann: den Zionismus. Im Jahre 1860 wurde die Alliance geboren und im Dezember des Jahres 1911 zu Grabe getragen! Vielleicht war es eine weise Fügung, die cs also kommen ließ. Tenn die Alliance hat schließlich ihre vornehmste Aufgabe erfüllt; das, was ihre dauernde Beüeutung in der Geschichte des modernen Judentums ausmacht, daß sie nämlich das E i n h e i t s b e w u ß t s e i n.des jüdischen Volkes geweckt und gestärkt hat, diese Aufgabe hatte sie schon längst erfüllt. Und so hatte sie zunr großen Teil ihre Existenzberechtigung verloren. Und wenn sie nun moralisch sich selbst vernichtet, bleibt sie nicht ohne Erben. Eine andere Organisation ist schon lange da, uni ihr Werk sortzusetzen und zu vollenden, und diese Organisation ist wahrhaft jüdisch und wahrhaft universell. Auf den Trümmern der alten Alliance erwächst die neue, und diese wird das, was jene anfangs geivollt aber nicht vermocht hat, vollbringen: die Lösung der Judenftage und die Befreiung des Judenvolkcs. 2. Die Patzfrage in Amerika. Tic Behandlung der Paß frage in Amerika ist in den letzten zwei Wochen ungemein rasch vorwärts gekommen. Das mannhafte Auftreten Jakob Schiffs, das an dieser Stelle bereits eingehend gewürdigt worden ist, hat die amerikanische Oefsentlichseit aufgerüttelt und das Repräsentantenhaus hat die Resolution Sulzer, die Rußland Vertragsbruch vorwirft und die sofortige .Kündigung des Handelsvertrages verlangt, mit allen gegen eine Stimme angenommen. Bevor jedoch diese Resolution an den Senat gekommen ist, ist Präsident Taft zuvorgckommcn und hat den Handelsvertrag mit Rußland für den 1. Januar 1912 selbst gekündigt. Es ist imn schwer, genau zu sagen, ivie Rußland sich dazu verhalten wird. Das eine aber kann doch schon jetzt als sichet gelten, daß cs zu Konzessionen bereit sein lvird, und wie Nachrichten aus Peertsburg besagen, soll Ministerpräsident Kokowzew sich berefts zur Nachgiebigkeit bereit erklärt und der Minister des Aeußeren, Sassanow, sich seinem Standpunkt angeschlossen haben. Ob freilich die uneingeschränkte Eintrittsmöglichkeit für amerikanische Juden nach Rußland erreicht: werden wirtz. ist nicht sicher; die nächste Zeit wird ja schon Ausschluß bringen. Welches aber auch das endgültige Resultat sei: zwei günstige Folgen wird das Vorgehen Amerikas sicherlich haben; einmal wird es auf die Haltung der anderen Regierungen in derselben Angelegenheit von Einfluß sein, und fernur wird es zur Hebung des Selbstbewußtseins der amerikanischen Jndcnh c i t beitragen. Die Vertragsverletzung, jüdischen Untertanen frcnider Staaten den Eintritt in Rußland zu untersagen oder zu erschweren, begeht ja Rußland nicht nur gegenüber Amerika, sondern auch gegen alle anderen Staaten. Daß diese es sich bisher ruhig gefallen ließen, hängt einerseits mit der geringen Freundlichkeit und der Kälte zusammen, mit der die europäischen Regierungen überhaupt die Interessen ihrer jüdischen Untertanen zu behandeln pflegen, andererseits aber mit der Gleichgiltigkeit, mit der es die Juden dieser Länder selbst hingenommen haben. Jetzt, da die Vereinigten Staaten mit solcher Energie die Rechte chrcr jüdischen Untertanen zu erzwingen suchen, und Rußland angesichts dieser Energie auch zur Nachgiebigkeit bereit ist, werden die ' anderen Staaten gleichfalls früher oder später die gleiche Forderung an Rußland stellen, und Rußland wird auch ihnen gegenüber nachgeben müssen. Diese Sorge ist ja auch das Hauptmotiv für die Hartnäckigkeit, mit der Rußland bisher an seinen! Standpuntt festgehalten hat. Die amerikanische Judenheit aber wird durch diesen Kampf um ihr Recht gehoben und in ihren! jüdischen Bewußtsein gestärkt. Im Kampf wächst stets die Kraft des Kämpfenden, zumal im' Kamps um sein gutes Recht. Und auch da wird Amerika die anderen Länder beeinflussen; auch die jüdischen Untertanen der anderen Staaten werden sich ein Beispiel nchmen müssen an deni Auftreten ihrer amerikanischen Brüder und ebenso mannhaft ihre Rechte zu fordern beginnen. Und es 'ist zweifellos, daß auch ihnen dieselben günstigen Erfolge beschieden sein iverden wie den Juden der Bereinigten Staaten. Nach außen hin unsere Position stärkend, nach innen hin hebend' und fördernd, bildet die Paß frage ein schönes, erfreuliches Kapitel in der Geschichte der amerikanischen Judenheit. Hoffen wir, daß der Schluß des Kapitels, der noch aussteht, seinem günstigen Anfänge entsprechen wird, daß die Aktion, so energisch und mutig begonnen, auch zu den erhofften Resultaten und Erfolgen führen wird. / Zur Aufhebung des russisch-amerikanische« Handelsvertrags. . Wie ein Reuier-Telegramn: aus Washington vom 13. Dezember meldet, hat das Repräsentantenhaus mit dreihundert gegen eine Stimme die Resolution Sulzer angenommen, die die sofortige Aufhebung des im Jahre 1832 zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten geschlossenen Handelsvertrages verlangt, weil Rußland sich weigert, die an Juden verabfolgten amerikanischen Pässe anzuerkennen. Damit kann die Annullierung des russisch-amerikanischen Vertrags, wenn auch formell noch die Zustimmung des Senats erforderlich ist, als vollendete Tatsache angesehen werden. In den jüdischen K r e i se n Amerikas herrscht große Genugtuung über den Beschluß des Repräsentantenhauses. Es wird in der jüdischen Presse hervorgehoben, 'das; seit dem Berliner Kongreß ein derart entschiedenes Auftreten einer Großmacht für die Gleichberechtigung der Juden nicht zu verzeichnen gewesen ° sei. Die Bereinigten Staaten, hätten den europäischen Kabinetten Ivieder einmal ein Beispiel wahrhaft liberalen Geistes, unbeugsamen Bürgerstolzes und demokratischen Selbstgefühls geboten, das seinen Eindruck in der alten Welt sicherlich wicht verfehlen werde. — In Rn ßland hat das ents ch ie d e n c B orgehen der Bereinigten Staaten sehr überrascht. Die russische Regierung sucht nun einzulenken und die Aufhebung des Handelsvertrags noch im letzten Augenblick zu verhindern. Aus St. Petersburg wird nämlich der „N. I.-K." unter dem 15. Dezember berichtet: Gutem Vernehmen nach ist Kokowzew bereit, den amerikanischen Juden den Zutritt nach Rußland zu erleichtern, und wird in diesem Sinne Bortrag beim Zaren halten. Offiziell wird erklärt, der Beschluß des amerikanischen Repräsentantenhauses könne auf die Politik Rußlands keinen Einfluß haben. Tatsächlich ist aber die Kündigung des Handelsvertrags für Rußland im höchste n Grade unerwünscht. Kokowzew hat darüber mit Sasonow eine Besprechung gehabt. Dieser soll sich der Ansicht Kokowzews, daß Rußland bemüht sein niüsse, seine freundschaftlichen Beziehungen zu Amerika aufrecht zu erhalten, angeschlossen haben. Washington, 18. Dezbr. In einem Brief an den Ausschuß für die Auswärtigen Angelegenheiten und in einer Botschaft an den Senat, erklärte Präsident Taft, er habe Rußland am 15. Dezember von der Aufhebung des Vertrages von 1832 in Kenntnis gesetzt. Mit der Initiative zu diesein Schritt hat Taft das Repräsentantenhaus von der Teilnahme an diesem Gegenstand ausgeschlossen, wird also seine Maßnahme nur dem Senat zur Billigung zu unterbreiten haben. ’ Petersburg, 18. Dezbr. Der Botschafter der Bereinigten Staaten überreichte heute dem Minister des Aeußern eine Note, mit der Kündigung des Vertrages von 1832. Gleichzeitig schlägt Amerika vor, sofort in B e rh andlnngen über den Abschluß eines neuen, den gegenwärtigen Interessen der beide» Staaten mehr entsprechenden Handels- und Schiss-