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Neue jüdische Presse · 1911-12-22 · Heft 50 (22.12.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 50 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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1 HedakLi-it «nb cheschäftsstelke: Srsnkfurt 3. IR., Lrrrrssstrrrtz» 7 VtStfon 10507. » je c- Herausgeber: Kakg ^eis. 9. Zahrgaug. Freitag» de« 1. Tewes 5672 <22 Dezember 1911) Rr. 50, j" .'" . . . " - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. ALonnementSpreiS vro Birrteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. l.- frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Ml. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50. sonstige Länder Mk. 2.— ..- ■ >- ——-9 r- -- ■ " " .- -— Jnsertionipreise: Die viergespaltene Petitzeile.... . WPf«. Die Reklamezeile. . MO .. Platz- und Daten-Borschrtst ohne Berbindlichkrit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. 9L unter No. 4864. Inhalt üeS Hauptblattes. Artikel: 100 Jahre Emanzipation. — Aus den Ereignissen des Tages : 1. Das Ende der Alliance; 2. Die Paßftage in Amerika. — Zur Aufhebung des russisch-amerikanischen Handelsvertrags. — Ausaller Welt. — Feuilleton: Akiba. — Kalmon. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten, r- Briefkasten. 100 Jahre Emanzipation. Zur Jahrhundertfeier der Emanzipation der deutschen Juden. In üicsen Monaten rüstet sich die ecut'che Judenheit, eine Feier zu begehen, und unse.e Vaterstadt hat sie schon festlich begangen: die Feier ihrer hundertjährigen Emanzipation. Es ist ein großes Fest, das da gefeiert wird, denn die Emanzipation der westeuropäischen Judenheit überhaupt, der deutschen ins- , besondere war ein historisches Ereignis in der jüdischen Geschichte, ja, man kann und Pflegt auch die ganze moderne Geschichte des jüdischen Volkes von diesem Zeitpunkte ab zu datieren. Was hat in diesem Jahrhundert eie deutsche Judenheit nicht alles erlebt! Welche inneren Wandlungen und Acnderungcn haben sich in ihr vollzogen, tvclche Entwicklung hat sic durchgemacht! Tw Judenheit von heute ist wesentlich verschieden von der Judenheit der Emanzipationsepoche, verschieden in ihrem Denken und Empfinden, verschieden in ihrer Stellungnahme zur europäischen Kultur einerseits zuni Judentum andererseits, verschieden auch in ihrer Stellung zur Emanzipation selbst. Jener Generation der Emanzipationscpoche war das Problem der Emanzipation eine Frage des Entweder — Oder: Entweder Emanzipation oder Judentum. In ihrer tlnkcnntnis und Vergötterung der europäischen Kultur hielten es jene Juden für unvereinbar: ganzer Jude und dabei gleichberechtigter Europäer zu sein, und in ihrer fieberhaften Sehnsucht nach. Rechten waren sie gerne bereit, aus ihr Judentum zu verzichten, um nur Rechte zu erlangen. Auch psychologisch betrachteten sie das Problem unter demselben Gesichtspunkt. Sie hielten es psychologisch für unmöglich, in ihrer Seele, in ihrem Innern Judentum und Europäertum zu vereinen, sie glaubten für beides keinen Platz zir haben, und so warfen sie gerne das Judentum heraus, um das Fremde zu erlangen. Also dachte allerdings nur ein Teil jener Generation. Tic andere, bessere, jüdischere Kategorie glaubte etwas vom Judentum bewahren zu können, den Teil nämlich, der nicht so sehr, zu offenkundig im Gegensatz zur fremden, europäischen Kultur war: die jüdische Religion. Auf das Andere, Originelle, Eigenartige, auf das Nationale im Judentum glaubten sie auch verzichten zu müssen. Und so warfen sie alles Ursprüngliche, Eigenkräftige über Bord, begnügten sich mit dem farblosen SHemen einiger jüdischer Ideale und Imperative und stempelten das Judentunl, die jüdische Kultur zu einer jüdischen Konfession." Daß die Folgen dieser Auffassung und dieser Stellungnahme zur Emanzipation die schlimmsten sein mußten, ist klar. Tie Anschauungen des einen Teiles führten direkt zur Taufe, daher die riesige Taufbewcgung in den?>0ec und 40cr Jahren des vorigen Jahrhunderts; die des anderen zur Ertötung alles eigenen, selbständigen jüdischen Schassens, zur Vernichtung alles jüdischen Interesses, zur Vernichtung alles spezifischen, inneren, jüdischen Lebens. Diese Anschauungen und diese Folgen waren erklärlich, weil dieser Generation die Emanzipation etivas völlig Neues war, ein Geschenk aus einem Wnnderlande, das sie mit den heißesten Wünschen ersehnte, und das mit den teuersten Preisen zu erkairsen ihr nicht zu teuer war. Erst nach und nach, als man sich an die Emanzipation gewöhnte, als man erkannte, daß die Segnungen der Emanzipation denn doch bei weitem nicht die Segnungen des Judentums aufwogen, als man scrncr wahrnahm, daß diese Emanzipation ja schließlich nur etivas Halbes war, daß trotzdem der Jude immer noch der Fremde blieb, daß man ihm trotzdem die gesellschaftliche und auch politische Gleichberechtigung vorcnthiclt, erst als man alle diese schlimmen Erfahrungen durchgemacht hatte, da begann sich eine andere Stellungnahme zur Emanzipation Bahn zu brechen, man sah ein, daß sie unser einfaches Menschenrecht war, daß wir um ihretwillen nichts, aber auch nichts von deni Unseren anfzugebcn brauchten. Tics empfand und betonte schon der stolze Gabriel Ri esse r, dies erklärte und bewies in religiöser Hinsicht besonders nachdrücklich die große Persönlichkeit Samson Raphael Hirsches, dies bezeugten vor aller Welt endlich der große Theodor H e r z l und der n e u j ü d i s ch e N a t i o n a l i s - m u s. In ihm hat diese Revision in unserer Stellungnahme erst ihren Höhepunkt erweicht, ihren konsequentesten Ausdruck erhalten. Bei Riesscr tvaren cs noch allgemein menschliche Motive, die ihn zu seinen Stellung bewogen, Hirsch kümmerte sich ausschließlich um das Religiöse, erst der moderne Mische Rationalismus hat mit allem Nachdruck erklärt, daß wir unsere vollen Eigenarten und Rechte als Sondernationalität fordern und pflegen inüssen und Vabei doch Anspruch ans völlige Gleichberechtigung haben, hat gezeigt, daß ivir dem Staat gegenüber nur politische, aber nicht kulturelle Pflichten haben, da er uns ja auch nur politische Rechte gewähren kann und muß. Jener Generation vor 100 Jahren war die Emanzipation ein freiwilliges Geschenk der europäischen Völker, uns ist sie wohlbegründetc Schuld, jenen war es ein unerhörtes Glück, uns eine Selbstverständlichkeit, jenen ein Gegensatz zuni Judentum, uns nur ein Mittel zum Judentum. Sie opferten ihr Judentum der Emanzipation, zuliebe, wir wissen, daß die Emanzipation nur Wert hat, wenn und weil sie uns die Möglichkeit zur Wege unseres Judentums gibt, Jene dankten den Verlechern der Emanzipation, wie Sklaven ihreni Herrn danken, der ihnen die Freiheit schenkt, wir erstatten ihnen nur den stolzen, selbstbewußten, höflichen Tank, den ein Mensch seinem Mitmenschen für die Gewährung eines Rechtes erstattet, das er ihm schuldet. Und nur so, erst jetzt, wenn wir also die Enianzipation betrachten und einschätzen, kann sie uns wahrhaft förderlich sein. Ten Juden vor 100 Jahren hat sie letzten Endes furchtbaren Schaden zugefügt, an dem wir noch heute leiden. Sie hat ihnen ihr Judentum gekostet. Uns erst kann sie wahrhaft nützen, weil wir durch sie freie Möglichkeit zum jüdischen Schassen und Wirken erlangen. Tics zu erkennen, dies, daß uns das Judcntuln höher stehen muß als alle Emanzipation, daß diese nur Mittel, das Judentum aber Zweck ist. dies ist die Aufgabe, die uns die Jahrhundertfeier der Emanzipation stellt. Tenn noch sind nicht alle Reste jener alten Stellungnahme zur Emanzipation verschwunden. Noch haben wir heute unter uns viele Juden, die gleichfalls meinen, höchstens „mosaisch" sein zu cürfen, wenn sie aus politische Rechte Anspruch erheben, noch viele Juden, die in der Erlangung solcher Rechte alles Heil und alles Glück erblicken und uni ihretwillen auf ihre jüdische Eigenart gerne verzichten wollen. Diese Juden sind noch heute zur Emanzipation nicht reif, ihnen ist sie noch immer von Schaden. Sorgen wir darum, daß die Revision in unserer Auffassung der Emanzipation eine vollständige werde, daß die gescuntc deutsche Judenheit die Emanzipation richtig einzuschätzen lernt, daß sic in ihrer Totalität das Judentum als das bei weitem höhere Gut bewerten lerne, denn erst dann wird die Emanzipation allen deutschen Juden eine Wohltat und von Nutzen sein, erst dann werden wir voll und ganz das Recht haben, ihre Erteilung vor 100 Jahren zu feiern und zu segnen. Aus de« Ereigniffeu des Tages. 1. Das Ende der Alliance. „Jin Jahre 1860 wurde die Alliance Jsraelitc Universelle geboren und im T ezjember des Jahres 1911 zu Grabe getragen." Also wird ein künftiger Historiker die Geschichte der Alliance beginnen müsien. Tenn am 17. Tezembcr wurde zu Paris die Alliance zu Grabe getragen; die Alliance selbst nicht, aber der Alliancegcdanke, und was kann uns ein Körper ohne Seele, was eine Alliance ohne die Idee noch wert sein? Als am Ende des vorigen Jahres die 50jährige Jubiläumsfeier der Alliance begangen werden sollte, wurde sie auf Veranlassung der Pariser verschoben; vielleicht ahnten sie schon dann, daß es zu lächerlich wäre, dieses Fest zu feiern, daß die Jubiläumsfeier zugleich ihre Totenfeier sein werde? . . I

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