Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 49 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr 49 Seite 4 Frankfurter Israelitisches Familienblatk. der mngarischen Judenheit und nahm des weiteren nur noch' die Wahl der Landesrepräsentanz vor. Grotzbritauuien. London. In dem neuen Arbeiterversicherungsgesctz besagt ein Paragraph, daß Arbeiter, die schuld an ihrer Arbeitslosigkeit sind, keine Entschädigung erhalten. Bezüglich dieses Paragraphen haben die Vertreter der Londoner indischen Gemeinde die Regierung ersucht, i h n nicht auf solche jüdische Arbeiter anwcnden, die infolge der Sabbatbeobachtung arbeitslos sind. Die Regierung hat dem Ersuchen ohne weiteres st a t t g e - geben. Rußland. Petersburg. In der Dumaverhandlung bezüglich der städtischen Selbstverwaltung in Polen protestierten Maslenikow (Progressist) und Schtschepkin (Kadett) gegen die in der Vorlage vorgesehene Beschränkung der Rechte der Juden. Dagegen erklärte Jaronski (Pole) offenherzig, der Polenklub halte gegenwärtig die Erweiterung der Rechte der Juden in den polnischen Städten für unmöglich, da sie bei Aufrcchterhaltung der Beschränkung der Rechte der Inden im übrigen Reiche zu einer Ucberschwemmung der polnischen Städte durch Juden führen würde. Die Judenfrage spitze sich jetzt auch in Polen zu. Fried mann (Jude) entgcgnete darauf, die Polen, die stets über Unterdrückung klagten, hätten in keiner der drei Reichsdumen Juden aus dem Weichselgebiet zugelasscn, und sie würden auch jetzt den Ruhm des polnischen Volkes durch die Zustimmung zur Rechtsbcraubung der jüdischen Bevölkerung nicht erhöhen. Spanien. Madrid. Ein Menschenalter lang war eines der herrlichsten Bauwerke Toledos, die einstige Synagoge des Samuel Ben Meir Halevi, die dann zur Kirche umgewandelt wurde und „Sa. Maria del Transits" hieß, von einem umfangreichen Gerüst umgeben. Dies Gerüst ist nun gefallen, die Restauration ist im wesentlichen beendet, und man kann die eigenartige Dekoration dieses Raumes endlich wieder in rechter Weise bewundern. Die' Arbeiten, die lange geruht hatten, wurden durch das energische Eingreifen des Marquis de la Vega wieder ausgenommen, der hier eine Art jüdisches Museum unterbringen will. Während der Restaurationsarbeiten fand man eine sehr gut erhaltene, künstlerisch höchst wertvolle Dekoration, zum Teil in Holz, zum Teil in Stuck ausgcsührt. Der wundervolle Raum wird möglichst die Gestalt wieder erhalten, die er als Synagoge besaß, und dann sollen hier alte hebräische Manuskripte und Miniaturen sowie Photographien nach, alten jüdischspanischen Codices ausgestellt werden. Tie Eröffnung des neuen Museums wird voraussichtlich noch im Dezember in Anwesenheit des Königs stattfindcn._ G Mffeton. © In tzer nächsten Nummer beginnt die le^te der von Friedrich Rott (Frau Sara Gnggenheimcr geb. Hirsch) hinterlasscncn Erzählungen. Es ist historischer Boden, den der Leser betritt. Akiba, den Geistesfürsten und Freiheits- Helden, und die anmutige, Luge und tapfere Rahel, die Geliebte seines Herzens, begleitet er aus verschlungenen Schicksalspfaden vom Auskeimen der jungen Liebe bis zum glücklichen Ehcbund. Die letzte Schöpfmrg der beliebten Erzählerin dürste sich ihren besten Schöpfungen anreihcn. Joseph Pulitzer. Die literarische Welt Amerikas ist in tiefer Trauer um den Tod ihres gewandtest:!! Journalisten Josef Pulitzer, der anr 29. Oktober in Charlston plötzlich verschied. Pulitzer durchschritt eine merkwürdige Karriere, die sich nicht bloß durch triumphierende Erfolge auszeichnet, sondern auch Mer Originalität wegen einzig nrch eigenartig dasteht. Als Sohn wohlhabener jüdischer Eltern war er am 10. April 1847 in einem Städtchen bei Budapest geboren. Schon in den Kinderschuhen legte er einen auffälligen Wissensdrang an den Dag, und seine Lcsensbegierdc war so unstillbar, daß sic dem Jungen eine dauernde Angenkrankheit znzvg, 'die sich' im Laufe der Zeit zur völligen Blindheit gestaltete. . Mit vierzehn Jahren begann er das Leben ans eigene Faust, da sein reicher Vater inzwischen gestorben war und das von ihm hinterlassenc Vermögen durch sorglose Wirtschaft der Witwe zerrann. Hilflos wie er war und nicht imstande, ein respektables Heim sür sich und seine Aqutter zu gründen, ergriff er den Wanderstab, unt>- damit setzte eine Reihe qualvoller Jahre für ihn ein. Von Paris ging er nach London. Nirgends schien ihm jedoch das Schicksal jzu lächeln, und fortgesetzt mußte er die bittersten Enttäuschungen erfahren. Min wandte der heimatlose, frenndlosc Abenteurer seinen Blick nach Slmerika, dem Mekka -er Freiheit. Es war das Jähr 1864, in dem so manch begeisterter Achtundvierziger nadj, der Union floh) um an dem Bürgerkriege, dem 'Kampfe zwischen Sklaverei und Freiheit mitzukämpfen, Noch in Paris versuchte er, sich der mexikanischen Expedition anznschließen, wurde aber seines Augenlichtes f>«lber zurückgewiesen. In New Jork angelangt, ieß er sich jedoch als Freiwilliger eintragen und wurde dem Heere, dem cs an Soldaten mangelte, cinverleibt. Nach einjährigem tapferen Kämpfen kehrte er mit Auszeichnungen nach New Jork zurück. Er hoffte nun sin den dortigen deutschen Zirkeln, vorzugsweise aber in dem Kreise Karl Schurz, geistige Anregung und seinem Talente gemäße Beschäftigung zu finden. Allein die vorherrschenden Verhältnisse und der ungünstige Umstand, daß der Stellenlosen infolge -es Krieges altzuvielc waren, schien keine brillanten Aussichten zu versprechen. Schiffbruch erlitten, kam er nach St. Louis. Aber auch 'in dieser verzweifelten Lage verließ den heldenhaften Jüngling der eiserne ALut nicht. Seine unbesiegbare Energie schien gleichsam Mit jeder Schwierigkeit zu wachsen und sich zu stählen, während seine unvergleichliche Ausdauer mit jedem Hindernisse an Expansionskraft gewann. Nach Verlauf eines Jahres, in dem er unbeschreibliche Entbehrungen erduldete, brachte ihn endlich der Zufall mit einem Herrn Zusammen,' der die hervorragenden Gaben des jungen Mannes erkannte. Von Natur politischer -Fechter, mit vorzüglichen Kenntnissen der deutschen und genügender Vorbildung in der cnglichen Sprache ausgestattet, fing er seine Laufbahn als Reporter der „Westlichen Post" von St. Lonis an und verschaffte sich bald großes Ansehen. In verhältnismäßig kurzer Zeit war er nicht nur Redakteur dieser Zeitung, sondern auch Eigentümer zahlreicher englischer Gazetten, die er unter dem Namen „St. Louis Post Dispatch" herausgab. Seinen iveitercn Erfolgen war nunmehr der Grund gelegt. Sein Reichtum und sein Ansehen gipfelten aber in der Leitung der größten Zeitung Amerikas „The World", die er völlig umgestaltete, und sie zum bedeutendsten Faktor in der Politik der Vereinigten Staaten machte. Von seinem Stande aks Redakteur des „World" aus beherrschte er das einflußreichste Publikum und sozusagen das „Stock Ercbange" Amerikas. — Noch lange wird daher sein Dahinschciden eine fühlbare Lücke fast auf allen Gebieten des amerikanischen gesellschaftlichen Lebens bleiben. — Denn dieses Kraftgenie verband mit seinem unübertroffenen Geist und alles umfassenden Sinn ein weites, großmütiges, mitfühlendes Herz, was ihn besonders aks echten jüdischen Thvus hiervorhob. Obzwar seine vielseitige vhilantrovischc Tätigkeit seinen Brüdern nicht in erster Linie zugute kam, griff sie doch in ihren Verzweigungen indirekt nach dem Ostend New Ports und dem schrecklichen Elend des Ghettos hinüber und zeigte in allen Reguimen den unverfälschten, treuen Charakter seines Volkes. — Es ist nur tief zu bedauern!, daß diese gewaltige Persönlichkeit seinem Volke und dessen ideaken Zielen fremd blieb und seine Kraft, seinen selbstlosen Opfermut auf fremden Bereichen zerstreute. Seine organisatorische Tätigkeit! Wie hätte sie segensreich im Dienste des indischen Volkes wirken können! Allein da-u mangelte es ihni an jüdischem Interesse. Daran mögen wohl die verkehrte Erziehung und die Umaebnng mit ihrem frostigen Jnbifferentismus schuld gewesen sein. Trotz alledem war Joses Pulitzer ein Stolz und eine Ebre seines Volkes. Mit ihm verlor die amerikanische Jüdenheit einen der größten ibrer Söhne und das Uankeetum vielleicht den glänzendsten seiner raren bedeutenden Gestalten. Beide werden dem ,Andenken des Verstorbenen eine liebevolle Treue bewäbben. — Boston.__ ___Samuel Bah. mri. Iltaf. InP.-Warnton Ecke N-u* Malnzerstr u Welssf'auenstr. II. Elektr. KI«trb»l*ucMung. TatcHaMampen. PlattfUSS anderen PU888vKM6^6N verschwinden ln anseren patentamtl. gesell. An gulusstlefel -; (Individuelle Anfertigung). Eberhard Möller l Söhne, BetS"n7s8t3p-48 Bunte Chronik. Etymologische Exegese des Wortes „Amen". . „Amen", der sprachliche Ausdruck für Wiedergabe unserer tiefsten Ueberzengnng von der Beständigkeit und innigen Unveränderlich keit des Gott wese ns, wird in unserer Liturgie stets bei Anhörung der göttlichen Nennung oder des Schlußgebets ausgesprochen und ist in dieser idealen Auffassung allgemein (auch für andere Sprachen und Religiansgescllschäfte n) übernommen. Die Entstehung des Wortes „Amen" ist unbestritten auf Unrein" znrnckzufü'hren. Dieses „Omein" ist auch mehrfache im Zusammenhang mit „<£cloI/' gebräuchlich. Etymologisch würde ich „Omein" als Abkürzung für „Ani maamin" (d.' h. ich bin unverbrüchlich überzeugt und halte unerschütterlich für wahr) und Seloh, als Selugoh lehn (Ihm auserwählt) auffassen. „Omein Seloh" würde demnach in gedrängtester Kürze der Ueberzengnng Ausdruck geben, daß wir in allen Fährnissen des Lebens und der geschichtlichen Ereignisse das auserwählte Volk geblieben sind und unter seinem göttlichen Schutze auch bleiben werden. Bromberg. Siegfried Cohn. Der Jude als Landwirt in Nordamerika. Jüdische A ck e r b a u k o l o n i e n, wie sie z. B. in Palästina, Südrußland und Argentinien bestehen, gibt es in Nordamerika nur in kleiner Anzahl. Sie befinden sich meist im Staate New Jersey, und die bekanntesten unter ihnen sind die Kolonien Woodbine, Alliance, Rosenhain und Karmel. Woodbine wurde im Jahre 1891 gegründet, schwang sich rasch zu ansehnlichem Wohlstand empor und macht heute den Eindruck eines Landstädtchens. Alliance, Rosenhain und Karmel existieren schon seit dem Anfang der achtziger Jahre und haben sich ebenfalls sehr gut entwickelt.' Neben diesen größeren Kolonien gibt es aber, über das ganze Gebiet der Union zerstreut, eine große Menge landwirtschaftlicher Einzclsiedelungen, sogenannte Farmen, die früher keinerlei Zusammenhang untereinander hatten, vor einigen Jahren jedoch in der „Jewish Agricultural and Industrial Aid Society" eine Zentralstelle erhalten haben. Diese Organisation geht den einzelnen Farmern mit langfristigem Kredit, mit Ratschlägen für die rationelle Bodenbewirtschaftung, mit Vermittlung von Bodenläusen sowie mit der Einrichtung von Schulen, Bibliotheken und Lesehallen an die Hand. Eine vollständige Statistik der jüdischen Farmer gibt cs bis jetzt noch nicht, doch dürfte ihre Zahl mit 6000 nicht zu hoch angenommen sein. Eingesandt. Zu der interessanten Veröffentlichung des Chananidokumentes durch Dr. Iampel in Nr. 46 Ihres hochgeschätzten Blattes möchte ich auf einen Anachronismus aufmerksam machen, der aus der älteren unwissenschaftlichen Bibelkritik von Graetz übernommen, wurde, durch die Auffindung des Jedonjabriefes als Irrtum nachgewiesen erscheint, dennoch mit unbegreiflichem Konservatismus noch immer festgehalten wird. Der Brief des Jedonja ist erwiesenermaßen vom 2ten Marcheschwan des Jahres 17 der Regierung des.Darius Nothos, 408/7 vor unserer Zeitrechnung datiert, drei Jahre nach der geschichtlich festgestellten Empörung der Acghpter gegen die Pcrserherrschast, bei welcher der Tempel der jüdischen Militärkolonie in Elephantine zerstört wurde. Dieser Darius II. regierte 19 Jahre nach Artaxerxes I. Longimanus. Sein Nachfolger, war Artaxerxes II. Mnemon mit 46 Regierungsjahren. Der Brief ist an den persischen Statthalter Bagoas gerichtet und beruft sich auf einen vorangegangenen, unbeantwortet gebliebenen Brief an denselben und an den Hohenpriester Jochauan und an den adligen Jerusalemer Anani. Wann hat dieser Bagoas gelebt? Professor Sachau führt eine Stelle aus Josephus Ant. Jud. XI. 7 an, daß , derselbe Feldherr des Artaxerxes U. Mnemon gewesen sei. Das wird auch chronologisch durch den Jebonjabrief bestätigt, da abgesehen von dem Vorkommen eines aeghptischen Statthalters Arsames unter Darius Nothos Regierung die Reihenfolge der Hohenpriester im Buche Nehemia den unumstößlichen Beweis dafür lieferte. Denn unter Nehemia fungierte als Hohenpriester bereits der Sohn oder Brudersohn (vgl. Barsilai H, 9) des Jochauan, der nach Josephus noch die Ankunft Alexanders des Großen erlebt hat. Nachdem nun Esra im 7. Jahre des Artaxerxes in Jerusalem eintraf und dort als Hohepriester den JochauM vorfand (Esra 10, 6), so hätte dieser im Jahre *58 bereits dieses Amt bekleidet und zwar bis mindestens 408, dem Datum des Briefes. Sein Sohn Jaddua, der als sein Nachfolger im Amte mindestens 20 Jahre alt sein mußte, hätte dasselbe bis zum Eintreffen Alexanders im . Jahre 332 durch einen Zeitraum von 78 Jahren bekleidet.