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Neue jüdische Presse · 1911-12-15 · Heft 49 (15.12.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 49 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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7 Nr. 49. Frankfurter Israelitisches Famklienblatk. Sekte 3richtigkeit des Zionismus. Und wenn uns dieser neue Beweis natürlich nicht erst den Zionismus als wahr erkennen läßt, wenn er uns, den Uei erzeugten, kein neuer Beweis mehr ist, weil wir der Beweise nicht mehr bedürfen; den anderen, den Zweiflern, kann er ein Zeichen sein, wie alle Wege der modernen Judenfrage zum Zionismus führen und sie, die Zweifler, kann er vielleicht überzeugen helfen. Pros. Sombart über „Judeupolttik". Am 8. Dez. fand in Berlin der zweite Vortrag Sombarts über die „Zukunft der Juden" statt. In dem ersten Vortrag war der Versuch gemacht, die gegenwärtige Lage der Juden zu schildern; nunmehr suchte der Vortragende die Richtlinien der „Judenpolitik" zu bestimmen. Um es gleich vorweg zu sagen: Es war ein unzweideutiges, uneingeschränktes Bekenntnis zum Nationaljudentum, was wir aus dem Munde des bekannten Gelehrten hörten. Sombart ging davon aus, daß jede Politik etwas Subjektives sei, denn sie verfahre nicht nach der objektiven Methode des Gelehrten, vielmehr bedeute sie Werturteile auf Grund persönlicher Lebensanschauung. Aber trotz dieser notwendigen Subjektivität müsse sich der Politiker doch an die realen Zustände und Möglichkeiten halten. Es sei sinnlos, etwa das Verschwinden der Juden als politische Maxime auszustellen. Man müsse die vorhandenen Zustände und Möglichkeiten in Betracht ziehen, wenn man Real- Politik treiben wolle. Die Judenheit könne gegenwärtig in zwei große Gruppen eingeteilt werden, die sich in ihren Lebensbcdingungen durchaus unterscheiden: Oestliche und westliche Juden. Die östlichen Juden leben unter so unerträglichen Bedingungen, daß ihre Lage verbessert werden urüsse, wolle man ihr Dasein sichern. In Rußland und Rumänien sei in absehbarer Zeit keine wesentliche Besserung zu erwarten, England und Amerika sträubten sich gegen die iminer mehr anwachsende Eimvanderung der östlichen Juden, und so sei nur eine Versorgungspolitik für die östlichen Massen möglich, nämlich die zionistische. Auf den Streit zwischen Territorialismus und Zionismus wolle er nicht näher eingehen, doch sei es sein persönlicher Wunsch, daß die Zionisten mit ihren Argumenten Recht behielten. Er glaube auch, daß dies der Fall sein werde, da Palästina den Auswanderungsländern näher liege: als alle anderen vorgeschlagenen Gebiete, uift weil die jüdische Kolonisation in Palästina bereits auf eine 30jährige Erfahrung zurückblicken könne. Er wolle jedoch davor warnen, die zionistische Bewegung mit allzuvielen Experimenten zu belasten, denn die Kolonisation im Orient sei an sich schon eine so schwere Ausgabe, daß es nicht angebracht sei, mit der jüdischen auch noch die soziale Frage lösen zu wollen. Während Sombart so für die östlichen Inden die zionistische Lösung fast als eine Selbstverständlichkeit betrachtet, erhebt sich nach seiner Ansicht ein sehr schweres Problem, wenn die westliche Judenpoluik in Frage steht. Die materiellen Lebensbedingungen der w e st - lichen Juden seien unzweifelhaft gut, und so könne die Judcnfrage für sie nur eine ideelle, keine materielle Seite haben. Das Problem bestehe darin, ob die westlichen Juden das Judentum erhalten oder. vernichten wollen. Es handle sich um keine andere Frage als die der „A^ t e r h a l t u n g" oder „A r t z c r st ö - r n n g". Mit größter Entschiedenheit erklärt Sombart, daß die Antwort nur lauten dürfe: Arter Haltung. Die Auflösung der Artverschiedenheiten und die Bildung eines europäisch-amerikanischen Universal- Menschentums sei eine fürchterliche Perspektive, und schon aus diesem ganz allgemeinen Gesichtspunkte müsse alles gefördert werden, was zur Erhaltung nationaler Eigenart dient. Im speziellen Fall der Juden würde diese Tendenz zur Arterhaltung, also die Pflege jüdisch-nationaler Kultur und Gesinnung, die Folge haben, daß die Art sich verbessert und gerade diejenigen Fehler der Juden verschwinden, die man, heute als spezifisch jüdische Fehler bezeichnet. Denn ein Volk, das sich wieder auf sich selbst besinnt, fördert in sich die guten Eigenschaften und sucht die schlechten zu unterdrücken. Wenn die Juden ihr Judentum aufgeben, so hat der einzelne Jude nur noch Interessen. Wollen sie aber ihr Judentum erhalten, so wird ein ideales Streben entsesselt, das den. Charakter im besten Sinne beeinflußt. Der Mangel an Respekt, den man an dem Juden rügt, sei hauptsächlich hei denjenigen anzutreffen, die sich an die anderen Völker bedingungslos herandrängen wollen, nicht aber bei denen, die ihr eigenes Volkstum pflegen. Wenn also die westlichen Juden Nationaljuden werden sollen, so wolle er damit nicht für den „extremen Zionismus" eintreten, der alle Juden nach Palästina zu führen beabsichtigt. Es sei eine Ueberschätzung der idealistischen Momente im Seelenleben der Juden, wenn man hoffe, sämtliche Juden jn Palästina zu vereinigen. Auch könnten dies die christlichen Völker garnicht zulassen, da die Juden für sie unentbehrlich seien. Sie sind es, die einen großen Teil der Steuern ausbringen, die die Konzerte und Theater füllen, die die Bücher kaufen. Die völlige Auswanderung der Juden würde ebenso verderbliche Wirkungen haben, wie die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich oder die Vertreibung der Juden aus Spanien sür diese Länder gehabt haben. Es sei aber zur Gründung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina und zur Erziehung der Juden zum Nationaljudentum auch garnicht nötig, daß sämtliche Juden nach Palästina answandern. Seit der Zeit des babylonischen Exils haben stets mehr Juden in der Diaspora als in Palästina gelebt. Die Nationalisierung der westlichen Juden könne durch eine Reihe von Mitteln bewirkt werden, so vor allem durch Erziehung der jüdischen Jugend. Vielleicht sei es sogar möglich, die Juden an manchen Punkten lokal zu konzentrieren; hierbei geht Sombart soweit, die Gründung jüdischer Ackerbau-Kolonien im deutschen Osten zu empfehlen, ein Vorschlag, der freilich nicht in den Bereich politischer Möglichkeiten fällt. Die wichtige Frage, wie 'sich das Zusammenleben einer nationaljüdischen Bevölkerung mit den umgebenden Völkern gestalten werde, beantwortet Sombart dahin, daß dies sich durchaus befriedigend entwickeln könne. Jn kultureller Beziehung läge kein Grund vor, weshalb ein Nationaljude nicht an den Schöpfungen deutschen Geisteslebens vollen Anteil nehmen soll. Man könne einer bestimmten Art, einem bestimmten Volke angehören und doch volles Verständnis für andere nanonale Kulturschöpfungen haben. Jn wirtschaftlicher Hinsicht sei die Stellung der Juden eine sehr günstige'und werde dies vermutlich bleiben. Wie aber werde sich das Verhältnis zunc Staat gestalten? Sombart kann, wie er sagt, absolut nicht verstehen, weshalb die Juden in diesem Punkte Bedenken haben. Es sei durchaus kein Erfordernis für den Staat, daß alle seine Bürger derselben Nationalität angehören. Die Bewohner der Schweiz seien Deutsche, Franzosen und Italiener, dennoch aber seien sie begeisterte Schweizer. Was die Beteiligung der Juden an den Staatsstellungen beträfe, so lautet seine Formel, die freilich, wie er wisse, auf Widerspruch stoße» joerde, folgendermaßen: Die Staaten werden den Inden volle Gleichberechtigung gewähren, und die Juden werden die Klugheit und den Takt haben, diese Gleichberechtigung nicht im vollen Umfang auszunützen. Es gebe Verhältnisse inr Leben der Völker, die nicht durch Ausstellung von Prinzipien, sondern nur durch Takt gelöst werden können. Dazu gehört die Stellung der Juden im Staate. Wenn die Juden volle Gleichberechtigung fordern, so müssen sie überlegen, ob sich wirklich ein Prinzip der Gerechtigkeit im Staate durchführen läßt. Solle man etwa nach den Prozenten der verschiedenen Konfessionen oder Nationalitäten im Staate die Stellen vergeben? Und wenn gefordert würde, daß der Tüchtigste diese Stellen erhält, so müsse man sagen: es gebe keine Methode uni mit Sicherheit fcstzustellen, wer der Tüchtigste sei. D i e B e w e g u n g z u r j ü d i s ch e n Renaissance sei im Wachsen. Es handelt sich um eine Kulturerscheinung, die Beachtung verdient, und scharf zu verurteilen sei die Totschweigetaktik der jüdisch-liberalen Zeitungen, die über diese Bewegung hinwegzugehen versuchen. Man habe diese Totschweigetaktik auch ihm gegenüber anzuwenden versucht, und die jüdisch-liberalen Blätter boykottierten seine Vorträge über die Jüdensrage. Hiergegen lege er ganz entschieden Verwahrung ein, und wenn ihm von manchen Seiten gesagt worden sei, weshalb er denn durchaus dieses Problem in der Oeffentlichkeit behandeln wolle, so antworte er, daß dies sein gutes Recht sei, denn er sehe in der Frage «nach der Zukunft der Juden eine wichtige Kulturangelcgenheit, die für die Entwicklung der Menschheit von größ.ter Bedeutung sei. er meint, daß die Erziehung der Juden zum Nationaljndentum das Uebermaß eines niedrigen und äußerlichen Ehrgeizes dämpfen werde, das die Juden heute vielfach dazu führt, nach allerlei Ehrenposten zu streben. Für das vorwiegend jüdische Publikum aus Berlin W., vor dem Sombart sprach, hätte es vielleicht einer genaueren Definition bedurft, was unter wahrem Judentum zu verstehen sei. Für einen Mann wie Sombart, der das Judentum als historische Erscheinung bewertet, kann es freilich keine andere Alternative geben als Artzerstörung oder Nationaljudentum. Den halbassimilierten Kreisen der Berliner Juden hätte aber deutlich zu Gemüt geführt werden müssen, daß ihr Scheinjudentum nur ein unklares Umherschwanken zwischen diesen beiden Möglichkeiten ist. Assimilation oder Zionismus?.Das ist die Formel, in die die gegenwärtige Situation zusammengesaßt werden kann, und das hat Sombart, der Nationalökonom und Geschichtsschreiber, mit klarem Blick erkannt. Sein Dortrag ist als bedeutsame Zeiterscheinung zu werten. Es ist das erste Mal, daß ein christlicher Gelehrter und Fachmann von solchem Rus sich vor der Oeffentlichkeit klar für das Nationaljrcdcntum, d. h. für den Zionismus entscheidet. Wir sehen hierin ein Zeichen für die siegreiche Kraft der zionistischen Idee, die immer weiter vordringt, und an der die Völker nicht mehr gleichgültig vorüber gehen können. Hat doch Sombart in seinem ersten Bortrag sich fast ausschließlich auf Quellen berufen, die in unseren zionistischen Kreisen wohl bekannt sind. Es zeigt, wieviel die Zionisten im Laufe der Jahre gewirkt haben, und wie ein christlicher Gelehrter zionistische Quellen zitieren muß, wenn er iiber die Judcnfrage spricht. Es wäre wünschenswert, daß Sombart auch in anderen Städten Vorträge über „Judcnpolitik" hält, und cs ist zu hoffen, daß die großen Provinzblätter sich liberaler verhalten werden als .die angeblich so sehr liberalen Zeitungen der Reichshauptstadt, die noch immer in dem Irrtum befangen sind, geistige Strömungen totschweigen zu können. Sombarts Bortrag hatte gewiß einige S ch w ä ch e n. Schon der erste Vortrag zeigte, wie schwer es einem christlichen Gelehrten ist, jüdische Probleme zu verstehen. Auch in seiner Behandlung der Judenpolitik zeigten sich mancherlei Jrrtümer. So glaubt er einen „Extrenien Zionismus" bekämpfen zu müssen, der die ganze Judenheit 'in Palästina sammeln soll. Jn Wirklichkeit hat ja die zionistische Organisation stets den Standpunkt vertreten, daß nicht sämtliche Juden, insbesondere nicht alle westlichen Juden, sondern nur ein Teil derselben nach Palästina auswandern werde und auswandern solle. Was Sombart über die Gerechtigkeit im Staatsleben sagte, mußte Widerspruch erwecken. Die Forderung, daß der Tüchtigste an die Stelle berufen wird, die der Staat zu vergeben hat, mag in der Praxis nicht immer durchgeführt werden können, als Prinzip aber muß sic ^aufrecht erhalten bleiben. Auch stimmt sie ja ganz zu der wahrhaft liberalen Auffassung, die Sombart vom Zusammenleben der Nationen in einem Staate vertritt. Dagegen trifft er ganz das Richtige, wenn Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Bei geringer Beteiiigung — es wurden nicht ganz 300 Stimmen abgegeben — vollzogen sich diesmal die Wahlen zum Ausschuß der israel. Gemeinde. Die Stimmen entfielen auf die gemeinsame Liste des „Zentralvereins israel. Gemeindemitglieder" und' des „Freisinn. Vereins für jüd. Gemeindeleben" mit den Namen: Freiherr Rudolf von Goldschmidt-Ro th sch ild (kons.), Eli Michael (kons.j und Rechtsanw. Tr. Richard Merzbach (lib.). Berlin. Der „Russischen Korrespondenz" ist ein von über hundert der angesehensten Persönlichkeiten des russischen Geisteslebens — darunter Korolenko, Gorki, Andrejow, Kowalewski und Arsenjew — Unterzeichneter Appell gegen die Ritualmordhetze zugegangen. Dieser Aufruf, der in der gesamten russischen Presse erscheinen soll, ist ein Ausfluß der Befürchtungen über die Folgen der in Rußland immer zirnehmenden Ritualmordhetze und der sie begleitenden Pogrompanik, nicht minder aber auch ein Protest gegen die Demoralisierung der Volksmassen, wie sie in den letzten Monaten mit unerhörter Intensität betrieben wird. Denn Tag für Tag werden jetzt Pogrombroschüren und Pogromproklamationen in. Zehntausenden, ja Hunderttausenden von Exemplaren über das ganze Land verstreut. Ist doch allein eine Pogromproklamation von Purischkewitsch in 600 000 Exemplaren verbreitet worden, und aus den verschiedensten Städten Rußlands (zuletzt aus Jekaterinoslaw) kommen Klagen darüber, daß die blutrünstigsten Machwerke haufenweise den unwissenden Volksschichten zugestellt werden. Berlin. Dieser Tage ist hier eine Bewässerungsgesellschaft Palästina m. b. H. in das Handelsregister eingetragen worden. Gegenstand des Unternehmens ist die Herstellung, der Erwerb, der Betrieb, die Verpachtung und Veräußerung von Bewässerungsanlagen aller Art in der Türkei, insbesondere in Palästina. Das Stammkapital beträgt 100 000 JL Geschäftsführer sind: Bezalel Jaffe, Kaufmann in Jaffa und Dr. M. Jewnin, Chemiker in Charlottenburg (stellvertretender Geschäftsführer). Oesterreich-llugar». Budapest. Unter Anwesenheit von 200 Vertretern der Gemeinden und mehr als 200 Rabbinern fand hier die jedes sechste Jahr abzuhaltende orthod. Landesversammlnng statt. Adolf Frankl, der Präsident der orthod. Landesrepräsentanz, führte den Vorsitz, die Landesversammlung war ausschließlich eine Demonstration gegen die Einigungsbestrebnngen

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