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Neue jüdische Presse · 1911-12-15 · Heft 49 (15.12.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 49 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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(Seite 2. SK. 49 Frankfurter ZsraelittsW FamMerMatk. 2. Sombart über die Judenftage. nächsten Wochen werden nn§ zeigen, öS die Herren Repräsentanten ihrer Aufgabe gewachsen sino oder »b sie noch immer nichts gelernt und nichts vergessen haben. Dr. I. M. S. Mission in den Answandererhalle«. An der deutsch-russischen Grenze weiden bekanntlich die Auswanderer, die das ungastliche Rußland verlassen, zwangsweise in die Kontrollstationen der Schiffahrtsgesellschaften überführt. ^Ein- und Ausgang ist ihnen bis zur Abreise verwehrt. Merkwürdigerweise hat man diesen Auswanderern, die durch Staat und Schiffahrtsgesellschaft hier kaserniert sind, eine liebevolle Behandlung, wenn auch nicht seitens der Schiffsahrtsgesellschaft, so doch seitens der christlichen Missionsgesellschasten zugedacht. Es ist nämlich in diesen sonst sorgfältig versperrten Hallen, in denen sich hunderte jüdische Emigranten zwangsweise aufhalten müssen, den Emissären der britischen Bibelgesellschaft gestattet, dort ihre in Jargon LbersetztenTraktätchen und Bücher den armen Auswanderern zu verkaufen. Es ist geradezu empörend, daß die deutschen Schiffahrtsgesellschaften und der Staat, rer das Auffichtsrecht über diese Kontrollstationen führt, diese Seelmfängerei unterstützen. Mft aller Entschiedenheft müssen wir Protest erhekn gegen eine derartige Vergewaltigung unserer Brüder, die hier schutzlos dem Treiben der Missionsgesellschasten preisgegeben sind. Wir hegen die bestimmte Hoffnung, daß diese Zellen den treubewährten Helfer der jüdischen Emigranten, Len Hilfsverein der Deutschen Juden, veranlassen werden, mft aller Energie diesem ungesetzlichen Unfug zu steuern, und daß er den Schiffahrtsgesellschaften gegenüber seinen Standpunkt, d. h. den einzig gesetzlichen des steien Menschenrechts, durchsetzt. Wir appellieren an das öffentliche jüd. Gewissen uno dürfen hoffen, daß dieser Appell nicht ungehört verhallen wird. Ans -e« Ereignisse« -es Tages. 1. Vergangenheit und Ankunft. Eine Chanukahbetrachtung. Historische Feste haben den Zweck, uns an die Vergangenheit , an die Geschichte zu Erinnern. Aber dies ist nicht chre Hauptaufgabe. Tenn Erinnerung an die Vergangenheit ist nicht Selbstzweck und soll es nicht sein. Vielmehr nur Mittel für die Zukunft. Tie Erinnerung der großen Geschehnisse der Historie, das Gedenken der großen Helden der Geschichte soll uns neue Stärke geben, neue Weihe und neuen Mut, neue Hoffnung und neue Tatkraft für die Arbeit in der Gegenwart und für das Streben nach, der Zukunft. Tie Geschichte und vor allen: die nationale Geschichte eines Volkes als Trösterin in der Not, als krästespendender Genius in der Arbeit, als mutverleihenoe Götttn im Kamps, hierin ist die große Bedeutung uno der große Nutzen der Geschichte für das Leben zu suchen. Uebt die Historie diese Wirkung nicht mehr aus, ist sie zu unfähig, um uns neu zu stärken, oder wft zu schwach, um gestärkt werden zu können, dann ist sie für uns schier wertlos, vielleicht sogar schädlich- Denn anstatt zu beleben, läßt sie erstarren, anstatt anzuspornen, verführt sie dazu, in chrem kalten Hause sich zu sonnen, anstatt mutig macht sie uns dünkelhaft. Und es ist fast eine Regel: Die Tatkraft und Lebensstärke einer Nation steht indirektem Verhältnis zu der belebenden Wirkung, die die Geschichte auf sie auszuüben vermag. Völker, die nichts besseres wissen, als sich im Glanze ihrer Vergangenheit zu sonnen, wissen, daß sie dem Untergange, deM Sterben verfallen sind. Kein Fest unserer nationalen Geschichte ist so sehr dazu berufen, als Kräftespender: und Herold fijr unsere Zukunft^ zu Menen, wie das Chanükahfest. Groß ist Chanukah als leuchtende Ruhmesepoche unserer Vergangenheit; größer noch als leuchtender Leitstern unserer Zukunft. Nicht darauf kommt es in erster Reihe an, Chanukah als Heldenzeit unseres. Volkes zu verherrlichen, sondern darauf, es als Zeichen uno Prophezeiung unserer Zukunft zu erfassen; als Zeichen und als Mahnung; als Prophezeiung und als Imperativ. Nicht wer im Eifer sich hervortut, die Makkabäer zu preisen, die Vergangenheit zu verherrlichen, ist derjenige, der den Gedanken des Chanukahfestes ergriffen hat, nein, denjenigen preisen wir als den Besseren, der damit zugleich das Streben und den Willen hat, ein Chanukah der Zukunft zu wiederholen, das erhabene Schauspiel des Kanrpfes und Sieges der Makkabäer ein zweites Mal auf der Bühne der Weltgeschichte aufzuführen. Rühmen wir uns nicht ewig damft, daß wir Makkabäer hatten, suchen wir der Welt zu zeigen, daß wir noch Makkabäer haben; leicht ist es, das Lob gewesene: Helden zu singen; schwer und eines Makkabäersprößlings würdig, jenen Helden zu gleichen oder doch zu ähneln. * . In zweifacher Weise feiert das Judentum der Gegenwart sein Chanukah;. denn eine zweifache Art von Juden kennt unsere Zeit; und die "Art des Chanukahfeierns ist das Kriterium für die Art des Juden. Ten einen ist Chanukah nur Historie, nur Geschichte, nur Vergangenheit. Sie sind stolz, daß es einst so war und begnügen sich mft diesen: Swlze. Darum ist ihre Feier kalt, historisch, wissenschaftlich, akademisch. Individuelle Bedeutung hat Chanukah für sie nicht, ihnen ist es kein persönliches Erlebnis. Die also Chanukah feiern, dies sind die toten Juden; die Juden, deren Judentum gleichfalls nur Vergangenheit ist; die nur Juden sind, weil ihre Ahnen Juden waren, denen das Judentum nichts Gegenwärtiges mehr ist und gewiß nicht mehr Zukunft. Ihr Chanukahfeiern ist kein Feiern oder nur ein totes Feiern. Ihre Chanukahfeste spenden nicht Kraft, nicht Mut, nicht Hoffnung, nicht Leben; Antiquitätengeruch geht von ihnen aus, Totenlust verbreiten sie. Ihnen steht aber die andere Art des Chanukahfeierns gegenüber; das Feiern, das L e b e n in sich trägt, nur lebenspendend ist, das Feiern, das nicht nur Erinnerung, sondern Wille, nicht nur Gedenken, sondern Gelöbnis ist. Und die also das Chanükahfest feiern, cs sind die lebenden Juden, die Juden, deren Judentum nicht nur Hsstorie, sondern Gegenwart und Zukunft ist, die Juden, deren Judentum in fteier Selbstbestimmung und innerstem Seelendrange wurzelt. Ihnen ist Chanukah ein Fest der Gegenwart, eine Sammlung der Kräfte, eine Heeresschau der Kämpfenden, ein Heroldsruf der Zukunft. Ihnen sind die Makkabäer nicht nur verehrungswürdig, sondern auch nachahmenswert; sie sprechen zu ihnen nicht allein: „Wir beugen uns vor eurer Größe!" sondern auch: „Wir streben nach eurer Größe!" Und ihnen allen offenbart sich der Genius des Chanukahfestes in seinem vollen Glanze; er erhellt ihnen nicht allein das Dunkel der Vergangenheit, er öffnet ihnen die Tore der Zukunft; er führt sie nicht nur zu den Kampfes- und Siegesstätten der alten, gewesenen Makkabäer, er leitet auch ihren ahnenden Blick auf die Heldentaten der neuen, zukünftigen' Makkabäer. * Zweifach ist die Art des Chanukahfeierns. Den einen ist Chanukah nur Vergangenheit, den anderen vor ollem Zukunft. Zweifach ist auch das Los derer, die Chanukah feiern; die einen sind dem Untergang geweiht, die anderen dem Leben, die einen der Vernichtung; die anderen dem Siege. Die einen, die toten Juden, schleppen sich nur noch aus Beharrung dahin, kriechen aus Trägheit, und sterben ab; die anderen schreiten immer rüstiger und kühner, sie eilen, sie hüpfen, sie fliegen der Zukunft entgegen, und verjüngen sich in 'ihrem Fluges z g ., Werner Somüart, der sich durch sein Buch: „Die Juden und das Wirtschaftsleben" ein Recht erworben hat, über jüdische Probleme mitzuredcn, hat in Berlin zwei Vorttäge über die „Zukunft der Juden" gehalten. Er hat damit einen neuen Beweis dafür erbracht, daß es nur eine völlig ungerechtfertigke, haltlose Beschuldigung ist, ihn einen Antisemiten zu nennen. Gewiß übt er hier und' da scharfe Kritik an dem jüdischen Charakter und an Dingen, die uns heilig sind, mag auch sein, daß manches von rem; was er behauptet, unwahr ist, jedenfalls muß man ihm den Willen anerkennen, objektiv zu urteilen und darf ihn nicht als tendenziösen Antisemiten hinstellen. Es wäre nur ein Zeichen unserer inneren Schwäche, wollten wir jeden Krittler unseres Volkes und unserer Kultur als Antisemiten stempeln; uns dünkt, daß die Krittk, die objekttver Bettachtung entspringt, wie die Sombarts, uns nur willkommen und dienliche sein kann. Die Vorträge selbst waren glänzende Leistungen für Werner Sombart, der doch bei alledem ein Außenstehender in jüdischen Dingen ist, boten auch Nichtjuden oder indifferenten Juden eine Menge des Interessanten und Neuen, uns selbst aber vermochten sie nur wenig Neues zu sagen. Und dennoch haben sie auch für uns ihre Bedeutung. Sie können als Beweis und Zeichen von der gesunden Logik der zionistischen Lösung,der Judenftage dienen. Aus einer gründlichen Untersuchung der Lage des jüdischen Volkes in allen Ländern heraus, unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen und geistigen Faktoren, die sie bestimmen, ist Sombart dazu gelangt, den Zionismus als das einfachste und aussichtsreichste Mittel zur Lösung der Judenftage zu prollamieren. Daß Sombart, der bedeutende Nationalö ko no m, den Zionismus als sehr wohl realisierbar, als das von allen vorgeschlagenen Mitteln realisierbarste ansieht, ist doppelt interessant und bedeutsam; es zeigt, daß nicht einmal das Gegenargument der Utopie mehr bestehen kann, daß der Zionismus nicht nur aus inneren geistigen Ursachen die einzige Lösung der Judenftage ist, sondern auch aus äußeren ökonomischen Gründen den besten Weg darstellt. Noch ein anderes interessantes Faktum bot der zweite Borttag. Sombart trat für den Zionismus ein nicht nur im Interesse des jüdischen Volkes, sondern auch iMJnteressedereuropäischcn Kultur. In einer Zeft, da die originale, nationale Eigenart imMer mehr verschwindet, ' da der Typus des eigenartslosen American man die Welt zu beherrschen beginnt, ist es für das Kulturleben doppelt nötig, die nattonalen Eigenarten zu bewahren und zu stärken, und in der Schaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina erblickt Sombart eine hervorragende Kräfttgung der jüdischen Eigenart aller Juden. Auch dieser Gedankengang ist für uns nichts mehr neues; er ist oft genug von unserer Seite dargelegt worden; aber dann erllärten unsere Gegner uns als Chauvinisten, unser Streben als Dünkel. Nun aber kommt ein Europäer, der gewiß nur das Wohl der europäischen Kultur iM Auge hat, und behauptet das gleiche; was wird Man jetzt sagen? Wird man auch Sombart stir einen jüdischen Chauvinisten erllären? Wohl möglich, daß er, der eben noch Antisemit geschimpft wurde, demnächst als jüdischer Chauvinist verschrieen sein wird. Wie gesagt, Sombarts Vorttäge waren keine Offenbarung; von der „Zukunft der Juden" hat auch er uns kein Bild zu entwerfen vermocht oder vielmehr nur das Bild, das uns allen schon seft langem vorschwebt und das zu realisieren wir schon längst bestrebt sind. Aber seine Vorträge sind einmal wichüg, weft sie uns einen neuen Anhänger gebracht haben, einen Anhänger, der uns zwar nicht tatkräftig! helfen kann, dessen Name und Persönlichkeit aber einen Erfolg für die Werbettaft der zionistischen Idee bedeuten, sodann aber, weil sie charakteristisch sind, charakteristisch und/beweiskräftig fiir die innere Kraft u nd Folge-

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