Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 49 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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SranKturt a. ITC.. Ger«so« 10507. Hevarrsgever: K-ls Heis. 9. Jahrgang. Freitag, den 24. Liblvv 5672 (15. Dezember 1911) Nr. 49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemenh-preiS vro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bet der Post abonnier im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn M. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4 .__ — ■ - ■■ ■ — . -1 JnsertionSpreise: Die viergespaltme Petttzeile.... . 25 Pfg. Die Reklamezelle. . 1« .. Platz- und Datcn-Borschrift ohne Berdindllchkeit. Jtonto Sei Sem Postscheckamt in Frankfurt a. 11 unter No. 4864. Inhalt des HauptblatteS. Artikel: Brief aus England. — Mission in den Auswandererhallen. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Vergangenheit und Zukuwt; 2. Sombmr über die Judenfrage. — Prof. Sombart über „Judenpolitik". — Aus aller Welt. — Feuilleton: Joseph Pulitzer. — Bunte Chronik. — Eingesandt. — Kunst und Literatur. — Wo ch enkalender. — Famrlienn ach richten Brief aus England. Ter erste Kandidat für das Chief- Rabbinat ist nun ein getroffen. Er wurde in - Portsmouth u. a. von dem jüdischen Mayor von Tewenport begrüßt und bei seiner Ankunft hier in. London von dein Tajan tz y a m s o n, der auch- Ansprüche auf das Oberrabbinat macht, und von anderen Notabeln erwartet. Tie jüdischen Zeitungen haben ihn schon interviewt, und in der Presse sind schon Predigten von ihin für die nächsten Sabbate angekündigt. Unsere Gemeindeführer handeln sehr politisch. Politik ist' ja das Zeichen unserer Zeit. Alles treibt jetzt Politik, China und Persien nicht ausgeschlossen. Was Wunder, daß auch unsere Mandarins zu dieser edlen Kunst gegriffen haben. Offiziell ist der Reo. Tr. Abrahams noch kein Kandidat. Ueberhaupt gibt es noch keine Kandidaten. Tie Häupter der Gemeinde sind noch immer aus der Suche nach einem würdigen Rabbiner, der es wie Tr. Adler verstünde, die. Westler zu -befriedigen und die Oestlcr zu beruhigen. Nach zwanzigjährigem Aufenthalt und einem segensreichen Wirken pro bono Judaico in den Kolonien soll der Reverend-Gentelman hierher gckoinmen sein, tim seine Geschwister zu besuchen und eine Tour auf beit Kontinent zu machen, wie es bei Europäern,- die sich längere Zeit in Amerika oder in den „Kolonien" aufgehalten haben, Sitte ist. Wenn ein solcher Herr der Geistlichkeit angehört, ist es natürlich Sitte, daß er von verschiedenen Synagogen eingeladen wird, ihre Andächtigen durch eine Predigt zu erbauen. So lautet die offizielle Erklärung. - Es ist jedoch eine Tatsache, die hier allgemein bekannt ist, daß Tr. Abrahams wahrscheinlichnoch weitere 20 Jahre in Australien geblieben wäre, ohne sich, nach seiner englischen Verwandtschaft zu sehnen, hätte es hier keine Vakanz fürdas Amt eines Chief-Rabbi gegeben. Jedoch, wie gesagt, moderne Menschen wissen, daß Politik- und Wahrheit im gleichen Verhältnis zu einander stehen wie Dichtung und Wahrheit. Wir leben im Zcitaletr von- Tripolis und Persien. Wenn zivilisierte Staaten Missionen und wissenschaftliche- Expeditionen nach fernen Landen aus- ° senden, begreifen wir wohl, was' darunter zu verstehen sei, ohne uns von den Schlagworten Christentum und Kultur beirren zu lassen. Wie gesagt, auch in uns ist der Geist der Politik gefahren. Der Zeitgeist ist ansteckend. Dr. Abrahamist der Kandidat, der am meisten auf das „Boonnng" unserer Repräsentanten von-Gottes Giraten rechnen darf. .Er ist ein geborener Londoner, der Sohn eines früheren Tajans der sephardischen Gemeinde und der Bruder von Israel Abrahams, des Busenfreundes und Mithelfers Claude Montefiore's in seiner Christus-Manie, der hier als die größte Leuchte der Wissenschaft des Judentums gilt. Nachdem er hier das B. A. gewacht hatte, begab er sich nach Deutschland, wo er in Leipzig zum Doktor der Philosophie promovierte und in Berlin vom sel. Tr. Hildesheimer die hatorath haurooh erhielt. Er erhielt darauf den Ruf nach Melbourne, wo er seit zwanzig Jahren als Rabbiner und Ab. Bcth Tin fungiert. Ich erwähne die letzteren Umstände nicht, um die Biographie dieses Herrn zu vervollständigen, sondern um die Takttk unserer Leaders besser illustrieren zu können. Noch nie in ihrer Gemeindetätigkeit standen die Herren vor einem solchen. Tilenrma, wie jetzt. Bei all den Lobeshymnen, die noch immer dem Wirken des verstorbenen Chief-Rabbi gespendet werden, wissen die Herren von der Gemeindeleitung recht wohl, daß der Verstorbene das englische Judentum in einem solchen chaotischen Zustand gelassen hätte, daß es auch dem geschicktesten und charakterfestesten Oberrabbiner schwer fallen wird, Ordnung „in die Bude" zu bringen. Tr. Adler war, wie ich bereits in dieser Zeitung auseinandergesetzt habe, eine Kompromißnatur, die .die Probleme stets umging oder aufschob. Tie Nachfolger solcher Männer haben immer einen sehr schweren Stand, da die ausgehäusten ungelösten Probleme nach dem Ableben dieser Männer gewöhnlich mit elementarer Gewalt ausbrechen. Diese Erscheinung macht sich jetzt sehr bemerkbar. Es herrscht gegenwärtig im geistigen Leben des englischen Judentums Anarchie. Alles Unterdrückte revoltiert und will heraus: da ist die Orchodoxie, die der Zweideutigkeit ein .Ende Machen will; da ist die Reform, die sich nicht mehr mit Kleinigkeiten begnügen will; da sind die nationalen Elemente, die auf die ungeheure Vernachlässigung der Erziehung der jüdischen Jugend Hinweisen und für eine Hebung des jüdischen Wissens eintreten; da sind die Massen der „ausländischen" Juden, die nicht mehr als eine gnantitö negligeable betrachtet und behandelt werden wollen; da sind die Rabbiner, die unter dem alten Regime viel zu leiden hätten und nun eine Besserung ihrer materiellen Lage und eine Hebung ihrer Autorität fordern. So wichtig und so dringend auch alle diese Fragen sind, so denken jedoch unsere Führer noch immer nicht daran, sie zu lösen. Sie haben nur das' eine Interesse, die alte Oligarchie aufrechtzuerhälten. Tie Zeiten haben sich stark geändert. Tie Gemeinden in der Provinz sind mächttg gewachsen, und „the foreign element" besteht nicht mehr aus den früheren armseligen Polaken, mit Lenen man alles machen konnte und die nicht drein reden dursten. Die Masse hat jetzt Wünsche, -die llar und präzise sind und ist sich dessen besoußt,. daß . sie . in einem! freien Lande lebt, wo die Denwkratie immer mehr zur Gellung kommt. Als man zur Wahl des verstorbenen Chief-Rabbi schritt, kam man in der Gemeindcstube zusaimnen und wählte Dr. Äld'.er, ohne die Masse zu befragen, an deren Spitze er gestellt wurde. Jetzt ist eine derartige Prozedur einfach unmöglich. Samson hat seine Kraft erkannt und fordert laut sein Recht. Die Autorität des Oberrabbinats ist keine oonr Staate anerkannte Autorität, wie es in manchen Provinzen. Deutschlands der Fall ist. Sic basiert einzig und allein auf dem freien Willen des Volkes. Wird der Chief-Rabbi allgemein als das Oberhaupt der englischen Judenheit anerkannt, so darf er hoffen, daß er auch Geltung außerhalb des Judentums gewinnen wird. Kaum erheben. sich aber Zweifel gegen diese Autorität, die die Nicht-Berücksichtigung der Wünsche des Volkes sicherlich zur Folge haben muß, so wird wohl der Gewählte bex Chief-Rabbi der United Synagogue in London sein, die ihn anstellt und besoldet, aber mit dem Oberrabinat des britischen Reiches wird es zu Ende sein. Worauf die Führer bei der Wahl des Chief- Rabbi Gewicht legen, ist, daß er hoffähig und ein Englishman mikas regel wead rausch sein soll. Tie Masse kümmert sich wenig um diese Eigenschaften und verlangt, daß er ein jüdischer Chief- Rabbi sei, ein großer Talmid-Chochom und von unbestrittener Gesetzestreue und eine Kraft, die sich ganz dem Ausbau des Judentums nach innen widmen soll. Gälte es, nur den Interessen der einen Partei Rechnung.zu tragen, so wäre die Lösung der Chief-Rabbi-Frage eine Leichtigkeit. Es gibt genug „Ministes, die glänzende Kanzelredner und hübsche Erscheinungen sind, denen der Talmud ein Buch mit sieben Siegeln ist, wie es unzählige Rabbiner und Rabbonim gibt, die viel „lernen" können, aber kein Wort englisch verstehen oder englisch mit einem „Akzent" sprechen. Tie Schwierigkeit besteht darin,. daß es gilt, den beiden Richtungen gerecht zu werden, ich möchte, sagen, zwei Gegensätze zu vereinigen. Da Dr. Abrahams hatorath haurooh von Dr. - Hildesheimer s. A. hat, glauben unsere Gemeindevätcr in chm die geeignete Person gefunden zu haben, die die Gegensätze zwischen Ost und West überbrücken und „the foreign section" befriedigen wird. Tie Herren scheinen aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht zu haben. Tie letzten Vorgänge in der Schechita- Frage sollten ihnen zeigen, daß die Forderungen der Orthodoxie höher sind, als sich die Herren denken, und daß sich die. „foreign Rabbis" nur einem solchen Chief-Rabbi unterordnen werden, der als eine Autorität in Israel weit und breit bekannt ist. Wir . stehen jetzt vor einem Wendepunkt in der Geschichte der englischen Juden. Tie Herren vom Gemeinderat ziehen die Wahl in die Länge, um inzwischen den Boden zn fühlen und genau zn erfahren, 08 sich wirklich alles geändert hat oder ob noch alles beim Wen geblieben ist. Aber die Zeit rückt heran. Die Entscheidung muß hals getroffen werden, und die