Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 48 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3. Rr. 48. Frankfurter Israelitisches Famrlienblatk. als auch ganz besonders materiell unterstützen, denn um eine Zukunftsarbcit handelt es sich hier, die doch sicherlich allen denkenden Mensche» als wichtig gcnng erscheinen dürfte. Es bedarf daher gewiß' nur eines Hinweises, um auch die weitere Oefsentlichkeit mehr alS bisher für die Arbeit des Verbandes der jüdischen Jiigendvcrcinc Deutschlands zu interessieren. F. II. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Aus dem Büro der „freien Vereinig u n g s ü r d i e I n t e r e s s e n d e s o r t h v d. I n d e n t n in s" geht uns folgende Notiz zn: „D a s S ch i ck f a l d e r Nobel l e z n m Strafgesetzbuch, über die im Februar d. Js. vom Reichstag in zweiter Lesung verhandelt und Beschluß gesaßt ivorden ist, war bis in die letzten Tage zweifelhaft. 'Nunmehr gilt es als entschieden, daß auch diese Novelle in die Reihe der vom Reichstage nicht zur Verabschiedung gebrachten Gcsetzentwürfe getreten ist. In lveitcn parlamentarischen Kreisen wird diese Wendung bedauert, da einige Materien der Novelle von besonderer Dringlichkeit sind, wie Kiiiderschntz, Linderung der Ttrasen bei Nvtdiebstahl. Da aber andrerseits erhebliche Meinungsverschiedenheiten über gewisse Gegenstände, lvie die Fex Wagner und den Erprcssnngsparagraphcn bestanden, so war die 'Möglichkeit einer dritten Lesung angesichts der kurzen Frist bis zur Schließung des Reichstags nur gegeben, wenn eine freie Verständigung eine möglichst debattelosc Verhandlung verbürgt hätte. Zu diesem Behnfe hat am 30. November eine inoffizielle Besprechung von Vertretern aller Fraktionen stattgefnndcn. Es gelang nicht, die Gegensätze zn Überdrücken. In Beziehung ans die in der Novelle vorgesehene Aendernng des § 360 des Strafgesetzbuchs und den in 2. Lesung mit überwältigender 'Mehrheit beschlossenen Zusatz zur Sicherung des S ch ä ch t v e r s a h r e n s ist die nunmehr endgültige Ausscheidung der gesamten Novelle aus dem ArbeitSprogrammc insofern zu bedauern, als auch bei der dritten Lesung zweifellos eine starke Mehrheit für den Schutz dcS Schlichtens in der alten oder einer anderen, den staatsrechtlichen Gesichtspunkten der Regierung gerecht werdenden Forin gestimmt hätte. Nachdem die Einigungsverhandtungcn gescheitert sind, wird der bisherige R e ch t s z u st a n j> wohl bis zur Einführung des neuen Strafgesetzbuches, die vor 8—10 Jahren nicht zu e r w a r t e n ist, unverändert bleibe n." Berlin. Das Büro des Deutlch-Ikraelit G e in e i n d e b n n d e s teilt folgendes mit: „Die vom 12. Tcutsch-Israclitischcii Gemeindetagc eingesetzte gemischte Ko m m ission z ur Berat u n g der S a tz u ng s ä n d e rn n g hat in ihrer zweiten Sitzung vom 3. Dezember ihre Aufgabe im wesentlichen beendet. Nur für die Dclegiertenfragc wurde noch eine Tnbkommission von 5 Berliner Herren, von denen 2 der Opposition angchören, eingesetzt. Die Verhandlung war von einem friedlichen Geist beseelt, und die Beschlüsse, die nach Abschluß der Arbeit der Redaktionskommission bekannt gegeben werden sollen, dürften den berechtigten Ansprüchen aller Teile genügen." Berlin. Aus der Sitzung des Geschästsführcndcn Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Juden sei folgendes erwähnt: Ludwig Schiff-Frankfurt a. M. und Frau Direktor May- Berlin wurden in das Zentralkomitee kooptiert und Rabbiner Dr. Nobel-Frankfurt a. M. in die Schnlkommission .gewählt. Die Beratung galt im wesentlichen den Budgets für das Sch ul werk, die eine erhebliche Steigerung gegen das Vorjahr erfahren haben. Die Mehrkosten erwuchsen insbesondere durch den weiteren A u s b a u von Schulen in Jerusalem, Jaffa, Haifa und Saloniki, umfassende organisatorische Verbesserungen, Heranziehung neuer tüchtiger Lehrkräfte, Einführung des Handscrtigkeitsunterrichts in Palästina usw. Das Gesamtbudgct für das Schuliverk beläuft sich für 1911/12 auf rund 200000 JL, wovon ca. 155 000 JL auf Palast ina und ca. 15 000 IL auf die europäische T ü r k e i, B u l g a r i e n , R u m ä n i e n und Galizien entfallen. Hombura. Slm 25. u 26. Der findet hier der 5. D e l e g i c r t e n t a g des Verbandes d e r S a b b a t s r e u n d e statt. Oesterreich-Ungar«. Wien. Trotzdem 80 Prozent aller Wiener A d v v k a t c n Juden sind, bestand bisher die Gepflogenheit, daß in der A d v o k a t e nk a in in c r zum Präsidenten und ersten Vizepräsidenten ein Christ und nur zum zweiten Vizepräsidenten ein Jude gewählt wird, eine Bescheidenheit, die nur aus der zerrissenen, der jüdischen Selbstachtung und des jüdischen Bewußtseins baren Seele des assimilierten Wiener Judentums verständlich ist. Bei der diesmaligen Wahl in der Advokatenkammcr ist nün das ganze Präsidium j u d e n r e i n geworden. Das kam daher, weil als zweiter Vizepräsident der Täufling Dr. Harpner ausgestellt war und ein Teil der Juden mit Recht lieber dessen christlichen. Gegenkandidaten Dr. Pfeiffer wählte. Warum hatte aber niemand den Mut, dem Täufling einen Inden entgegenzustelleu? tzluch das ist bezeichnend für die Psyche des assimilierten Wiener Judentums! Wien. Die Reichsratswahl in Zcrczow (Galizien) ergab ein übe r r a s ch ende s R e s u l t a t. H e i n r i ch R eizes , ein Jude und politischer 'Neuling, siegte gegen den gewesene n Lands m a n n - M i n i st e r , ein in Galizien, dem Lande der Wahlmache, seltenes Vorkommnis. Reizes hoc als Wilder kandidiert. Im Parlaniente sitzen nunmehr 14 Juden, von denen wir Inden jedoch nur einen — den Abg. Dr. Straucher — als Verfechter unserer Interessen nennen können. Wien. ..Blochs Wochenschr." bringt folaendes Eingesandt: „Meine Köchin ging vor einigen Tagen zur Beichte. Die erste Frage des Geistliche n war, ob sie bei Juden oder bei E h r isten diene. Ans ihre Bejahung des erstereu fragte Hochwürden sehr erbost, warum sie bei Inden diene und nicht bei Christen, bei denen genügend Stellen frei seien. Sie gab zur Antwort, daß sie bei Juden besser behandelt werde und sich satt esse» könne: auch eiserc ihre jetzige Frau sie sogar an, in die Kirche zn gehen. Darauf erwiderte der geistliche Herr, er hätte nicht gewußt, daß es auch brave jüdische Frauen gibt." Buüatiest. Die Stadtrepräs-nkanz beschloß nach langer Debatte, in Rücksicht aus die Teuerung, eine LebenSmittel-Aktiengesellschast zu gründen, welche die Viktualicu direkt bei den Produzenten kaufen und dieselben mit geringem Nutzen unmittelbar an die Detailverschleißer abgcben soll. Bei Schluß der Debatte erging sich Dr. Julius B a r a n s k h , Vizepräsident der katholischen Volks- Partei, in a n t i s e in i t i s ch e n A n s f ä l l e n. So richtete er unter anderem an seinen Vorredner, Dr. W i l h e l ni V a z s onij, der für die Wahrung der Interessen der Budapcster Klcinkauflente eingetrcten war, die höhnische Frage: „Warum verteidigt Vazsony die freien Existenzen nicht auch gegen jene Personen, die hier aus allen Teilen der Welt einwandern und die große Teuerung künstlich Hervorrufen?" und fügte dann auf die erregte Frage Bazsonys, loclche Einwanderer er gemeint habe, hinzu: „Ich habe die polnischen Inden gemeint! Vazsony möge sich nach dem Biehmarkte begeben, wo nur polnische Juden den Handel vermitteln!" Auf diese Worte sprangen die meisten Repräsentanten von ihren Sitzen auf und ließen Baransky nicht weiter sprechen. Man hörte Rufe: „So sprach man im Mittelalter, ein Kultnrincnsch spricht nicht so!" Ein jüdischer Stadtrcpräsentant stellte sich vor Baransky hin und rief ihm zn: „Ich bin Jude, fangen Sic mit mir an, wenn Sie Mut haben!" Fast eine Viertelstunde dauerte die aufregende Szene, welche auch nach der Sitzung noch lebhaft besprochen wurde. Frankreich. Paris. Am 17 Dez-mbe-, 2 Uhr nachmittags findet im großen Saale des ifraelit. Konsistoriums (14 rue de la Victoirc) die General v e r f a in in l u n g d e r A l l i a n c e I f r a e I i t c Universell e statt. Tagesordnung: 1. Bericht über das Werk der Alliance, 2. Finanzieller Bericht, 3. Rabbiner Israel Levi über seine Orientrcise, 4. Satzungsänderung.' Palästina. Jaffa. Verschiedenes. — Der Ertrag der O r a n g c n e r n t e dürfte sehr befriedigend ansfallcn. Tausende von Kisten mit Orangen liegen jetzt für die 'Ausfuhr nach Marseille, Liverpool und anderen Orangcnmärkten bereit. D ie Absolventen der T achkemo nt schule haben einen Verein zur Pflege der j ü d. Literatur und Wissenschaft und der h c b r ä i s ch e L e h r c r v e r b a n d hat Abendkurse s ü r E r w a ch s e n e errichtet. — A chad - H a a m hat nach zweimonatlichem Ansenthalt wieder Palästina verlassen. — In Pethach-Tikwah hat der von der orthodoxen „F r e i c n V e r e i n i g u n g" in Frankfurt a. M. neuerdings angcstellte Lehrer Dr. B. M. L e w i n ungeordnet, haß die S ch ü l e r auch untereinander ausschließlich hebräisch sprechen. — Der bekannte Lubawitscher Chassidimrabbi S. D. 2 ch ii e e r s o h n gründet in H e b r o n eine T a l m u d - L e l> r a n st alt, deren Zöglinge und Lehrer e r a u s seiner Ieschi - bah entnimmt. Zöglinge und Lehrer sind, bereits von Rußland abgefahren und werden dieser Tage hier erwartet. Persosalie« u. Kleine Mitteilungen. Berlin. Die erste Frau zwht in die Leitung des Hilfsvercins der Deutschen Juden ein: Das Zentralkomitee hat einstiminig Frau Direktor May-Berlin kooptiert. Berlin. Zu den neuesten Elementen, die ihre Zukunft im Wasser suchen, gehört auch der Theaterdirektor und Kleist-Biograph Dr. Otto B r a h in. Wen» wir auch nicht recht begreisen, was diesen nicht mehr ganz jungen Herren, dessen Namen in der Literatur einen guten Klang hat, vcraulasscu konnte, diese schmerzliche, aber durchaus nicht schöne Operation an sich vorzunehmen, so ist doch das ganze Renegatentum so absurd, daß man sich hier über tragikomische Erscheinungen nicht mehr wundert. Wahrscheinlich hat ihn das in seinem Theater ausgesührte Stück „Glaube und Heimat" dazu begeistert, ein Beispiel von Glaubenstrene vor der ganzen Welt zn geben. Was aber diese traurige Geschichte interessant macht, ist die Tatsache, daß der Name dieses Herrn Brahin noch bei der letzten Berliner R e p r ä s e » t a n t e n w a h l auf einem Aufruf der L i b e r a l c n prangte. Vielleicht 'finden wir im nüchsteu Jahre diesen 'Namen wieder bei den Kirchciiwahleu ans einem Aufrufe der liberalen Protestanten. „Isr. Wocheubl." Mainz. Mit Dr. Bamberger, dem Cbel der Baukfirma Baniberger u. Co. und Neffen des verstorbenen Reichstagsabgeordneteu Bamberger,. ist zuni ersten Male ein Jude in die erste h e s - s i s ch e K a m in c r berufen worden. Simmern iHu"s'ück>. O Emanuel. der Vorsteher unserer Gemeinde, erhielt anläßlich der Synagogeiieinweiyniig den K r o » e u o r d c n 4. K lasse. Budapest. Die jüdilche Gemeinde hat den Tod ihres Präsidenten, des Hofrats Dr. Philipp W e i ii »t a n ii , zn beklagen. Dr. Weinman» war der erste Jude Ungarns, der zuni Richter ernannt wurde. — Hosrat Leopold Kronberger, Direktor der Ungar. Allgem. Sparkasse, feiert sein 25jähriges Aints; ubiläum und der Philanthrop Israel Weiner in Preßburg seinen 90. Geburtstag. — Der Altofner vereinigte Bürgcrklub veranstaltete zn Ehren des Generaldirektors der Neustister Ziegelei Joseph Müller v. Ujlak, dem jüngst der ungarische 'Adel verliehen wurde, und des Direktors Dr. Leo Goldberger de Buda, den der König durch die Verleihung des Ofsizierskreuzes des Franz Joseph-Ordens auszeichnete, ein Bankett. London. Zu Ehren des Bestichs des Könias u. der Königin in Indien hat Sir David «Lasso o n in Bombay aus seine Kosten ein Denkmal des Königs errichten lassen und 53000 Pfund (mehr als eine Million Mark) für die A ck e r b a u s ch u l e u im Gouvernement Bombay gespendet. New Uork. Das Iüd. Heim für dauernde I n v a l i'b c n in S t. Louis erhielt von den Brüdern Moses und Louis D. Shocnburg eine Gabe von 25 000 Dollar. — Nach dem vor einigen Monaten erfolgten Tode Alfred Müllers, des Sekretärs des I ü d. Nation a t - H o s p i t a l S f ibr Lungenkranke in Denver, stellte sich in der Kasse dieser Institution ein Fehlbetrag von ,0 000 Dollar heraus. Dieser Fehlbetrag ist jetzt gedeckt worden: 30 000 Dollars durch die Kaution und die Lebensversicherung Müllers und 40 000 Dollars durch die Vorstandsmitglieder des Hospitals. 0 Fmilletm. 0 Heiliger Bode«. Erzählt, doch nicht erfundeu, von Jenny Stiebet. Motto: Tie ersten müssen geopfert werden. Friedrich Rieysche, Zarathustra. Immer niehr Menschen füllen den Krankenhausgartcn, der in seiner herrlichsten südlichen Pracht prangt. Tic Enkalyptus-Bäume haben ein frisches Frühlingskleid angelegt. Hier und da wird das neue Grün noch durch ein gelbes, regcnzerzaustes Blatt an die tosenden Wintcrstürmc erinnert. Linst aber nur Frühling, lachender Rauschsrühling des Südens. In den scucrroten Geraniumblüten tumnieln sich Insekten. Auf dem vom nahen Meere herübergeweyten Dünensand, der den Boden der Gartenwege bedeckt, spazieren gravitätisch Taubenpaare, und üben in den Zweigen der Bäume jubilieren die Vögel. Nur die Menschen haben keine sröhlichen Gesichter. Ernst stehen, sie wartend vor einer winzigen, halbverfallenen Halle, deren Eingang von einigen riesengroßen Gcraninmstöckc» ziemlich verdeckt ist. Jetzt wird die Türe der Halle — es sind nur zwei lose, kaum noch zusaimnenhaltende Bretter