Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 48 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 48 Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Oeffentlichkeit gekommen Lurch eine Rede, die Jakob Schiff in Nemyork gehalten hat. Er Hai nämlich enthüllt, daß der frühere Botschafter der Bereinigten.Staaten in Petersburg, Roothill, sogar bestrebt war, die Erzwingung des Einlasses amerikanischer Juden in Rußland seitens der ruffischen Regierung zu h.intertreiben, daß er keine Schritte in der Sache unternahm, sondern seiner Regierung andauernd Borstellungen gemacht hat, die Angelegenheit ruhen zu lassen. Ferner hat Jakob Schiff mitgetellt, daß zu ihm eines Tages, der frühere russische Botschafter gekommen sei mit dem Ersuchen, eine Gesellschaft zur finanziellen Betätigung in Rußland zu organisieren; natürlich habe er. Schiff, das kategorisch abgelehnt. Einige Zeit darauf aber sei derselbe Boffchafter bei ihm wieder erschienen und habe ihm triumphierend berichtet, daß eine solche Gesellschaft bereits gegründet sei, an ihrer Spitze stehe ein bekannter Finanzier, der — und dies ist das Interessanteste — in engster Fühlung mit Präsident Taft steht und großen Einfluß auf die amerikanische Politik besitzt. Derselbe hat zwar gleich darauf ein Dementi erfolgen lassen, aber daß der Sachverhalt nicht so war, wie Schiff ihn dargestellt hat, konnte er doch nicht Nachweisen. Die Rede Schiffs, hat naturgemäß das lebhafteste Aufsehen in der amerikanischenOeffcntlichkeithervorgerufen. Daß ihre Wirkung eine bedeutende sein wird, ist klar. Bei dem Einflß, den Jakob Schiff besitzt, bei der Energie seines Borgehens und bei der Schwere der Anllagen, die er vorgebracht hat, kann seine Rede nicht verfehlen, eine Wandlung in der Haltung der amerikanischen Regierung zu bewirken. Und diese Wandlung läßt sich schon konstatieren. R o o k h i l l ist bereits seit einiger Zeit durch einen anderen Botschafter ersetzt, der die Angelegenheit weitaus energischer betreibt, im Kongreß ist' ein Antrag« eingebracht, der die Lösung des Handelsvertrages mit Rußland fordert, große Versammlungen über diese Frage werden täglich abgehalten, und auch Präsident Taft hat in den letzten Tagen in einer Rede erklärt, daß man den Einlaß amerikanischer Juden nach Rußland erzwingen müsse. So besteht denn alle Hoffnung, daß jetzt bei energischem Vorgehen der amerikanischen Regierung endlich ein Erfolg erzielt werden wird. Jak.b Schiff hrt sichj aber durch sein energ'-- sches Borgehen ein hervorragendes Verdienst um die amerikanische Judenheit erworben. Nicht nur in politischer Hinsicht sondern auch in geistigkultureller. Tenn dieser mutige Kampf für ihre Rechte hat naturgeinäß eine Stärkung des jid:-. schen Stolzes innerhalb der amerikanischen Judenheit zur Folge, und daß sich ihre anerkannten Führer, wie Schiff, Sulzberger u. a. an die Spitze dieses Kampfes stellen, erhöht diese Wirkung nach innen hin iwch in bedeutendem Maße. So bedeuten der Kamps um die Paßfrage und düs Auftreten Schiffs nicht nur einen großen politischen Erfolg der amerikanischen Judenhrit, sondern sind auch von hervorragender Bedeutung für ihr inneres Leben. Tie günstige Lösung der Frage wird darum nicht nur ihre politische Stellung stärken, sondern auch ihren jüdischen Stolz. Und uns dünkt, daß diese innere, geistige Seite des Erfolgs noch wichtiger ist als die andere, rein politische, 2. Zum Todestag Saul Pinchas Ravbinowitz. „Tie besten Lehrmeister der Lebenden sind die Toten", hat einmal jemand gesagt. Aus zwei Gründen: Einmal findet man für gewöhnlich nicht innerhalb der Zeitgenossen die großen, überragenden Persönlichkeiten, die 'man in der Galerie der bereits Tahingegangcncn antcifst, ferner aber sind die Bilder der großen Toten ftei von jenen Schwächen und Trübungen, die bei keinem der Lebenden zu fehlen pflegen und ihm viel von seiner Größe und Eindrucksfähigkeil nehmen. So ist denn die Erinnerung an unsere großen Toten nicht nur ein Gebot der Pietät, sondern es ist auch bestes Mittel zu unserer eigenen Vervollkommnung und Selbsterziehung. Es geschiicht in diesem doppelten Sinne, wenn wir! r heute an dieser Stelle eines großen Toten wiedergedenken, dessen Bild eindrucksvoll ist wie selten eines und dessen Geist uns noch nahe genug ist, um mit der Erhabenheit des Toten die Frische des Lebenden zu verbinden: vor wenigen Tagen ist ein Jahr dahin, da Saul Piuchas Rabbinowitz (Schefer) von hinnen geschieden ist. Es ist vor .Jahresfrist an dieser Stelle eingehend auf die vielseitige Bedeutung dieses Mannes hiugcwiesen worden; und wenn wir heute sein Bild wieder vor unser Auge zurückrufen, so^ geschieht cs, weil das Gebot der Pietät nur bei wenigen Toten so ernst und heilig ^ist wie bei ihm, und well nur wenige Toten so sehr erziehen und fördern können wie er. Wir sagen, Saul Pinchas Rabbinvwitz gegenüber ist die pietätvolle Erinnerung ganz besondere Pflicht; denn wenigen Menschen, die sich solch: Verdienste unr ihr Volk erworben haben, ist ein ihrem Leben so schlecht ergangen wie ihm; wenige haben mehr gelitten wie er; wenige sind mehr verfolgt, verkannt, mißachtet worden wie er; wenigen gegenüber waren wir so ungerecht gewesen wie ihm; wir, besitzen kein anderes Mittel, dieses Unrecht tvieder gut zu machen,: als indem >vir ihm wenigstens nach seinem Tode geben, was tvir ihm zu Lebzeiten so oft vorenthalten haben, als indeni wir sein Andenken mit besonderer Liebe und Verehrung pflegen. Und wenige Tote nur k ö n n e n u n s auch so erziehen und fördern wie er. Tenn nur wenig Tote waren solche geschlossene Persönlichkeiten ivie er. Wenn tvir S. P. Rabbinowitz als eine unserer größten Persönlichkeilen feiern, so tun wir cs nicht im ästhetisch-künstlerischen Sinne dieses Wortes: die abgerundete Harmonie, die künstlerische Vollendung, die ästhetische Einheitlichkeit war nicht die Eigenart dieses repräsentativen Goluthjuden. Aber eine unserer großen Persönlichkeiten war er dennoch gewesen infolge jener ungeheuren Energie, die das Charakteristikum seines Wesens war, infolge jener Rastlosigkeit, jenes Feuereifers, jener" unvergleichlichen Tatkraft, die alle nur Folgen waren des einen zentralen, elementaren Gefühls, das ihn ganz beherrschte: seiner Liebe zu Zion und zum jüdischen Volke. Wir wollen hier nicht auf all die Verdienste Hinweisen, die Saul Pinchas Rabbinowitz sich durch seine Arbeit als Vorkämpfer der nationalen Idee erworben hat; selbst wenn seine Verdienste nicht so groß wären, >vie sie sind, selbst wenn er nicht solche historische Leistungen vollbracht hätte, wie er sie vollbracht hat, er wäre nichtsdestoweniger. das Ideal und Vorbild eines nationalen Helden gewesen: denn keine Stunde seines Lebens verging, ohne daß er an sein Volk, au Zion gedacht, für sie gesorgt, für sie gewirkt hat. Bon den ersten Jahren seiner reifen Jugend an bis zu den letzten Wochen seines Lebens war er derselbe rastlose Vorkämpfer seines Ideals gewesen, der nie erlahmte und nie ermüdete, der als Greis iwch wie ein Jüngling kämpfte, bis er zusammcnbrach und vom Helden zum M ärty r er wurde. Es ist keine Phrase, ihn einen Märtyrer der nationalen Idee zu nennen; .nur war er Märtyrer im 20. Jahrhundert, wo man nicht mehr Scheiterhaufen besteigt und sich, kreuzigen läßt, sondern kämpft und känipft, schafft und schafft, bis man eines Tages gebrochen, vernichtet auf offener Straße daniedcrstürzt . . . Wir haben nur auf diese Seite seines Schaffens veriviesen, ohne auf seine Bedeutung als Historiker, als Publizist einzugehcn. Tenn diese dünkt un§ die bcdeMcnoste. Wenn seine Verdienste als historischer Forscher längst überholt und verblaßt sein werden, das Bild des großen nationalen Heroen und Märtyrers Saul Pinchas Rabbinowitz wird inrincr hell leuchten, ja wird immer heller und strahlender mit den Jahren; denn je weiter er uns entrückt, umsomehr schwinden die Schwächen seiner Natur, die er mit allen Sterblichen teilte, verblassen die Flecken mehr und mehr und das Große, Ideale, Borblldliche seines Wesens strahlt heller und heller, ein Vorbild ür schwache Geschlechter und niullose Generationen. Tenn gerade heute, da Skepsis eine allgemeine Krankheit und Mutlosigkeit so verbreitet ist, sind Vorbilder wie das seinigc doppelt notwendig; an ihnen richten wir uns auf, stärke» unseren Mut, beleben unsere Hoffnung und rüste» unsere Waffen. Ehren wir ihn darum, indem tvir von ihm lernen; lernen tvir von ihni, indem tvir chm nachstrcbcn, streben wir ihnr nach, indem tvir uns vor seiner Gestalt beugen, vor ihm, den: großen Heroen und Märchrer der nationale» Idee, der Zionsliebe, des jüdischen Volkes! Der Verband der jüd. Jugendvereine Deutschlands. Aus Verbandskreiseu toird uns geschrieben: Infolge des.Umstandes, daß der Verband seit nunmehr einem Jahre ein eigenes Organ „Die Mitteilungen des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands" besitzt, sind in der letzten Zeit nur selten Nachrichten über die Tätigkeit des Verbandes in die weitere Oeffentlichkeit gedrungen. Es wärenun verfehlt, hieraus etwa den Schluß zu ziehen, daß in den Arbeiten des Verbandes eine Stagnation eingetreten sei. Ganz im Gegenteil kann man bei näherer Orientierung die unverkennbare Beobachtung machen, d a ß d i e I d e e der neutralen Jugendbewegung immer mehr und mehr an Boden in Deutschland und auch im Ausland (siehe Italien) gewinnt. Nicht -allein, daß die Wirkung der durch den Verband propagierten Tätigkeit, rein numerisch betrachtet, durch zahlreiche Neugründungen von Vereinen in die Erscheinung tritt, ganz besonders läßt sich ein inneres Erstarken der einzelnen Vereine leicht feststellen, ein überaus wertvoller Erfolg, 51t welchem nicht zum mindesten dieBezirks- Unterverbänd'e beigetragen haben, da diese naturgemäß ihre angeschlossenen Vereine individueller bearbeiten und unterstützen können, als es von der Zentrale aus erfolgen kann. Aus diesen Erwägungen heraus hat denn auch der Verbands- Vorstand in seiner letzten Sitzung beschlossen, den bereits bestehenden nordwestdeutschen und westdeutschen Bezirksverbänden einen, solchen im Südwesten anzugliedern. Die Gründung dieser neuesten Unter- Organisation des Jugend-Verbandes soll am 1. Januar 1912 in Lörrach (Baden) stattfinden: der eifrig tätige dortige Jugendverein wird mit dieser Tagung sein lOjähriges Stiftungsfest verbinden. Selbstredend wird der Frankfurter Montefiore-Berein eine führende Rolle in dem neuen Bezirks- Berbandc übernehmen. In der Vorstandssitzung vom 26. November wurde ferner ein weitere Kreise interessierender Beschluß gefaßt, welcher lautet: „Religiöse und politische 'Tagesfragen sollen in den Jugend-Vereinen lediglich in belehrender und orientierender Weise erörtert werden. Jede propagandistische Behandlung dieser Fragen ist unstatthaft." Obwohl dieser Beschluß auf den ersten Blick vielleicht überflüssig erscheinen könnte, da ja die ganze Existenz der neutralen Jugendvercine und somit auch ihres Verbandes auf strikte Einhaltung der Neutralität gegenüber den erwähnten Fragen beruht, so sah sich doch die Verbandsleitung in Anbetracht mancherlei Bestrebungen veranlaßt, erneut auf die Wichtigkeit dieser grundlegenden Bestimmung hinzuweisen. Darin liegt ja gerade die Hauptstärkc der neutralen Jugendbewegung, daß sie in der parteizerklüsteten Gegenwart eine. Stätte zu schaffen sucht, wo sich Freund und Gegner unbeschadet ihrer sonstigen Kampfstellung zu gemeinsamer Arbeit für -gemeinsame Interessen zusammensinden sollen und können. Und damit wird dann auch eine Zukunftsarbeit von nicht zu unterschätzender Tragweite geleistet. Ferner dürfte der Vorstandsbeschluß von allgemeinem Interesse sein, daß nunmehr auch die Organisation der weiblichen Jugend in das Verbandsprogramm ausgenommen werden soll. Bei der Verwirklichung dieses Planes dürfte ein gemeinsamer jüdischer Jugendverband entstehe,! in einer Größe, wie Deutschland noch keine jüdische Organisation gesehen hat. Und warum sollte sich dieser Plan nicht verwirklichen lassen? Wir kommen dadurch zur Aufrollung einer Frage, die bisher. allerdings eine befriedigende Lösung noch nicht gefunden hat, nämlich die finanzielle Lage des Verbandes. Wohl haben unsere sämtlichen Groß-Organisationen sich an den Betriebskosten des Verbandes beteiligt; auch fanden wir ein weitgehendes Interesse bei vereinzelten Freunden unserer Bestrebungen. Wenn aber die weitsichsigen Pläne der Berbandsleitung in die Tat umgesetzt werden sollen, dann ist es nötig, daß.die weitesten Kreise der deutschenJudenheit die Bestrebungen des. Verbandes sowohl ideell